Rezension: Sexualität geht nicht in Rente

Rezension, erschienen im Magazin von Pro Familia, Mai 2026

Elke Franzki hat in Hamburg viele Jahre als Gynäkologin und Sexualtherapeutin gearbeitet. In das Buch „Liebe, Sexualität und Zärtlichkeit“ hat sie ihre ganze Berufserfahrung hineingelegt. Sie gibt Antworten auf Fragen, die über 50-Jährige oft nicht mehr zu stellen wagen und bringt die Komplexität sexueller Empfindungen einem breiten Publikum nahe. Sie balanciert ihr Wissen empathisch und ermutigend zwischen Biologie, Identität, Orientierung, Beziehungen und Emotionen.

Elke Franzki hat eine anspruchsvolle Zielgruppe. Ältere denken oft, ihnen könne in Sachen Sex keine:r mehr was vormachen. Sie haben sich eingerichtet. Doch weiß Elke Franzki um die trügerische Selbstsicherheit: Liebe Leserinnen und Leser, schreibt sie, ich wende mich mit der Idee an Euch, dass auch ihr viele Fragen habt, aber niemandem, dem ihr sie stellen könnt.

Sie weiß, wovon sie spricht – von ihre Patientinnen. Das Sexualleben Älterer ist häufig nicht (mehr) erfüllend, nicht angstfrei und mit Sorgen belegt. Lustlosigkeit, Schmerzen und ein fehlender Orgasmus sind verbreitet – man spricht nur nicht drüber. Vielleicht ist manche auch froh, endlich „Ruhe“ zu haben?

Elke Franzki sagt, dass es etliche Ursachen gibt, die Sexualität und Lustgefühle durcheinanderbringen. Schnell ist in Fachkreisen von Störungen die Rede. Und wer will schon gestört sein?

Elke Franzki spricht lieber von Wellenbewegungen des Lebens. Sie positioniert Mutmach-Geschichten aus ihrem beruflichen Alltag zwischen ihren Wissensreichtum und schlägt spielerische Übungen vor. Sie räumt mit Mythen und Vorurteilen auf.

Ein besonders hartnäckiges lautet: Ich sehe nicht mehr attraktiv aus. Dabei lässt sich Sexualität lernen, entgegnet die Therapeutin, die schon früh Pro-Familia-Mitglied geworden ist: Sexualität geht nicht in Rente.

Ihr Plädoyer lautet: Jeder Mensch hat ein Recht auf Erfüllung, Angst- und Sorgenfreiheit beim Sex – und seien die Einschränkungen und Lebenssituationen noch so einschneidend. Unsicherheiten durch die Wechseljahre, eine Krebserkrankung oder Trennungen sind nur einige davon. Oder durch Pflege. Oder im Hospiz.

Die Privatsphäre in der stationären Pflege ist unzureichend, Pflegekräfte tun sich schwer, mit Gepflegten oder Angehörigen offen zu sprechen – oder einfach auch nur ein Schild „Bitte nicht stören“ von außen an die Tür zu hängen.

Doch wie kann das Expertisen-Parodoxon der Best Ager, Young Old und Old Old aufgelöst werden? In ihrer therapeutischen Arbeit stellt Elke Franzki oft die Frage: Wie hast Du Sex gelernt?

Was durftest Du als Junge – nicht? Was durftest Du als Mädchen – nicht? Was machte Spaß, was wirkte körperlich anregend? Hast Du es „da unten“ genannt und fandest es eher „bäh“, vor allem als Mädchen? Hast Du irgendwann aufgehört, Fragen zu stellen oder Dich zu erkunden? Die Erkenntnisse können schmerzhaft sein. Wie auch übergriffige Erfahrungen.

Wellenbewegungen des Lebens sind das eine, Tabus, Glaubenshaltungen, kulturelle, religiöse und persönliche Normen, ziehen weitere Grenzen – wie auch Machtverhältnisse.

Gesetze und wirtschaftliche Interesse die Margen von unbefangenem Umgang mit dem eigenen Körper und Liebe zu sich selbst diktieren. Man denke an den § 175 StGB, der Homosexualität kriminalisierte, das Eherecht, Prostitutionsverbote oder die Porno-Kampagne. Auch kleine Wohnungen oder die Ansprüche der Leistungsgesellschaft wirken auf Intimität.

Unerkannt bleiben zudem oft Einflüsse des Werbegrundsatzes Sex Sells, weil er emotional manipuliert. Etliche Studien belegen den Effekt. Elke Franzki hat auch diesen politischen Blick auf Sexualität – und man kann ihr dafür dankbar sein.

Liebe, Lust & Zärtlichkeit, Dr. med .Elke Franzki, Goldegg, 283 Seiten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert