Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

25. Juni 2018
von Kersten Artus
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Arbeitstitel: Ein Teil von mir

Dieser Text ist noch in Entstehung.

„Die Nahrungsaufnahme aber lässt in Ansätzen zumindest oft erkennen, wie wir in der Lage sind, Welt und Welterfahrung in uns aufzunehmen, zu verdauen, zum Teil unserer Selbstwerden zu lassen, um uns all dessen, was im Zuge dieses Prozesses unnötigwird, auch wieder zu entledigen.“ Es sind Worte, die die Rednerin bei der Beerdigung meiner Schwester wählte, um die Bulimie zu beschreiben, die uns Schwestern jahrelang begleitete. Die wir therapierten. Meine Schwester bereits mit Anfang 20, ich mit 40. Um so intensiver war es, jetzt an diesem Film „Ich hab’s geschafft“ mitzuwirken.

Er ist eine Dokumentation über Essstörungen – acht Frauen und ein Mann erzählen von sich. Erzählen über den Weg, den die Essstörung bei ihnen genommen hat. Über die Auswirkungen. Über die Gefühle, Erfahrungen, die inneren und äußeren Kämpfe. Wortbeiträge voller Selbstoffenbarung und doch keine Zurschaustellung. Voyeur*innen werden daher kein Vergnügen an dem Film haben. Eher jene, die erst am Anfang einer Aufarbeitung stehen, ob bulimisch oder magersüchtig. Für sie mag der Film anregend und interessant sein: Menschen, die sich losgesagt haben von der Geißel ständiger Auseinandersetzung mit dem Essen, diesem immerwährende laufenden Film, der im Hinterkopf abspult, dessen Anfang sich gleich nach dem Ende wieder anreiht, während vordergründig das Leben stattfindet.

Ist es mutig, bei so einem Film mitzumachen? Einer der Filmemacher sagt im Epilog: Er war verwundert, wie reflektiert die Teilnehmenden waren, wie gut sie ihre Krankheit kannten. Das sei sonst nicht so einfach, Mesnchen über sich zum Sprechen zu bringen.

Ich musste lächelt, als ich das hörte. Habe ich doch nicht nur gelernt, über die Bulimie zu sprechen. Das Sprechen war Teil des Genesungsprozesses. Außerdem sind wir alle, die wir essgestört sind, Expert*innen in eigener Sache – und die der Ernährung. Und einer wie mir, die sowieso über das Aussprechen von Gedanken ordnet und findet, ist es außerdem noch nie schwer gefallen, über sich zu reden. Bis auf meine Tabus, die tief schlummern. Selten wach werden bei aufkommenden Gefühlen von Vernachlässigung, Nichternstnehmen, Nichtbeachtung. Und dann heftig Reaktionen auslösen können. Früher in Form von Essbrechanfällen. Heute noch in Form von Bauchdruck. Dicke Steine im Bauch, so habe ich dieses Gefühl einmal gemalt, als ich stationär aufgenommen war und im Kunstatelier der Klinik anfing, zu malen.

Als ich den Film Anfang Juni im Metropolis sah, ging es mir dabei nicht gut. Was ich vorher geahnt hatte. So zählte ich, wer wie oft zu Wort kam, natürlich auch, wie ich wirkte, welche Aussagen von mir ausgewählt wurden. Einerseits spannend und wertschätzend, andererseits fühlte ich mich schutzlos und benutzt. Nach dem Film verließ ich das Kino schnell, eilte nach Hause. Und wusste, ich brauchte Zeit, um das Erlebnis zu begreifen. Auch das eine Erkenntnis: Manches braucht eben Zeit.

Die Regisseurin sagte vor dem Premieren-Publikum: Wir haben uns für Menschen entscheiden, die wir für stabil genug halten, an so einem Projekt mitzuwirken. Woher nahm sie diese Sicherheit? Wie mochte es den anderen gehen?

Wir alle musste auf die Bühne. Klatschen, Jubeln, Anerkennung. Kein gutes Gefühl. Bekam den Film in die Hand gedrückt, strahlende Gesichter. Eine junge Frau sagte: Toll, dass Sie das gemacht haben. In mir aber eher Verlorenheit.

30. April 2018
von Kersten Artus
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§ 219a: Informations- und Berufsrechte sollten kein Spielball der Politik sein

Zum Stand der Diskussion – Vor der offenen Fachtagung von pro familia Hamburg und des FPZ Hamburg am 8. Mai 2018

Der § 219a StGB war bis vor wenigen Monaten nur in Fachkreisen bekannt. Und zwei Männern, die seit Jahren akribisch das Internet durchforsten, um jene Medizinerinnen und Mediziner anzuzeigen, die auf ihrer Website darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbieten.¹ Gleiches galt für die Folgen dieses Strafrechtspragraphen – für ungewollt Schwangere und für Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche durchführen. Vor allem Jüngere waren sich gar nicht mehr bewusst, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht straffrei sind. Die Generation, die in den 1980er Jahren zur Welt gekommen ist, hatte Pflichtberatungen und die 12-Wochen-Grenze offenbar so verinnerlicht, dass es kein Bewusstsein mehr dafür gab, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland unter Strafe stehen. Umso größer die kollektive Empörung, als bekannt wurde, dass (nicht nur) eine Ärztin zu 6.000 Euro Strafe verurteilt wurde, weil sie gegen den § 219a StGB verstoßen hatte. Weiterlesen →

20. Februar 2018
von Kersten Artus
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Prostitution – ungeliebter Schatten der bürgerlichen Ehe

veröffentlicht in „Z“ unter dem Titel: „Zur Diskussion in der Linken um Prostitution“


Niemand käme auf die Idee, die Ehe zu verbieten oder Maßnahmen zu ergreifen, sie einzudämmen. Sie ist grundgesetzlich geschützt und wird auch weltweit in Rechtsordnungen geregelt: In der Europäischen Charta der Grundrechte ist zum Beispiel das „Recht, eine Ehe einzugehen“, festgeschrieben. Sogleich gilt der Schutz der Eheschließungsfreiheit, wie auch die frei gestaltbare Aufgabenverteilung innerhalb der Ehe. Im Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte steht, dass beide Ehegatten gleiche Rechte und Pflichten während der Ehe haben.[2]. Weiterlesen →

16. Februar 2018
von Kersten Artus
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Warum der 8. März ein Feiertag werden muss

Clara Zetkin

veröffentlicht in DISPUT, Mitgliedermagazn DIE LINKE; Februar 2018

Die halbe Menschheit wird wegen ihres Geschlechts diskriminiert – trotz Wahlrecht und Gleichstellungsgesetzen, trotz Gewaltschutzkonzepten und Quotenregelungen. Aber um die größte Spaltung der Gesellschaft zu überwinden, werden nur halbherzig und mit ebenso halben Verstand Maßnahmen ergriffen; Eigentums- und Machtverhältnisse zu wenig hinterfragt; der strukturelle Sexismus nicht bekämpft. Weiterlesen →

31. Dezember 2017
von Kersten Artus
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Zehn Jahre ohne

©RüdigerRebmann

Vor zehn Jahren trat in Hamburg das Passivraucherschutzgesetz in Kraft. Ich habe es genutzt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Während sich andere Raucher*innen darüber aufregten, dass es die Freiheit einschränke, dass es den Genuss einschränke, dass einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht darstelle; während der DEHOGA und etliche Kneipenbesitzer*innen den Untergang der Gastronomie prophezeiten, habe ich die Gelegenheit ergriffen, um mal wieder mit dem Rauchen aufzuhören.

„Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft“, witzelte Mark Twain. Er hatte ja so recht. Ich hatte es zuvor auch schon viele Male versucht und lebte manchmal auch lange ohne Nikotin. Als ich jeweils mit meinen Kindern schwanger war zum Beispiel. Allen Carr mit seinem Buch „Endlich Nichtraucher“ hat mir auch mal geholfen. Und als ich mich sechs Wochen lang in der psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt aufhielt, nutzte ich ein verhaltenstherapeutisches Angebot. Weiterlesen →

12. Dezember 2017
von Kersten Artus
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Zuspruch von fast allen Seiten

Meine Reportage über die Übergabe von 150.000 Unterschriften unter die Petition zum § 219a StGB an Bundestagsabgeordnete durch Kristina Hänel, veröffentlicht in der Gießener Allgemeine Zeitung vom 13. Dezember 2017


„Ich bin Ärztin. Und ich helfe Frauen.“ Es sind diese zwei Sätze, die Kristina Hänel immer wieder sagt. Auch heute, als sie mehr als 150.000 Unterschriften an Bundestagsabgeordnete in Berlin überreicht und sich den Fragen der Journalistinnen und Journalisten stellt.

Es weht ein kalter, scharfer Wind vor dem Reichstagsgebäude. Eine 30 Meter hohe, mit Hunderten Lichtern geschmückte Tanne sorgt für etwas Wärme. Die Ärztin aus Gießen hatte eine Petition über die Kampagnen-Plattform Change.org gestartet, nachdem sie angezeigt wurde, weil sie auf ihrer Homepage informiert, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Der § 219a StGB macht das möglich. Er verbietet Werbung für Abbrüche. Weiterlesen →

27. November 2017
von Kersten Artus
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Sexuelle Bildung und ein Recht auf Informationen für alle

pro familia Hamburg hat 16 Sprachmittlerinnen mit einer selbst konzipierten Veranstaltungsreihe fortgebildet. Ein bislang einzigartiges Projekt, das Erfolg hat.

Ein Bericht von Kersten Artus, Vorsitzende pro familia Hamburg


„Da unten“ kann vieles bedeuten. Bei pro familia Hamburg wissen die Berater*innen und Sexualpädagog*innen allerdings meistens, was damit gemeint ist. Sie machen in ihren Beratungen und Veranstaltungen oft die Erfahrung, dass viele Menschen über bestimmte Körperregionen nicht sprechen können oder wollen, geschweige denn innere und äußere Geschlechtsorgane benennen oder zuordnen zu können. Eben die „da unten“.

Oft ist Scham ein Grund, Dinge nicht aussprechen zu können, um die es bei pro familia geht. Es kommt vor, dass Ratsuchende Begriffe gar nicht erst kennen. Nicht nur inhaltliche Begriffe sind bei Zeiten unbekannt; auch jene, die sich um das Angebot von pro familia Hamburg drehen. In manchen Sprachen gibt es den Begriff „Beratung“ nicht. Es muss also erklärt werden, dass man sich da gegenübersitzt und nicht etwa einer Anweisung folgen muss. In vielen Teilen auf der Welt ist es nicht üblich, bei Problemen fremde Menschen aufzusuchen – dafür gibt es die Familie. Weiterlesen →

10. November 2017
von Kersten Artus
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Warum der § 219a StGB weg muss

Die Gießener Ärztin Kristina Hänel ist angeklagt, gegen den § 219a StGB verstoßen zu haben. Er verbietet die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zum eigenen Vermögensvorteil. Es ist ein Paragraph, der seit 1933 im deutschen Gesetz herumgeistert und heute – zum Glück – fast niemanden mehr interessiert. Fast. Menschen, die Frauen und Ärzt*innen verbieten wollen, Schwangerschaften abzubrechen, benutzen den 291a, um zu hetzen. Wie auch gegen die Gießener Fachärztin für Allgemeinmedizin. Weiterlesen →

21. Oktober 2017
von Kersten Artus
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„Wir verbinden soziale Themen mit Lebensweisen und Zukunftsfragen.“

Doppel-Interview mit den schleswig-holsteinischen Bundestagsabgeordneten Cornelia Möhring und Lorenz Gösta Beutin

Die Fraktion hat sich nach den Bundestagswahlen bereits zweimal getroffen. Viele neue Abgeordnete sind dabei. Wie ist Dein Gesamteindruck von der Fraktion, Conni?

Cornelia Möhring Ich finde, dass wir eine richtig tolle Fraktion haben, gestandene Linke, die aktivierende Wahlkämpfe hingelegt haben und jetzt mit hohem Engagement eine linke Politik im Bundestag zusammen mit der Partei machen wollen. Abgeordnete, die  eine große fachliche Kompetenz haben und gleich einsteigen können und weibliche Abgeordnete, die Feministinnen sind. Wir haben auf der Klausur ein Frauenplenum durchgeführt, da ist mir das Herz übergegangen, weil wir eine konstruktive Diskussion hatten und ich gleich zehn bis 15 Punkte mitnehmen konnte, die wir jetzt in der gemeinsamen Frauenplenumsarbeit angehen werden. Das stimmt mich sehr zuversichtlich. Weiterlesen →

13. September 2017
von Kersten Artus
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Petra

Vor sechs Wochen hatten wir auf der Terrasse unseres Vaters gesessen. Ich erzählte aus meinen Erinnerungen, wie wir Schwestern immer zusammen in die Wanne mussten. Es gab nur ein Handtuch. Petra fand immer wieder einen Dreh, dass sie zuerst aussteigen durfte und damit das Handtuch im trockenen Zustand bekam. Sie schaute mich an: Daran konnte sie sich partout nicht mehr erinnern. Kein Wunder, dachte ich. Sie, die ewige Siegerin unserer kindlichen Wettspiele, hatte damals viele zu viele Triumphe eingefahren, als dass ihr dieser in Erinnerung hätte bleiben können.

Mir fallen jetzt so viele Geschichten wieder ein. Da war die Sache mit den Tampons: So fragte ich sie einmal, da war ich neun oder zehn Jahre alt, ob die 10er-Packung „o.b.“, die sie hinter der Toilette liegen hatte, für zehn Monate reichen würde. Sie lachte mich natürlich aus. Unvergessen auch, wie sie mich das erste Mal einen Joint mitrauchen ließ. Da saßen wir auf ihrem großen Bett, eine Gitarre und mehrere Kerzenhalter hingen an der Wand, die Vorhänge waren zugezogen. Als ich anfing herumzukichern, beömmelten ihre Freundin Assi und sie sich aufs Feinste. Und als sie ein Mofa bekam, durfte ich mich auch mal drauf setzen, gab Gas  – und landete in der Hecke.

Warum haben wir uns nicht öfter über unsere Kinderzeit ausgetauscht? Wir hatten Jahrzehnte dafür Zeit und haben sie uns viel zu selten genommen. Jetzt habe ich keine Möglichkeit mehr. Meine große Schwester ist tot. Weiterlesen →