Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

10. September 2019
von Kersten Artus
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Medienmagazin „M“: Der Streit um den § 219a StGB ist noch lange nicht zu Ende

veröffentlicht im Medienmagazin „M

Die Reform des Paragraphen 219a Strafgesetzbuch vom Jahresbeginn hat so gut wie nichts geändert. Ärztinnen und Ärzte, die über Schwangerschaftsabbrüche informieren und solche durchführen, werden weiter kriminalisiert. Abtreibungsgegner machen fortwährend mobil – nicht ohne Grund auch gegen Redaktionen, Journalistinnen und Journalisten.

Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland verboten. Treibt eine Schwangere ab, muss sie nach § 218 StGB mit einer bis zu einjährigen Gefängnisstrafe rechnen. Der Eingriff ist nur straffrei, wenn die Frau an einer Pflichtberatung teilnimmt, den Abbruch mit einem Mindestabstand von drei Tagen vornehmen lässt, er innerhalb der ersten 12. Schwangerschaftswochen stattfindet und Beratung sowie Abbruch von verschiedenen Personen durchgeführt werden. Weiterlesen →

6. September 2019
von Kersten Artus
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50 Jahre pro familia Hamburg

©HeikeGünther

Das war ein toller Tag: Über 150 Gäste waren ins Hamburger Rathaus gekommen, um mit uns unser Jubiläum zu würdigen. Hier ist die Presseerklärung der Gesundheitsbehörde dazu, hier der Bericht im Hamburg Journal und hier Rede, die ich auf dem Senatsempfang gehalten habe, im Wortlaut – und hier kann das Video dazu gesehen werden:

Liebe Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft, sehr geehrte Frau Senatorin Prüfer-Storcks, liebe Stefanie Schlitt, liebe Gäste des heutigen Empfangs,

wir sind ganz unbescheiden, wenn wir sagen: Wir lassen uns heute gerne loben und feiern!

Und es ist schön, dass viele Ehemalige – Vorstandsmitglieder und langjährig Beschäftigte – heute ebenfalls hier sind. Alle haben ihren Teil dazu beigetragen, dass pro familia Hamburg eine gewichtige Stimme hat, wenn es um Sexualpolitik geht, und die wichtigste Anlaufstelle für Menschen ist, die Unterstützung bei der Familienplanung suchen. Weiterlesen →

30. Juli 2019
von Kersten Artus
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Zwischen Hoffen und Bangen

Selfie vor der OP

Es ist vorbei. Nun kann ich darüber schreiben. Das ging vorher nicht, denn ich musste in den letzten Wochen mit zwiespältigen Gefühlen klarkommen. Und wollte meine Gemütslage nicht bloßlegen. Wollte weder die berühmten Pferde scheu machen noch andere zum googeln verleiten, weil mir mein eigenes Halbwissen bereits mehr als reichte. So wussten nur ganz wenige Menschen Bescheid.

Meine Frauenärztin hatte Mitte Juni bei einer Routinevorsorge eine Zyste entdeckt. Und weil die an einer Stelle saß, wo sie – in meinem Alter – nicht mehr hingehörten sollte, empfahl die Ärztin sowohl ihre Entfernung wie auch die der Keimdrüse, an der sie hing. Sie überwies mich an ein Krankenhaus, das für diese Art Operationen eine gute Adresse sein soll.

Vielleicht hätte sie aber einige Sätze nicht sagen oder ihre Vermutungen anders ausdrücken sollen. So aber sagte sie: „Man kann ja immer etwas finden.“ – „Das kann auch Überdiagnostik sein.“ – „Dahinter kann sich etwas verbergen, was auch nicht so schön sein kann.“ Aussagen, die auf mich wirkten, langsam in mich einsickerten, von meinen Gedanken Besitz ergriffen, mich Stück für Stück hilfloser machten. Vielleicht aber hätte der Befund auch gar nicht so viel ausgelöst, hätte ich nicht mehrere Wochen auf das Gespräch im Krankenhaus warten müssen. Denn natürlich rief ich gleich dort an. Doch erst vier Wochen später hatte man Zeit für mich. Weiterlesen →

7. Juli 2019
von Kersten Artus
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Die Bewegung gegen den 219a ist eine Erfolgsgeschichte

Collage: keartus (Bilder vom Prozess und Protest November 2017 in Gießen)

Eiken Bruhn stellt in ihrem Beitrag im pro familia Magazin 2/19* fest, dass es beim Thema Schwangerschaftsabbruch zu wenig öffentlichen Druck gegeben habe. Ich sehe das anders.

Die Bewegung gegen den § 219a StGB sucht ihresgleichen. Seit vielen Jahren war die Frauenbewegung nicht mehr so aktiv, so bewegt, so sichtbar. Und so übergreifend einig: Christinnen, Grüne, Sozialdemokratinnen, Sozialistinnen, Linke, Liberale, Autonome, Jüngere, Ältere, einfache Angestellte, Unternehmerinnen, Freiberuflerinnen, Studierende, und auch vereinzelt Christdemokratinnen verlangten von der Bundesregierung die Abschaffung des Informationsverbots für Ärzt*innen, wenn sie Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Expert*innen verschiedener politischer Fachrichtungen unterstützten sie: Voran die Frauenpolitikerinnen, aber zusätzlich Abgeordnete mit den Schwerpunkten Recht und Gesundheit befanden den 219a für frauenfeindlich, antidemokratisch, stellten dessen Verfassungsmäßigkeit in Frage. Auch die Medien spiegelten diesen breiten Protest wieder, wobei es meiner Einschätzung nach die jungen Journalistinnen in den Redaktionen waren, die die Geschichten trieben und Reportagen, Interviews, Porträts und Investigativrecherchen veröffentlichten. Die Aussage von Eiken Bruhn „dass das Thema außerhalb von Fachkrise nur wenige Menschen bewegt“, stimmt daher nicht. Im Gegenteil. Weiterlesen →

17. Juni 2019
von Kersten Artus
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Interview: „Grenzen im Kopf“

Sönke Fock: „Es bleibt immer der schmale Grat zwischen Respekt vor dem Gegenüber und der Privatsphäre und dem, was wirklich für unsere Dienstleistung von Bedeutung ist.“

Es ist Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit Hamburg (rechts auf dem Bild), ein ganz persönliches Anliegen, Vielfalt am Arbeitsplatz in der Behörde zu leben und gleichzeitig eine neue professionelle Sicht auf Arbeitsvermittlung zu entwickeln. Hier spricht er über seine Motive, Erfahrungen und Forderungen – an sich selbst, an die Arbeitsvermittler*innen, an Unternehmerinnen und Unternehmer. Und welche Chancen vergeben werden, wenn Diversitäten in den Betrieben ignoriert werden.

Interview: Kersten Artus

Herr Fock, warum ist es heute immer noch nicht selbstverständlich, sich als schwul, lesbisch, intersexuell oder transgender im Betrieb zu outen?

Sönke Fock: Das ist leider so, weil viele Menschen sich immer noch fragen, ob damit Nachteile für sie verbunden seien. Oder weil sie glauben, dass Chefin oder Chef wie auch Kolleginnen und Kollegen es nicht akzeptieren. Deswegen sind Grenzen im Kopf und im Herzen, um sich ohne Bedenken zu öffnen.

Sind da wirklich nur Grenzen in Kopf und Herzen?

S.F.: Die Erfahrungen mit Diskriminierungen sind sehr unterschiedlich. Aus Gesprächen weiß ich, dass es nicht oder selten die direkte Ablehnung ist, sondern sie eher indirekt erfolgt. Etwa, indem Kontakte seltener werden oder sich die Kommunikation verändert; oder dass eine gewisse Sprachlosigkeit einzieht. Aber es gibt auch die anderen Erfahrungen. Reaktionen wie „Das wussten wir schon längst, wir haben nur nicht darüber gesprochen“. Oder das Outing wird einfach positiv oder eher beiläufig aufgenommen. Weiterlesen →

25. Mai 2019
von Kersten Artus
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Deutsche Kinder in Paris (1925)

©pixabay

von Ignaz Wrobel (Tucholsky), 1925

Im Pariser Gewerkschaftshaus, in der Rue Grange-aux-Belles, lärmt der große, braungraue Versammlungssaal. Kinder, überall Kinder. In einer Ecke stehen Pakete, Kisten, Rucksäcke: Nahrungsmittel, Stoffe, kleine Käfige mit Meerschweinchen und Kaninchen – das wird jetzt auf die Bahn geschafft. Frauen sitzen auf den Bänken, Arbeiterfrauen. Man sieht viele verheulte Gesichter. Hier wird Abschied genommen: ein Transport deutscher Kinder, die sechs Monate zu Besuch bei den französischen Genossen waren, nimmt Abschied. Weiterlesen →

18. Mai 2019
von Kersten Artus
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Johanna

Johanna und Rudi auf meiner Gartenschaukel im Mai 2017

Vor ganz genau zwei Jahren haben mich Rudi und Johanna im Garten sucht. Ende Mai 2017. Es war schön warm und ich hatte die beiden von der S-Bahn abgeholt. Johanna fand es ein wenig verrückt, dass ich diesen Garten hatte, aber sie pflegte auf ihren kleinen Balkon auch immer ein paar Pflanzen und erfreute sich an ihnen, wenn sie an ihrem Schreibtisch saß. Ihr Bett stand genau gegenüber der Balkontür an der Wand, sodass sie gleich beim Aufwachen darauf schauen konnte.

Johanna lebt nicht mehr. Sie starb letzte Woche mit 83 Jahren. Als ich es erfuhr, musste ich in den Himmel schauen, vermutete sie instinktiv dort, und sagte zu ihr: „Warum hast Du mir nicht Bescheid gesagt, wie schlecht es Dir ging? Warum haben wir uns nicht noch einmal getroffen? Weiterlesen →

5. Mai 2019
von Kersten Artus
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Ohlala. Der Name darf genannt werden.

Screenshot Tagesthemen

Zusammenfassende Darstellung des Landgerichtsurteils vom 26. April 2019

Das Landgericht Hamburg hat entschieden. Ich darf den Namen des Mannes nennen, der unzählige Ärztinnen und Ärzte systematisch nach § 219a StGB angezeigt hat. Die Kammer hat in einer Klarheit dargelegt, warum es zulässig ist, Hendricks Namen zu nennen, die mich ehrlich gesagt beeindruckt hat. Alle Nebenschauplätze, die der Anwalt von Hendricks aufgetischt hat, hat sie mit klugen und abwägenden Argumenten verworfen.

Die Klage ist nicht begründet, schreibt sie. Allein das muss Hendricks Anwalt weh tun, auch wenn es eine juristisch sachliche Darstellung sein dürfte. Völlig umsonst war es, dass er das halbe Internet ausgedruckt hat, um zu beweisen, wie sein Mandant durch mich geschädigt worden sei. Sein Persönlichkeitsrecht sei nicht verletzt worden, weil es eine identifizierende Berichterstattung gegeben habe, schreibt die Kammer weiter. Daher habe er keinen Unterlassungsanspruch. Ein Eingriff in das Anonymitätsinteresse könne zur wahrheitsgemäßen Aufklärung gerechtfertigt sein. Die Grenzen sieht sie bei den Rechten Dritter und bezieht sich auf die Meinungs- und Medienfreiheit, die grundgesetzlich garantiert ist. Das Persönlichkeitsrecht gewähre nicht immer ein Herrschaftsrecht über bestimmte Informationen. Auch deswegen finde ich dieses Urteil spannend und wegweisend. Denn es ist immer wieder ein neues Ausbalancieren, wenn Grundrechte gegeneinander stehen. Und meiner Meinung war es nicht von vornherein klar, wie das Gericht entscheidet, auch wenn ich mich im Recht fühlte. Weiterlesen →

7. April 2019
von Kersten Artus
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Unsere Reise nach Südafrika

Ich wollte immer dahin. In die Heimat Nelson Mandelas. In das Land, das die Apartheid überwunden hat, in dem sich die Menschen von einem rassistischem Regime befreiten. Doch bis vor wenigen Jahren mochte ich keine Fernreisen. Allein die Vorstellung, stundenlang in einem Flieger zu sitzen, bremste jede Lust, weit weg zu fahren. Das änderte sich vor ein paar Jahren. Ich fuhr zunächst mit der Bürgerschaft nach China und Weißrussland und 2015 mit Plan International nach Bolivien. Dann mit Holger nach Kuba, letztes Jahr waren wir Vietnam/Kambodscha. Und nun war es uns beiden ein großes Anliegen, endlich auch Südafrika zu bereisen. Weiterlesen →

8. März 2019
von Kersten Artus
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Das Patriarchat ist 8000 Jahre alt. Das reicht.

Rede zum 8. März 2019 auf dem Hamburger Rathausmarkt

Weltweit gehen heute Menschen auf die Straße, um gegen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen zu protestieren. Der Kampf um gleiche Rechte ist immer ein internationaler Kampf und macht vor keiner Grenze halt. Und wenn wir heute hier in Hamburg demonstrieren, dann sind wir auch in Gedanken an unsere Schwestern überall auf der Welt. Denn es sind überall die gleichen diskriminierenden Herrschaftsstrukturen, die Frauen weniger Rechte zugestehen. Die sie bewusst klein und niedrig halten. Oftmals mit Gewalt. Weiterlesen →