Der Fransenkamm

„Kersten nimmt den Unterricht sehr ernst. Ihre Hausaufgaben verrichtet sie zuverlässig und ordentlich.“ – Es handelt sich um einen Satz, den meine Grundschullehrerin in mein erstes Zeugnis geschrieben hat. Ich habe mir oft mein Ich mit sechs Jahren vorgestellt, das  todernst am Gruppentisch im Klassenraum sitzt und sich bemüht, dem Unterricht zu folgen, und alles unternimmt, um gute Ergebnisse zu erzielen.

Was mir in der Grundschulzeit nicht schwer viel. Ich hatte zwar nur wenige Einsen, dafür umso mehr Zweien. Ich war zufrieden damit und meine Eltern offenbar auch. Welche Rückmeldungen ich zuhause bekam, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber daran, dass ich einmal mit einem Zeugnis aus der Schule kam und es unserem Dorfpolizisten Herrn Thiel vorzeigte, der gerade vor seiner Wache stand, an der ich täglich zweimal vorbei musste. Herrn Thiel mochte ich sehr gern. Ich habe ihn einige Male in seiner Wache besucht, die trockene Büroluft geschnuppert und die Paperstapel und Ordner bewundert. Dass er da durchblickte! Ich durfte auch auf seiner Schreibmaschine tippen. Herr Thiel war immer sehr nett zu mir. Kein Polizist hat es jemals wieder geschafft, solche Sympathien bei mir zu wecken. Mehr lesen

Ostermarsch 2022: Hauptfeind ist, wer am Krieg verdient und Macht durch ihn erlangen will

Ich nehme am diesjährigen Ostermarsch nicht teil. Eigentlich ist er eine wichtige Veranstaltung und hat bundesweite Bedeutung. Eigentlich wäre er die beste Gelegenheit, für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren. Hunderttausende gehörten Ostern auf die Straßen. Eigentlich. Doch die Organisator:innen sehen als Hauptfeind auch im russisch-ukrainischen Krieg die NATO.

Mehr lesen

Nazis in Oberneuland

Ich bin Jahrgang 1964, kam also 19 Jahre nach Kriegsende auf die Welt. Über Politik wurde zuhause wenig geredet, schon gar nicht über Nazis. Dass meine beiden Großväter Mitglieder der NSDAP gewesen waren, weiß ich daher erst seit kurzem.

Der Kindergarten, in den ich einst gegangen war, war in Bremen-Oberneuland einmal das NSDAP-Haus. Hier auf dem Foto sieht man die Frontseite an der Oberneulander Landstraße, recht hübsch renoviert. Das Hakenkreuz, das an der Fassade angebracht gewesen war, wurde nach 1945 entfernt. Nicht entfernt wurde ein Satz, der direkt über der Eingangstür in den dunklen Holzbalken gestanzt ist: „Wahrer Sozialismus – härteste Pflichterfüllung“.

Meine Recherchen haben ergeben, dass er eine verkürzte Fassung des Hitler-Zitates „Der wahre Sozialismus aber ist die Lehre von der härtesten Pflichterfüllung“ darstellt. 76 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, der über 70 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, die meisten in der Sowjetunion und China, steht das unbehelligt über der Haustür einer Kinderbetreuungseinrichtung; offenbar auch noch aufwendig renoviert.

Mehr lesen

Sichere Schwangerschaftsabbrüche: Es steht fünf vor zwölf

veröffentlicht im pro familia-Magazin 2/21

Kristina Hänel hat alle Informationen für ungewollt Schwangere von ihrer Website genommen. Sie tat das nicht freiwillig. Sie ist nunmehr rechtskräftig verurteilt, gegen den § 219a StGB verstoßen zu haben. Dennoch hat sie gewonnen: Ihre Petition war 2017 Start einer neuen Bewegung, die den 219a in wenigen Wochen in den Mainstream der Medienberichterstattung rückte – und damit umgehend in die Schaltstellen der Politik, Parlamente und Ministerien, gelangte. Zehntausende haben Hänel dabei unterstützt.

Es war höchste Zeit: Die Uhr für sichere Schwangerschaftsabbrüche steht auf fünfvorzwölf: Die Anzahl an Kliniken, Einrichtungen und Praxen, die Abbrüche durchführen, ist seit 2003 um 40 Prozent auf 1.200 gesunken. Im Medizinstudium kommt der Schwangerschaftsabbruch nur am Rande vor – erst jetzt ist geplant, Leitlinien dafür zu erarbeiten. Mehr lesen

Der FREITAG: “Der Paragraph 218 muss weg”

Veröffentlicht in DER FREITAG, 20. Mai 2021, Seite 2

Als das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen vor 150 Jahren in das Strafgesetzbuch aufgenommen wurde, saßen die Katholiken mit 60 Abgeordneten einer eigenen Fraktion der Zentrumspartei im Reichstag. Es drohten bis zu fünf Jahren Zuchthaus. Frauen hatten weder aktives noch passives Wahlrecht. Die Nazis verboten dann jegliche „Werbung“ durch Ärzt:innen, womit auch sachliche Information gemeint war, und führten die Todesstrafe ein.

So alt wie der 218 ist der Widerstand dagegen: Stets versuchten sozialistische Parteien sowie Frauenbewegungen, den Unrechtsparagraphen zu kippen. Zu dramatisch seine Auswirkungen: Unzählige Frauen verbluteten bei Kurpfuschern oder in Folge selbst herbeigeführter Aborte, etwa per Kleiderbügel. Oder durch Blutvergiftungen. Noch heute, schätzt die WHO, sterben an die 50.000 Frauen weltweit durch unsachgemäß durchgeführte Abtreibungenm, dem fünfhäufigsten Grund für Müttersterblichkeit. Mehr lesen

150 Jahre Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen: Schafft endlich § 218 ab!”

Veröffentlicht: Hamburger Morgenpost, 15. Mai 2021

Wer in Deutschland eine Schwangerschaft abbricht, kann bis zu drei Jahre ins Gefängnis kommen. Das ist mit dem Tag heute seit 150 Jahren die gültige Gesetzeslage: Der Reichstag hatte am 15. Mai 1871 den entsprechenden §218 ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Dort steht er bis heute, macht dadurch Schwangerschaftsabbrüche zu Gesetzesbrüchen. Und das ist ein Skandal.

Denn der Kampf gegen das Abtreibungsverbot tobt seit Dekaden: Frauenorganisationen, Politikerinnen und Politiker versuchten immer wieder, den 218 abzuschaffen oder zu reformieren. So brachten 55 Abgeordnete der sozialistischen USPD bereits 1920 einen Antrag in den Reichstag ein – vergebens. Der Kaiser brauchte Soldaten, die Fabrikbesitzer Arbeiter – so einfach war die Rechnung. Und so unmenschlich war sie aus Sicht der betroffenen Frauen. Auch der Einfluss der katholischen Kirche war stark, ihre Deutungshoheit über den Beginn menschlichen Lebens beeinflusste Gesetzgeber und Gerichte. Dass die Kirchenleute damals wie heute völlig willkürlich argumentieren, schien nicht zu stören: Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein befand die Kirche die Beseelung des männlichen Fötus bei 40 Tagen, die des weiblichen bei 80 Tagen. Ich wundere mich manchmal, dass fromme Gläubige Geburtstag feiern und nicht den Tag ihrer Zeugung. Mehr lesen

Die Selbstgerechte

Zurzeit wird das neue Buch von Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“ innerhalb der LINKEn heiß diskutiert. Anlass ist die Landesvertreter*innenversammlung der NRW-LINKEn am 10. April, bei der ide Landesliste für die Bundestagswahlen aufgestellt wird. Sahra kandidiert für Platz 1, was viele verhindern möchten. Viele andere wollen sie dort unbedingt sehen. Ansonsten, so lauten Befürchtungen, die ich unter anderem auf Facebook gelesen habe, hätte DIE LINKE keine Chance bei den Wahlen. Eine gewagte These, wie ich finde. weil sie nämlich nicht belegt wird. Als Meinungsäußerung ist sie natürlich okay. Eine weitere Behauptung kursiert, dass Sahra keine Linke mehr sei, sondern mittlerweile eine Rechte. Sie bekenne sich zum Konservatismus und ihre Aussagen zu Migration klingen, als würden sie aus dem Mund von AfD’lern kommen. In diesem Texte soll es vor allem darum gehen, dass man Behauptungen auch belegen soll. Daran kann die Glaubwürdigkeit gemessen werden. Mehr lesen

Als ich auszog, das Regieren zu lernen

Screenshot TV-Beitrag Bremer Regionalfernsehen

Ich habe ein Jahr lang im Stab der Bremer Gesundheitssenatorin gearbeitet. Also während dieser eigentlich unfassbaren, seit der Spanischen Grippe nicht mehr da gewesenen, Gesundheitskrise der Menschheit, der Corona-Pandemie. Damit hatte ich die Gelegenheit, bei linker Regierungspolitik mitzumachen. Doch als die Koalition an der Weser geschmiedet wurde, ahnte noch niemand, was wenige Monate später auf die Welt zukommen würde. So wurden Haushaltspläne Makulatur und die Arbeitsfähigkeit von Parlamente und Regierungen einem Stresstest unterzogen. Und ich war mitt’n mang. Mehr lesen

Rosa Luxemburg zu Quote und Gendern

©casimira

Wäre Rosa Luxemburg – deren Geburtstag sich am 5. März 2021 zum 150.-mal jährt, heute für die Quote und eine gendergerechte Sprache? Uneingeschränkt: Ja. Den Beleg dafür liefert die Visionärin unter anderem in diesem Text:

„Die Proletarierin“, 1914

Die Proletarierin braucht politische Rechte, weil sie dieselbe wirtschaftliche Funktion in der Gesellschaft ausübt, ebenso für das Kapital rackert, ebenso den Staat erhält, ebenso von ihm ausgesogen und niedergehalten wird wie der männliche Proletarier. Sie hat dieselben Interessen und benötigt zu ihrer Verfechtung dieselben Waffen. Ihre politischen Forderungen wurzeln tief in dem gesellschaftlichen Abgrund, der die Klasse der Ausgebeuteten von der Klasse der Ausbeuter trennt, nicht im Gegensatz von Mann und Frau, sondern im Gegensatz von Kapital und Arbeit. … Mehr lesen

Meine Großväter

©privat

UPDATE 19.12.21, siehe neuer fünfter Absatz

Meine Großväter Alfred, geb. 1911, und Johann (geb. 1904) waren Mitglieder der NSDAP. Ich habe ihre Parteiausweise vor kurzem als Kopie aus de Bundesarchiv erhalten. Johann habe ich nicht kennengelernt. Er starb, als ich ein paar Monate alt war. Alfred war fester Bestandteil meiner Kindheit und hat auch noch seine beiden Urenkelkinder kennengelernt, bevor er 1988 an einer Krebserkrankung gestorben ist. Er war ein ruhiger, friedfertiger Mensch, der manchmal aus seiner Kriegsgefangenenschaft Geschichten erzählte. Lustige Erzählungen. Alfred war zudem Mitglied der Waffen-SS. Wohl auch deswegen steckten ihn die Alliierten ins Lager.

Meine Oma berichtete andere Dinge aus dieser Zeit: Über den Hunger, das Hamstern und ihre Angst vor Vergewaltigungen. Über die Besetzung ihres Hauses durch die Amerikaner. Und dass mit 28 Jahren angefangen hatte, zu rauchen – vor Hunger. Auch dass meine Mutter 1940 gezeugt wurde und ihren Vater erst kennenlernte, als sie fünf Jahre alt war. Meine Mutter war eine Hausgeburt, die Füße kamen zuerst und es war einer der heißesten Tage des Sommers 1941. Ich habe mir oft vorgestellt, was das für eine Strapaze gewesen sein muss. Mehr lesen