Jedes Leben ist der Rede wert

Publiziert im Weser Kurier, 1. Oktober 2026

Kersten Artus mit Regenschirm
Trauerrednerin Kersten Artus unterstützt mit individuellen Worten beim Abschiednehmen

Kersten Artus nimmt sich für die Trauernden viel Zeit und erarbeitet gemeinsam mit den Hinterbliebenen persönliche Reden für Gedenkfeiern.

Wenn Kersten Artus spricht, bekommen Gefühle freien Lauf: Sie hält Trauerreden. Dabei weiß sie, dass die Zuhörenden oft abschweifen, und berücksichtigt dieses Verhalten. „Bei Abschiedsfeiern schwingt vieles mit“, sagt sie. „Dafür benötigt es Raum. Ein Rückblick auf das gelebte Leben der verstorbenen Person bedeutet so viel mehr als Eckdaten des Lebens und ein paar Anekdoten.“

Artus lässt sich von dem Grundsatz leiten, dass jedes Leben der Rede wert ist – jedes ist wertvoll. Ihre Reden gestaltet sie bis ins Detail ganz individuell aus: Neben biografischen Daten und Informationen über menschliche Beziehungen fließen Musik, Lyrik und geschichtliche Ereignisse ein.

Anerkennende Rückmeldungen bestätigen ihren Ansatz. Das Feedback reicht der Rednerin zufolge von einfühlsam und wohltuend bis klug und intellektuell.

Bei Angehörigen und Bestattungsinstituten in Bremen, Hamburg und umzu ist Artus seit zehn Jahren bekannt für ihre außergewöhnliche Art, eine Biografie einzuordnen und darzustellen. Artus spricht nahbar – so, als würde sie den Menschen, der gegangen ist, gut kennen. Sie wahrt allerdings stets eine professionelle Distanz. Eine weitere Besonderheit: Sie redet fast nie von einer Kanzel herab, sie sucht während einer Feier auch mal den direkten Dialog.

„Ich tauche in das Leben und den Charakter eines Menschen ein“, sagt die gebürtige Bremerin, die in Oberneuland groß geworden ist. „Ich schaue mit den Augen dieser Person auf die Welt und suche nach den Gründen für ihre Entscheidungen. Ich lerne Werte, Erfolge und Niederlagen kennen – um dann wie eine gute Freundin über sie zu sprechen.“

Gespür und Handwerk

Ihr gutes Gespür paart sie mit journalistischem Handwerk. Sie hat viele Jahre als Redakteurin gearbeitet. „Seit der zweiten Klasse wollte ich zur schreibenden Zunft gehören“, erzählt sie rückblickend. „Mich faszinieren die feinen Nuancen der Sprache: Schon eine kleine Verschiebung in der Wortwahl und der Tonlage kann neue Gefühle auslösen und Erkenntnisse anstoßen.”

Doch warum wurde sie eigentlich Trauerrednerin? „Mein 50. Geburtstag war eine Zäsur“, sagt die heute 62-Jährige, die mittlerweile vier Enkelkinder hat. „Ich habe mich gefragt, was ich noch beruflich im Leben erreichen möchte. Zwei Dinge waren mir wichtig: Ich wollte nur noch Texte schreiben, die ich selbst schön und interessant finde. Und ich wollte die Blackbox Tod, Trauer und Sterben professionell öffnen, um Tabus abzubauen und Ängste aufzulösen. Ich wollte auch anders reden als das, was ich bislang auf Beerdigungen gehört habe. Das war mir oft zu unpersönlich.“

Austausch über Abschied

Die Trauerrednerin nimmt sich stets viel Zeit für Gespräche mit Angehörigen und Freunden der Verstorbenen, spricht ohne Pathos und rezitiert überraschend. „Ich suche nach Gedichten und Zitaten, die den Zuhörenden etwas mitgeben“, erläutert sie. Zum Beispiel sagte Hannelore Elsner einmal: „Trauer ist ein ganz großes Gefühl, das darf man nicht klein machen. Ich denke, man sollte daran wachsen können.“ Artus wählt mitunter auch dänische Poesie oder chilenische Lyrik aus – jeder Text soll zur jeweiligen Biografie passen, die bei der Trauerfeier im Mittelpunkt steht.

Artus möchte die Menschen mit ihren Reden ermutigen, sich über ihre Abschiedsgefühle und Erfahrungen auszutauschen. „Dann kann sich Trauer verwandeln“, so ihre Erfahrung. Wenn das passiert, sieht sie ihre Aufgabe als geglückt an: Weil jedes Leben Spuren hinterlässt, die weitererzählt werden sollten.

Weitere Informationen über Kersten Artus und ihre individuellen Trauerreden gibt es im Internet unter www.verabschieden.art