Johanna

Johanna und Rudi auf meiner Gartenschaukel im Mai 2017

Vor ganz genau zwei Jahren haben mich Rudi und Johanna im Garten sucht. Ende Mai 2017. Es war schön warm und ich hatte die beiden von der S-Bahn abgeholt. Johanna fand es ein wenig verrückt, dass ich diesen Garten hatte, aber sie pflegte auf ihren kleinen Balkon auch immer ein paar Pflanzen und erfreute sich an ihnen, wenn sie an ihrem Schreibtisch saß. Ihr Bett stand genau gegenüber der Balkontür an der Wand, sodass sie gleich beim Aufwachen darauf schauen konnte.

Johanna lebt nicht mehr. Sie starb letzte Woche mit 83 Jahren. Als ich es erfuhr, musste ich in den Himmel schauen, vermutete sie instinktiv dort, und sagte zu ihr: “Warum hast Du mir nicht Bescheid gesagt, wie schlecht es Dir ging? Warum haben wir uns nicht noch einmal getroffen? Johanna weiterlesen

Petra

Vor sechs Wochen hatten wir auf der Terrasse unseres Vaters gesessen. Ich erzählte aus meinen Erinnerungen, wie wir Schwestern immer zusammen in die Wanne mussten. Es gab nur ein Handtuch. Petra fand immer wieder einen Dreh, dass sie zuerst aussteigen durfte und damit das Handtuch im trockenen Zustand bekam. Sie schaute mich an: Daran konnte sie sich partout nicht mehr erinnern. Kein Wunder, dachte ich. Sie, die ewige Siegerin unserer kindlichen Wettspiele, hatte damals viele zu viele Triumphe eingefahren, als dass ihr dieser in Erinnerung hätte bleiben können.

Mir fallen jetzt so viele Geschichten wieder ein. Da war die Sache mit den Tampons: So fragte ich sie einmal, da war ich neun oder zehn Jahre alt, ob die 10er-Packung “o.b.”, die sie hinter der Toilette liegen hatte, für zehn Monate reichen würde. Sie lachte mich natürlich aus. Unvergessen auch, wie sie mich das erste Mal einen Joint mitrauchen ließ. Da saßen wir auf ihrem großen Bett, eine Gitarre und mehrere Kerzenhalter hingen an der Wand, die Vorhänge waren zugezogen. Als ich anfing herumzukichern, beömmelten ihre Freundin Assi und sie sich aufs Feinste. Und als sie ein Mofa bekam, durfte ich mich auch mal drauf setzen, gab Gas  – und landete in der Hecke.

Warum haben wir uns nicht öfter über unsere Kinderzeit ausgetauscht? Wir hatten Jahrzehnte dafür Zeit und haben sie uns viel zu selten genommen. Jetzt habe ich keine Möglichkeit mehr. Meine große Schwester ist tot. Petra weiterlesen

Marlene

marleneMarlene. Eine autobiographische Erzählung.

„Du darfst absolut niemandem sagen, wo ich bin!“ Marlene fixiert Nadine mit ihrem Blick.

Ich nicke, auch wenn ich jetzt schon davor Angst habe, ihrer Mutter zu begegnen, und entziehe mich ihren Augen. Das zerdepperte Sparschwein liegt auf dem Boden. Ich hatte es ihr vor Jahren zum Geburtstag geschenkt. Marlene fischt zwischen der zerbrochenen Keramik Münzen und Scheine heraus.

„Mist“, schimpft sie. Sie hat sich geschnitten. Fluchend rennt sie ins Bad. Ich trenne die Scherben vorsichtig von dem Geld. Zwei Häufchen entstehen. Marlene hat eine Zeit lang Zwanzig-Cent-Stücke gesammelt, die blitzblank aus der Prägung kamen. Und neue Fünf-Euro-Scheine. Die einmal in der Mitte gefalteten Fünfer sehen immer noch aus wie Spielzeuggeld, das Hartgeld glitzert nicht mehr. Heute Abend wird der Schatz geopfert. Ob das Geld für eine Fahrkarte nach Münster reicht?

„Ich habe noch 50 Euro“, rufe ich durch die Wohnung, „du kannst sie haben. Wer weiß, ob du es gleich findest. Vielleicht musst du ein Taxi nehmen.“

„Nein, verdammte Scheiße“, höre ich Marlene schimpfen. Dass sie mein Geld nicht will, hätte sie mir auch anders sagen können. Ich laufe zu ihr. Blut ist auf den weißen Wuschelteppich getropft, der vor dem Waschbecken liegt. Ich wickel ein Pflaster aus und klebe es meiner Freundin um den Finger. Marlene weiterlesen

Hinter Gittern

huberVeröffentlicht im FREITAG, 30. Juni 2016

Sie stapelt die Brotscheiben, als würde sie einen längeren Ausflug planen. Dann umarmt Claudia*, 30 Jahre alt, zum Abschied mit vollbepackten Händen Gisela Huber und sagt: „Du verschönerst uns alle zwei Wochen das Leben.“ Sie sitzt im Frauengefängnis in Hamburg-Billwerder ein, drei Monate hat sich noch. Sie ist eine von derzeit 70 Frauen, die hier ihre Haftstrafen verbüßen müssen.

Zwei Stunden zuvor ertönte eine männliche Stimme aus dem Lautsprecher in der Justizvollzugsanstalt: „Die Rotkehlchengruppe findet jetzt statt.“ Gisela Huber hat die Gesprächsrunde nach ihrem Lieblingsvogel benannt. Die 76-Jährige bietet die Gruppe seit neun Jahren ehrenamtlich zusammen mit einem Bekannten an. Nur zu zweit dürfen sie die Treffen stattfinden lassen. Beide wurden zudem drei Monate lang von einem Verein geschult, der straffällig gewordene Menschen unterstützt. Hinter Gittern weiterlesen

Die Tödin

dsc_9938Weibliches Erbe: Die Theologin Andrea Martha Becker bildet Frauen zu Trauer- und Sterbebegleiterinnen aus. Erschienen im FREITAG, 12. November 2015

Der Tod war früher nicht allein unterwegs. Die Tödin begleitete ihn. Legenden, Gedichten und Sagen zu Folge stritten sie miteinander, führten Zwiegespräche, teilten sich die Arbeit. Tödinnen kennt heute so gut wie niemand mehr. Dabei ist der Tod im russischen und französischen feminin. Die „Santa Muerte“, die Tödin, spielt auch im Totenkult Mexikos und Kubas eine Rolle. Doch selbst bei Übersetzungen ins Deutsche wird er kurzerhand entweiblicht. Die Tödin weiterlesen

Der Ausnahmegewerkschafter

ben-beckerBrecht schrieb: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.“ Ich habe Rolf Becker oft Brecht-Texte vortragen hören, vielleicht war auch dieser Satz einmal dabei. Wenn ich Texte von Bertolt Brecht lese, höre ich die Stimme von Rolf Becker. Rolf ist aber noch mehr für mich: mein Kollege und Kampfgefährte. Der Ausnahmegewerkschafter weiterlesen

Mein Onkel, der mir Bücher schenkte

51cxgh2-vtl-_sl500_sy344_bo1204203200_Mein Onkel hat fast nie mit mir gesprochen. Er war der Einzige, der mir Bücher geschenkt hat.

Er ist ein Einzelgänger, dachte ich als Kind. „Er ist ein kluger Mann.“, sagte mein Vater. Er spielte Schach und war Kassenwart im Oberneulander Turnverein. Und war von Beruf Prokurist. Er war unverheiratet und hatte keine Kinder. Zeitlebens wohnte er bei meiner Oma. Mein Onkel, der mir Bücher schenkte weiterlesen

Gisela Kessler. Ein Nachruf

bild_34393Noch vor wenigen Tagen habe ich wieder einmal an sie gedacht. Wie es ihr wohl geht? Was ihre Gesundheit macht? Ob sie wieder reisen kann? Am 13. Mai 2014 ist Gisela Kessler 78-jährig gestorben. Es ist ein großer Verlust für die Frauen- und Gewerkschaftsbewegung. Ich bin traurig. Gisela Kessler. Ein Nachruf weiterlesen

Nelson Mandela: Sein letzter großer Kampf galt HIV/Aids

2d9860416-131206-mandela-aids-130p-nbcnews-ux-2880-1000Als er zu lebenslänglich verurteilt wurde, wurde ich geboren. Als er freikam, war ich erwachsen. Wie fast kein anderer Mensch hat Nelson Mandela meinen politischen Weg geprägt. Ich habe den bewaffneten Kampf des ANC in Südafrika unterstützt, denn der ANC sah keinen anderen Ausweg mehr für die unterdrückte Mehrheit des Landes, die Menschenrechte zurückzuerlangen. Ich habe für die Freilassung von Nelson Mandela gekämpft, den die Rassisten 27 Jahre lang weggesperrt hatten. Ich habe keine Früchte aus Südafrika gekauft und gegessen, denn der ANC hatte aufgerufen, Importe aus Südafrika zu boykottieren. Nelson Mandela: Sein letzter großer Kampf galt HIV/Aids weiterlesen