Vor einiger Zeit fand ich dieses Flugblatt in meinem Briefkasten. Wie bei Abtreibungsgegnern in der Regel üblich, ohne Absender.
Mich interessiert dieses Zeug im Grunde genommen nicht. Da aber die AfD sich zur Aufgabe gemacht hat, die parlamentarische Sperrspitze von Abtreibungsverboten zu werden, habe ich hier eine Übersicht erstellt, in welcher Form sie sich an den verschwörerischen, bedrohlichen und auch falschen Behauptungen meiner Meinung nach anlehnt.
Eine Analyse des Flyers ist am Ende dieses Beitrages zu finden
Absolutes Verbot / Verdammnis ab Befruchtung
Aus dem Flyer: Die befruchtete Eizelle ist bereits „heiliges Leben“. „Abtreibung“, „Pille danach“ und die Spirale müssen komplett verworfen werden.
AfD: Schutz des Lebens ab der Befruchtung. Die AfD definiert den Embryo im Grundsatzprogramm ab der Befruchtung als menschliches Leben. Sie fordert ein striktes Festhalten am Lebensschutz und lehnt jede Liberalisierung (wie die Abschaffung des § 218 StGB) vehement ab.
Ablehnung von Pränataldiagnostik
Aus dem Flyer: Verwerfung von „auf Tötung abzielender Pränataldiagnostik“. Ein Kind müsse geboren werden, selbst wenn es krank oder nicht lebensfähig ist.
AfD: Kritik an Selektion und Reihenuntersuchungen. Die AfD (insb. Beatrix von Storch) positioniert sich scharf gegen die reguläre Kassenfinanzierung von pränatalen Bluttests (z. B. auf Trisomien). Argumentiert wird gegen eine „Selektion“ von Menschen mit Behinderung vor der Geburt.
Kritik an der Reproduktionsmedizin
Aus dem Flyer: Die „harmlos klingende Kinderwunschbehandlung“ (wie künstliche Befruchtung) wird als Vergehen gegen Gottes Ordnung pauschal verworfen.
AfD: Ethische Ablehnung moderner Fortpflanzungsmedizin. In Anträgen und Reden warnt der christlich-konservative Flügel der AfD vor der „Kommerzialisierung des Lebens“ (z. B. durch Leihmutterschaft oder Eizellspende) und fordert strenge ethische Grenzen für die Reproduktionsmedizin.
Psychologischer Druck / Schock-Methode
Aus dem Flyer: Der Brief soll ein „heilsamer Schock“ (durch Bilder von Föten und Geistern) für Ärzte und Schwangere sein, um sie zur Buße und Umkehr zu bewegen.
AfD: Visuelle Konfrontation in der Pflichtberatung. Die AfD forderte in parlamentarischen Anträgen, die Schwangerschaftskonfliktberatung zu verschärfen. Frauen sollte dort verpflichtend ein Ultraschallbild des Fötus gezeigt werden, um die psychologische Hürde für einen Abbruch maximal zu erhöhen.
Abtreibung führt zu Einwanderung
Aus dem Flyer: Irlmaiers Prophezeiung verknüpft die „Sittenverderbnis“ (68er-Bewegung) und den „Glaubensabfall“ direkt mit dem darauffolgenden Zustrom „fremder Leute ins Land“.
AfD: „Kinder statt Einwanderung“ (Demografischer Kulturkampf). Die AfD verknüpft Geburtenraten direkt mit Migrationspolitik. Im Programm wird gefordert, den demografischen Wandel durch eine „aktivierende Familienpolitik“ für die einheimische Bevölkerung zu lösen, anstatt auf Zuwanderung zu setzen („Willkommenskultur für ungeborene Kinder“).
Feindbild 1968er-Bewegung / Moderne Werte
Aus dem Flyer: Der gesellschaftliche Niedergang habe mit der „linken ’68er-Bewegung“ und der daraus resultierenden „Sittenverderbnis“ begonnen.
AfD: Kulturkampf gegen das „Erbe von 1968“. Die Überwindung des „geist- und kulturlosen Erbes der 68er-Bewegung“ ist ein Kern-Narrativ der AfD. Sie macht diese Epoche für den Verfall traditioneller Familienstrukturen, „Gender-Ideologie“ und den Verlust nationaler Identität verantwortlich.
Fazit
Während das Papier die Argumente rein metaphysisch begründet (Sünde, Jenseits, Fegefeuer, strafender Gott), kleidet die AfD exakt dieselben Zielsetzungen in ein weltlich-juristisches und demografisches Gewand (Erhalt des Staatsvolkes, Verfassungsschutz des ungeborenen Lebens, Bewahrung der traditionellen Familie).
Analyse Flyer
1. Wahrheitsgehalt und Quellenkritik
Das Papier vermischt historische Fakten, unbelegte Anekdoten und subjektive Prophezeiungen, um eine manipulative Drohkulisse aufzubauen.
• Alois Irlmaier und der „Gauklerprozess“ (1947): Es ist historisch korrekt, dass Irlmaier 1947 (das Dokument nennt fälschlich teils spätere Jahre) vor dem Amtsgericht Laufen vom Vorwurf der „Gauklerei“ freigesprochen wurde. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er nicht in betrügerischer Absicht handelte. Die im Text erwähnte Anekdote mit der Ehefrau des Richters im roten Kleid ist jedoch eine Legende, die in den offiziellen Gerichtsakten nicht existiert, sondern nachträglich zur Mythenbildung beigetragen hat.
• Der „prophetische Countdown“: Die dem Jahr 1952 zugeschriebene Voraussagungskette („Wohlstand“, „Glaubensabfall“, „Sittenverderbnis“, „Zustrom fremder Leute“) ist eine Ex-post-Deutung (Rückschaufehler). Den Begriff „Refugees Welcome“ oder die Jahreszahl 2015 hat Irlmaier nie vorhergesagt; diese aktuellen Phänomene werden nachträglich in seine vagen, oft apokalyptischen Formulierungen hineingelesen, um ihm künstlich Aktualität zu verleihen.
• Hufeland-Zitat: Das Zitat von Christoph Wilhelm Hufeland ist echt, wird hier jedoch instrumentell verkürzt und aus dem historischen Kontext des 18./19. Jahrhunderts gerissen, um moderne reproduktionsmedizinische Verfahren pauschal zu verdammen.
2. Analogien, Ursprungsquellen und Verschwörungstheorien
Biblische Analogien (Altes & Neues Testament)
• Neues Testament / Endzeit: Das Dokument nutzt gezielt neutestamentliche Zitate, um Angst und moralischen Druck zu erzeugen. Zitiert wird 2. Korinther 5,10 („Richterstuhl Christi“). Zudem wird das Jesus-Zitat am Kreuz (Lukas 23,34: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) ins Gegenteil verkehrt: Dem Leser wird die Unwissenheit abgesprochen, um ihm die volle metaphysische Schuld aufzuladen.
• Die Parusie: Der Name der Website im Dokument (DieParusie.de) bezieht sich auf die theologische Erwartung der Wiederkunft Christi im Neuen Testament, die hier mit apokalyptischen Strafgerichtsszenarien verknüpft wird.
Verschwörungstheoretische und apokalyptische Muster
• Der „Große Austausch“ / Migrationsängste: Die Interpretation von Irlmaiers Aussagen als Vorhersage der Flüchtlingskrise 2015 bedient klassische rechtspopulistische und verschwörungsideologische Narrative von einer gesteuerten „Überfremdung“ vor dem Endzeitszenario.
• Waffen-Propaganda als „Beweis“: Die Verknüpfung von Irlmaiers Visionen einer „Flutwelle bei England“ mit der realen russischen Unterwasser-Drohne Poseidon ist ein typisches Muster von Endzeit-Verschwörungstheorien: Moderne Militärtechnologie wird als „Beweis“ dafür herangezogen, dass jahrzehntealte Prophezeiungen exakt eintreffen.
3. Internationale Bezüge
• Russland und der Ukraine-Konflikt: Das Papier nimmt explizit Bezug auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die russische Staatsmedien-Propaganda (die Drohung mit der Poseidon-Bombe). Es nutzt die reale geopolitische Angst vor einem Dritten Weltkrieg, um die Glaubwürdigkeit des Textes zu erhöhen.
• Verknüpfung europäischer „Seher“: Es werden internationale Querbezüge zu dem norwegischen Seher Anton Johanson (im Text „Johannson“) und dem Österreicher Josef Stockert hergestellt. In der esoterisch-apokalyptischen Szene werden diese Figuren bewusst vernetzt, um den Eindruck zu erwecken, verschiedene Quellen würden unabhängig voneinander dasselbe Ereignis (den Untergang Englands) voraussagen.
Psychologische & Soziologische Mechanismen
Warum verfangen solche Papiere bei bestimmten Zielgruppen?
• Barnum-Effekt & Kognitive Verzerrung: Irlmaiers historische Aussagen waren vage genug, dass Menschen sie heute mühelos auf moderne Krisen (Inflation 2022, Migration 2015, Ukraine-Krieg) projizieren können. Das Gehirn sucht nach Mustern und blendet alle Prophezeiungen aus, die nicht eingetroffen sind (z. B. dass der Dritte Weltkrieg laut vielen Irlmaier-Interpreten schon um das Jahr 2000 hätte stattfinden sollen).
• Klimaschock und Krisenmüdigkeit: Das Dokument nutzt die reale, allgemeine Verunsicherung durch aktuelle globale Dauerkrisen (Krieg, Inflation). In Zeiten von Kontrollverlust flüchten Menschen psychologisch psychisch in deterministische Weltsichten: Die Vorstellung, alles sei „vorherbestimmt“ (und sei es der Weltuntergang), ist für manche erträglicher als das Chaos der Realität.
• Schuld- und Angst-Marketing der „Lebensschutz-Szene“: Das Papier nutzt christliche Schuld- und Sühnekonzepte als emotionale Erpressung. Es richtet sich gezielt gegen das medizinische Personal, um durch das Erzeugen von Urängsten (ewige Verdammnis, unruhige Geister) Verhaltensänderungen (Kündigungen) zu erzwingen.
Über den Absender / Betreiber von DieParusie.de
• Inhaltliche Ausrichtung: Die im Text genannte Domain www.DieParusie.de wird von radikalen, fundamentalistischen „Lebensschützern“ (Abtreibungsgegnern) und katholischen Traditionalisten genutzt. Die Seite sammelt Prophezeiungen (insb. Irlmaier) und verknüpft diese mit scharfer Agitation gegen Schwangerschaftsabbrüche, Verhütungsmittel („Pille danach“, Spirale) und moderne Reproduktionsmedizin.
• Zweck des Materials: Solche Webseiten nutzen im Impressum oder bei der Domainregistrierung häufig ausländische Server, Pseudonyme oder Briefkastenfirmen, um sich vor juristischen Schritten des betroffenen medizinischen Personals (z. B. wegen geschäftsschädigender Aufrufe oder Belästigung) zu schützen.