Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

10. November 2017
von Kersten Artus
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Warum der § 219a StGB weg muss

Die Gießener Ärztin Kristina Hänel ist angeklagt, gegen den § 219a StGB verstoßen zu haben. Er verbietet die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zum eigenen Vermögensvorteil. Es ist ein Paragraph, der seit 1933 im deutschen Gesetz herumgeistert und heute – zum Glück – fast niemanden mehr interessiert. Fast. Menschen, die Frauen und Ärzt*innen verbieten wollen, Schwangerschaften abzubrechen, benutzen den 291a, um zu hetzen. Wie auch gegen die Gießener Fachärztin für Allgemeinmedizin.

Kristina Hänel wurde angeklagt, gegen § 219a StGB verstoßen zu haben. Sie hat nun eine Petition bei change.org gestartet, die massiven Zulauf erfahren hat. Am 10. November morgens waren bereits über 67.600 Unterzeichende dabei! Das ist nicht nur ein großer Erfolg. Es zeigt auch, dass es ein überaus großes Unverständnis gibt, eine Ärztin anzuklagen, die auf ihrer Website lediglich das Wort Schwangerschaftsabbruch im Rahmen ihres Leistungsspektrums angibt. Was insofern nicht verwundert, weil sie Fachärztin für Allgemeinmedizin ist und Frauen nicht unbedingt vermuten könnten, dass sie auch Schwangerschaftsabbrüche vornimmt.

Ich finde, irgendwie passt die Anklage in die Zeit: Mit der AfD ist nun eine Partei im Bundestag, nach deren Vorstellungen eine (deutsche) Frau mindestens drei Kinder zu bekommen hat, damit „wir nicht aussterben“. Und militante Gegner, deren Lebensinhalt es zu sein scheint, gegen pro familia und Mediziner*innen hetzen, wittern nun Morgenluft. Offenbar einer von ihnen hat auch Kristina Hänel angezeigt. Der Prozessauftakt ist am 24. November, morgens um 10 Uhr, am Gießener Amtsgericht.

Nun ist es so: Wer eine Petition auf change.org startet, kann mit dem eigenen Anliegen gut und schnell Werbung machen. Es gibt aber keine Verbindlichkeit für den Bundestag, sich mit dem Anliegen dann auch zu befassen. Dabei ist das Petitionsrecht in Artikel 17 Grundgesetz verankert. Man muss die Petition aber auch einreichen. Und zwar „richtig“.

Ich habe als „frisch gebackene“ Vorsitzende von pro familia zusammen mit weiteren Vereinsmitgliedern und profa-Beschäftigten eine Petition eingereicht, die direkt an den Deutschen Bundestag geht – und an die Hamburgische Bürgerschaft. Misslich ist nämlich, dass der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages seit den Bundestagswahlen noch nicht wieder eingesetzt wurde. Unser Anliegen, den § 219a StGB endlich aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, verlangt aber keinen Aufschub.

Hier ist der Text:


Petition/Eingabe

Hamburg, den 10. November 2017

an den Deutschen Bundestag
an die Hamburgische Bürgerschaft

Streichung des Paragrafen 219a Strafgesetzbuch – Informationsrecht ist ein Menschenrecht

Sehr geehrte Herren und Damen Abgeordnete,

Am 24. November steht in Gießen die 61-jährige Ärztin Kristina Hänel vor Gericht, weil auf ihrer Website das Wort „Schwangerschaftsabbruch“ geschrieben steht, siehe http://www.kristinahaenel.de/page_infos.php. Sie betreibe damit, so der vermeintlich strafbewehrte Vorwurf, Werbung für Abtreibungen. Angeklagt ist sie nach § 219a Strafgesetzbuch. Der verbietet das Werben für Abtreibungen zum eigenen Vermögensvorteil.

Wir halten den Vorwurf für unangemessen: Eine sachliche Information kann nicht als Werbung zum eigenen Vermögensvorteil ausgelegt werden. Selbstverständlich haben Frauen ein Informationsrecht, wenn sie schwanger sind. Wir begrüßen daher, dass die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz auf hamburg.de veröffentlicht, wo Frauen sich beraten lassen und ggf. einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen können.

Wir finden es wichtig, dass Frauen niedrigschwellig, rechtzeitig und umfassend die Möglichkeit haben, sich beraten zu lassen und über eine Auswahl an Einrichtungen informiert werden, die Abbrüche vornehmen. Da die Beratung zwingend nach dem Gesetz vorgeschrieben ist, muss es auch eine zwingende Voraussetzung sein, dass eine Frau die Möglichkeit hat, sich Informationen zu beschaffen.

Der § 219a stammt aus dem Jahr 1933. Er sollte ursprünglich jüdische Ärztinnen und Ärzte kriminalisieren und ein Klima zu schaffen, in dem letztlich dann 1943 die Strafrechtsnorm nach eugenischen und bevölkerungspolitischen Gesichtspunkten umstrukturiert wurde. Im Zuge der Gesetzesänderungen zum Schwangerschaftsabbruch wurde der §219a jeweils nur leicht verändert.

Dazu kommt: Der 219a StGB wurde bislang kaum angewandt, er ist veraltet und überflüssig.

Wir ersuchen und appellieren an Sie: Setzen Sie und der Hamburger Senat sich nach Ihren vielfältigen Möglichkeiten – zum Beispiel durch eine Aktuelle Stunde in Ihrem Parlament, einen Antrag oder eine Bundesratsinitiative für eine Gesetzesänderung – dafür ein, dass der § 219a Strafgesetzbuch umgehend gestrichen wird.

Namen und Anschriften im Original gelistet.

21. Oktober 2017
von Kersten Artus
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„Wir verbinden soziale Themen mit Lebensweisen und Zukunftsfragen.“

Doppel-Interview mit den schleswig-holsteinischen Bundestagsabgeordneten Cornelia Möhring und Lorenz Gösta Beutin

Die Fraktion hat sich nach den Bundestagswahlen bereits zweimal getroffen. Viele neue Abgeordnete sind dabei. Wie ist Dein Gesamteindruck von der Fraktion, Conni?

Cornelia Möhring Ich finde, dass wir eine richtig tolle Fraktion haben, gestandene Linke, die aktivierende Wahlkämpfe hingelegt haben und jetzt mit hohem Engagement eine linke Politik im Bundestag zusammen mit der Partei machen wollen. Abgeordnete, die  eine große fachliche Kompetenz haben und gleich einsteigen können und weibliche Abgeordnete, die Feministinnen sind. Wir haben auf der Klausur ein Frauenplenum durchgeführt, da ist mir das Herz übergegangen, weil wir eine konstruktive Diskussion hatten und ich gleich zehn bis 15 Punkte mitnehmen konnte, die wir jetzt in der gemeinsamen Frauenplenumsarbeit angehen werden. Das stimmt mich sehr zuversichtlich. Weiterlesen →

13. September 2017
von Kersten Artus
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Petra

Vor sechs Wochen hatten wir auf der Terrasse unseres Vaters gesessen. Ich erzählte aus meinen Erinnerungen, wie wir Schwestern immer zusammen in die Wanne mussten. Es gab nur ein Handtuch. Petra fand immer wieder einen Dreh, dass sie zuerst aussteigen durfte und damit das Handtuch im trockenen Zustand bekam. Sie schaute mich an: Daran konnte sie sich partout nicht mehr erinnern. Kein Wunder, dachte ich. Sie, die ewige Siegerin unserer kindlichen Wettspiele, hatte damals viele zu viele Triumphe eingefahren, als dass ihr dieser in Erinnerung hätte bleiben können.

Mir fallen jetzt so viele Geschichten wieder ein. Da war die Sache mit den Tampons: So fragte ich sie einmal, da war ich neun oder zehn Jahre alt, ob die 10er-Packung „o.b.“, die sie hinter der Toilette liegen hatte, für zehn Monate reichen würde. Sie lachte mich natürlich aus. Unvergessen auch, wie sie mich das erste Mal einen Joint mitrauchen ließ. Da saßen wir auf ihrem großen Bett, eine Gitarre und mehrere Kerzenhalter hingen an der Wand, die Vorhänge waren zugezogen. Als ich anfing herumzukichern, beömmelten ihre Freundin Assi und sie sich aufs Feinste. Und als sie ein Mofa bekam, durfte ich mich auch mal drauf setzen, gab Gas  – und landete in der Hecke.

Warum haben wir uns nicht öfter über unsere Kinderzeit ausgetauscht? Wir hatten Jahrzehnte dafür Zeit und haben sie uns viel zu selten genommen. Jetzt habe ich keine Möglichkeit mehr. Meine große Schwester ist tot. Weiterlesen →

17. August 2017
von Kersten Artus
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Sexuelle und reproduktive Gesundheit für schwangere geflüchtete Frauen

Das Modellprojekt Fachdialognetz hat Mitte Juli 2017 seine Arbeit aufgenommen. Ein Bericht vom Hamburger Standort

Der Text wurde hier veröffentlicht

Seit 1. Mai arbeitet Kerstin Erl-Hegel für pro familia Hamburg. Davor war die 54-jährige Sozialarbeiterin im Jugendamt tätig, leitete 14 Jahre lang die Elternschule am Grindel. Über zwei Jahre wird sie ein Fachdialognetz entwickeln, das Fachleuten und ehrenamtlich Engagierten helfen soll, schwangere geflüchtete Frauen besser zu unterstützen. Sie baut zusammen mit sieben weiteren Fachkoordinator*innen – die an anderen pro-familia- Standorten bundesweit tätig sind – eine Datenbank auf, die Expertinnen und Experten sowie lokale Beratungsangebote und Einrichtungen mit ihren Kompetenzen listen wird.

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13. August 2017
von Kersten Artus
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Von einer Trennung

Auch veröffentlicht auf diesem Blog

In Gedanken hatte ich diesen Text bereits oft geschrieben. Und wusste gleichzeitig, wenn ich eines Tages den Laptop aufklappe und das Schreibprogramm starte, werden mir die Worte fehlen. Wie schreibe ich auf, was so schwer zu erklären ist? Was ich mir eigentlich selbst nicht erklären kann? Über ein Phänomen, von dem ich nicht wusste, dass es das geben kann. Allein das Wort finde ich unpassend. Mir einzugestehen, dass es mir passiert ist. Es kam mir falsch vor und war nicht eingeplant. Weil ich die Verbindung von Liebe und Verantwortung ernst nehme. Weil ich diesbezüglich ein treuer Mensch bin. Weil ich mein Leben lang immer glücklich war, mit einer Katze zusammen leben zu dürfen. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass das, was einem mit menschlichen Partnern ja durchaus passieren kann, sich zu trennen, weil man sich nicht mehr liebt, auch mit einem Tier passieren kann. Weiterlesen →

12. Juli 2017
von Kersten Artus
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Gender Budgeting – warum es so gerne vergessen wird

Bereits 2008 wollte die Hamburgische Bürgerschaft die Einführung eines Gender Budgeting prüfen lassen. Aber obwohl die Grünen mitregierten, tat sich nichts. Im Gegenteil: Grüne, CDU und auch die SPD lehnten in geschlossener Front einen Antrag der LINKEN, Gender Budgeting einzuführen, ab. Dabei hatte dieser entlarvt, dass der Senat zwar schriftlich zugesagt hatte , sich mit der Machbarkeitsstudie der Bundesregierung zu befassen und die Bürgerschaft darüber zu unterrichten, sie aber nicht eingehalten. Was aber keinen interessierte, auch die männlich geprägte Lokalpresse nicht.

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1. Juli 2017
von Kersten Artus
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Urlaub mit den Enkeln – anstrengend schön

Ich habe schon oft Paare gesehen, die mit kleinen Kindern, die ganz offenbar ihre Enkelkinder gewesen sind, Urlaub machten. Ich habe mir bislang wenig dabei gedacht, außer dass es eben Großeltern mit ihren Kindeskindern sind. Das ist jetzt vorbei. Denn wir haben das erste Mal Urlaub mit unseren beiden Enkeln gemacht. Bitte: Wenn Sie künftig Menschen mit kleinen Kindern sehen, die ganz offenbar die Großeltern dieser Kinder sind, seien Sie aufmerksam. Seien Sie freundlich. Seien Sie zugewandt. Schauen Sie so, dass diese Menschen das Gefühl bekommen, dass sie gerade etwas ganz Außergewöhnliches machen. Weiterlesen →

21. Juni 2017
von Kersten Artus
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Gleichstellung im Bundestag: Sprint, Marathon oder Schneckenspur??

Wir befinden uns am Ende der 18. Wahlperiode des Deutschen Bundestages. In weniger als 100 Tagen wird der Bundestag neu gewählt. Während die Satirepolitsendung „Heute Show“ bereits in der Sommerpause ist, werden im Reichstag noch die Geschicke des Landes gelenkt. Ich bin seit April Teil der linken Opposition, betrachte die Politik nunmehr aus der Sicht einer Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten. Eine spannende Perspektive. Nicht so stressig wie als Abgeordnete selbst, aber nicht viel weniger vielfältig. Hier eine Presseerklärung, da ein Grußwort, eine Einschätzung zu einer Gesetzesinitiative. Ein Webvideo. Und nun das erste Mal bei einer Sitzung des Bundestages dabei. Beobachterin. Weiterlesen →

23. März 2017
von Kersten Artus
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Alles bleibt in Bewegung

Es ist zwei Jahre her, dass sich mein Leben grundlegend veränderte. Ich betrat einen Weg, bei dem mir weder klar war, wo er endete, noch welche Abzweigungen, Brücken, Stolpersteine mir begegnen würden. Ich war mir nur in einem sicher: Um das nächste Etappenziel meines Lebens – gute Arbeit, die mich zufrieden und glücklich macht – zu finden, galt es, neue Herausforderungen zu meistern. Das geschah nicht ganz freiwillig, wie viele wissen. Weiterlesen →