
Die “Hammonia” – Hamburgs Schutzgöttin – ist ein Preis, den der Landesfrauenrat Hamburg einmal im Jahr verleiht. Nun wurde auch ich zur Göttin befördert. Hier ist die Presseerklärung – und hier -> die Rede, die ich nach der Preisverleihung gehalten habe:
Danke für Deine wunderbare Laudatio, Eva Burgdorf. Auch Du bist eine Hammonia und mich begeistert Dein Engagement für lesbische Sichtbarkeit und gegen Homophobie seit Jahren. Wie auch Du, Sabine Stövesand, ebenfalls eine Hammonia. Dein Projekt „SToP Partnergewalt“ war und ist einfach fantastisch. Danke für Ihre Worte, Frau Senatorin Blumenthal, liebe Maryam. Danke, dass Ihr alle gekommen seid.

Der heutige Abend steht auch unter dem Schatten des Todes von Rita Süssmuth. Zurecht wird sie als eine der wichtigsten Politikerinnen der Nachkriegsgeschichte bezeichnet. Ihr Feminismus hat vieles bewegt.
Ebenfalls möchte ich die 18-Jährige Adal erwähnen. Sie wurde von einem 25-Jährigen am Sonnabend am U-Bahngleis Wandsbek-Markt mit in seinen Tod mitgerissen.
Die Bürgerschaftsabgeordnete Hila Latifi hat es treffend gesagt: Frauen werden immer wieder Opfer männlicher Gewalt – Femizide hätten unterschiedlichste Erscheinungsformen. Umso abstoßender sei die Instrumentalisierung durch die AfD, um rassistische Hetze zu betreiben. Das zeigt, wie sehr uns alle braucht!

Ich bedanke mich beim Landesfrauenrat für meine göttliche Beförderung. Ich werde mit den mir damit verliehenen Fähigkeiten das Mögliche tun, die Menschen dieser Stadt vor Ungemach zu schützen. Was allerdings keine leichte Sache ist, denn Ihr habt schließlich entschieden, eine Feministin und Sozialistin zur Schutzgöttin Hamburgs zu machen.
Ich muss also zunächst das Paradoxon auflösen, dass ich mit Göttlichem wenig am Hut habe und daher auch die Internationale der Hamburg-Hymne immer vorziehen würde. Weil ich davon überzeugt bin, dass uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun erlöst. Vor allem also – keine Männer.
Da ich allerdings in einer Männergewerkschaft sozialisiert wurde, der IG Druck und Papier mit der deutschen journalist:innen union, weiß ich männliche Power durchaus zu schätzen – solange sie kein Mansplaining darstellt. Das ist allerdings auch ein Parodoxon, denn Drucker haben eine große Klappe. Setzer wissen alles besser. Journalisten haben eine große Klappe und wissen alles besser. Aber ich habe von ihnen auch gelernt. Vor allem aber von starken Kolleginnen, Druckerinnen, Setzerinnen, Journalistinnen.

Es war ein Schlüsselerlebnis, als sich 1984 die Streikenden für die 35-Stunden-Woche von der IG Druck und Papier und der IG Metall in die 8.-März-Demo eingereiht haben.
Für mich war seitdem klar: Niemand kann universelle Menschenrechte allein durchsetzen. Man braucht Mehrheiten, man braucht starke Arme wie auch mutigen Verstand. Und die Lust auf Streit.
Und so ist das auch beim § 218 StGB. Es gibt zwar eine Mehrheit in diesem Land, die will, dass Schwangerschaftsabbrüche aus dem Strafgesetzbuch verschwinden. Diese Mehrheit wird derzeit aber nicht durch die amtierenden Bundesregierung vertreten. Und es war schmerzhaft, auszuhalten, wie es die vorherige vergeigt hat, das Abtreibungsrecht zu reformieren.
Wir dürfen nur trotz Rückschlägen und Niederlagen nie vergessen, dass wir auf viele Erfolge zurückblicken können. Und dass es immer Menschen gegeben hat, die starke Arme, mutigen Verstand und Lust auf Streit hatten.
Denn, wie Ringelnatz es einst sagte: Sicher ist, dass nichts sicher ist, und selbst das nicht. Und deswegen müssen wir Erfolge feiern, uns gegenseitig ehren; und aufpassen, dass uns Erreichtes nicht wieder genommen wird. Derzeit sehen wir das bei der unverschämten Absicht, die Wochenarbeitszeit wieder auszudehnen.
Auch damals, 1984, gab es massive Einschüchterungsversuche. Beim Abtreibungsrecht ist das Klima ähnlich aufgeheizt. Ich bin daher froh, dass uns die Hamburgische Bürgerschaft wie auch der amtierende Senat sowohl beim (ehemaligen) § StGB 219a als auch beim § 218 StGB unterstützt.
Um als Landesregierung aber unsere natürliche Bündnispartnerin zu bleiben, muss die Versorgungssituation für ungewollt Schwangere in Hamburg verbessert werden.
Ich appelliere an die linke und rechte Seite des Rathauses (auf der linken Seite sitzt die Bürgerschaft, auf der rechten Seite sitzt der Senat) endlich mehr Beratungskapazitäten für diese Menschen, die sich in akuter Not befinden, zur Verfügung zu stellen – die jetzigen reichen seit längerem nicht mehr aus. Ich habe kein Verständnis dafür. Am Geld kann es nicht liegen. Ich habe den Haushaltsplan der BAGSFI durchgeschaut. Ich wüsste, wie ich umschichte.
Damit zusammenhängende Themen bleiben und erfordern ebenfalls gemeinsames Handeln. Denn machen wir uns nichts vor: Der Wind bläst immer schärfer von rechts. Vor allem von ganz rechts. In dieser Ecke fühlen sich auch die Abtreibungsgegner zuhause.
Und man muss nicht göttlich sein, um vorauszusehen, dass Deutschland, aller Wahrscheinlichkeit nach, Ende 2026, wenn die fünf Landtagswahlen durch sind, ein anderes sein wird. Gegen die AfD muss daher dringend ein Verbotsverfahren eingeleitet werden.
Es wäre auch ein Beitrag, um zu verhindern, dass Trump, Vance und Rubio Europas Türen eintreten. Schaut man sich allein die irre Idee an, Grönland amerikanisch zu machen.
In diesem Zusammenhang ist das Schicksal von 4.500 Grönländerinnen ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit getreten. Ihnen waren in den 1960ern und 1970ern ohne ihr Wissen auf Anordnung der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark Spiralen eingesetzt worden. Es waren Zwölfjährige darunter. Sexualisierte Gewalt der besonders perfiden Art.
Es ist ein Beispiel von vielen, wie Menschen seit Jahrtausenden sexuell entwürdigt, gedemütigt und entrechtet werden. Die Erkenntnis daraus ist: Solange wir nicht selbstbestimmt über unsere Familienplanung, über unsere Körper und über unsere Sexualität entscheiden können, sind wir nicht gleichgestellt, nicht gleichberechtigt, nicht wirksam und mächtig uns selbst und dem Leben gegenüber.
Ich hoffe, Ihr verzeiht mir den kleinen Rundumschlag – aber das Abtreibungsrecht steht nicht im luftleeren Raum. Im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wird es sogar prominent benannt. Sie wollen die Beratungspflicht verschärfen.
Wir haben Euch Flyer des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung Berlin mitgebracht, mit dem sie beeindruckend und überzeugend darstellen, warum die Wahl der AfD eine schlechte Idee ist – Selbstbestimmung wollen die nicht. Und auch wegen dieser Gefahren ist die Abschaffung des § 218 StGB überfällig.
Ich bin daher froh, dass es Pro Familia gibt. Unser Fachverband, der tonabgebend, sachlich und zugleich radikal das Ende des 218 forciert. Pro Familia ist übriges ein Verein, in den man eintreten kann! Es sind gut investierte 55 Euro im Jahr! Ihr fördert damit auch die Jugend. Es ist toll, dass viele von unseren PIAs, unserer Jugendstruktur, heute hier sind. Ohne die Millennials wäre die Pro-Choice-Bewegung nicht so lebendig, engagiert und öffentlichkeitswirksam.
Und es wird hoffentlich in drei Tages eine Demonstration in Hamm geben, die die Stadt noch nie gesehen hat: Am 5. Februar wird das Berufungsverfahren für Dr. Joachim Volz vor dem Landesarbeitsgericht Hamm verhandelt. Das christliche Klinikum Lippstadt verbietet nämlich seinem Chefarzt, Abtreibungen auch in seiner Privatpraxis durchzuführen. Ich glaube, es wird eine tolle Demo.
Liebe alle, ich bin glücklich, dass so viele heute hier sind, denen ich mich seit Jahren verbunden fühle. Politisch, menschlich. Nun mit einer überirdische Facette. Die Hammonia ist ein Preis, den ich gern mit sechs weiteren Frauen teilen möchte. Denn ohne diese Frauen, diese Kämpferinnen, würde es den 219a heute noch geben; und ihr habt so unglaublich viel und ganz konkret für ungewollt Schwangere getan.
Christiane von Rauch, Elfi Mayer, Kerstin Falk sind heute auch hier. Sowie Kristina Hänel, Sabine Riese und Eva Waldschütz. Danke, dass es Euch gibt. Wir sind Freundinnen, ja, Schwestern geworden.
Und wenn ich wirklich die Macht einer mythischen Göttin hätte, würde mir meine Sozialistinnen-Seele sagen: Handle pragmatisch, mach was draus! Wie es nämlich Karl Marx einmal schrieb: Es kommt nicht darauf an, die Welt zu interpretieren, es kommt darauf an, sie zu verändern.
Und schon bald gäbe es nur noch Wunschkinder statt Zwangsmütter und Menschenwürde als Weltgesetz. Darauf würde ich gern mit Euch anstoßen, und danke nochmals herzlich für Euer Kommen und diese berührende Ehrung durch den Landesfrauenrat.
