Corona-Tagebuch

Für die Zeit danach. Für jene, die nachlesen möchten, wie es war, während einer Pandemie zu leben und in ihrem dritten Jahr, mit einer vierten Impfung, vom Virus eingeholt zu werden. Beginn der Aufzeichnungen Sonnabendmorgen, 8. Oktober, auf der sonnigen Terrasse meines Vaters. Ich habe erst am 7. Oktober erfahren, dass ich coronapositiv bin.

Montag, 3. Oktober 2022

Feiertag. Besser kann er nicht liegen als auf einem Montag. Die Einheitsfeiern finden dieses Jahr in Erfurt statt. Neben den derzeit nur negativen Nachrichten über die Linken macht Bodo Ramelow seine Sache wie immer gut in der Öffentlichkeit. Geradezu unwirklich kommt mir die Situation im Iran vor: Tausende gehen auf die Straße, weil die 22-jährige Jina in Polizeigewahrsam zu Tode gekommen ist – sie war von der islamischen Sittenpolizei wegen eines nicht korrekt sitzenden Kopftuchs festgenommen worden. Viele weitere Tote folgten und es empört nicht nur mich, sondern große Teile der Welt, wie über ein Kleidungsstück derartig Unterdrückung und Herrschaft ausgeübt wird. Es diskreditiert auch alle, die das Kopftuch wirklich aus Überzeugung tragen. „Frauen, Leben Freiheit“ – Jin, Jiyan, Azadi! rufen die Menschen, und die Frauen schneiden sich seit dem Mord öffentlich die Haare ab, um ihren Protest Nachdruck zu verleihen.

Ich nutze den freien Tag, um mir den zweiten Booster, also die vierte Impfung gegen SarsCov2, geben zu lassen. Die STIKO empfiehlt sie erst für Menschen ab 60 Jahren, aber bei meiner Mobilität und meiner Unter-der-Woche-Wohngemeinschaft mit meinem Vater möchte ich diesen Schutz auch eineinhalb Jahre vor meinem 60. Geburtstag bekommen. Terminal Tango, 12.05 Uhr. Wir nehmen die Kinder mit, machen einen Großeltern-Enkel-Ausflug daraus. Flughafen ist ja was Tolles und die Eltern können ein wenig allein sein. Enkel 3 hatten wir noch nicht so oft bei uns ohne Mama und Papa, und zu dritt hatten wir die Kinder auch erst einmal. Ich ziehe mein „Oma-Saurus“-T-Shirt an und tatsächlich schauen die Großen, 8 und 5 Jahre, es sich an, um festzustellen, dass sie für die kleinen bunten Dinos, unter denen jeweils ihre Namen stehen, jeweils lieber andere Farben hätten. Es ist dieses Alter, wo jeder dem anderen alles neidet. Vor allem Enkel 2 gelingt es dann und wann, bei Ungerechtigkeiten aus dem Stand einen Schwall Tränen zu ergießen und mit einem Klagegeheul anzustimmen, das Steine erweicht. Enkel 3, 22 Monater alt, sind derlei Seelenschmerzen noch fremd.

Im Impfzentrum sind alle Mitarbeitenden tiefenentspannt. Neben Älteren stehen auch jüngere Leute als ich, allesamt Männer, für eine Impfung an, rechtfertigen sich – viel Arbeit, viel unterwegs. Ich werde nicht gefragt. Die Impfärztin bemerkt lediglich, dass ich ja die Impfung wohl unbedingt wolle. Ich nicke. Sie sagt aber auch, dass so wenig los sei, weil die Empfehlung nur für über 60-Jährige empfohlen sei. Sie freut sich, als ich ein Selfie mit dem Pflaster auf dem Oberarm mache, um in den sozialen Medien fürs Impfen zu werben. Ich verzichte auf die viertel Stunde Ruhezeit, scanne den Code und gebe die Impfung in die App ein.

Es hat zu nieseln begonnen. Am Terminal 1 finde ich Holger und drei spielende Enkelkinder. Sie rutschen in der McDonalds-Rakete, die Erwachsenen von außen keinen Einblick bietet. Das haben kluge Menschen gebaut. Was aber einige Eltern nicht davon abhält, ihren Kindern hinterher zu klettern. Manche verstehen es einfach nicht, dass die Kurzen manchmal unbeobachtet sein wollen – und müssen. Enkel 3 freut sich, allein und unkommentiert rutschen zu können. Er landet glücklich auf dem Boden, klettert die Rutsche wieder hoch und lernt von ganz allein, dass das ein Problem wird, wenn andere nachrutschen. Das Spielgerät ist so konstruiert, dass keine Unfälle passieren können. Schade, dass erst eine Fastfoodmarke daher kommen muss, um so etwas Tolles für Kinder bereitzustellen.

Um 15.37 Uhr nehme ich den Metronom nach Oberneuland. Ich merke einen Druck am Oberarm, das kenne ich von den ersten Impfungen. Der Zug ist pünktlich da, das ist mittlerweile eine erwähnenswerte Information. Mein Vater und ich schauen im Abendprogramm „Wer wird Millionär?“, die Zockervariante. Ich mag die Show ab und an gucken, auch weil wir dabei schnacken und mitraten. Wie immer weiß ich fast alles *smile*, aber das muss denjenigen, die nun auf dem Stuhl sitzen, vorher auch so gegangen sein. Jetzt schwitzen sie, keine:r schafft es über 32.000 Euro. Dann ab ins Bett. Der Wecker ist auf 5.35 Uhr gestellt.

Dienstag, 4. Oktober

Der Oberarm tut weh, ich habe ein Kratzen im Hals. Es fühlt sich an, als wenn sich kleine Steine am Kehlkopf festgesetzt haben, an denen alles vorbeischrammt. Aha, eine Nebenwirkung, wohl typisch für Biontech, erfahre ich über eine Googlesuche. Das Wetter ist gut, ich nehme das Fahrrad, das ich die ganze Woche zuvor wegen Schietwetter in der Garage gelassen hatte.

Ab jetzt ist wieder Maskenpflicht auf den Fluren im Jobcenter, ein paar Mal vergesse ich beim Gehen über den Flur, sie aufzusetzen. Ich bin nicht die Einzige, die sich erst wieder daran gewöhnen muss. Zwei Stunden Jour Fixe mit meinem Team, die nächste Ausgabe des Hausmagazins geht in die zweite Korrekturrunde, ich kann es diese Woche wohl noch herausgeben. Ich mache früh Feierabend, fahre noch bei einem Oberneulander Physiotherapiezentrum vorbei, um mir das Muskeltraining dort anzuschauen. Ich habe einen guten Eindruck und verabrede ein Probetraining. Wenigstens einmal die Woche will ich auch abends noch etwas Aktives tun. Einkauf, nach Hause, Abendbrot. Was für ein blöder Husten und fester, klarer Schleim, den ich nur mit Anstrengung lösen kann.

Die Nachrichtenlage: Das Land bewegt sich in eine Rezession. Die Preise steigen absurd, viele Familien wissen nicht, wie sie ihre Ausgaben im Griff behalten sollen. Entlastungspakete sollen helfen, aber sie sind sozial unausgegoren und ungerecht: Warum kriegen auch gut verdienende Erwerbstätige eine Energiepauschale von 300 Euro, aber zunächst die Rentner:innen und Studierenden nicht? Der grüne Wirtschaftsminister und der FDP-Finanzminister streiten sich öffentlich über die richtige Entlastung und die Einhaltung der Schuldenbremse, aber, ehrlich gesagt, würde ich mir mehr Sorgen machen, wenn sie einig wären. Der Bundeskanzler hat seine Corona-Infektion überstanden. Nach dem Münchner Oktoberfest sind die Infektionen unter die Decke gegangen, die Krankenhäuser füllen sich – wundert das wen? Wer ungeimpft auf „die Wiesn“ gegangen ist, wird sich auf was gefasst machen müssen. In der Ukraine gibt es jetzt ein Gesetz, das verbietet, mit Russland in den Dialog zu gehen. Dieser Präsident will sein Volk offenbar nicht in den Frieden führen. Ich habe null Verständnis dafür. Er arbeitet dem Kriegsverbrecher Putin damit doch in die Hände und schürt seine Phantasien. Das Bremer Regionalprogramm “buten un binnen” berichtet über Russen, die Angst vor der Teilmobilmachung Putins haben. Jetzt kommt der Krieg auch in allen Köpfen der Russ:innen an. Etliche Männer sind bereits abgehauen – natürlich werden es sich vorwiegend die leisten können, die auch das Geld dafür haben. In der Ukraine war den Männern seit dem 24. Februar verboten worden, das Land zu verlassen. Tausende Familien wurden dadurch getrennt, weil die Frauen und Kinder – und natürlich auch Männer, die nicht eingezogen werden konnte – geflohen sind.

Mittwoch, 5. Oktober

Was für eine Nacht! Ich habe wirres Zeug geträumt – vom Ukrainekrieg mit großen, runden Menschenknäueln, die sich nur langsam entwirrten. Ich bin froh, als ich wach werde. Und habe zudem verschlafen, es ist viertel nach acht  – mein erster Termin hatte vor einer viertel Stunde begonnen. Nun ist auch die Nase dicht, mir ist schlecht. Fester Husten, ich japse wie meine Tochter, als sie als Kind Keuchhusten hatte. Das Fieberthermometer zeigt erhöhte Temperatur. So wird das heute nichts. Ich werfe zwei Ibus ein, rufe im Jobcenter an, melde mich ab. Mit sehr schlechtem Gewissen, weil ich diese Woche das Magazin fertig bekommen wollte, mit dem ich sowieso in Verzug war. Blöde Impfnachwirkungen.

Ich liege den halben Tag im Bett, döse. Am Nachmittag habe ich 38,5 Temperatur. So fühle ich mich auch. Richtig krank. Die Haut ist empfindlich, die Augen wollen nicht aufgehen. Die Knochen tun weh. Husthust. Ich kenne das nicht. Ich will das nicht.

Auf Facebook scrolle ich durch die “Erinnerungen”, die einem anzeigen, was an dem Tag genau vor einem und mehreren Jahren von mir gepostet wurde. Vor fünf Jahren haben wir die Urne meiner Schwester beigesetzt. Facebook zeigt mir die Fotos, die ich dazu gepostet hatte. Ich poste sie über Instagram und lese mir meinen Blogbeitrag nochmal durch, den ich damals verfasst hatte. Die Lücke, die sie hinterlassen hat, bleibt unausgefüllt.

Einige News: Die Ministerpräsident:innen und Regierenden Bürgermeister:innen haben vergangene Nacht mit dem genesenen Olaf Scholz lange zusammen gesessen und trotzdem ist nichts dabei herausgekommen, heißt es. Kein Wunder: Die Kommunen sind  klamm und können nicht viel zum Entlastungspaket beitragen. Als Scholz Bürgermeister in Hamburg war, war das auch seine Sicht. Also was soll das Geschacher? Comedians machen sich seit Tagen über Scholz‘ Wortkreation „Doppel-Wumms“ lustig. Dabei wäre ein Bumms mit Karacho wichtiger: Würden endlich bestimmte Steuern erhoben, um Profite und höhere Einkommen abzuschöpfen, könnte der Bund locker die Kosten, die auf die Haushalte und Betriebe zu kommen, gut abfedern. Aber wo ist die Übergewinnsteuer, wo die Quellensteuer? Gerade verstehen doch die meisten Menschen sowieso die Zusammenhänge nicht mehr zwischen der Preisentwicklung, dem Krieg in der Ukraine und den globalen Wirtschaftswegen. Das spielt den Rechten mit ihrem Nationalismus-Geplärre in die Hände. Twitter wird nun wohl doch Eigentum von Elon Musk, der gern mit seinen Millionen und Milliarden um sich wirft, Dann dürfte auch Trumps Account damit bald wieder freigeschaltet. Als Akt der Meinungsfreiheit – das ich nicht lache. Trump ist ein notorischer Lügner und geistiger Brandstifter. Und ein Superreicher aus Deutschland ist wegen Steuerhinterziehung dran: Alfons Schuhbeck, der als Promi-Koch ein Vermögen scheffelte und vermutlich einiges davon nicht versteuerte. Millionär:innen ist meinem Eindruck nach oft Eigen, dass sie glauben, für sie würden Gesetze und Regeln nicht gemacht. UNd sie glauben wirklich, das Geld wäre ihres.

An Kriegsnachrichten wird verbreitet, dass die Ukraine Gebiete zurückerobert hätte. Die Mehrheit der Deutschen ist außerdem für einen EU-Beitritt des gebeutelten Landes. Ob dem ukrainischen Präsidenten Selenski klar ist, dass dann die Männer, denen er die Ausreise nicht gestattet, Reisefreiheit hätten und er Medienschaffenden freie Möglichkeiten zur Berichterstattung geben müsste? Unter Kriegsbedingungen sind demokratische Rechte mit Sicherheit schwieriger zu realisieren, aber wer Frieden will, muss sich meiner Meinung nach von der Vorstellung lösen, einen Krieg gewinnen zu können. Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation “Reporter ohne Grenzen” steht die Ukraine aktuell auf Platz 106 von 180. Das wird noch getoppt vom Iran, der sich Platz 178 befindet: Aktuell werden (noch) Bilder aus der islamischen Republik verbreitet, die demonstrierenden Menschen zeigen. Immer wieder gibt es Tote, darunter viele junge Frauen. Dieses sexistische und antisemitische Regime wirkt nicht nur wie völlig aus der Zeit gefallen, es muss ein Ende haben. Die merkwürdigste Nachricht des Tages: Markus Söder soll laut einer repräsentativen Umfrage von Insa der beliebteste deutsche Politiker sein. Letzte Woche war es noch Cem Özdemir. Da ich aktiv und regelmäßig Nachrichten schaue, höre und lese, kann ich mit nur so einen reim darauf machen: Man hat in der letzten Zeit von beiden nichts viel gehört, also haben sie offenbar nichts verkehrt gemacht. Deutschland steht übrigens auf Platz 16 der Rangliste. Warum nicht auf Platz 1? Wegen schrumpfender Pressevielfalt, mangelhafter Behördenauskünfte und weil Gesetzesinitiativen (BND-Gesetz, Staatstrojaner, Pegasus-Software, etc. Aktuell aber auch wegen Einschüchterungsversuche Rechter und Verschwörer. (ROG -> hier)

Ich gehe früh ins Bett und hoffe, die Knäuelträume kehren nicht wieder.

Donnerstag, 6. Oktober

Was nutzt ein Corona-Tagebuch im dritten Jahr der Pandemie? Zunächst fühlt sich eine erzwungene Auszeit beengend an. Sie macht wütend und hilflos. Dann richtet man sich ein. Es folgen Dankbarkeitsgefühle: Ich bin dankbar, dass es möglich ist, in Ruhe gesund zu werden und mich isolieren zu können. Die nächste Etappe ist die der Ressourcenfreisetzung. Meine Schlappheit ist groß, aber auch die Zeit, die zur Verfügung steht. Es ist viel Raum für Gedanken, wenn die Tagesabläufe völlig destrukturiert sind. Ich habe auch im Urlaub manchmal Reisetagebücher geschrieben. Eines davon, über unsere Kubareise, habe ich als Blog der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Corona ist nicht die erste Pandemie, die die Menschheit erlebt, aber sie hat dieser Gesellschaft, die sich für fortschrittlich und unbezwingbar hielt, unnachgiebig, radikal und frontal Schranken und Grenzen gesetzt; Tod und einsames Sterben der Alten in den Alltag gebracht; die Defizite des profitorientierten Gesundheitssystems mit seinen Fallpauschalen, Budgets, privatisierten Krankenhäusern und Pflegeheimen und schlecht bezahltem Personal offen gelegt. Derzeit scheint es sich zwar so anzufühlen, als käme das alte Leben wieder zurück, also das mit der persönlichen Freiheit. Und die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine kommen nich dazu: Die Menschen werden objektiv ärmer, die Vermögen der Mittelschicht schrumpfen. Politische Desorientierung greift um sich. Auch in meinen Kreisen. Die alten Bilder von Freund:in und Feind:in scheinen nicht mehr zu stimmen. Was nicht stimmt, der unüberbrückbare Widerspruch zwischen oben und unten ist nach wie vor da. Aber gemeinsame Erfahrungen und solidaritätsbildende Momente gehen verloren. Facebook und Twitter sorgen für eine false balance zwischen Meinungen und Fakten, Dichtung und Wahrheit. Verschwörer:innen hatten es noch nie so leicht, mit billigen Erklärungen zu punkten und meinungsführend zu werden. Auch in der Linken. Ich bin erschüttert, wie groß immer noch das autoritär-geprägte Verlangen ist, dass eine Person die Welt erklärt. Auch bisher gültige und eingeübte Methoden und Ausdrucksformen des Widerstands haben andere übernommen. Protestkultur muss sich daher dringend neu erfinden, weil Rechte den Diskurs auf der Straße bestimmen. Vieles macht sich an Sahra Wagenknecht fest. Ich bin bis heute überzeugt, dass ungefähr 50 Prozent aller linken Heteromänner in sie verknallt sind.

Gut und böse sind ja Gegensätze, über die Kinder viel lernen. Schneewittchen gut, Stiefmutter böse. Rotkäppchen gut, Wolf böse. Rapunzel gut, Hexe böse. Als Erwachsene müssten wir spätestens begriffen haben, dass die Welt selten so einfach ist. Dass an meiner derzeitigen Situation aber nur die vierte Impfung Schuld ist, dachte ich bis zu diesem Zeitpunkt, also bis zum 6. Oktober.

Es gibt erfreuliche Nachrichten: Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis. Mein Pro-Choice-Netzwerk lässt die Korken knallen, denn Ernaux hat das Buch “Das Ereignis” geschrieben, in dem es um ihren Schwangerschaftsabbruch geht. Ich habe mir vorgenommen, mir die Tage die Verfilmung anzuschauen. Letzte Woche schrieb mich Nicole S. an, die ich bislang nicht kannte und fragte, ob ich ihr für ihre Abschlussarbeit, die sie zum Thema Abtreibung verfasst, ein schriftliches Interview mit mir führen könne. Ich habe oft immer wieder solche Anfragen und das ist auch gut so. Junge Frauen thematisieren oft reproduktive Rechte in ihren wissenschaftlichen Ausarbeitungen. Ich sage daher gern zu, weil in den letzten fünf Jahre in der Millenniums-Generation eine neue Sensibilität für das Thema gewachsen ist. Und niemand kann das besser in den Mittelpunkt stellen, als Menschen in ihrer reproduktiven Lebensphase. Wie ich aber feststellen musste, waren die Fragen von Nicole S. so antichoice, dass ich überlegt hatte, sie nicht zu beantworten. Wer unter anderem behauptet, mit der “Pille danach” könnte abgetrieben werden, bewegt sich auf dem Gebiet der Manipulation. Und die mir zugesandte Worddatei, in der die zehn Fragen an mich gestanden hatten, trug den Titel”Pro Life”. Alles klar.

Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass schwerwiegende Corona-Infektionen zunehmen könnten – in Bayern ist der Anstieg besonders stark. Ein Impfstoff, der als Nasenspray gegeben wird, soll kommen. Er soll auch weniger Nebenwirkungen haben. Die Menschen fliegen auch wieder mehr, lautet eine Meldung, auch wenn das vor Corona-Niveau noch nicht wieder erreicht sei. War da nicht mal was – von wegen CO2-Fußabdruck und Klimazielen? Dabei gebe ich zu: Wir sind dieses Jahr mit Enkel 1 nach Griechenland geflogen. Fliegen gehört für mich zum Urlaubsgefühl aber nicht pauschal dazu. Nächstes Jahr wollen wir wieder nach Dänemark – mit dem Zug.

Die Träume der letzten Nacht sind nicht wieder gekommen. Matschig fühle ich mich immer noch. Die Temperatur ist immer noch erhöht. Der Oberarm tut nicht mehr weh, also kann ich wohl davon ausgehen, dass die anderen Symptome auch in Kürze vorbeigehen. Morgen gehe ich wieder ins Büro und freue mich, mein aktuelles Projekt beenden zu können.

Am Abend zeigt mein Vater einige Erkältungssymptome. Noch schecke ich nicht, was das bedeutet.

Freitag, 7. Oktober

Hochzeitstag, der 36. ist es, Smaragdhochzeit, und ich freue mich auf Zuhause und ein  Wochenende mit meinem Liebsten. Und auf die Demo „Wir zahlen nicht für Eure Profite“, zu der der DGB Hamburg für Sonnabend aufgerufen hat. Aber als ich aufstehe und ins Bad gehe, sacke ich zusammen, mir ist schwindelig. Wird schon wieder, denke ich, wasche mich in der Hocke, komme nicht hoch, als wenn eine neue Schwerkraft meine Regeln der Körperbeherrschung außer Kraft gesetzt hat. Ich schaffe es, auszusteigen, das Handtuch zu nehmen und mich in mein Zimmer aufs Bett zu bringen. Ein WhatsApp poppt auf – Holger schickt ein Bild: Er hat ein positives Testergebnis. Ich kann mittlerweile wieder aufstehen, greife mir eine Testpackung, schiebe mir den Stab in die Nase, rühre und drücke und warte: Zwei lupenreine kleine Balken zeigen sich.

Von wegen Boosternebenwirkungen. Ich hätte auf den Hinweis meiner jüngeren Schwester hören sollen, die gestern spontan fragte, ob ich Covid haben könnte. Und es ist auch klar: Ich habe vermutlich unseren Vater infiziert, der mich mit glasigen Blicken anschaut und schnieft und hustet. Und das Beste macht, was man in so einer Situation macht: Hinlegen, schlafen. Ich mache mir Sorgen.

Ich telefoniere mit seiner Ärztin und melde mich für einen Schnelltest im nahe gelegenen Testzentrum an. Auch der ist positiv. Auf das Ergebnis des PCR-Tests bin ich nicht mehr wirklich gespannt.

Ich rufe seinen in der ersten Etage im Haus meines Vaters wohnenden, 88-jährigen Freund an und warne ihn. Lege ihm einen Test vor die Tür. Nicht auszudenken, wenn wir ihn auch noch infizieren. Ich kann nicht nach Hamburg, das ist das schlimmste. Holger geht es schlecht und ich muss ihn allein lassen. Die Demo fällt natürlich für mich aus. Auf der anderen Seite kann ich den Krankheitsverlauf meines Vaters beobachten und ihn betreuen. Meine Schwester schaut vorbei, gerade hat ihre Familie die Infektion hinter sich. Ich koche einen Tee nach dem anderen, mache Brühe, wir richten uns in unserer Isolation ein. Geht das überhaupt? Was für ein Glück, dass wir in Oberneuland einen Garten und eine Terrasse haben.

Die Nachrichtenlage: Es werden weitere Nobelpreise vergeben. Der Friedensnobelpreis, der mit Abstand politischste, geht an drei Menschenrechtsgruppen und Personen aus der Ukraine, Belarus und Russland. Einer von ihnen sitzt im Gefängnis. Mir geht es so wie jedes Jahr, wenn der Friedensnobelpreis verliehen wird: Jedes Mal rücken Länder, Organisationen und Menschen in den Fokus, die andere mit ihrem Wirken und ihrer Bedeutung blass erscheinen lassen. Als wenn sie weniger wichtig sind und es geht ja auch um viel Geld, daher ist dieser Preis auch so bedeutsam. Umstritten waren der Nobelpreis, bzw. die Entscheidungen des Komitees zudem immer. Viel zu wenige Frauen haben ihn bislang erhalten. Und als vor zehn Jahren die EU den Friedensnobelpreis bekam, hatte ich – in Anbetracht abgeschotteter Grenzen für Geflüchtete, und Elendslager auf Moria und anderen Orten – nur ein bitteres Lachen dafür über.

Das Wetter ist schön, wir sitzen auf Papas Terrasse. Abends schauen wir einen Krimi mit Jürgen Vogel, ich werfe einen Blick in die NDR-Talkshow. Erstmals moderiert der Arzt Johannes Wimmer neben Hubertus Meyer-Burkhard. Er darf nicht mehr als “Fernseharzt” auftreten, weil er auch für die Techniker Krankenkasse öffentlich tätig ist. Ich bin aber zu müde, um der Sendung lange zu folgen. Die Gäste finde ich zudem langweilig.

Sonnabend, 8. Oktober

Mein Neffe in Bremen wird heute fünf. Leider kann sein Opa ihm nicht persönlich gratulieren, aber er ruft ihn wenigstens an. Meine erwachsene Nichte in Hamburg feiert ebenfalls Geburtstag. Meinem Vater scheint es etwas besser zu gehen, zumindest gehen die Erkältungssymptome zurück. Manchmal überfällt ihn eine Hustenattacke. Aber er ist nicht mehr so apathisch.

Ich koche ein Hühnerfrikassee – eine Herausforderung, weil sich die Herdplatten nicht mehr regulieren lassen – entweder liefern sie volle Hitze oder bleiben kalt. Nach einem neuem Kühlschrank, Toilettenreparatur und Wasserhahnersatz nun könnte nun die nächste kostenintensive Erneuerung fällig werden. Aber die Küche ist 20 Jahre alt, da passiert das eben. Die Zubereitung klappt, ihm und mir schmeckt es, auch wenn kein Spargel, keine Kapern und kein Zitronensaft dabei sind.

In der ARD-Mediathek schaue ich „Ein gestohlenes Leben“. Ein Film über die letzten Jahre von Martha Liebermann, Witwe des Malers. Toller Film, tolles Frauenporträt, und mit Thekla Carola Wied ist die Rolle der Martha passend besetzt. Zurecht wurde der Film beim Festival de Télévision de Monte-Carlo preisgekrönt. Am Ende reißt mich ein Gefühlsmix aus Wut und Trauer nieder. Zugleich bin ich frustriert über die derzeitige Situation. Da nutzt es wenig, zu wissen, dass es Millionen anderen auch so geht und ging, vielen davon schlechter als mir. Heute sind wir geimpft, Corona hat seinen Schrecken verloren. Vielleicht fühlt es sich aber auch so schlimm an, weil ich jetzt keine kollektive Erfahrung mache. Und weil mein Liebster nicht bei mir ist.

Ich setze mich mit Schurwolljacke und Decke in einen Liegestuhl auf die Terrasse und fange dieses Tagebuch an. Ich wundere mich, wie schwer es fällt, mich an die Nachrichtenlage seit dem 3. Oktober zurückzuerinnern. Was haben wir nochmal vorgestern im Fernsehen geschaut? Was kam im Regionalprogramm?

Der russische Präsident Putin redet von Atomwaffeneinsätzen, und hatte zu seinem 70. Geburtstag gestern ein paar Gäste eingeladen, die relativ freudlos an seinem Geburtstagstisch gesessen haben. Was sie ihm wohl mitgebracht haben? Ich hoffe, dass es noch gelingen wird, ihn für seine Verbrechen vor Gericht zu stellen.

Die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung bringt in ihrem Buch Zwei ein Porträt über Karl Lauterbach. Überschrift: „Dr. No“. Es ist unterhaltsam geschrieben, für diese Art Texte schätze ich die Zeitung und die Redaktion sehr. Ich stolpere über die Passage mit seiner Ex-Frau. Ich hatte zuletzt bei meiner Recherche vor sechs Jahren für meinen Report über Mammographie-Screening mit ihr zu tun. Angela Spelsberg ist im Tumorzentrum Aachen tätig. Da ich mich in dem Text eine kritische Abwägung mache, ob das Screening wirklich Leben von Brustkrebs-Betroffenen rettet, war  sie eine wichtige Expertin, und gilt zudem als Verteidigerin des Screenings. Ihre aktuellen Positionen zu Corona finde ich, gelinde gesagt, skurril. Aber auch Wissenschaft kann mehrere Wahrheiten hervorbringen. Das ist beim Mammographie-Screening genauso.

In Berlin demonstrieren 8-10.000 Menschen auf der AfD-Demo “Unser Land zuerst” – eine Parole, die sich an Donald Trumps nationalistisches und rassistisches “America first” anlehnt – dem sich auch die italienische Neofaschistin Giogia Meloni bedient, die gerade die Wahlen gewonnen hat. Aus dem ganzen Land sind Menschen mit Bussen nach Berlin gekarrt worden. Zahlenmäßig erheblich geringer ist leider der Gegenprotest. Was aber auch daran liegen könnte, dass es an diesem Tag viele andere Kundgebungen gibt, so in Hamburg. Es könnte aber auch an der Mobilisierungsschwäche der Linken liegen und die Uneinigkeit der Ziele – „heißer Herbst“ oder „Solidarischer Herbst“? Mit Rechten stellt man sich nicht zusammen auf die Straße. Manch altem Kämpen ist das offenbar egal. Die Kunstaktivist:innen vom Zentrum für politische Schönheit haben derweil eine ihnen eigene Form des Widerstandes realisiert und haben unter dem Tarnnamen „Reiseservice Hahn“ einen Bus für über 40 Leute gechartert, die nach Berlin zur AfD-Demo wollten. Angekommen sind sie nie. Das Peinliche für die AfD liegt darin, dass es sich um eine Wiederholung handelt: Das ZPS hatte bereits zu den Bundestagswahlen 2021 einen „Flyerservice Hahn“ erfunden und einen Großauftrag von etlichen AfD-Kreisverbänden erhalten. Statt die Flyer zu verteilen, schredderten die Aktivist:innen damals das Material. Warum jetzt eine AfD-Struktur erneut auf das ZPS reingefallen ist, wird man wohl nie erfahren.

Vormittags steht der gesamte Zugverkehr im Norden für Stunden: Die Kommunikation ist gestört und später wird festgestellt, dass es ein Sabotageakt gewesen war. Reporter:innen interviewen Betroffene an den Gleisen, und so sehr ich das nachvollziehen kann, bin ich diese Art von Berichterstattung so müde. Diesmal ärgert es mich, dass die O-Töne der entnervten Menschen auch noch gezeigt werden, als klar ist, was die Ursache war. Es zeigt allerdings, dass die Bahn nicht schuld war und nicht erklären konnte, was die Ursache gewesen war. Das Zugpersonal musste wieder einmal mehr Nerven wie Stahlseile beweisen.

Ich bekomme ein Video von meiner Tochter zugesendet, auf dem unser Fünfjähriger zu sehen ist, wie er mit dem Fahrrad seines Bruders übt. Er kann es jetzt schon viel besser als letztes Wochenende, als das Fahrrad noch ihn beherrschte und nicht umgekehrt. Da fehlt jetzt nicht mehr viel, außer der Glaube an sich selbst.

Wir essen Zimtsterne und Spekulatius, trinken Tee. Im NDR läuft eine Komödie “Anna und ihr Untermieter” mit Katerina Jacob und Ernst Stötzner. Leicht, unterhaltsam, für uns beide passt es.

Sonntag, 9. Oktober

Heute sind Landtagswahlen in Niedersachsen. Warum auch immer, sie wird zum großen Test für die Bundesregierung hochstilisiert. Dabei regiert dort eine Große Koalition. Meine Nenn-Cousine, sie ist die Tochter des leider bereits verstorbenen besten Freundes meines Vaters Wilhelm, ist aktiv in der niedersächsischen CDU. Wilhelm war lange Bürgermeister in Sittensen und auch im Landtag. Chancen auf einen Einzug in den Landtag gebe ich den Linken nicht. Menschen wählen keine Verlierer:innen.

Eine weitere Nichte in Hamburg hat Geburtstag und auch die zweite (Ex-)Frau meines Vaters, die in Schweden lebt. Ich warte auf das Ergebnis des PCR-Tests. Die Hiobsbotschaft heute: Auch der Mieter meines Vaters hat ein positives Testergebnis. Das ist nicht gut, weil er nicht gesund ist. Ich fühle mich verantwortlich, weil ich die Infektion nicht rechtzeitig gescheckt habe.

Das Wetter meint es gut mit uns, wir decken den Tisch draußen, holen Sitzkissen raus, eine Kanne Tee und Kekse. Eine Maus, höchstens drei Zentimeter lang, huscht über die Steine, nascht Körner vom Boden, die die Vögel haben fallen lassen. Es ist eine dumme Maus, denn sie kommt mir viel zu nah. So aber kann ich sie beobachten. Wir hören Gänse in der Luft kreischen, sie formieren sich für ihren bevorstehenden langen Flug. Schmetterlinge und Libellen fliegen um uns herum. Ich vergesse, dass mein Bewegungsradius eingeschränkt ist.

Die Nachrichten werden von den Landtagswahlen dominiert. Der CDU-Landeschef tritt zurück. Die Große Koalition ist in Niedersachsen Geschichte. Doch sowohl von Stefan Weil, SPD, wie auch von Julia Hamburg, Grüne, kommen nur dünne Erklärungsversuche, warum die AfD so erfolgreich war. Es gibt auch wieder Bilder aus der Ukraine, diesmal von der Sprengung auf der Krim-Brücke. Ein Triumpf für Selenski. Tausende Menschen sind im Iran wieder auf die Straße gegangen. Fast 200 Menschen sind dort bislang zu Tode genommen.

Meine Schwester bringt Kuchen vom Kindergeburtstag vorbei, inklusiver grün gefärbter Schlagsahne und einer Kerze in Form einer 5. Das Baby, Neffe 2, 5 Monate alt, kräht im Auto. Den Kuchen gibt’s als Nachtisch. Vorher mache ich Frühlingsrollen im Ofen und einen kleinen Salat dazu. Und Tee.

Wir schauen den Tatort. „Die Rache an der Welt“ mit Maria Furtwängler und Florence Kasumba. Der Plot ist provokant: Die beiden Kommissarinnen ermitteln gegen Geflüchtete, die Ermordete war in der Geflüchtetenhilfe engagiert. Der Einfachheit halber sind alle Geflüchteten männlich und spielen – bis auf einen Afghanen, der sich später als Täter entpuppt – Fußball. Die in der Geflüchtetenhilfe Engagierten sind allesamt Träumer:innen und Idealist:innen. Immerhin traut sich das Drehbuch, eine Helferin darzustellen, die gegenüber einem Syrier sexuell übergriffig wird. Wenigstens ein Nicht-Klischee.

Montag, 10. Oktober

Ich habe bis 8 Uhr geschlafen, mich nachts aber in der Mediathek herumgetrieben. Natur- und Tierfilme garantieren schnelles Wiedereinschlafen. Mein Vater liegt auf seinem Sofa, er war um 2 Uhr morgens aufgestanden, hatte sich Kaffee gemacht und was gegessen. Das ist typisch für ihn. Frühaufstehen ist Teil seiner DNA. Der Husten schmerzt ihn, meine Schwester empfiehlt Bronchipret. Ich werde ab heute versuchen, mich vom Nasenspray zu entwöhnen. Ich habe gestern bereits jeweils nur noch eine Dosis in jedes Nasenloch gesprüht. Seit Jahren nehme ich nur noch Spray für Kinder, also sowieso nur die Hälfte des Wirkstoffs. Und dennoch ist es jedes Mal ein Akt, bis die Nasenlcher wiedr von allein abschwellen.

Die FDP ist aus dem niedersächsischen Landtag rausgeflogen. Sollte das auf Lindners Konto gehen, wäre das eine gute Antwort auf sein Agieren als Bundesfinanzminister. Sein Bestehen auf die Schuldenbremse ist Gift für die Volkswirtschaft. Wichtige Investitionen werden nicht getätigt, weil die Schuldenbremse Gesetz ist. Krankenhäuser, Bildung, Nahverkehr bleiben auf der Strecke. Aber, es ist auch Scholz, der die Schuldenbremse stützt. Schließlich war auch er einmal Bundesfinanzminister. Und als Bürgermeister Hamburgs hat er 2012 die Schuldenbremse zusätzlich in der Landesverfassung verankert. Ich habe damals als Abgeordnete dagegen gestimmt. Seit 2020 soll es in Hamburg gelten – keine Kredite mehr als Neuverschuldung. Dann kam Corona dazwischen. Dass Scholz sonst ganz gern Steuergelder ausgibt, hat man an der Elbphilharmonie gesehen: Das Ding ist zehnmal so teuer geworden wir einst geplant. Scholz hat das nicht verursacht, aber es hätte auch die Möglichkeit gegeben, daraus etwas anderes zu bauen. Oder den halbfertigen Bau als Mahnmal für schlechtes Regieren an der Elbe stehen zu lassen. Hamburgs Bürgertum hätte aber wohl den Aufstand gewagt, wenn das passiert wäre. Ich habe damals ein paarmal am Untersuchungsausschuss zur Elbphilharmonie teilgenommen – und mich streckenweise fremdgeschämt und geekelt vor der Verschwendungs- und Prunksucht des Bauherrn und der Inkompetenz bei der Verständigung untereinander. Der damalige Bürgermeister Ole von Beust wurde dafür nie belangt.

Wir frühstücken – Backbrötchen, gekochte Eier, Marmelade und fachsimpeln, ob die Brötchen auf dem Toaster nicht schneller gehen. Schneller vielleicht, aber so lecker und gleichmäßig durchgewärmt sind sie dann nicht. Mein Vater erzählt von seinem Opa Edu, Eduard Behrens. Den großen Turner, der Freimaurer war und dem die Nazis seine überregionalen Sportämter weggenommen hatten. Große beheizte Gewächshäuser hatte gehabt und Kohle am Oberneulander Bahnhof verladen. Einmal sei er auf einen Apfelbaum geklettert, erzählt mein Vater, Warnungen in den Wind geschlagen: „Ich bin Turner“, habe er gerufen und dann ist er heruntergefallen. Er hat es aber überlebt. Leider ist er nicht alt geworden, nur 74. Offenbar starb er an einem Herzinfarkt, 1953. Meine Ur-Oma hat ihn lange überlebt, ich hatte sie noch gut gekannt. Adele, eine geborene Klüver, lebte zuletzt in der Wohnung, in der jetzt der Freund meines Vaters wohnt. Adele hatte nach dem Tod von Edu die Landwirtschaft allein am Hals, musste hart arbeiten, erfahre ich. War aber immer gut drauf, fröhlich, erzählt mein Vater.

Eine tiefe Stimme ruft meinen Vater von der Terrasse her. Ich gehe zur offenen Tür. Da steht ein älterer Herr mit Gamsbart auf dem Hut. Er habe das Schild an der von meinem Vater angemieteten Garage, die ganz in der Nähe liegt, gegenüber von unserem ehemaligen Haus, und in dem er sein kleines Geschäft untergebracht hat, gesehen. Ich hatte es am Sonnabend angebracht „Vorübergehend geschlossen“. Er bräuchte ein Schmutzsieb für seine Pumpe. Ich sage, dass wir Corona haben, und er kann es gar nicht fassen, nicht bedient werden zu können. Wer meinen Vater infiziert hätte, will er noch wissen und ob ich die Tochter aus Hamburg sei.

Es kommt öfter vor, dass Leute aufs Grundstück kommen und ein Ersatzteil oder etwas anderes wollen. Oder ihre kaputten Rasenmäher vorbeibringen. Oder nur, um einen Schnack zu halten. Den halben Tag sitze ich wieder auf der Terrasse. Die Wolken sollen erst abends die Sonne verdecken und Regen bringen. Zwischendurch koche ich ein Labskaus.

Der Sabotageakt gegen die Bahn gestern bleibt nebulös. Sowohl was die Motive der Täter:innen angeht als auch, wer es gemacht haben soll. Selbst Russland steht unter Verdacht, aber auch Linke, die die AfD-Demo in Berlin klein halten wollten. Spekulativ werden Ängste geschürt, dass sowohl die Lecks in den Nordstream-Pipelines als auch die Kabel der Bahn erst der Anfang seien von Angriffen gegen die Infrastruktur. Immerhin weiß jetzt das ganze Land, dass es in Herne und in Berlin zentrale Kabel gibt, von denen die Kommunikation der Bahn abhängig ist. Warum derartige Verbindungen nicht besser geschützt werden, erschließt sich mir nicht. Ich weiß sowohl von meiner alten Arbeitgeberin als auch von meiner aktuellen, wie sorgfältig deren IT geschützt wird, damit keine Hacker:innen reinkommen.

Russland hat heute morgen etliche Angriffe auf die Ukraine gestartet, auch Kiew wurde mehrfach getroffen. Es sei die Vergeltung für die Sprengung auf der Krim-Brücke, erfahre ich über die Nachrichten. Auch der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko fordert wiederholt und auf Deutsch mehr Waffen – er und sein Bruder sind den Deutschen immer noch als Profiboxer vertraut, beide tragen Weltmeistertitel. Vitali Klitschkos Ex-Frau Natalija lebt in Hamburg.

Ebola ist wieder da und tötet in Uganda Menschen. Es handelt sich um eine seltene Variante, für die es keine Medikamente oder Impfstoffe gibt. Aus Angst, nicht gut behandelt zu werden, verschweigen manche Familien Infektionen, heißt es. Dabei ist die Überlebenschance höher, wenn das Virus früh entdeckt wird.

Meine Nase wird nicht freier, auch nicht nach einer Dusche. Das Wetter ist umgeschlagen, jetzt regnet es. Es ist 18 Uhr und das weiß man in Oberneuland, weil um 18 Uhr immer die Kirchenglocken läuten. Fast zumindest, denn nicht immer tickt die Kirchturmuhr richtig. Manchmal läuft sie der weltlichen Zeit der Fontänenuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt hinterher. Heute zumindest bimmeln die Glocken in Oberneuland pünktlich. Das Geläut hat aber nur noch folkoristischen Charakter, denn zur Kirche eilt hier längst niemand mehr, nur weil die Glocken rufen. Mein Vater erzählt, wie er als Junge ganz oben im Kirchturm gewesen war und Fotos gemacht hat. Eng sei es gewesen. Dann flog ihm auch noch die Kupferklappe weg, die das kleine Fenster bedeckt. Sie hat aber unten niemanden getroffen. Die Fotos soll es noch geben, er will sich auf die Suche nach ihnen machen. Immer wieder holt er alte Schätze aus seinen Schubladen. Manchmal ist auch altes Nazizeugs dabei, wie die Blut-und-Boden-Ahnentafel, für die sein Opa Edu in Kirchenarchiven recherchiert hat, um die Ariernachweise zu erbringen.

Wir schauen im ZDF die neue Folge von “Nachtschicht” mit Armin Rohde – einer der besten Schauspieler, die wir derzeit haben. Wieder einmal ein sehr schräger Krimi mit absurden Charakteren voller Selbstironie für die Stereotypen, die jeden Krimi füllen – Polizei, Bösewicht, Kiezgröße, Gangsterbraut, Opfer. Top: Zwei entflohene Affen, die sich mit einer Polizeiwaffe ausgestattet haben. Andauernd fliegen Bananen durch die Szenen.

Dienstag, 11. Oktober

Horst hat 112 angerufen und lässt sich ins Krankenhaus fahren. Ich spreche mit einer seiner Töchter auf. Auch Holger spürt das Virus in seiner Lunge und hat einen genauso fiesen Husten wie mein Vater. Die Lunge ist der Lieblingsort des Virus. Vor zwei Jahren waren Menschen gestorben, weil ihre Lungen den Transport von Sauerstoff ins Blut nicht mehr hinbekamen. So ist es aber, weiß man heute, nicht direkt der Virus, der die Lungen dauerhaft schädigt, sondern die Fresszellen des Immunsystems. Sie nehmen den Virus zunächst auf, verursachen dann die Entzündungen, ergab eine aktuelle Studie der Charité. Derzeit lese ich naturgemäß wieder mehr über Corona und Covid. Wie Hunderttausend andere auch war ich Stammhörerin des NDR-Podcasts mit Christian Drosten und Sandra Ciesec und bin bis heute dankbar für ihre Expertise und Versachlichung. Nicht nur deswegen finde ich dieses anhaltende Bashing gegen die Öffentlich-Rechtlichen schlimm, an dem sich auch seriöse Medien beteiligen – meiner Meinung nach eine auch interessengetriebene Negativberichterstattung aufdrung des Fressneids der privatwirtschaftlich finanzierten Medien, die sich über Vertrieb und Anzeigen finanzieren. Oft genug vebindet sich das unseelig mit dem vor allem von recht getriebenen Hass auf Rundfunkgebühren, die immer noch als GEZ dargestellt werden. Im professionellen Journalismus steht man da zwar auch drüber, wie gemeinsame Investigativ-Teams beweisen. Und was derzeit beim RBB hochgespült wird, verdient kritische Berichterstattung und Kritik und verlangt Konsequenzen. In einem Interview mit der Süddeutschen erzählt Jo Goll, der zur Rechercheeinheit beim RBB gehört, heute davon, was das Team an Filz, Korruption und Vorteilsnahme bislang herausgefunden hat.

Die Entwöhnung vom Nasenspray hat geklappt, meine Schleimhäute sind abgeschwollen. Dafür niese ich andauernd, ohne die Zusammenhänge zu verstehen. Vielleicht gibt es auch keine. Heute koche ich aus dem Vorrat und aus Resten eine Gemüsesuppe mit roten Linsen, schnibbel Geflügelwurst hinein. Es sind noch Petersilie und Frühlingswiebeln da, das kommt frisch in den Eintopf. Die Sonne scheint wieder, wir essen draußen. Mein Vater kippt Maggi auf seine Portion. Man braucht dann kein Salz und keinen Pfeffer, sagt er. Dass ich die Suppe bereits gut gewürzt habe, Linsen und Karotten in Brühe gekocht, mit Oregano, Thymian, Pfeffer, Salz und Cayennepfeffer abgeschmeckt habe, sage ich nicht.

Verdammt, ich wäre heute fast einem Betrug aufgesessen. Ich hatte Kompressionstrümpfe bestellt, die Lieferung wurde für heute angekündigt. Dann finde ich eine Mail in meinem Postfach, dass die Sendung nicht zugestellt werden konnte und der Absender nicht lesbar sei. Eine erneute Zustellung sei kostenpflichtig. Ich könne alles weitere direkt veranlassen und auch gleich bezahlen. Fast, aber auch nur fast, wäre ich darauf reingefallen. Und ärgere mich, dass ich das nicht sofort kapiert habe. Zum Glück wurde ich, als ich versucht habe, zu dem Zusteller Kontakt aufzunehmen, um mich zu beschweren, vor betrügerischen Mails gewarnt und habe daraufhin den Absender gescheckt – und gelöscht.

Es ist ruhig im Garten, in der Ferne hört man die Autobahn. Kindergeschrei kommt dazu, zwei Grundstücke weiter ist eine Kita – die hatte ich als Kleinkind auch besucht. Auch meine frühere Grundschule ist ganz in der Nähe und wenn Pause ist, hört man auch die Schüler:innen. Am Himmel bilden Flugzeuge Kondensstreifen, im Haselnussbusch auf der Terrasse unterhalten sich die Vögel miteinander. Das Nest, das Amseln oben hineingebaut haben, ist seit Wochen leer.

Es war ein Pfingsten, als wir mit Kind & Kegel meinen Vater besuchten und auf dem Gelände der Oberneulander Kita die Lütten nach dem Essen haben klettern und toben lassen. Sonst wäre uns wohl nie aufgefallen, dass über dem Eingang des Hauses – in dem bis 1945 das NSDAP-Büro Oberneulands gewesen wa – immer noch ein alter Nazi-Spruch in Holz gemeißelt da steht. Die Hakenkreuze waren nach 1945 entfernt worden, der Hitler-Satz ist geblieben. Zunächst konnten wir uns nicht vorstellen, dass das jahrzehntelang unentdeckt geblieben sein soll. Aber es ist so. Und wer es wusste, dem war es offenbar egal, denn die Fassade muss in den vielen Jahren mehrfach renoviert worden sein, das musste jemand gelesen haben: „Wahrer Sozialismus – härteste Pflichterfüllung“. Ich habe dann recherchiert und bin ziemlich initiativ geworden. Hier kann die ganze Geschichte nachgelesen werden.

Die Kompressionsstrümpfe  am frühen Nachmittag angekommen. Für morgen erwarte ich eine weitere, einen Blumenstrauß aus Lego. Ich hätte mir den Bausatz schon am Montag gewünscht. Ich koche uns Kaffee, ein Nachbar schmeißt eine Kettensäge an und lärmt, dass alle Idylle verloren geht.

Meinem Vater geht es so gut, dass er wieder anfängt, an einem seiner Rasenmäher zu basteln. Den er jetzt auf seinem Arbeitstisch stehen hat, ist chinesischen Ursprungs. Er erklärt mir, war daran nicht funktioniert und welche Ideen er hat, ihn wieder zum Laufen zu bekommen. Wiederholen könnte ich es nicht. Ich bewundere seine Hartnäckigkeit. Und seine Lösungen. Sein Ersatzteilreservoir ist unerschöpflich, weil er hoffnungslose Fälle ausschlachtet und deswegen recht oft genau die Teile vorrätig hat, die so manches Gerät wieder zum Laufen bringen. Sein Geheimtipp aber ist die Sauberkeit. Viele geben ihre Maschinen bei ihm ab, weil sie nicht mehr laufen. Dann stellt sich heraus, dass die untenrum völlig verdreckt sind. Und schwupp, einmal mit Drahtbürste geputzt, röhrt und tuckert die Kiste wieder.

Horst ist aus dem Krankenhaus zurück. Sie können mit ihm dort nichts anfangen. Ich bin froh. Ich trage ihm die Reisetasche nach oben, die er morgens gepackt hatte, weil er sich auf einen längeren Aufenthalt eingestellt hatte.

Ich habe zwei meiner Blusen gebügelt und ein paar Fenster geputzt, die es nötig hatten. Ich bin eine lausige Fensterputzerin, aber die drei, Fensterscheiben, die ich mir heute vorgenommen hatte, sehen allemal besser aus als vorher. Mal sehen, wie es morgen ist, wenn die Sonne draufsteht.

Ilja Richter tritt bei “DAS” auf dem roten Sofa auf. 70 Jahre alt wird er. Natürlich ist seine Show dicso Thema, mit der er bekannt wurde. Ich habe sie auch regelmäßig gesehen. Das Schräge, Flippige, das er damals verkörperte, gibt es nicht mehr. Ich gewinne den Eindruck, dass er das rückblickend auch nicht mehr toll findet, was er da gemacht hatte. Zumindest scheint es ihm zu missfallen, darüber identifiziert zu werden.

Heute ist internationaler Mädchentag – seit vielen Jahren ein auch für mich wichtiger Tag. Plan international hat ihn einst ins Leben gerufen, um auf die Rechte von Mädchen aufmerksam zu machen Vor sechs Jahren war ich mit Plan in Bolivien, habe zwei Stifterinnen – Mutter und Tochter – begleitet, die von einer Erbschaft ein Mädchenschutzhaus für schwangere Minderjährige und Kinds-mütter finanziert haben. Ich war mir damals sicher, dass ich meine Reportage über die Reise und über diese beiden Frauen in die Presse bekommen. Fehlanzeige. Aber klar, die Reise hatte Plan für mich bezahlt, damit war ich nicht mehr unabhängig. Trotzdem schade. Hier steht die Reportage auf  meinen Blog. In der Stifterpost, dem Magazin von Plan, ist eine gekürzte Fassung erschienen.

Bremen bereitet sich auf den Freimarkt (“Freimaaak!”) vor, Freitag gehts los, ohne Corona-Auflagen. Mich interessiert der Freimarkt nicht mehr sonderlich, ich verbinde Jugenderinnerungen an ihn; habe im Bayernzelt gern Schweinshaxe gegessen und die krosse Kruste geliebt. Und Pferdewurst gegessen. Als Teenie war der Auto-Scooter mein Zuhause für zwei Wochen, nach den Spielen von Werder zogen wir dorthin. Einen Teddy mit Werder-Trikot habe ich mal an einer Losbude gewonnen. Mit dem Spielmanns- und dem Musikzug und der Blaskapelle habe ich ein paar Mal am Freimarktsumzug teilgenommen. Eine Tradition mag ich bis heute: An den Bussen und Straßenbahnen stecken während der Freimarktszeit – die auch die fünfte Jahreszeit in Bremen genannt wird – kleine Fähnchen. So feiern die Norddeutschen. 🙂

Die Ukraine wird wieder von Russland angegriffen, überall im Land war tagsüber Luftalarm, meldet die Tagesschau, die Menschen suchten Schutz in den U-Bahnschächten und Bunkern. Bilder dsind zu sehen. Präsident Selenski verlangt vom Westen Unterstützung für den Bau eines Flugabwehrsystems. Bereits Anfang Juni hatte Deutschland der Ukraine ein solches zugesagt, aber mit dem Hinweis, dass dies Monate dauern würde.

Ver.di fordert 10,5 Prozent für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Ob ich noch einmal Gelegenheit bekomme, für mehr Geld selbst zu streiken? Das wäre im 40. Jahr meiner Gewerkschaftsmitgliedschaft nochmal was.

Auf Twitter setze ich einen Tweet zum Freimarkt und den in Folge zu befürchtenden Inzidenzen ab – und zack – spült das einen Impfgegner in meine Timeline. Weitere seiner Gesinnungsleute versuchen mich zu provozieren, einer davon schaut sich dieses Corona-Tagebuch an, macht einen Screenshot, postet ihn. Das erinnert mich an die Abtreibungsgegner, deren Angriffen ich immer wieder ausgesetzt war und die ihre abgründigen Thesen über mich in Hass-Videos und Hetz-Websites verbreitet haben.

Mittwoch, 12. Oktober

Bis 7 Uhr habe ich geschlafen, bin dann aufgestanden, habe geduscht und bin zum Testen geradelt. Natürlich muss ich negativ sein, denn ich fühle mich negativ. Die Kraft kommt zurück, die Unternehmungslust, ich möchte mich bewegen. Die Sonne scheint, sie steht noch tief und blendet mich, sodass ich fast die Schwelle übersehe, die auf dem Osmersweg Autofahrende daran hindern soll, durch das Wohngebiet zu brettern. Es wird heute wieder ein schöner Tag, bei schöner Luft. Ein schöner goldener Oktober. Es ist allerdings noch kalt, ich sehe leichten Reif auf den Wiesen Oberneulands. Trotz der kurzen Strecke bis zum Testcenter, das beim Bremer Hockey Club im Heinrich-Baden-Weg untergebracht ist, frieren mir die Finger ab. Und so wie Sonnenschein täuschen kann, was die Wärme der Luft angeht, täuscht mich mein Gefühl über die in mir noch vorhandene Viruslast. Der Test fällt positiv aus und es kommt mir vor, als hörte ich ein abgründiges Gelächter. Das dürften um mich herumschwirrenden Virusaerosole sein. Ich stelle mich erneut am Testcenter an und bitte um einen PCR-Test. Der ist genauer und bestätigt hoffentlich, dass ich nicht mehr ansteckend bin. Er wird mir jedoch verweigert, weil zum Freitesten der Schnelltest ausreiche, sagt man mir. Ich lese nach, und tatsächlich nützt der PCR-Test zum Freitesten nichts, weil er – im Gegenteil – eine Viruslast nachweisen kann, die gar nicht mehr ansteckend ist. Also steige ich frustriert wieder aufs Rad, bekomme nochmal eiskalte Finger, die Sonne kann mich mal.

Wir sitzen nachmittags trotzdem draußen, und mein Vater erzählt, dass meine Oma Erna, seine Mutter, beinahe an dem Olympischen Spielen 1336 teilgenommen hätte. Als Wettkampfrichterin fürs Turnen. Ihre Vater, also Edu, hatte zu diesem Zeitpunkt zwar bereits seine Sportämter verloren, aber man brauchte meine Oma wohl. Und mein Opa Johann, ihr Mann, war NSDAP-Mitglied, später als Soldat in Ungarn. Über ihn und meinen anderen Opa, der ebenfalls der Nazi-Partei angehörte, habe ich hier geschrieben. Warum es dann nichts mit der Olympiateilnahme meiner Oma wurde? Weil mein Vater 1936 auf die Welt gekommen ist – nur 15 Monate nach der Geburt seines Bruders Elard. Über meinen Onkel, der mit 52 Jahren gestorben ist, habe ich anlässlich seines 80. Geburtstag diesen Text verfasst.

In Apolda in Thüringen hat ein “Unbekannter” versucht, mit einer Gasflasche eine Explosion in der Nähe einer Unterkunft für ukrainische Geflüchtete herbeizuführen. Die Feuerwehr wurde benachrichtigt, war rechtzeitig da und konnte eine Explosion verhindern. In Leipzig haben gestern Abend Neonazis, die im Osten jeden Montag auf der Straße sind – derzeit betreiben sie ihre Hetze und Destabilisierungsversuche wegen der Energiepreise -, Geflüchtete angepöbelt. Perfiderweise sollen sie auch “Nazis raus” gerufen haben. Mir war klar, dass mit der zunehmenden Berichterstattung über den zu erwartenden Anstieg von Geflüchtetenzahlen und den knappen Ressourcen der Kommunen der offene Rassismus wieder zunehmen wird. Das spricht dafür, Geflüchtetenunterkünfte nicht abseits anzusiedeln, in jedem Fall auch gut bewachen zu lassen. Und die Täter:innen, auch die geistigen Brandststifter:innen, müssen mit voller Konsequenz verfolgt werden. Volksverhetzung darf nie etwas Harmloses, Normales sein.

Der Termin für die Krönung Charles III. steht fest: Am 6. Mai soll das Event stattfinden, das dann wieder tagelang die Welt beschäftigen wird, Adelsexpert:innen in die Talk-Shows bringt und ARD und ZDF mit einer Liveberichterstattung gleichschaltet.

Ich bastel ein Pic und stelle es auf Instragram über unseren Account des Hamburger Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung ein, teile es über Facebook und Twitter: Wir werben für den Kinofilm WIE WIR WOLLEN, der nächste Woche im Hamburger Kino Metropolis laufen wird. Der Film wurde von einem Film Kollektiv gemacht und handelt von Menschen, die von ihren Abtreibungen erzählen. Es sind beeindruckende 98 Minuten, weil es der Regisseurin gelungen ist, das Thema so zu strukturieren und zu verdichten, dass die ganze Vielfalt des Themas emotional und faktenreich abgebildet wird. Ich habe bei dem Film mitgewirkt – und erzähle von einer meiner Abtreibungen. Später habe ich mich dann entschieden, über alle meine Schwangerschaftsabbrüche zu berichten – um zur Enttabuisierung beizutragen. Ich habe es mir nicht leicht gemacht, die Balance zu finden, um mein Privatleben auf der anderen Seite noch zu schützen. Der Text “Keine ungeborenenen Kinder” hat daher eine längere Entstehungsgeschichte. Wie zu erwarten, haben Abtreibungsgegner den Text für ihre Propaganda genutzt. Hier kann er nachgelesen werden.

Das Lego-Bauset ist geliefert worden. Ich werde nächste Woche anfangen, zu bauen. Denn ich packe am späten Nachmittag meinen Koffer und fahre nach Hamburg. Der Zug ist leer, nur weiter hinten im Großraumabteil sitzen zwei Männer in meinem Alter, die sich unterhalten. Der eine stößt in regelmäßigen Abständen von vielleicht zwei Minuten einen kurzen, heftigen Laut von sich, eine Mischung aus Husten und Räuspern. Nach einer viertel Stunde bin ich genervt. Bevor ich auch aggressiv werden, packe ich meine Sachen und wechsle das Abteil. Ich bin immer wieder erstaunt, wie es andere Menschen schaffen, dass sie so etwas nicht massiv stört. Als Misophonikerin weiß ich zwar um meine chronische Überempfindlichkeit gegenüber Alltagsgeräuschen, aber es irritiert mich jedes Mal, wenn es anderen nicht so geht. Ich kann nichts dagegen machen und reagiere immer defensiv, d.h., ich ziehe mich zurück.

Der Zug kommt pünktlich in Hamburg an. Was nicht fährt, ist die S-Bahn. Also in die U-Bahn. In Gedanken bin ich in Oberneuland.

Donnerstag, 13. Oktober

Mein Corona-Tagebuch neigt sich dem Ende. Der Test heute morgen war negativ. Einkaufen, es gibt mittags ein Chili, dann zur Ärztin. Und wenn es nicht regnet, fahre ich in meinen Garten. Wir frühstücken mit Backbrötchen, Marmelade Frischkäse und gekochtem Ei, endlich wieder vertrautes Geplauder beim Kaffee.

Die Radfahrenden in Eimsbüttel fahren wie eh und je auf dem Bürgersteig. Einen weise ich zurecht, er zeigt sich einsichtig. Dennoch fühle ich mich entspannt und erholt. Die Zwangsauszeit hatte den Effekt, Abstand zu bekommen. Ich bin zwar noch nicht wieder fit, bin weiterhin verschleimt, huste und habe wieder geschwollene Nasenschleimhäute. Aber es ist alles erträglich. Vielleicht ist es auch ein Zeichen, mich gesundheitlich neu aufzustellen.

Beim Arzt – der eine Vertretung macht und mich nicht kennt – kommt das Erwachen: Er will mir zunächst keine rückwirkende Krankschreibung ausstellen. Ich bin fassungslos, habe doch gleich, nachdem ich das positive Testergebnis hatte, dort angerufen. Schließlich bekomme ich den Schein, auch weil ich den PCR-Test vorweisen kann. Ich kann ihn persönlich verstehen, nicht aber die schlechte Kommunikation der Hausarztpraxis.

Alfons Schuhbeck hat ein Teil-Geständnis abgelegt. Er stehe vor den Trümmern seines Lebenswerks, soll er vor Gericht gesagt haben. Und dass er kein guter Kaufmann sei. Nachdem, was die Ermittlungen ergeben haben und was vom Prozess berichtet wird, war er nicht nur das, sondern hat wissentlich, bewusst und in betrügerischer Absicht Geld aus den Kassen seiner Restaurants genommen. Und er hatte Helfer:innen und es gab mindestens noch eine zweite Person, die Einnahmen kaschiert hat. Weil ja so viele Gäste bar bezahlt hätten, vermutlich auch mal mit Schwarzgeld, soll Schuhbeck gesagt haben. Tagelang hätte dieses Geld dann bei ihm herum gelegen. Ich wundere mich (nicht), dass die politische Elite und die Rechten nicht über ihn herfallen, wie sie sonst über Schwarzfahrer:innen herfallen oder über Leute, die beim ALGII tricksen. So wie Friedrich Merz, derzeit Fraktionsvorsitzender der CDUCSU, der jüngst ukrainischen Geflüchteten Sozialtourismus (Unwort des Jahres 2013) vorgeworfen hat. Er hat sich zwar entschuldigt, aber manchmal, so sagt eine Weisheit zu Recht, kann das ausgesprochene Wort nicht mehr eingeholt werden.

Ich koche ein klassisches Chili con Carne. Wir bummeln durch die Schanze, probieren einen Mango-Minze-Smoothie in einem Laden, der neu aufgemacht hat. Mal sehen, wie lange er sich hält. Es ist ein seltsames Gefühl von Freiheit, einfach so rumlaufen zu können, ohne andere zu gefährden.

Am späten Nachmittag kommt Enkel 4 (1 Jahr) mit seinen Eltern vorbei. Er lässt sich natürlich die Treppen hochtragen. Seit ein paar Wochen ist er in der Kita, in derselben Gruppe wie Enkel 3. Er hat sich gut eingelebt, schläft zwei Stunden am Mittag – und ist auch jetzt ganz munter. Endlich kann er richtig laufen. Seine Eltern sind stolz – es liegt ja auch ein aufregendes, erstes, Jahr mit Kind hinter ihnen.

Mein Corona-Tagebuch endet hier. Meine Infektion ist vorbei. Dieser Text ist in fünf Tagen entstanden. Ich hoffe, dass dieser Text irgendwann einmal die Zeit präsent machen wird, in der er entstanden ist. Dass ich keine wirklich schlimmen Ereignisse darstellen musste, macht ihn natürlich wenig dramatisch. Dank der Impfung stehen schwere Verläufe und auch Todesfälle in keinem Verhältnis mehr zur Anzahl der Infektionen. Das sah 2020 noch ganz anders aus, als uns die Alten wegstarben und ich jeden Tag Angst um meinen Vater hatte, zumal ich zu ihm als Reisende zwischen Bremen und Hamburg regelmäßig Kontakt hatte und sein höchstes Infektionsrisiko gewesen war.

Ich schließe mit einer Corona-Meldung, in der es um die Bedeutung der Blutgruppe bei der Ansteckungsgefahr geht. Dass Menschen, die Blutgruppe 0 haben, ein geringeres Risiko haben, sich zu infizieren, weiß man schon länger. Aber die Wissenschaft will herausfinden, warum das so ist. Nun gibt es mehrere Vermutungen neben der, dass die Blutgruppe o die älteste Blutgruppe ist und damit die höchste Immunitätserfahrung aufweist. Neu ist, dass auch Zuckermoleküle eine Rolle spielen. Sicher vor einer Ansteckung ist man mir Blutgruppe 0 nicht, ich bin das beste Beispiel. Aber möglicherweise hat meine Blutgruppe dafür gesorgt, dass ich die Infektion erst jetzt bekommen habe.

Diesen Text widme ich Prof. Christian Drosten. Daher hier eines seiner vielen guten Interviews, die er im Laufe der Pandemie gegeben hat. Er hat mir und vielen anderen mit seiner Expertise geholfen, einen klaren Kopf zu bewahren. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

 

 

 

 

 

Der Fransenkamm

„Kersten nimmt den Unterricht sehr ernst. Ihre Hausaufgaben verrichtet sie zuverlässig und ordentlich.“ – Es handelt sich um einen Satz, den meine Grundschullehrerin in mein erstes Zeugnis geschrieben hat. Ich habe mir oft mein Ich mit sechs Jahren vorgestellt, das  todernst am Gruppentisch im Klassenraum sitzt und sich bemüht, dem Unterricht zu folgen, und alles unternimmt, um gute Ergebnisse zu erzielen.

Was mir in der Grundschulzeit nicht schwer viel. Ich hatte zwar nur wenige Einsen, dafür umso mehr Zweien. Ich war zufrieden damit und meine Eltern offenbar auch. Welche Rückmeldungen ich zuhause bekam, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber daran, dass ich einmal mit einem Zeugnis aus der Schule kam und es unserem Dorfpolizisten Herrn Thiel vorzeigte, der gerade vor seiner Wache stand, an der ich täglich zweimal vorbei musste. Herrn Thiel mochte ich sehr gern. Ich habe ihn einige Male in seiner Wache besucht, die trockene Büroluft geschnuppert und die Paperstapel und Ordner bewundert. Dass er da durchblickte! Ich durfte auch auf seiner Schreibmaschine tippen. Herr Thiel war immer sehr nett zu mir. Kein Polizist hat es jemals wieder geschafft, solche Sympathien bei mir zu wecken. Der Fransenkamm weiterlesen

Ostermarsch 2022: Hauptfeind ist, wer am Krieg verdient und Macht durch ihn erlangen will

Ich nehme am diesjährigen Ostermarsch nicht teil. Eigentlich ist er eine wichtige Veranstaltung und hat bundesweite Bedeutung. Eigentlich wäre er die beste Gelegenheit, für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren. Hunderttausende gehörten Ostern auf die Straßen. Eigentlich. Doch die Organisator:innen sehen als Hauptfeind auch im russisch-ukrainischen Krieg die NATO.

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Nazis in Oberneuland

Ich bin Jahrgang 1964, kam also 19 Jahre nach Kriegsende auf die Welt. Über Politik wurde zuhause wenig geredet, schon gar nicht über Nazis. Dass meine beiden Großväter Mitglieder der NSDAP gewesen waren, weiß ich daher erst seit kurzem.

Der Kindergarten, in den ich einst gegangen war, war in Bremen-Oberneuland einmal das NSDAP-Haus. Hier auf dem Foto sieht man die Frontseite an der Oberneulander Landstraße, recht hübsch renoviert. Das Hakenkreuz, das an der Fassade angebracht gewesen war, wurde nach 1945 entfernt. Nicht entfernt wurde ein Satz, der direkt über der Eingangstür in den dunklen Holzbalken gestanzt ist: „Wahrer Sozialismus – härteste Pflichterfüllung“.

Meine Recherchen haben ergeben, dass er eine verkürzte Fassung des Hitler-Zitates „Der wahre Sozialismus aber ist die Lehre von der härtesten Pflichterfüllung“ darstellt. 76 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, der über 70 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, die meisten in der Sowjetunion und China, steht das unbehelligt über der Haustür einer Kinderbetreuungseinrichtung; offenbar auch noch aufwendig renoviert.

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Die Selbstgerechte

Zurzeit wird das neue Buch von Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“ innerhalb der LINKEn heiß diskutiert. Anlass ist die Landesvertreter*innenversammlung der NRW-LINKEn am 10. April, bei der ide Landesliste für die Bundestagswahlen aufgestellt wird. Sahra kandidiert für Platz 1, was viele verhindern möchten. Viele andere wollen sie dort unbedingt sehen. Ansonsten, so lauten Befürchtungen, die ich unter anderem auf Facebook gelesen habe, hätte DIE LINKE keine Chance bei den Wahlen. Eine gewagte These, wie ich finde. weil sie nämlich nicht belegt wird. Als Meinungsäußerung ist sie natürlich okay. Eine weitere Behauptung kursiert, dass Sahra keine Linke mehr sei, sondern mittlerweile eine Rechte. Sie bekenne sich zum Konservatismus und ihre Aussagen zu Migration klingen, als würden sie aus dem Mund von AfD’lern kommen. In diesem Texte soll es vor allem darum gehen, dass man Behauptungen auch belegen soll. Daran kann die Glaubwürdigkeit gemessen werden. Die Selbstgerechte weiterlesen

Als ich auszog, das Regieren zu lernen

Screenshot TV-Beitrag Bremer Regionalfernsehen

Ich habe ein Jahr lang im Stab der Bremer Gesundheitssenatorin gearbeitet. Also während dieser eigentlich unfassbaren, seit der Spanischen Grippe nicht mehr da gewesenen, Gesundheitskrise der Menschheit, der Corona-Pandemie. Damit hatte ich die Gelegenheit, bei linker Regierungspolitik mitzumachen. Doch als die Koalition an der Weser geschmiedet wurde, ahnte noch niemand, was wenige Monate später auf die Welt zukommen würde. So wurden Haushaltspläne Makulatur und die Arbeitsfähigkeit von Parlamente und Regierungen einem Stresstest unterzogen. Und ich war mitt’n mang. Als ich auszog, das Regieren zu lernen weiterlesen

Rosa Luxemburg zu Quote und Gendern

©casimira

Wäre Rosa Luxemburg – deren Geburtstag sich am 5. März 2021 zum 150.-mal jährt, heute für die Quote und eine gendergerechte Sprache? Uneingeschränkt: Ja. Den Beleg dafür liefert die Visionärin unter anderem in diesem Text:

„Die Proletarierin“, 1914

Die Proletarierin braucht politische Rechte, weil sie dieselbe wirtschaftliche Funktion in der Gesellschaft ausübt, ebenso für das Kapital rackert, ebenso den Staat erhält, ebenso von ihm ausgesogen und niedergehalten wird wie der männliche Proletarier. Sie hat dieselben Interessen und benötigt zu ihrer Verfechtung dieselben Waffen. Ihre politischen Forderungen wurzeln tief in dem gesellschaftlichen Abgrund, der die Klasse der Ausgebeuteten von der Klasse der Ausbeuter trennt, nicht im Gegensatz von Mann und Frau, sondern im Gegensatz von Kapital und Arbeit. … Rosa Luxemburg zu Quote und Gendern weiterlesen

Meine Großväter

©privat

UPDATE 19.12.21, siehe neuer fünfter Absatz

Meine Großväter Alfred, geb. 1911, und Johann (geb. 1904) waren Mitglieder der NSDAP. Ich habe ihre Parteiausweise vor kurzem als Kopie aus de Bundesarchiv erhalten. Johann habe ich nicht kennengelernt. Er starb, als ich ein paar Monate alt war. Alfred war fester Bestandteil meiner Kindheit und hat auch noch seine beiden Urenkelkinder kennengelernt, bevor er 1988 an einer Krebserkrankung gestorben ist. Er war ein ruhiger, friedfertiger Mensch, der manchmal aus seiner Kriegsgefangenenschaft Geschichten erzählte. Lustige Erzählungen. Alfred war zudem Mitglied der Waffen-SS. Wohl auch deswegen steckten ihn die Alliierten ins Lager.

Meine Oma berichtete andere Dinge aus dieser Zeit: Über den Hunger, das Hamstern und ihre Angst vor Vergewaltigungen. Über die Besetzung ihres Hauses durch die Amerikaner. Und dass mit 28 Jahren angefangen hatte, zu rauchen – vor Hunger. Auch dass meine Mutter 1940 gezeugt wurde und ihren Vater erst kennenlernte, als sie fünf Jahre alt war. Meine Mutter war eine Hausgeburt, die Füße kamen zuerst und es war einer der heißesten Tage des Sommers 1941. Ich habe mir oft vorgestellt, was das für eine Strapaze gewesen sein muss. Meine Großväter weiterlesen

Abtreibung ist ein Grundrecht

veröffentlicht in: Mittelbayerische Zeitung, September 2020 “Außenansicht”

Dass immer weniger Ärztinnen und Ärzte Schwangerschaftsabbrüche durchführen, ist ein wachsendes Problem. Ungewollt Schwangere müssen immer größere Wege zurücklegen, um abtreiben zu lassen. Daher gibt es den richtigen Vorstoß, Universitätskliniken zu verpflichten, Abtreibungen durchzuführen und das dafür erforderliche, ärztliche Personal einzustellen.

Offenbar ist in den vergangenen Jahren auch die Debatte darüber innerhalb der Ärzteschaft zu kurz gekommen. Dies mag mit daran gelegen haben, dass die ärztliche Tätigkeit zunehmend durch kommerzielle Interessen bestimmt wird. Ärztinnen und Ärzte müssen heute vielmehr darauf achten, dass sie ihre Arbeit ökonomisch ausrichten und mit Schwangerschaftsabbrüchen kann man nicht viel Geld verdienen.

Abtreibungen sind etwas völlig Normales. Dennoch sind sie mit Tabu und Stigma belegt. So werden Ärztinnen und Ärzte, Beratungseinrichtungen wie Pro Familia und ungewollt Schwangere immer wieder durch Abtreibungsgegner belästigt und bedroht. Ein Spießrutenlauf insbesondere für Frauen, überwiegend übrigens Mütter, nicht wenige über 40 Jahre alt. Abtreibung ist ein Grundrecht weiterlesen

Keine ungeborenen Kinder

Ich habe mir nie die Frage gestellt, was es wohl für Kinder geworden wären. Ob Mädchen oder Jungen. Ob dunkelhaarig oder blond. Ob schlau, pragmatisch veranlagt, hochbegabt. Nie. Wirklich nicht. Die vier Schwangerschaften, die ich in meinem Leben bewusst beendet habe, hatten für mich keine Sekunde mit einem neuen Menschenleben zu tun. Waren also auch nicht von einem schlechtem Gewissen oder Schuldgefühlen gegenüber “ungeborenen Kindern” begleitet. Ich wurde in meinem Leben fünfmal ungewollt schwanger und viermal davon habe ich entschieden, abzutreiben. Fertig aus. Ich hatte zudem höchstwahrscheinlich eine Fehlgeburt ganz am Anfang einer Schwangerschaft. Auch die war kein Problem für mich. Ich hatte zu dieser Zeit keinen Kinderwunsch.

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