Ein Abend mit Axel Hacke

Zwei Stunden – davon 35 Minuten Pause, in der der Meister Bücher signierte – und eine leergelutschte Tüte Hustenbonbons vom U-Bahn-Kiosk Schlump später, ist mein Zusammentreffen mit Axel Hacke im Deutschen Schauspielhaus vorbei. 

Ich hatte zuvor einen hilflosen Versuch der Kontaktanbahnung unternommen – über Instagram. Vorgeschoben hatte ich mein Buchprojekt. Zu der naiven Idee hatte mich mein Buchseminar an der Akademie für Publizistik angehalten. Wir sind vier angehende Schriftsteller:innen, die in verschiedenen Stadien ihres künftigen Bestsellers stecken.

Axel Hacke antwortete, immerhin: Er danke sehr und habe leider keine Zeit, sich mein Exposee anzuschauen. Ich musste damit rechnen und hatte Verständnis.

Permanent hatte ich während der Lesung die Sorge, dass er diesen Versuch von mir erwähnt und sich darüber lustig macht. Er erzählte tatsächlich, dass er ständig angeschrieben werde. Manchmal bekäme er auch Marzipankartoffeln zugesendet. Hätte ich es damit versuchen sollen – ihn anfüttern?

Ich war die vierte in der Schlange von Frauen und wenigen Männern gewesen, die sich ab 20.45 Uhr für eine Unterschrift in seinem, von mir bereits vor längerem gekauften, Buch über Gefühle gebildet hatte. Es enthält bereits viele von mir geknickte Seiten und unterstrichene Textpassagen. So lese ich in der Regel seine Werke.

Er war freundlich. Er war mit einem Selfie einverstanden. Ich traute mich nicht, zu sagen, dass ich diejenige mit dem Versuch der Exposee-Versendung gewesen war. Ich bedankte mich artig und zog ab, zurück auf meinen Sitz mit der Platznummer 1, Reihe 13, Parkett links.

Bevor die Lesung begann, hörte ich unfreiwillig zwei Frauen im Gespräch zu. Es redete allerdings nur die Linksstehende. Die Rechtsstehende lächelte höflich und wendete ihre Augen ständig ab, als versuche sie, dem schwärmerischen Gelalle zu entkommen: Wie lehrreich seine Bücher seien; wie interessant; wie gut zu lesen. Deswegen sind wir alle hier, Du Nuss.

Autsch. Gerade hatte ich im Foyer des Theaters Hackes mittlerweile als Taschenbuch kaufbare Buchausgabe über Anstand gekauft. Und dann denke ich so anstandslos. Anstatt mich zu freuen, dass sie sich genauso freut wie ich, ihn live zu erleben. Wahrscheiunlich muss ich es erst lesen, um ein besserer Mensch zu werden.

Die meisten Zuschauenden sind grau- und weißhaarig wie ich. An uns verdient die Kosmetikindustrie nichts, dachte ich. Dann gingen meine Gedanken dazu über, dass alle anderen Hacke-Fans höchstwahrscheinlich belesener sind als ich.

Das Gute war: Das wusste nur ich. Und nicht einmal das, denn ich vermute es natürlich nur. Wie so oft, wenn ich irgendwo bin, wo ich mich nicht so richtig zugehörig fühle und nicht verorten kann.

Dann schwenkte meine Stimmung um. Weg von meiner Aufmerksamkeit für das Gelalle der Grauhaarigen unweit von mir, weg mit den Gedanken über schlauere Grau- und Weißhaarige. Hin zu ihm: Axel Hacke, der auch ein ergrauter Mensch ist.

Er stellt uns den abendlichen Ablauf vor: Ankommen, Hinsetzen, Lesen, Pause, Signieren, Lesen, Aufstehen, Gehen. Der erste Lacher. Es folgen viele an diesem Abend.

Anfangs wollte ich noch nicht richtig mitlachen, aber Hackes Komik kommt ruckartig um die Ecke, da geht es nicht anders. Es ist wie kitzeln. Und er lacht mit.

Er liest einige seiner Kolumnen vor und kommt nach der Pause zu seinem Gefühlebuch, das ich erst zu einem Viertel gelesen habe. Er inspiriert und gibt mir keine Sekunde das Gefühl, heute Abend nicht passend zu sein.

Er nimmt sich so oft selbst auf die Schippe und schafft damit den Raum, sich wohlzufühlen. Ob er sich wohlfühlt, weiß ich nicht. Ich hätte Bonbons im Angebot gehabt. Sonst hätte ich Marzipankartoffeln mitgebracht – ich bin auch Groupie.

Mit einer Zugabe – einer Kolumne über Lulu, stecke ich den letzten Bonsche in den Mund.

Wie er prophezeite, stehe ich auf und verlasse das Theater. Nicht vorhergesehen hat er, dass ich in die falsche Bahn einsteige. Ich fahre mit der U4 bis in die Hafencity, fahre zurück, steige in die U2 um, gehe vom Schlump aus nach Hause. Es schneit wieder.

Während ich die Kolumne über Lulu googele, sie ist so fantastisch lustig, stoße ich auf Lulu Hacke, Tochter von Meret Becker und Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten. Ob er von ihr weiß? In seiner Kolumne kommt sie nicht vor. Egal. Ich habe ein Selfie und ein weiteres Axel-Hacke-Buch. Das hat er mir auch signiert.

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