Kersten Artus

Journalistin

9. November 2016
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Trump wurde Präsident: An Tagen wie diesen denkt man an früher

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„Die Welt des Ronald Reagan“

Donald Trump wurde zum US-Präsidenten gewählt. Das wirft meine Gedanken zurück. In meine Zeit der Politisierung und der Angst vor einem Atomkrieg viel die Amtszeit von Ronald Reagan (1981-1989), einem B-Movie-Schauspieler, der später (?) an Alzheimer erkrankte. Diese Karikatur, diese „Weltkarte“, hing jahrelang in meiner/unserer Wohnung. Die Welt hat also bereits verrückte Präsidenten erlebt. Weiterlesen →

23. Oktober 2016
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Drogenpolitik – eine Genderperspektive

img_2403 Vortrag auf der Bundeskonferenz zur Drogenpolitik am 21./22. Oktober 2016 in Hamburg

„Schluss mit der Kriminalisierung – Drogenmärkte regulieren“ lautet das Motto dieser Konferenz. Ich möchte die mir zur Verfügung stehenden 20 Minuten daher dafür nutzen, auf eine spezielle, weitere Facette der Folgen von Repressionen aufmerksam zu machen, die sich aus den Regularien des Betäubungsmittelgesetzes ergeben und tief verwurzelt in unserer Gesellschaft sind. Ich wurde gebeten, mich nicht ausschließlich mit dem Thema Prostitution und Drogen zu beschäftigen. Weiterlesen →

21. Oktober 2016
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Mit den Augen von Kindern: das US-amerikanische Buch „Too many noodles“

noodlesIch bin anspruchsvoll, was Kinderbücher angeht. Das hatte zur Folge, dass meine Kinder oft und lange Bücher vorgelesen bekamen, weil ich gern und immer wieder in diese Bücher meine Nase gesteckt habe. Dem kindlichen Wunsch nach Wiederholungen wurde ich nicht müde, sodass mir auch beim hundertsten Mal das Buch nicht langweilig wurde. Weiterlesen →

10. Oktober 2016
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Magda Langhans: Als eine Hamburger Kommunistin Frauengeschichte schrieb

langhans21Veröffentlicht in der Broschüre „Frauen der ersten Stunde – 70 Jahre freigewählte Bürgerschaft nah der NS-Zeit“, Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg

„Du warst als Kind der Arbeiterklasse nie auf Rosen gebettet.“, heißt es in einem Glückwunschschreiben zu ihrem 50. Geburtstag 1953. Das war mehr als eine Floskel: Magda Kelm, spätere Langhans, Älteste von sieben Geschwistern, war als Arbeiterkind vom Dulsberg – einem der kleinsten und ärmsten Stadtteile Hamburgs – in der Tat nicht auf Rosen gebettet. Der Vater starb früh an Tuberkulose. Magda Kelm arbeitete als Jugendliche in einer Weinhandlung und als Küchenhilfe. Später wurde sie Buchdruck-Anlegerin. Magda wollte mehr. Sie wollte die Verhältnisse verändern und wurde früh zum politischen Menschen. Mit 18 Jahren trat sie in die Gewerkschaft ein, sechs Jahre später in die KPD. 1930 studierte sie ein Jahr lang in Moskau an der internationalen Leninschule. Sie kandidierte für die Hamburgische Bürgerschaft und gehörte ihr von 1931-33 und 1946-53 an. Weiterlesen →

9. Oktober 2016
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Mädchen in Bolivien: Am Anfang waren es Bauchschmerzen

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„Eine schöne Frau kämpft“ © Kathrin Hartkopf

veröffentlicht bei Huffingtonpost.de

Zwei Frauen aus Deutschland unterstützen den Bau eines Schutzhauses für Mädchen in Bolivien.*

Karina Klein will, dass jetzt geholfen wird. Sofort. Prävention nutzt diesen Mädchen nichts mehr. Nicht der 16-jährigen Andrea**, die ihr Baby vor vier Jahren bekam und es zur Adoption fortgegeben hat. Nicht der zwölfjährigen Elena**, die eines Tages hochschwanger vor der Tür stand, und nun ihren zwei Monate alten Sohn Roberto** auf dem Bett liegend stillt und die Frau aus Deutschland unsicher anschaut. Prävention hilft auch den anderen 14 Mädchen nicht mehr, die in dem Mädchenschutzhaus eine Zuflucht gefunden und von denen fast alle schon Kinder geboren haben. Die Erzeuger sind Brüder, Onkel, die eigenen Väter. Oder ein Nachbar hat sich im Suff an den Minderjährigen vergangen. Diese Mädchen benötigen direkte Hilfe: Schutz, Begleitung bei Gericht, eine Ausbildung, psychologische Behandlung. Weiterlesen →

4. Oktober 2016
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Im Namen des Volkes

161007-freitag-175-fotoVeröffentlicht im FREITAG, 7. Oktober 2016

Wenn nur die Akten noch da wären. Wenn wenigstens die Zeitzeugen reden würden. Es wäre so viel leichter zu erklären, wie deutsche Gerichte auch nach 1945 Unrecht gesprochen haben. Es würden endlich mehr Stimmen laut, die von den Ermittlungen, Verhaftungen und Gefängnisaufenthalten berichteten. Doch die alten Männer schweigen. Sie schweigen, obwohl die Verfolgungen und Bestrafungen aufgrund homosexueller Handlungen 30, 40 oder 50 Jahre her sind. Die nach Paragraph 175 Verurteilten sprechen nicht öffentlich, weil sie immer noch Angst vor Ächtung haben. Oder weil sie eine Frau geheiratet hatten, Kinder und Enkel haben. Und weil sie sich einige immer noch nicht trauen, zuzugeben, dass sie schwul sind. Weiterlesen →

25. September 2016
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Sexismus und Rollenklischees: Erkenntnis kommt nie zu spät

Vor kurzem sind zwei Texte erschienen, die zentrale Fragen der Frauenbewegung thematisieren. Jenna Behrends beschreibt den Sexismus in ihrer Partei, der CDU; Emilia Smechowski stellt dar, wie sie die Geschlechterprägung der Gesellschaft bei ihrer Tochter durch die Farbe Rosa erlebt . Beide Texte werfen Fragen auf, denen ich nachgehen möchte.

Denn es wäre als abgeklärte Kämpferin für Frauenrechte sehr einfach, zu behaupten: Das hätte ich Euch auch schon vorher sagen können. Das wäre zu schlicht – und respektlos gegenüber den beiden Autorinnen. Ich habe genügend Frauen erlebt, die erst durch ein persönliches Erlebnis begriffen haben, dass wir immer noch im Patriarchat leben und dass einer Jahrtausende langen Prägung einer Gesellschaft nicht durch toughes Verhalten ausgewichen werden kann. Das gilt für Rollenklischees wie für Männerdominanz. Oft müssen Unterdrückungsmechanismen erst am eigenen Leibe erlebt werden, bevor sie zu einer Wut führen, die widerständiges Handeln hervorbringt. Dennoch bin ich verwundert. Weiterlesen →

20. September 2016
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Marlene

marleneMarlene. Eine autobiographische Erzählung.

„Du darfst absolut niemandem sagen, wo ich bin!“ Marlene fixiert Nadine mit ihrem Blick.

Ich nicke, auch wenn ich jetzt schon davor Angst habe, ihrer Mutter zu begegnen, und entziehe mich ihren Augen. Das zerdepperte Sparschwein liegt auf dem Boden. Ich hatte es ihr vor Jahren zum Geburtstag geschenkt. Marlene fischt zwischen der zerbrochenen Keramik Münzen und Scheine heraus.

„Mist“, schimpft sie. Sie hat sich geschnitten. Fluchend rennt sie ins Bad. Ich trenne die Scherben vorsichtig von dem Geld. Zwei Häufchen entstehen. Marlene hat eine Zeit lang Zwanzig-Cent-Stücke gesammelt, die blitzblank aus der Prägung kamen. Und neue Fünf-Euro-Scheine. Die einmal in der Mitte gefalteten Fünfer sehen immer noch aus wie Spielzeuggeld, das Hartgeld glitzert nicht mehr. Heute Abend wird der Schatz geopfert. Ob das Geld für eine Fahrkarte nach Münster reicht?

„Ich habe noch 50 Euro“, rufe ich durch die Wohnung, „du kannst sie haben. Wer weiß, ob du es gleich findest. Vielleicht musst du ein Taxi nehmen.“

„Nein, verdammte Scheiße“, höre ich Marlene schimpfen. Dass sie mein Geld nicht will, hätte sie mir auch anders sagen können. Ich laufe zu ihr. Blut ist auf den weißen Wuschelteppich getropft, der vor dem Waschbecken liegt. Ich wickel ein Pflaster aus und klebe es meiner Freundin um den Finger. Weiterlesen →

29. Juni 2016
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Hinter Gittern

huberVeröffentlicht im FREITAG, 30. Juni 2016

Sie stapelt die Brotscheiben, als würde sie einen längeren Ausflug planen. Dann umarmt Claudia*, 30 Jahre alt, zum Abschied mit vollbepackten Händen Gisela Huber und sagt: „Du verschönerst uns alle zwei Wochen das Leben.“ Sie sitzt im Frauengefängnis in Hamburg-Billwerder ein, drei Monate hat sich noch. Sie ist eine von derzeit 70 Frauen, die hier ihre Haftstrafen verbüßen müssen.

Zwei Stunden zuvor ertönte eine männliche Stimme aus dem Lautsprecher in der Justizvollzugsanstalt: „Die Rotkehlchengruppe findet jetzt statt.“ Gisela Huber hat die Gesprächsrunde nach ihrem Lieblingsvogel benannt. Die 76-Jährige bietet die Gruppe seit neun Jahren ehrenamtlich zusammen mit einem Bekannten an. Nur zu zweit dürfen sie die Treffen stattfinden lassen. Beide wurden zudem drei Monate lang von einem Verein geschult, der straffällig gewordene Menschen unterstützt. Weiterlesen →

20. Juni 2016
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Hinter den Kulissen des Todes

img_8556„Wie kommst Du auf die Idee, Trauerrednerin zu werden?“, werde ich oft gefragt, wenn ich erzähle, dass ich endlich eine Frau, Annette Rosenfeld, gefunden habe, die mich darin ausbildet. Danach folgt manchmal der Satz: „Das wäre nichts für mich.“ Kann sein, denke ich. Ich will das lernen, nicht Du! Reden kann ich ja, vor kleinem und großem Publikum, vor Freunden, vor Gegnern. Frei und abgelesen, draußen, drinnen, ohne und mit Mikro. Ich habe schon lange das Bedürfnis, die Kunst der Trauerrede zu erlernen. Das liegt vermutlich daran, dass ich viele schlechte Trauerreden gehört habe, vor allem in Kirchen – und jedesmal den Impuls spürte, es besser zu machen. Meine Ausbildung dauert ein Jahr. Wir sind zu acht und haben Sprechtraining, lernen Lyrik vortragen, erfahren viel über Ritual – und Trauerforschung. Was auch dazu gehört: Den Umgang mit Verstorbenen konkret erfahren. Eine Bestatterin erlaubte mir jetzt den Blick hinter die Kulissen des Todes: Annegret Rumöller von memento mori1. Ich habe ihr einige Tage lang über die Schultern geschaut. Weiterlesen →