Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

21. März 2020
von Kersten Artus
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Coronavirus: Mehr Schutzräume für Opfer häuslicher Gewalt

veröffentlicht auf Xing.com/Klartext am 20. März 2020

Jetzt soziale Distanz halten, um Ansteckungen zu vermeiden – der Satz sagt sich so einfach, der Appell hört sich so schlüssig an. Aber unerwünschte Nebenfolgen wurden offenbar überhaupt nicht berücksichtigt oder eingeplant.

Wer es noch nicht wusste, hier zwei Tatsachen. Erstens: Schon vor der Coronakrise waren Deutschlands Frauenhäuser überfüllt. Zweitens: Häusliche Gewalt hat nichts mit Wohnverhältnissen, Milieuzugehörigkeit oder Bildungsstand zu tun – sie findet überall statt. Die Coronakrise wird das Problem weiter verschärfen. Weiterlesen →

12. März 2020
von Kersten Artus
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Socialbuchmesse – meine Empfehlungen

Ich finde die Idee richtig gut: Bücher zu empfehlen, da die Leipziger Buchmesse aufgrund des #Coronavirus abgesagt wurde und damit Buchautor*innen konkret zu helfen. Ich verbinde diese Initiative von Sascha Lobo damit, Bücher vorzustellen, die ich gut finde, auch wenn sie mehr ganz so neu sind.

Fünf der neun Bücher, von denen ich hier das Buch-Cover abgebildet habe, handeln von Tod und Sterben. Es sind kaber eine schwermütigen Texte darin zu finden, die noch todtrauriger machen, als man es vielleicht gerade ist. Etwa weil man gerade oder vor einiger Zeit jemanden Liebes verloren hat, sich selbst mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert sieht, oder aufgrund einer bedrohlichen Krankheit, des hohen Alters oder weil man aus anderem Grund in Endzeitstimmung ist. Weiterlesen →

9. März 2020
von Kersten Artus
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Rede zum 8. März 2020: „Her mit dem schönen Leben – Brot *und* Rosen!

©keartus

Her mit dem schönen Leben! Brot und Rosen!,

… rief die New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman im Jahr 1911. Brot und Rosen wurde ein Jahr später DIE Streikparole für mehr als 20.000 Textilarbeiterinnen. Und sie sind heute unser Vorbild, wenn wir auf die Straße gehen und für ein besseres Leben kämpfen!

Denn geht es immer noch genau darum: Wir wollen Brot – und auch die Rosen dazu. Wir wollen ein schönes Leben. Denn wir haben – vermutlich – nur das eine.

Liebe Frauen, liebe Schwestern, Mütter, Großmütter, Tanten, Cousinen, Töchter, Enkelinnen, liebe Freundinnen, Nachbarinnen, Kolleginnen, Weggefährtinnen, Genossinnen, liebe Ladies und Damen, Weiterlesen →

12. Februar 2020
von Kersten Artus
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(Zu) Späte Aufarbeitung

veröffentlicht in publik 1/2020

bauer media group – Lange blieb im Verborgenen, dass die Bauer-Verlagsgruppe von Anfang an die NSDAP mit ihren Zeitschriften, Groschenromanen und mehr unterstützt, sich an jüdischem Eigentum bereichert hat und das bis in die Nachkriegszeit hinein. Jetzt ist der Verlag mit seiner Vergangenheit konfrontiert

„Alfred Bauer … prägte mit seinem verlegerischen Instinkt, wirtschaftlichem Wagemut und Energie die erfolgreiche Entwicklung der Unternehmensgruppe … Seine Leistung und Einsatzfreude wird uns allen Vorbild sein in dem Bemühen, sein Werk in seinem Sinne fortzusetzen“, hieß es in der Mitteilung an alle Bauer-Beschäftigten im Mai 1984, mit der das Management über den Tod des Verlegers informierte. Es sind Worte, die in dieser Form heute vermutlich nicht mehr geschrieben würden. Denn Alfred Bauer, geboren 1898, war NSDAP-Mitglied. Sein Unternehmen beteiligte sich – wie andere auch – an der von den Nationalsozialisten betriebenen sogenannten „Arisierung“. Historiker sprechen rückblickend auch von „Raubkauf“. Weiterlesen →

11. Februar 2020
von Kersten Artus
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Frau N. geht spazieren

Ein mit Blumen geschmücktes Fahrrad vor dem Altenheim.

Ich habe Frau N. im Altenheim besucht. Um mich zu erkundigen, wie es ihr geht. Letzte Nacht, als ich auf dem Weg von der S-Bahn nach Hause war, sah ich sie, ohne Jacke, mit Rock, nackten Beinen und dünnen Schuhen auf dem halbdunklen, nassgeregneten, Bürgersteig laufen. So, als sei sie ohne Ziel.

Ich war zunächst an ihr vorbei gegangen. War nicht sicher, ob und wie ich sie ansprechen sollte. Zog mein Gesicht noch tiefer in das Kunstfell meiner Kapuze, steckte meine handbeschuhten Hände in die Winterjackentaschen. Kalt war es und ich wollte schnell nach Hause, es war kurz vor Mitternacht. Außerdem befinden sich rund um Sternschanzen-Bahnhof oft Leute, die verwahrlost wirken. Und so signalisierte auch Frau N.  – von der ich zu diesem Zeitpunkt natürlich den Namen noch nicht wusste – keine Hilflosigkeit.

Ich überholte sie langsam und etwa zehn Meter weiter drehte ich mich um und beobachtete sie genauer. Außer mir und ihr war niemand auf dieser Seite der Straße, nur noch wenige Autos fuhren. Und nun fühlte es sich sehr falsch an, nicht auf sie zuzugehen, sie nicht anzusprechen. Ob sie noch einen weiten Weg habe, fragte ich. Sie blickte hoch, schaute mich an. Ihr Gesicht war sehr schmal, die Haare standen ungeordnet vom Kopf ab. Eine sehr alte Frau. Sehr zart. Weiterlesen →

7. Februar 2020
von Kersten Artus
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Der § 219a StGB steht auch in der juristischen Kritik

Kristina Hänel und Dörte Frank-Boegner (Vorsitzende pro familia Bund) ©keartus

veröffentlicht im pro familia Magazin 1/2020

siehe auch

Erneut musste sich das Landgericht Gießen mit der Strafsache Hänel befassen. Die Allgemeinmedizinerin war 2017 zu 6.000 Euro Strafe verurteilt worden, weil sie auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche in ihrer Praxis informiert. Denn das ist gemäß § 219a StGB verboten. Anlass des erneuten Termins war die Reform des § 219a StGB im Frühjahr 2019. Seitdem dürfen Ärzt*innen auf ihrer Website zwar bekannt geben, wenn sie Abbrüche durchführen – aber ohne jede weitere Information. Das OLG Frankfurt wies das Landgericht Gießen daher an, Kristina Hänels Informationsverhalten aufgrund der Reform neu zu bewerten.

Die Richterin äußerte sich einerseits kritisch: Die Reform des 219a haben zu mehr Unklarheiten geführt und sei zu schnell gestrickt worden. Es sei zu Fehlern dabei gekommen. Zuvor hatte Hänels Verteidiger dargelegt, dass der 219a keinen Fötus vor einer konkreten Gefährdung schützen würde, sondern nur abstrakt, was allerdings rechtsdogmatischer Unfug sei. Zudem würden ärztliche Berufsrechte verletzt und daher müsse das Bundesverfassungsgericht den 219a bewerten und das Landgericht die Sache direkt in Karlsruhe vorlegen. Da außerdem Europarecht berührt sei, könne das Verfahren auch ausgesetzt und zunächst eine Meinung des Europäischen Gerichtshof eingeholt werden. Richterin wie Staatsanwalt wollten sich allerdings nicht durchringen, den Vorschlägen der Verteidigung zu folgen, sondern lediglich den Straftatbestand überprüfen. Und so bestätigte die Kammer, dass Hänel gegen § 219a StGB verstoßen habe und senkte nur das Strafmaß auf 2.500 Euro ab. Weiterlesen →

28. Januar 2020
von Kersten Artus
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Rede am Holocaustgedenktag vor dem Meßberghof (Ballinhaus)


Weitere Redebeiträge sowie Fotos sind hier zu sehen.

Rede im Wortlaut:

Der Bauer Verlag, dem unter anderen der Meßberghof heute gehört, hat sich jetzt bereit erklärt, seinen Teil zur Aufarbeitung der Geschichte zu leisten.

Denn der frühere Verleger, Großvater der heutigen Verlegerin, war NSDAP-Mitglied und hat sich an jüdischem Eigentum bereichert wie er auch eine wichtige Rolle in der Strategie der Nazi-Propaganda gewesen war.

Ganz freiwillig hat er sich nicht zur Aufarbeitung bereit erklärt, erst die Medien mussten ihn an die Vergangenheit erinnern. Man hätte es dort gern vergessen, behauptet gar, keine Unterlagen mehr aus dieser Zeit zu besitzen. Aber das ist vorbei! Weiterlesen →

15. Januar 2020
von Kersten Artus
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Mein Verleger, der Nazi.

Frontansicht des Bauer-Verlagsgebäudes im Hamburger Kontorhausviertel

@keartus

Ich habe über 30 Jahre für den Bauer Verlag gearbeitet. Als kaufmännische und journalistische Auszubildende, Presse-Dokumentarin, Redakteurin. Und war immer wieder in Bauer-Betriebsräten engagiert. Ich kenne das Haus nahezu wie meine Westentasche – auch wenn ich die Unternehmerfamilie nie kennengelerent habe. Aber über die Kolleginnen und Kollegen, Stilllegungen, Rationalisierungen, Kündigungen, Sozialpläne und die damit immer verbundenen geschäftlichen Aktivitäten des Konzerns weiß ich ganz gut Bescheid – zumindest bis 2016, der Zeitpunkt, zu dem ich ausstieg. Über die Geschäftsaktivitäten zwischen 1933 bis 1945 lag immer ein dichter Nebel.

Weder auf der Firmenwebsite noch bei Wikipedia oder auf der Website des Hauses* der Pressefreiheit** finden sich bislang Hinweise auf diese Zeit. Bei der Unternehmenshistorie hört die Geschichte 1926 auf und fängt irgendwann wieder an – als wenn das Unternehmen aus einer langen, langen Starre, oder vielleicht auch aus dem Naziwinterschlaf, wieder erweckt wurde.

Und niemand hatte sich bislang die Mühe gemacht, nachzuforschen, wie das war bei dem Verlag, der mit vermeintlich unpolitischen, unterhaltenden Publikationen reich geworden ist. Sehr reich: Bauers gehören zu den reichsten Menschen Deutschlands. Sind also reich geworden mit Frauenpresse, der Bravo, Fernsehzeitschriften, Tratsch- und Klatsch-Postillen. Und Schmuddel wie Praline, Schlüsseloch, Wochenend und dem Edelschmuddel Playboy. Und offenbar mit Nazi-Ideologie.

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2. Januar 2020
von Kersten Artus
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„Strafsache Hänel!“

©keartus

Ein Bericht vom Prozesstag, 12. Dezember 2019

„Strafsache Hänel!“ Laut und streng ruft eine Justizangestellte durch den Flur des Landgerichts Gießen. Aber wir sitzen schon alle im Zuschauerraum. Alle, die an der Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude teilgenommen haben und jetzt den Verlauf des Prozesses gegen Kristina Hänel verfolgen wollen.

Erneut muss sie sich gegenüber dem Landgericht verantworten, weil das Oberlandesgericht Frankfurt ihre Sache zurück verwiesen hatte. Grund war die Reform des § 219a StGB, der einen Zusatz erhalten hatte. Seitdem dürfen Ärzt*innen, die Abtreibungen machen, dies auf ihrer Website bekannt geben. Das OLG Frankfurt war daher der Auffassung, dass das Verfahren von Kristina neu bewertet werden müsse. Und nun sitzen wir hier ein zweites Mal und harren der Dinge. Ich fasse hier den Prozesstag zusammen, die Wiedergabe ist keineswegs vollständig. Aber sie zeichnet meiner Meinung nach den Verlauf und die wesentlichen Argumentationsstränge nach. Weiterlesen →

28. Dezember 2019
von Kersten Artus
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Mein alljährlicher Weihnachtsblues

Grüffelo, Foto ©keartus

Diesem Grüffelo, den ich meinem Enkel vor ein paar Wochen geschenkt habe, mag Weihnachten nichts anhaben. Bei mir hingegen löst das Fest der Feste jedes Jahr Krisen aus. Ich weiß nur nie, wann genau. Und in welcher Intensität. Es kann beim Anschauen von Fotos passieren.  Bei einem Film. Bei irgend einer Szene in der U-Bahn, die ich mit erlebe. Oder auf einer Weihnachtsfeier. Spätestens ab 25. Dezember hänge ich dann vollends durch und muss alles, was nach Weihnachten aussieht, aus meinem Nahfeld entfernen. Der Baum, wenn ich einen aufgestellt habe, fliegt in der Regel nach dem 2. Weihnachtstag raus. Weiterlesen →