Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Lieber tot als getrennt #keinemehr

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Aktion der Autonomen Frauenhäuser vor dem Hamburger Rathaus

veröffentlicht in disput, Januar 2019

In der Bundesrepublik fehlen Tausende Plätze in Frauenhäusern – ein mitunter tödlicher Mangel, wie Studien belegen

Eine diamantene Hochzeit ist ein Grund zum Feiern: 60 Jahre Ehe – das erreichen nur 0,1 Prozent aller Paare. Wer so lange zusammen lebt, hat es offenbar geschafft, ein Leben gemeinsam zu gestalten. Welches die Geheimnisse einer glücklichen Ehe sind, fragen sich dennoch viele: Wie schafft man das bloß?

Eine 56-Jährige Kölnerin stellt sich derzeit wahrscheinlich eine ganz andere Frage: Warum hatten sich meine Eltern nicht schon längst getrennt? Denn dann würde ihre Mutter noch leben. Laut Mordanklage wollte die 88-jährige ihren ein Jahr älteren Mann nach fast 60 Jahren wegen eines anderen verlassen. Da brachte er sie um. Die Tatwerkzeuge: Hammer und Küchenmesser. Sie verblutete. Der Fall ist keine Einzeltat und schon gar keine Ausnahme. Er ist vielmehr – trotz des hohen Alters von Opfer und Täter – typisch.

Warum ist das typisch? Das ergibt sich aus dem Gutachten über Gewalt in Paarbeziehungen von Monika Schröttle aus dem Jahr 2017. Sie stellt gleich eingangs fest: Auch in westlichen Demokratien gibt es ein sehr hohes Ausmaß von Gewalt gegen Frauen, welche insbesondere durch männliche Partner und Ex-Partner verübt wird. Sie liefert den Grund gleich mit: Es sei Ausdruck fortbestehender Ungleichheiten und Hierarchien im Geschlechterverhältnis und ein maßgeblicher Hinderungsgrund für die volle Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Ökonomische, kulturelle und soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern trügen zur Aufrechterhaltung ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern bei …

Schröttle macht keinen Unterschied, wie alt Täter und Opfer sind, welcher Nationalität sie angehören und welchen Bildungsgrad sie haben. Gewalt gegen Frauen, insbesondere in Paarbeziehungen, gibt es in allen Milieus, Ethnien, Generationen. Ebenso ist sie eindeutig geschlechtsspezifisch. Und so wirkt es auch eher hilflos, wenn gefragt wird: Und was ist mit Gewalt gegen Männer durch ihre Partnerinnen? Die Antwort ist schnell gegeben:

Gewalt ist die größte Gesundheitsgefährdung für Frauen. Männer verhalten sich hingegen gesundheitsgefährdender und risikoreicher – etwa durch ihren Alkohol- und Drogenkonsum, Suizide oder gefährliche Arbeitsplätze. Wer daher Gewalt gegen Frauen mit der gegen Männer vergleicht, relativiert die Ausmaße für die weiblichen Opfer, und erschwert letztlich auch von Gewalt betroffenen Männern, sich angemessene und für sie passende Unterstützung zu holen.

Doch ist der Drang zu unsachlichen Vergleichen, Vereinfachungen bis hin zur totalen Verleugnung oder dem Vorwurf der Schuldumkehr unverändert groß: Auf allen Ebenen finden Relativierungen und Beschönigungen der Gewalt an Frauen statt. Entweder wird sie auf bestimmte Tätergruppen reduziert oder mit Begriffen wie „Familientragödie“ oder „erweitertem Suizid“ umschrieben. Auch wenn Fachkreise und Feministinnen konstant dagegen halten.

Es ist eine offenbar interessengeleitete (rassistisch und/oder antifeministisch) motivierte Debatte, die zudem oft mit eigenen Erfahrungen gepaart sein dürfte: a) Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners. b) 40 Prozent aller Frauen erfahren seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt, c) 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen erleben Gewalt durch gegenwärtige oder aktuelle Beziehungspartner . So ist die Wahrscheinlichkeit eben doch sehr hoch, dass sich auch unter Politiker*innen und Journalist*innen Täter befinden. Wie möglicherweise auch (schweigende und traumatisierte) Opfer.

Man fragt sich außerdem in Anbetracht dieser Zahlen, warum es immer noch zu wenige Plätze in Frauenhäusern gibt. Frauenhäuser können nämlich nicht nur Gewalt verhindern und retten oft genug Leben. Sie ermöglichen Betroffenen – Frauen wie Kindern – die Chance auf einen Neuanfang, einen Auswege aus der oft jahrelangen Gewaltspirale und eine Rückkehr in ein normales Leben.

Aufnahme bei der Demo am 25. November 2018 in Hamburg, Landungsbrücken

Aber es gibt zu wenige davon: Der Europarat empfahl den Ländern 2006, einen Frauenhausplatz pro 7.500 Einwohner*innen zur Verfügung zu stellen. 2012 lag der Maßstab in Deutschland aber nur bei 1:12.000; fünf Jahre später sogar nur noch bei 1:12.500. Es ist daher auch nur ein kleiner Grund zur Freude, dass es jetzt in Hamburg und Köln weitere Frauenhäuser geben wird. Sie wurden nämlich einst weggekürzt. Vielmehr müsste grundlegend investiert werden: 500 Millionen Euro wären nach meinen Berechnungen nötig, um genügend Frauenhausplätze zur Verfügung zu stellen. Die Finanzierung von Frauenhäusern gehört zudem verstetigt. Manche Frauen müssen für den Verbleib im Frauenhaus sogar selbst zahlen. Beziehen sie Leistungen nach dem SGB, werden diese in einigen Bundesländern immer noch angerechnet.

Mangelfinanzierung, Verharmlosen und Verleugnen mixen sich seit Jahren zu einem fatalen Trio. Das trägt auch dazu bei, dass die wirkliche Ursache hinter den mittlerweile schon fast katalogartigen Empfehlungen und Forderungen von internationalen Gremien und Institutionen wie Europarat oder WHO, von Fachkreisen aus Justiz und Forschung wie auch von Linken, Grünen und vielen Feministinnen unerkannt bleibt: Gewalttätige Männer können es nämlich nach wie vor nicht ertragen, Macht und Kontrolle über ihre Partnerin zu verlieren. Agieren also bei Trennungsgefahr nach dem Motto: Lieber tot als getrennt. Es wird ihnen trotzdem dann in der Regel Kurzschlusshandlung oder Affekt unterstellt, was zu relativ milden Strafen führt und mit unserem Strafrechtsystem zu tun hat: Bei einer Verurteilung aufgrund von Mord nach § 211 StGB müssen dem Täter Heimtücke und niedere Beweggründe nachgewiesen werden.

Dass sich aber vor allem die Herrschaftsstruktur dieser Gesellschaft auf Männermacht gegenüber Frauen und deren massive körperliche Attacken erklären, wollen dann viele doch nicht wahrhaben. Es ist aber tatsächlich der Hintergrund, wenn Frauen durch die Hand ihrer Männer sterben oder gesundheitlich lebenslang beeinträchtigt sind.

Eine ausreichende Finanzierung und angemessener Ausbau der nachgewiesenermaßen wirksamen Schutzeinrichtungen ist daher überfällig. Doch seit Jahren stemmen sich alle Landesregierungen und auch die Bundesregierung dagegen, auch wenn jedes Jahr am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt, gute und richtige Worte sowie Ankündigungen von Maßnahmen von Minister*innen ausgesprochen werden.

Fazit: Mit (nur) 500 Millionen Euro ließen sich die derzeit fehlenden 4.250 Frauenhausbetten, bzw. 3.180 Frauenhauszimmer finanzieren. Es ist in Anbetracht der Ausmaße von lebensbedrohlichen Situationen, die Frauen alltäglich gelangen, notwendig und längst überfällig.

Es darf keine Toleranz mehr geben. Die Initiative #keinemehr thematisiert daher zu Recht seit einigen Jahren den Femizid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber nur wer sich der Hauptursache von Gewalt gegen Frauen bewusst ist und zum Leitprinzip des Handelns macht, stellt auch die erforderlichen Mittel bereit, um effektiv zu helfen.

2 Kommentare

  1. Die gefährlichste Lebenssituation für eine Frau ist die Trennungssituation. Mit dem Leben kommt sie nur davon, wenn ihr Mann eine neue Freundin hat und somit versorgt ist und die Trennung selbst herbeiführt. (Dafür sorgt ohnehin die Neue) . Wenn dann noch etliche km zwischen den Getrennten liegen, steht nur noch Wunden lecken, Therapien wahrnehmen, Krankenhausaufenthalte an. Aber man lebt und hat hoffentlich kapiert, dass eine Ehe oft daneben geht und alles andere als lustig ist.

    Wer hat bloß das Eheding erfunden, wenn soviel Mist damit passiert?

  2. Eheding: ich glaube, ich habe eine Antwort gefunden:

    „……denn so wie Tausende sich um der Liebe willen vermählen und die Liebe in diesen Tausenden sich nicht e i n m a l offenbart, obschon sie alle das Handwerk der Liebe treiben, so treiben Tausende einen Verkehr mit der Musik, und haben doch ihre Offenbarung nicht.“

    -Richard Benz: Beethovens Denkmal im Wort, – 1950

    Mit meinen Worten ausgedrückt: Vermutlich wollen viele ihre vermeintliche Liebe festhalten; jedoch die Liebe ist ein Kind der Freiheit und die Ehe ist ein Käfig. Mit dem Glück verhält es sich genauso. Man kann es nicht festhalten und kommt dann, wenn man es nicht erwartet.

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