Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Zuspruch von fast allen Seiten

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Meine Reportage über die Übergabe von 150.000 Unterschriften unter die Petition zum § 219a StGB an Bundestagsabgeordnete durch Kristina Hänel, veröffentlicht in der Gießener Allgemeine Zeitung vom 13. Dezember 2017


„Ich bin Ärztin. Und ich helfe Frauen.“ Es sind diese zwei Sätze, die Kristina Hänel immer wieder sagt. Auch heute, als sie mehr als 150.000 Unterschriften an Bundestagsabgeordnete in Berlin überreicht und sich den Fragen der Journalistinnen und Journalisten stellt.

Es weht ein kalter, scharfer Wind vor dem Reichstagsgebäude. Eine 30 Meter hohe, mit Hunderten Lichtern geschmückte Tanne sorgt für etwas Wärme. Die Ärztin aus Gießen hatte eine Petition über die Kampagnen-Plattform Change.org gestartet, nachdem sie angezeigt wurde, weil sie auf ihrer Homepage informiert, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Der § 219a StGB macht das möglich. Er verbietet Werbung für Abbrüche.

Eine beispiellose Solidaritätswelle kam in Gang. Und als am 24. November der Prozess gegen sie vor dem Gießener Amtsgericht stattfand, hatten bereits 70.000 ihren Appell unterzeichnet: Die Informationsrechte von Frauen nicht weiter zu kriminalisieren. 400 Menschen protestierten vor gut drei Woche teils lautstark vorm dem Gerichtsgebäude. Verurteilt wurde Kristina Hänel trotzdem. 6.000 Euro Strafe soll sie nun zahlen.

„Ich werbe doch nicht für Schwangerschaftsabbrüche“, sagt Kristina Hänel und wird wütend. „Niemand kann eine Frau durch Werbung oder Information dazu bringen, abzubrechen.“, sagt sie. „ Das ist so was von lebensfern.“

Die Unterschriften-Listen haben die Aktivisten von Change.org in Kartons verpackt – für jede Fraktion einen. Zwei rote – jeweils für SPD und LINKE –, einen grünen, einen gelben. Auch einen schwarzen haben sie mitgebracht. Doch von der Union ist niemand gekommen. Die AfD-Fraktion wurde gar nicht erst eingeladen, Kontaktaufnahmeversuche an Kristina Hänel hatte es aus deren Reihen im Vorwege aber auch nicht gegeben.

30 Meter neben dem morgendlichen Spektakel steht ein Grüppchen von etwa zehn Menschen, vorwiegend ältere Männer, mit einem kleinen Transparent. „Der 219a schützt Frauen vor Werbung“, steht darauf. Sie verteilen Plastikfiguren, die einen Fötus in der elften Woche darstellen sollen. „Die Größe stimmt, alles andere nicht“, sagt Kristina Hänel. Sie hat ein Foto von einer Fruchtblase aus der siebten Schwangerschaftswoche mitgebracht, der typische Zeitpunkt für einen Abbruch. Es ärgert sie, dass auch die Medien häufig Bilder von Föten verbreiten, die einen falschen Eindruck erwecken. „Es ist für Frauen wichtig, dass sie gut informiert werden und nicht in einer Situation, in der sie verunsichert sind, mit falschen Bildern konfrontiert werden.“

Es ist heute ihr großer Tag: Die anwesenden Bundestagsabgeordneten, von Renate Künast/Grüne, Eva Högl/SPD, Katja Suding/FDP bis Katja Kipping/Linke, lassen sich mit ihr fotografieren. Die Frauenpolitikerinnen Cornelia Möhring, Linke und Ulle Schauws, Grüne – die bereits in Gießen vor dem Amtsgericht gesprochen haben, greifen wieder zum Mikro und kündigen eine zügige Umsetzung an, den § 219a StGB abzuschaffen. Gesetzesentwürfe von SPD und Linken liegen vor. Ein erstes überfraktionelles Gespräch soll schon am nächsten Tag stattfinden.

Kristina Hänel bedankt sich zum Abschied. Bei der Presse, bei den Politikerinnen. Sagt aber auch: „Ich möchte ab jetzt mein Privatleben zurück haben, ich muss arbeiten. Beides ist in der letzten Zeit viel zu kurz gekommen.“ Noch einmal schauen alle Augen auf sie, Journalisten wollen sie interviewen, wollen Fotos, wollen Filmaufnahmen. Es soll heute aber ihr letzter Tag in der Öffentlichkeit sein. Man sieht ihr die letzten Wochen an. „Jetzt sind andere dran. Ich bleibe natürlich dabei, denn ich kämpfe mein Leben lang für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Aber nicht mehr an vorderster Front.“ Dann kündigt sie an, dass sie ein Buch schreiben will. Der Titel lautet: „Die Katze auf dem Dach“. Auch der Untertitel steht bereits: „Als der §219a fiel.“

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