Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Schöne Weihnachten?

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Meine Schwester und ich in den 1960er Jahre an Heiligabend

Als ich dieser Tage einer Gruppe von Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, eine Mail schrieb, ergänzte ich die Grußfloskel am Ende mit „Schöne Weihnachten und einen Guten Rutsch“. Einen Tag später erhielt ich zur Antwort von einer der Addressierten, sie wäre ja sakulär ausgerichtet und wünsche vielmehr ein ruhiges Jahresende.

Weihnachten ist eine schwierige Zeit. Es ist ein schwieriges Fest. Einerseits freuen sich viele, vor allem Berufstätige, darauf, dass das Jahr endet und damit der Stress, der viele gerade dann erreicht – von allem im Einzelhandel. Und vor allen Frauen bereiten die Feierlichkeiten vor, schmücken, dekorieren, planen die Besuche und denken über das Essen nach. Ich finde ja sowieso, dass die Männer zu gut bei Weihnachten wegkommen: Der Weihnachtsmann verkörpert das Gute, dabei interessieren sich Männer doch oft gar nicht dafür, dass es schön und besinnlich ist und alle etwas bekommen, was sie sich wünschen oder auch nicht gewünscht haben. Von Ausnahmen mal abgesehen, manche schlagen ja auch gern den Baum oder bereiten jedes Jahr die Gans zu.

Weihnachten ist schwierig, weil es stressig und verlogen ist. Es kommen Familien zusammen, die sich das Jahr über richtigerweise aus dem Weg gegangen sind. Es wird viel zu viel getrunken wird, der Alkohol befördert manchen Streit. Viele Menschen können auch sich aber Baum und Geschenke gar nicht leisten. Und dass das Christkind Geschenke bringt, ist die allergrößte Lüge: Nach der gängigen Lehre hat es doch eigentlich selbst am 24. Dezember Geburtstag und sollte Geschenke erhalten! Und sein Alternativprogramm, der dicke Mann mit Rauschebart und rotem Mantel ist auch nur einer Phantasie von Coca-Cola entsprungen. Der einzig echte Weihnachtsmann ist zudem der Nikolaus, der hat wenigstens wirklich gelebt.

Weihnachten ist schwierig, weil es einen Großteil der westlich-christlich geprägten Menschen emotional durchschüttelt. In den Medien, in der Werbung strotzt es nur so von Adjektiven wie „besinnlich“, „ruhig“, „harmonisch“, „schön“ – große Sehnsüchte werden geweckt, auch wenn nahezu jede und jeder weiß, dass sich dieses Ideal nur selten erfüllt. Der Wunsch nach weißer Weihnacht macht das mit am allerdeutlichsten: Zwar fällt in Bullerbü jedes Jahr totsicher weicher, flockiger Schnee, aber ganz sicher nicht in Hamburg, Bremen und Dithmarschen. „Weiße Weihnachten“ ist alles, nur nicht tautologisch wie gelbe Sonne oder runder Kreis oder weißer Schimmel. Die Wettervorhersage quält sich dennoch jedes Jahr einen ab, die Menschen zu trösten, weil es eher nieselt statt schneit.

Viele Menschen feiern Weihnachten das erste Mal ohne einen Menschen, der ihnen nah gestanden hat. Das ist besonders schwierig. Dorothea Wagner hat ihren Mann Uli vor sechs Jahren verloren, er starb an Alzheimer. Seitdem feiert sie Weihnachten ohne ihre Familie, schreibt sie im Süddeutschen Magazin. Enkel und Urenkel können am 1. Weihnachten kommen, dann gibt es Bescherung, gutes Essen. Aber Heiligabend verbringt sie allein. Es ist meiner Meinung nach ein konstruktiver Umgang mit dem Tod und mit Weihnachten, finde ich. Man muss das so nicht machen, aber es ist zumindest ehrlich.

Ich habe auch eine Entscheidung getroffen: Ich habe Weihnachten dieses Jahr aus meiner Wohnung geschmissen. Keine Deko, kein Baum. Nur ein Adventskalender aus dem Bundestag mit lustigen Bildern steht auf dem Tisch. Ich musste mir gegenüber aber nun endlich einmal ehrlich sein: Ich leide jedes Jahr in der Adventszeit, weil ich mich selbst hype, meine inneren Erwartungen an Weihnachten aber dann doch logischerweise nicht erfüllt werden. Ich mache es aber anders ans Dorothea: Wir sind Heiligabend alle zusammen, wir beschenken die Kinder. Wir essen gut. Aber meine dritte Haut, wie man die eigene Wohnung ja auch nennt, triggert mich nicht zusätzlich. Das ist nur ein Kompromiss, aber es ist mein Versuch, mit Weihnachten umzugehen. In meinen Grußkarten an alle Angehörigen, denen ich denen ich dieses Jahr eine Trauerrede geschrieben habe, habe ich Weihnachten zudem ganz weggelassen, nur auf das neue Jahr orientiert und einen tröstenden Satz von Goethe hinzugefügt. Es wird schon schwer genug für sie werden.

Weihnachten ist eine schwierige Zeit, ein schwieriges Fest. Ich wünsche dennoch allen eine schöne Weihnacht, denn es ist ein gesellschaftlicher Höhepunkt, den jede und jeder auf die eigene Weise begehen sollte. Um teil zu haben, um die Gemeinschaft zu spüren. Das muss ja nicht die Familie sein. Ich freue mich auf meine Familie und es ist mir auch wichtig, meine Schwester an diesen Tagen hinzuzuholen, die nun schon über ein Jahr nicht mehr lebt. Vielleicht mit einem Foto, vielleicht mit einer Kerze, die brennend davor steht.

Schöne Weihnachten.

2 Kommentare

  1. Sie haben ja so recht liebe Frau Artus.

  2. Ja, Kersten, stimmt, was Du schreibst. Ganz schlimm sind die Feiertage und Geburtstage, wenn man wie ich die Kinder bei Trennung an den Mann mit seiner Freundin / Stiefmutter (die Böse) verloren hat. Es braucht unbedingt ein Ersatzprogramm für diese Tage. Erst mit den Jahren vergeht der Schrecken dieser Tage.

    Warum will man den Kindern den Weihnachtsmann nehmen? In wenigen Jahren ist der Spuk vorbei. Weihnachten ist Kinderzeit. Und ausgegrenzte Mütter (auch ausgegrenzte Väter) leiden.

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