Grönemeyer: “Demenz”. Ein Buch für alle

Titelblatt des Buches "Demenz" von HDietrich GrönemeyerRezension (veröffentlicht im Journal von Caspary-Bestattungen)

Demenz ist nach Krebs die Krankheit, vor der in Deutschland die größte Angst besteht. Kein Wunder, dass Informationen darüber hohe Aufmerksamkeit bekommen. Einer, der besonders gut Ursachen, Folgen und den Umgang mit Demenz erklären kann, ist der Mediziner und Autor Dietrich Grönemeyer. Er hat bereits mit seinem Wissen über Rückenleiden ein Millionenpublikum erreicht.

Sein Buch „Demenz“ liest sich Seite für Seite spannend und leicht. Fachchinesisch vermeidet der Experte. Es ist Sachbuch, Geschichtenbuch, Ratgeber und Plädoyer in einem: Der Arzt legt dar, wie man sich relativ einfach vor geistigem Verfall schützen kann. Es lädt zum Perspektivenwechsel ein, damit Erkrankte weiter am Leben teilhaben können.

Viel zu oft, kritisiert der Wissenschaftler, würden Betroffene derzeit in Heimen ruhiggestellt und falsch behandelt. Weil Zeit, Schulungen und Strukturen fehlen, weil Pflegekräfte wie Angehörige überfordert seien. Demenz sei zudem kein unabwendbares Schicksal: Vorbeigende Maßnahmen und Prävention machen Sinn. Grönemeyer widmet sich ihnen ausführlich.

Vier Gründe für Demenz, 14 beeinflussbare Faktoren

Demenz geht alle an: Derzeit gelten 1,84 Millionen Menschen in Deutschland als demenzerkrankt, sechs Prozent davon sind unter 65 Jahre alt. Ob und mit welcher Dynamik die Anzahl weiter ansteigt, hängen laut Grönemeyer davon ab, wie ernst die 14 beeinflussbaren Risikofaktoren genommen würden. Wozu unter anderem die Zahngesundheit gehöre.

Dass die steigende Lebenserwartung den Anteil an Demenzerkrankten anhebt, ist daher kein Naturgesetz: Das Risiko, an Demenz zu erkranken sei in den USA und in Europa in der vergangenen 25 Jahren sogar zurückgegangen. Ursachen seien laut Grönemeyer bessere Bildung und gesünderes Leben, weniger Hunger, weniger Vergiftungen. Und weniger Traumata durch Kriegserlebnisse.

Prävention und Vorbeugung können keine Wunder bewirken, aber sie sind bedeutende Bausteine, geistig gesund zu bleiben: Bereits wer aktiv gegen Entzündungen im Körper vorgehe, senke das individuelle Risiko: Alzheimer etwa sei das Ergebnis vieler kleiner chronischer Belastungen, schreibt der Arzt.

Auch mit antiviralen oder entzündungshemmenden Therapien wie mit Impfungen würden sich neue Möglichkeiten öffnen. Bewiesen sei bereits, dass die Gürtelroseimpfung gegen das gefürchtete Vergessen schütze.

Professor Dr. Dietrich Grönemeyer, dessen Eltern und Großmutter an Demenz gelitten hatten, benennt vier Gründe, die eine der 100 demenziellen Krankheiten verursachen können:

Eine gestörte Energieversorgung im Gehirn, eine fehlende Immunreaktion, seelische Verletzungen. Ja, richtig gelesen. Traumata können eine demenzielle Erkrankung auslösen.

Der vierter Grund, den er auflistet, überrascht ebenfalls: „In manchen Fällen scheint die Demenz eine Art Rückzugsort zu sein, sich vor Überforderung zu schützen. Ein letzter Raum, in dem sich die erschöpfte Seele verbarrikadiert.“

Das Erleben des Zweiten Weltkrieges hat langfristige Folgewirkungen

Derzeit würden Menschen dement oder seien es bereits, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben oder kurz danach geboren wurden. Im Alter versiege oft die Kraft, schreibt Grönemeyer, Schrecken, Grauen und Gewalterfahrungen unter dem Deckel zu halten.

Ein Ventil sei dann eine Demenz. Der Arzt erzählt, wie sich sein Vater Wilhelm im Pflegeheim von mordenden Soldaten bedroht gefühlt hatte.

Was verliert man durch Demenz, was bleibt?

Demenz ist nicht das Ende vom Leben, ist ein anderes: Durchschnittlich leben an Demenz Erkrankte weitere vier bis acht Jahre. Das bedingt, den Blick aufs Leben zu ändern. Sich etwa von der Vorstellung zu lösen, dass ein Leben vollendet würde. Die Demenz, sagt Grönemeyer, fragt nicht, ab jemand alles abgeschlossen habe. Sie sieht kein Finale vor.

Auch die, vielen innewohnenden, Leistungs- und Nützlichkeitswertigkeiten greifen nicht mehr. Jede und jeder ist wertvoll, plädiert Grönemeyer, auch wenn er oder sie einfach nur da sind.

Wer sich traut, den Blickwinkel zu ändern, entdeckt Neues: Menschen mit Demenz vergessen zwar, was eben gesagt wurde. Sie vergessen Fakten. Sie erkennen Verwandte nicht mehr.

Doch mag zwar der Inhalt des Gesagten verfliegen, doch das Gefühl, in Verbindung gewesen zu sein, wirke für Erkrankte heilsam; Mimik, Klang und Lachen kämen noch lange an. So, mit welcher Stimmlage gesprochen würde. Das emotionale Gedächtnis, die Amygdala, arbeite noch erstaunlich oft lange gut.

Grönemeyers Fazit und Ermutigung: Die/der Gesunde muss lernen, nicht die/der Kranke. Die durcheinandergeratene Wirklichkeit gelten zu lassen, sei ein lohnender Versuch, die Bitterkeit des Ganzen ein wenig zu lindern. Also: Mitspielen statt korrigieren, Anspannung rausnehmen.

Das Ungewöhnliche, das herrlich schräg sein könne, als Schatz sehen. Geduld für Umwege haben. Nicht auf ein fehlendes Wort fokussieren. Das Essen dürfe salziger und süßer sein. Auch die acht Hacks für eine demenzfreundliche Wohnung sind Gold wert. Sie helfen zu verstehen, dass Demenz eine Lebensrealität ist, die eigene Bedingungen benötigt.

Grönemeyers Buch „Demenz“ birgt einen Schatz an Erzählungen, Erkenntnissen und Angeboten – Als Weltmediziner zieht der Wissenschaftler evidenzbasiertes Wissen wie auch uralte Heilmethoden heran.

Dennoch relativiert der Arzt die schwere, am Ende oft tödliche, Krankheit nicht: Demenz sei ein Stresstest für die Fähigkeit des Menschen, das Geschenk des längeren Lebens wirklich anzunehmen.

Willkommen in einer anderen Welt.


„Demenz“, Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer, LUDWIG Verlag, gebundene Ausgabe 261 Seiten, 22 Euro (Gebraucht ab 16 Euro erhältlich)

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