Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Letzte-Hilfe-Kurs: Sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen

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Sterbendes Blatt am 8. November

Als ich das erste Mal von „Letzte-Hilfe-Kursen“ las, dachte ich an einen Scherz. Tatsächlich stoßen sie auf großes Interesse. Auch mir gelang es nicht sofort, einen Kurs zu belegen. Ausgebucht – hieß es. Nun war es mir doch gelungen, einen Platz zu bekommen. Vier Stunden lang – also so lang wie ein normaler Erste-Hilfe-Kurs – sollte er dauern. Ich überlegte, was auf mich zukommen würde. Mein Ziel war, Informationen über das Sterben zu erhalten. Ich suchte Antworten auf diese Fragen: Wie verhalten sich Sterbende? Woran erkennt man, dass jemand stirbt? Wie kann ich helfen? Wie kann ich eigene Ängste oder auch Ekel überwunden? Wie erkenne ich, dass jemand tot ist?

Ausblick aus dem Seminarraum in Wandsbek – 6.Stock

Wer würde außer mir noch an solch einem Kurs teilnehmen? Vermutlich Leute, die gerade jemanden in ihrer Nähe haben, die/der bald stirbt oder sterben könnte, vermutete ich. 16 Frauen und Männer hatten sich angemeldet. Tatsächlich berichteten über die Hälfte der Teilnehmenden, dass sie schwerkranken und/oder alte Eltern hätten und sich vorbereiten wollten auf das Unabänderliche. Da war aber auch die Frau, die vor Jahren schon einmal an Darmkrebs erkrankt war und sich nun ohne Todesnähe damit auseinandersetzen wollte, wie es sich mit dem Sterben verhält. Auch einer der beiden männlichen Teilnehmer sagte, es würde ihm gut tun, heute hier zu sein, würde er sich doch mit seiner eigenen Endlichkeit auseinandersetzen.

Erste-Hilfe-Kurse haben das Ziel, jemandem in einer lebensbedrohlichen Lage so zu unterstützen, dass die Bedrohung abgewendet werden kann. Man lernt, was eine stabile Seitenlage ist, wie die Druckmassage geht und ein Defibrillator funktioniert. Man bekommt Informationen darüber, wie wichtig Erste Hilfe ist. Im Ergebnis nimmt das Wissen die Scheu, sich einem fremden Menschen, einem verletzten Körper, zu nähern. Es wird einem die Sorge genommen, dass man etwas falsch machen könnte. Aber was würde mir ein Letzte-Hilfe-Kurs an Ängsten nehmen? Lebenswichtig können ja die vermittelten Inhalte nicht sein, da es nicht ums Weiter- oder Überleben geht.

Ziel dieses Kurses sei, eröffnete Seminarleiterin Marina Schmidt vom Hospitzdienst im Hamburger Osten, Leid zu lindern und die Lebensqualität zu erhalten. Und zwar aus Sicht des Betroffenen. Es ging also zunächst um diese beiden Fragen: Woran würde man Sterben erkennen? Wann würde das Sterben eigentlich beginnen? Es hätte eine ausufernde Diskussion unter philosophischen und spirituellen Aspekten werden können, denn Sterben beginnt ja eigentlich schon mit der Geburt, oder spätestens ab Mitte 20, wenn der Körper biologisch anfängt, zu altern. Hier und heute ging es aber um die akute Phase des Sterbens.

Und so gibt es verschiedene Anzeichen, lernten wir, die darauf hindeuten, dass jemand stirbt. Und auch wenn der Tod unmittelbar bevorsteht, ist das an konkreten Merkmalen erkennbar. Körper und Psyche verändern sich. Das Verhalten, das Bewusstsein.

Mir kamen, während wir die Details erfuhren, viele Momente aus Angehörigengesprächen in Erinnerung, in denen mir geschildert wurde, wie das Sterben erlebt worden war. Wie etwa sich das Gesicht des Vaters oder der Mutter veränderte. Wie Hände gehalten und zusammen die Lieblingsmusik gehört wurde. Freunde und Bekannte dazu geholt wurden. Das Fenster geöffnet, damit die Seele entweichen kann. Aber auch an die Erzählungen von Enttäuschungen erinnerte ich mich, dass jemand genau dann starb, als für fünf Minuten niemand im Zimmer war. Das komme nicht selten vor, bestätigte auch Marina Schmidt. Angehörigen wollten ja oft jemanden halten. Dann könne die Sterbende aber erst gehen, wenn sie einen Moment Ruhe hätte.

Aber auch der Blick auf sich selbst war Teil des Vormittages. Denn wer Menschen am Lebensende begleitet, übernimmt sich nicht selten. Daher ist es gut, eigene Grenzen zu kennen, aber auch die Bedürfnisse des anderen einschätzen zu können. Und sich Hilfe zu holen, wenn es nicht mehr geht. Besser schon vorher. Spezielle Palliativ-Teams kommen dann nach Hause. Sie können Schmerzen lindern. Sterben sei nie schmerzfrei, sagt Frau Schmidt. Schmerzen könnten aber so gelindert werden, dass sie aushaltbar seien. Hmmm. Ich dachte bislang, es gäbe Medikamente, die Schmerzen völlig nähmen.

Was zum Sterben noch dazu gehört, und Teil des Kurses, sind Kenntnisse über Vorsorgeplanung und die Patientenverfügung. Etwa dass ich eine Vorsorge-Bevollmächtigte einsetzen sollte, die mich zwar gut kennt, aber nicht zu meinem unmittelbaren Verwandtenkreis gehört. Gegebenenfalls müssen Anweisungen ja auch gegenüber Dritten durchgesetzt werden, was in einer emotional schwierigen Situation nicht immer einfach sein kann. Wenn ich etwa partout keine Magensonde haben will, kann das nahe Verwandte in höchste Nöte bringen. Frau Schmidt empfahl zudem, sich vor dem Ausfüllen einer Patientenverfügung medizinisch beraten zu lassen. Damit man wisse, was die einzelnen Punkte konkret bedeuten. So gäbe es etwa verschiedene Möglichkeiten, dem Körper Flüssigkeiten zuzuführen, wenn dies über den Mund nicht mehr ginge. Wer stirbt, muss keine lebensverlängernden Maßnahmen bekommen, aber hat ein Recht darauf, eine würdige letzte Zeit zu haben.

Kinder, sagte Maria Schmidt, sollten nicht außen vor gehalten werden. Sie sollten gefragt werden, ob sie Oma oder Opa im Krankenhaus besuchen wollten. Sollten bei der Beerdigung dabei sein. Ich ergänzte: Kinder wollen auch gern trösten. Ichhabe leider einige Male erlebt, dass Kinder komplett ausgegrenzt wurden. Meine Erfahrungen mit Kindern bei Trauerfeiern, auf denen ich geredet habe, sind sehr berührend. Ich erinnerte mich aber auch daran, wie mein Enkel und meine Nichte den Sarg meiner Schwester bemalten. Und der Kleine unter dem Sarg krabbelte.

Eine praktische Übung haben wir dann noch gemacht: Einen kleinen Stab mit einem Schwamm aus einer Plastikpackung geholt, ihn in Wasser, Saft und Kaffee getaucht, zunächst die Lippen benetzt, dann im Mund herum geführt. Das kann man auch bei Sterbenden machen, und es kann ihnen gut tun; die Lippen pflegen; die Feuchtigkeit spüren und den Geschmack zu empfinden. Alle Flüssigkeiten seien  „erlaubt“ – je nachdem, was gut tut. Also etwa auch Rotwein. Frau Schmidt hatte noch viele weitere Tipps, die Sterbenden gut tun können.

Ich habe aus diesen vier Stunden viel mitgenommen und finde, dass dieses Wissen Allgemeingut sein sollte wie die Druckmassage oder die stabile Seitenlage. Ich muss sie auch vielleicht nur einmal im Leben kennen und anwenden, aber wenn der Moment da ist, bin ich nicht so hilflos. Sterben und Tod sind Teil des Lebens. Das im Wortsinne zu begreifen macht es leichter, damit umzugehen und menschlich zu handeln, wenn es soweit ist.

Dinge, die das Lebens ende leichter machen: Hüllen für kleine Eiswürfel, Weingummi zum Einfrieren, Apfelmus, eine Sprühflasche, um Flüssigkeiten schonend in den Und zu führen, Brausepulver, um Schorf schonend auf der Zunge zu lösen. Honig und Butter zur Herstellung von Lippenpflege.

Ein Kommentar

  1. Liebe Kerstan ich habe mit grossem Interessen Deinen Beitrag zu dem Letzte-Hilfe-Kurs gelesen. Meine Freundin wird bald sterben und ich möchte mich auch gerne mehr vorbereiten. Wie oft werden diese Kurse angeboten?
    Meine Idee ist es mit meinen Freundinnen noch 1 schönes Wochenende mit allem was geht, zu ermöglichen. Ich habe ein Haus auf Sylt gebucht und hoffe an alles zu denken, was Ihr und uns gut tut. Hast Du noch eine Idee? Lieben Gruß Barbara Adden

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