Filmkritik: Der Tod ist ein Arschloch

Filmkritik

Sinnstiftend arbeiten, sich viel Zeit für An- und Zugehörige nehmen – das ist das Credo von Eric Wrede. Er hat auch ein Buch geschrieben und betreibt einen Podcast. In den Film “Der Tod ist ein Arschloch” wird er porträtiert.


Wenn Musikmanager Bestatter werden, kann das eine gute Idee sein. Sie wissen um die Macht der Inszenierung. Sie kennen die Kraft der Emotionen. Sie haben ein Gespür für Trends.

Der 79-minütige Dokumentarfilm „Der Tod ist ein Arschloch“ porträtiert den Berliner Bestatter Eric Wrede, der vor wenigen Jahren als Seiteneinsteiger begann und zuvor Musikmanager gewesen war.

Der Film zeigt seine unkonventionellen Arbeitsmethoden und seines Teams: Er arbeitet fast ausschließlich mit Frauen zusammen, darunter seine Schwester und seine Frau. Der Mittvierziger ist in der DDR groß geworden. Er trägt weite Pullover und Pudelmütze. Lange Koteletten umrahmen sein rundes Gesicht.

Eric Wrede wurde Bestatter, weil er eine sinnstiftende Tätigkeit gesucht habe, sagt er. Trauer sei so viel mehr als Traurigsein. Er sehe sich eher als Trauerbegleiter und nehme sich für An- und Zugehörige viel Zeit. Trauerfeiern seien nicht das Wichtigste, sondern die Zeit zwischen Sterben und Beisetzung.

Im ARD-Mittagsmagazin des Mitteldeutschen Rundfunks wird ein fast 14 Minuten langer Talk mit ihm damit angekündigt, dass er „wohl einer der bekanntesten Bestatter hierzulande“ sei. Er habe den Blick auf das Abschiednehmen spürbar verändert. In dem Beruf würde sich so viel verändern, sagt auch Wrede, man könne noch so viel verändern.

Recht hat er. Die Branche ist allerdings nicht erst, seit Eric Wrede Bestatter wurde, im Umbruch. Viele Bestatter:innen haben – parallel mit der Entstehung der Hospize und der Entwicklung der Palliativmedizin ab den 1980er Jahren – mit Menschlichkeit, Empathie und Transparenz den Dienstleistungen an Toten ein neues Gesicht gegeben.

Die meisten wenigsten werden überregional bekannt – Bestattungen sind lokal tätige Unternehmungen, haben Kund:innen aus der Nachbarschaft.

Sendungsbewusst sind bislang nur wenige: Das berufliche Selbstverständnis ist eher, sich im Hintergrund zu halten.

In “Der Tod ist ein Arschloch” steht Eric Wrede im Mittelpunkt. In einer Szene sitzt er an einem Tisch, neben ihm seine Mitarbeiterin, gegenüber eine Frau und ein Mann. Die Frau ist die Kreuzberger Bestatterin Gabi Kohn, die unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Es wird geweint und gelacht in dieser Sequenz. Die Szene berührt, durch den spärlich besetzten Kinosaal fließen die Emotionen. Da sitzt ein Mensch, der bald stirbt und dennoch Humor hat. Sie sei froh über jeden Moment, in dem sie nicht „daran“ denkt, sagt Gabi Kohn.

In einer der nächsten Szenen sitzt ihr Bekannter ohne sie bei Wrede am Tisch. Gabi ist gestorben, die Planungen für die Trauerfeier werden konkreter.

Am Ende des Films findet die Trauerfeier für Gabi statt: LED-Kerzen rahmen die schlichte Holzurne und Blumengestecke, ein Frauenchor singt. Man erfährt ansonsten nicht viel über die Tote, außer dass sie in diesem Chor mitgesungen hatte. Aber das war auch nicht der Sinn des Filmes. Der handelt ja von Eric Wrede.

Diese Lücke hat Berliner Tagesspiegel mit einem Nachruf auf Gabi Kohn gefüllt. Es ist die Erzählung von einer Frau, die sich von einer scheuen Sanftmütigen zu einer energischen Rebellin empowert hat – lesenswert!

Man sollte noch ergänzen: Vor allem Frauen haben maßgeblich zum Wandel der Bestatter-Branche beigetragen. Weibliche Abschieds- und Trauerkultur war jahrhundertelang in Vergessenheit geraten. Da wird gerade viel aufgeholt, die männlichen Kollegen profitieren davon – und das ist auch gut so.

„Der Tod ist ein Arschloch“ ist weder „mutiges Porträt“, wie es in einer Ankündigung heißt, noch „frech“, „provokant“ oder „radikal ehrlich“. Und Eric Wrede ist auch kein Pionier.

Der Film ist eine Hommage an einen Mann, der seine Mission gefunden zu haben scheint. Dafür darf man ihm Glück und Erfolg wünschen: Empathische Bestatter:innen die sich viel Zeit nehmen, kann es nie genug geben.

Doch ist eben auch der Ruhm vergänglich – wie das Leben. Und wenn er nur geliehen ist, hat er auch wenig Substanz.

Aber vielleicht macht sich bald ein:e Regisseur:in auf, das Leben und Wirken von Gabi Kohn zu verfilmen. Es könnte ein wichtiger Beitrag zum kollektiven Gedächtnis sein.

„Der Tod ist ein Arschloch“, Kinostart: 27.11.25, Regie und Drehbuch: Michael Schwarz

* Nachruf auf Gabi Kohn im Tagesspiegel

 

Grönemeyer: “Demenz”. Ein Buch für alle

Titelblatt des Buches "Demenz" von HDietrich GrönemeyerRezension (veröffentlicht im Journal von Caspary-Bestattungen)

Demenz ist nach Krebs die Krankheit, vor der in Deutschland die größte Angst besteht. Kein Wunder, dass Informationen darüber hohe Aufmerksamkeit bekommen. Einer, der besonders gut Ursachen, Folgen und den Umgang mit Demenz erklären kann, ist der Mediziner und Autor Dietrich Grönemeyer. Er hat bereits mit seinem Wissen über Rückenleiden ein Millionenpublikum erreicht. Grönemeyer: “Demenz”. Ein Buch für alle weiterlesen

Der fantastische Bus: Das hätte er besser machen können

Jakob Martin Strid ist ein dänischer Schriftsteller. Außerdem zeichnet er und musiziert. Der 52-jährige hat bereits mehrere Preise gewonnen. Sein Buch „Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne“ wurde verfilmt.

Sein neuestes Werk “Der fantastische Bus“ wiegt ebenfalls schwer – vor allem an Gewicht: Es bringt 2,5 Kilogramm auf die Waage, umfasst über 200 Seiten und wird in den Medien gefeiert: Die Rezension in der Zeit trägt die Überschrift „Geiler Trip“. Der Merkur schreibt von einem „Kinderbuch-Meisterwerk“. Der Tagesspiegel lobt es als „Schwergewicht“. Der Schriftsteller gibt sich selbstkritisch. Der Süddeutschen Zeitung offenbart er: „Das hätt´ich besser machen müssen.“ Er sei ein bescheidener Meister seiner Zunft, würdigt Journalist Alex Rühle den Dänen.

Ich habe das Buch mit großen Erwartungen für 68 Euro gekauft und meinen beiden jüngsten Enkeln vorgelesen – es ist für Kinder ab vier Jahre ausgewiesen. Danach habe ich entschieden, es zurückzugeben. Der fantastische Bus: Das hätte er besser machen können weiterlesen

Die Akte Tellmann

Über 300.000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten systematisch ermordet, weil bei ihnen eine körperliche oder geistige/psychische Einschränkung diagnostiziert worden war. Zuvor erlitten sie körperliche Eingriffe, durch die sie sich nicht mehr fortpflanzen oder sexuelle Lust empfinden konnten: Sterilisationen, Kastrationen, Abtreibungen. Zur Legitimation dieser Verbrechen waren Gesetze wie etwa zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ eingeführt worden. Amtlich eingesetzte Pfleger oder Vormünder waren zustimmungspflichtig.

Einer war der Bremer Notar und Anwalt Dr. Arend Tellmann, der als Pfleger für den jungen Arbeiter Johann Meyer aus Oberneuland zuständig war, der unter Schizophrenie gelitten haben soll. Das Erbgesundheitsgericht Bremen hatte am 4. Juni 1935 seine „Unfruchtbarmachung“ angeordnet. Im August 1942 wurde er in die osthessische Tötungsanstalt Hadamar gebracht. Vier Monate später war er tot. Die Akte Tellmann weiterlesen

Johann Meyer – wie ein Leben lebensunwert wurde

Johann Meyer war Arbeiter. Er wurde im hessischen Hadamar in einer der Tötungsanstalten der Nationalsozialisten ermordet. Sie waren neben den KZs strategisch eingerichtete Orte, an denen in der NS-Zeit Massenmorde durchgeführt worden waren..

Der Oberneulander Johann Meyer war eines von über 300.000 Opfern planmäßiger Krankenmorde. Denn behinderte und psychisch Erkrankte galten bei den Nazis als „unwertes Leben“. Zuvor wurden sie meist durch Sterilisationen verstümmelt.

Für Johann gibt es nun ein Stolperstein. Er wurde in der Apfelallee 4 in Bremen-Oberneuland in den Bürgersteig eingelassen. Dort war er geboren worden und aufgewachsen. Zwei Häuser weiter, Apfelallee 8, wurde zeitgleich ein Stolperstein für Betty Denker verlegt, die im niedersächsischen Wehnen ermordet worden war. Johann Meyer – wie ein Leben lebensunwert wurde weiterlesen

Warum nur hat sie dieses Buch geschrieben?

Das Buch „Aus die Maus“ von Zaklin Nastic erscheint in unruhigen Zeiten. Zum einen befindet sich DIE LINKE, für die Zaklin im Bundestag sitzt, in existentieller Not – gekennzeichnet durch Wahlniederlagen und Mitgliederschwund. Zum anderen haben die Finanz- und Wirtschaftskrise und die Pandemie die soziale Spaltung weiter verschärft – es gibt immer mehr arme Menschen und immer mehr Superreiche. Ressourcenknappheit, globale Wettbewerbe, Grenzkonflikte und innerstaatliche Machtfragen befördern zudem weltweit Kriege. Und nicht zuletzt die Rechtsentwicklung in vielen Staaten sowie die Auswirkungen des Klimawandels stellen große Herausforderungen für linke und zivilgesellschaftliche Institutionen und Bewegungen dar. Anhaltend wirkt sich der Bedeutungsverlust der Repräsentation aus. Warum nur hat sie dieses Buch geschrieben? weiterlesen

Meine Großväter

©privat

UPDATE 19.12.21, siehe neuer fünfter Absatz

Meine Großväter Alfred, geb. 1911, und Johann (geb. 1904) waren Mitglieder der NSDAP. Ich habe ihre Parteiausweise vor kurzem als Kopie aus de Bundesarchiv erhalten. Johann habe ich nicht kennengelernt. Er starb, als ich ein paar Monate alt war. Alfred war fester Bestandteil meiner Kindheit und hat auch noch seine beiden Urenkelkinder kennengelernt, bevor er 1988 an einer Krebserkrankung gestorben ist. Er war ein ruhiger, friedfertiger Mensch, der manchmal aus seiner Kriegsgefangenenschaft Geschichten erzählte. Lustige Erzählungen. Alfred war zudem Mitglied der Waffen-SS. Wohl auch deswegen steckten ihn die Alliierten ins Lager.

Meine Oma berichtete andere Dinge aus dieser Zeit: Über den Hunger, das Hamstern und ihre Angst vor Vergewaltigungen. Über die Besetzung ihres Hauses durch die Amerikaner. Und dass mit 28 Jahren angefangen hatte, zu rauchen – vor Hunger. Auch dass meine Mutter 1940 gezeugt wurde und ihren Vater erst kennenlernte, als sie fünf Jahre alt war. Meine Mutter war eine Hausgeburt, die Füße kamen zuerst und es war einer der heißesten Tage des Sommers 1941. Ich habe mir oft vorgestellt, was das für eine Strapaze gewesen sein muss. Meine Großväter weiterlesen

(Zu) Späte Aufarbeitung

veröffentlicht in publik 1/2020

bauer media group – Lange blieb im Verborgenen, dass die Bauer-Verlagsgruppe von Anfang an die NSDAP mit ihren Zeitschriften, Groschenromanen und mehr unterstützt, sich an jüdischem Eigentum bereichert hat und das bis in die Nachkriegszeit hinein. Jetzt ist der Verlag mit seiner Vergangenheit konfrontiert

„Alfred Bauer … prägte mit seinem verlegerischen Instinkt, wirtschaftlichem Wagemut und Energie die erfolgreiche Entwicklung der Unternehmensgruppe … Seine Leistung und Einsatzfreude wird uns allen Vorbild sein in dem Bemühen, sein Werk in seinem Sinne fortzusetzen“, hieß es in der Mitteilung an alle Bauer-Beschäftigten im Mai 1984, mit der das Management über den Tod des Verlegers informierte. Es sind Worte, die in dieser Form heute vermutlich nicht mehr geschrieben würden. Denn Alfred Bauer, geboren 1898, war NSDAP-Mitglied. Sein Unternehmen beteiligte sich – wie andere auch – an der von den Nationalsozialisten betriebenen sogenannten „Arisierung“. Historiker sprechen rückblickend auch von „Raubkauf“. (Zu) Späte Aufarbeitung weiterlesen

Interview: „Grenzen im Kopf”

Sönke Fock: “Es bleibt immer der schmale Grat zwischen Respekt vor dem Gegenüber und der Privatsphäre und dem, was wirklich für unsere Dienstleistung von Bedeutung ist.”

Es ist Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit Hamburg (rechts auf dem Bild), ein ganz persönliches Anliegen, Vielfalt am Arbeitsplatz in der Behörde zu leben und gleichzeitig eine neue professionelle Sicht auf Arbeitsvermittlung zu entwickeln. Hier spricht er über seine Motive, Erfahrungen und Forderungen – an sich selbst, an die Arbeitsvermittler*innen, an Unternehmerinnen und Unternehmer. Und welche Chancen vergeben werden, wenn Diversitäten in den Betrieben ignoriert werden.

Interview: Kersten Artus

Herr Fock, warum ist es heute immer noch nicht selbstverständlich, sich als schwul, lesbisch, intersexuell oder transgender im Betrieb zu outen?

Sönke Fock: Das ist leider so, weil viele Menschen sich immer noch fragen, ob damit Nachteile für sie verbunden seien. Oder weil sie glauben, dass Chefin oder Chef wie auch Kolleginnen und Kollegen es nicht akzeptieren. Deswegen sind Grenzen im Kopf und im Herzen, um sich ohne Bedenken zu öffnen.

Sind da wirklich nur Grenzen in Kopf und Herzen?

S.F.: Die Erfahrungen mit Diskriminierungen sind sehr unterschiedlich. Aus Gesprächen weiß ich, dass es nicht oder selten die direkte Ablehnung ist, sondern sie eher indirekt erfolgt. Etwa, indem Kontakte seltener werden oder sich die Kommunikation verändert; oder dass eine gewisse Sprachlosigkeit einzieht. Aber es gibt auch die anderen Erfahrungen. Reaktionen wie „Das wussten wir schon längst, wir haben nur nicht darüber gesprochen“. Oder das Outing wird einfach positiv oder eher beiläufig aufgenommen. Interview: „Grenzen im Kopf” weiterlesen