Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Zehn Jahre ohne

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©RüdigerRebmann

Vor zehn Jahren trat in Hamburg das Passivraucherschutzgesetz in Kraft. Ich habe es genutzt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Während sich andere Raucher*innen darüber aufregten, dass es die Freiheit einschränke, dass es den Genuss einschränke, dass einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht darstelle; während der DEHOGA und etliche Kneipenbesitzer*innen den Untergang der Gastronomie prophezeiten, habe ich die Gelegenheit ergriffen, um mal wieder mit dem Rauchen aufzuhören.

„Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft“, witzelte Mark Twain. Er hatte ja so recht. Ich hatte es zuvor auch schon viele Male versucht und lebte manchmal auch lange ohne Nikotin. Als ich jeweils mit meinen Kindern schwanger war zum Beispiel. Allen Carr mit seinem Buch „Endlich Nichtraucher“ hat mir auch mal geholfen. Und als ich mich sechs Wochen lang in der psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt aufhielt, nutzte ich ein verhaltenstherapeutisches Angebot.

Immer wieder habe ich aber wieder angefangen. Bis ich endlich begriff, dass es keine Charakterschwäche ist, zu rauchen. Und das es – im Gegensatz zu den ständigen Behauptungen, es sei eine freie Entscheidung, zu qualmen – keinem freien Willen unterliegt, ob ich zur Kippe greife oder nicht. Die Wirklichkeit ist vielmehr: Rauchen ist eine schwere Suchtkrankheit. Nikotin macht genauso schnell abhängig wie Heroin. Und da die Tabakindustrie über Jahrzehnte hinweg massiv in die Gesundheitspolitik eingegriffen hat und die Absatzmärkte weltweit organisiert waren, bzw. sind, habe ich als Individuum kaum eine Chance, nicht zu rauchen.

Die gesellschaftlichen Folgen des Rauchens sind verheerend. Millionen Menschen sterben vorzeitig, oft leiden sie vorher auch noch jahrelang an verschiedenen Krebsarten – Lunge, Zunge, Speiseröhre, Brustkrebs sind nur einige Regionen im Körper, wo Tumore bei Raucher*innen gehäuft auftreten. Ein Leiden mit dem fast sicheren Ende Tod. Abgesehen davon geben die Menschen unglaublich viel Geld fürs Rauchen aus. Immer noch nutzen Lobbyisten die verschiedenen Mythen, um der Tabakindustrie ihre Absätze zu sichern. Wie jüngst in Österreich. Die nun mitregierende FPÖ setzte im Koalitionsvertrag mit der ÖVP durch, dass das absolute Rauchverbot, das 2018 in Kraft treten sollte, gekippt wird. Rechtspopulist Heinz-Christian Strache hatte das zu seiner persönlichen Angelegenheit gemacht. Dabei wäre es ein gesundheitspolitischer Meilenstein gewesen: Nur in Ungarn und Griechenland rauchen innerhalb der EU noch mehr Menschen als in Österreich.

Ich habe mit zwölf Jahren mit dem Rauchen begonnen. Ein typisches Einstiegsalter, bevor die Passivraucherschutzgesetze in Kraft traten. Hätte ich damals angefangen, wenn es bereits das Gesetz geben hätte? Schon der Schule war rauchen normal, und man wollte ja dazu gehören. Zuhause waren rauchen normal, meine Mutter hatte immer einen dekorative Schale mit ihren Zigaretten auf dem Tisch stehen. Im Büro war rauchen normal, selbst als ich schwanger war, hörten die lieben Kolleg*innen nicht mit dem Qualmen am Schreibtisch auf.

Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens erlebt man zudem auch nicht erst, wenn die Tumore wachsen. Ich hatte regelmäßig Kopfschmerzen, nach einer Feier plagte mich mehr der Nikotin- als der Alkoholkater. Und da ich Angst hatte, weiter zuzunehmen, wenn ich nicht mehr rauchen würde, klammerte ich mich umso mehr an die Kippen. Rauchen war ja auch kultig: Ich rauchte starken Tabak, das Drehen machte Spaß. Eine Zeit lang rauchte ich Rothändle ohne Filter und kam mir besonders toll damit vor. Menschen wurden danach kategorisiert, was und wie sie rauchten. Das Marketing funktionierte. Dass alle Darsteller des „Marlboro-Mannes“ an Lungenkrebs verreckten, drang nicht so richtig durch.

Nachdem ich es zum 1.1.2008 geschafft hatte, aufzuhören, machte ich meinen persönlich Erfolg zur politischen Mission: Als Gesundheitsfachfrau der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft befasste ich mich auch politisch mit den Folgen des Rauchens und den strukturellen Schwierigkeiten, es durchzusetzen. Manchmal konnte nur ungläubig zur Kenntnis nehmen, wie fadenscheinig und heuchlerisch Argumente für das Rauchen auf den Tisch geworfen wurden, am schlimmsten von der FDP, dem Oberlobbyverein der Tabakindustrie. Aber auch die Gesundheitssenatorin, eigentlich eine klare Befürworterin von weitgehenden Rauchverboten, sackte unter dem Druck der lautstarken Raucherszene, die ihre Kampagnen auch in den Boulevardmedien lang und breit darstellen durfte, weg. Meine Erkenntnis war, dass selbst Journalist*innen es nicht fertig brachten, ihre professionell Distanz zu wahren, wenn sie selbst rauchten. Selbst meine eigene Fraktion war gespalten. 2012 musste auf einer Fraktionssitzung noch ein umfangreichen Papier mit Argumenten vorlegen, die gegen das Rauchen sprachen.

Hier habe ich es dokumentiert:

Vorlage für die Fraktionssitzung am 11. Juni 2012
Große & kleine Fakten rund ums Rauchen

Wie gefährlich ist Rauchen?

  • 85 Prozent aller RaucherInnen gelten als süchtig.
  • Nikotin macht körperlich genauso schnell abhängig wie Kokain und Heroin.
  • Rauchen löst Allergien aus.
  • Operationswunden von RaucherInnen verheilen schlechter als die von NichtraucherInnen.
  • 27 Prozent aller RaucherInnen zwischen 35 und 44 Jahren leiden an Parodontose (NichtraucherInnen 17 Prozent).
  • Rauchen verkürzt das Leben im Schnitt um 7,5 Jahre.
  • Die Zahl der Tabakopfer stieg in 2006 in Deutschland im Verhältnis zum Jahr 2000 um 4,5 Prozent an – 42.348 Menschen erlagen Leiden wie Lungen- und Kehlkopfkrebs. 5,1 Prozent aller Todesfälle insgesamt stehen laut Statistischem Bundesamt in Zusammenhang mit dem Rauchen. Im Jahr 2000 hatte der Anteil noch 4,8 Prozent betragen.
  • Weltweit gingen seit dem Jahr 2000 fünf Millionen Todesfälle auf das Rauchen zurück. Im 20. Jahrhundert sind 100 Millionen Menschen durch das Rauchen gestorben. Der größte Anteil der Raucherinnen und Raucher stirbt an Herzerkrankungen, etwa ein Drittel an Lungenkrebs.
  • Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland drei bis fünf Millionen, in den USA etwa 16 Millionen und weltweit etwa 600 Millionen Menschen an einer COPD (Raucherlunge) erkrankt sind. In den USA stellt die COPD die vierthäufigste Todesursache dar. Von den zehn häufigsten zum Tod führenden Krankheiten ist sie die einzige, deren Häufigkeit zunimmt. Ein Großteil der an COPD Erkrankten sind RaucherInnen.
  • Zigarettenrauch ist ein chemischer Cocktail von ca. 3.500 bis 4.000 verschiedenen Substanzen. Mehr als 40 Inhaltsstoffe, wie z.B. Teer, Arsen, Benzol und Cadmium, Blausäure, Blei und Kohlenmonoxid.

Warum und wie viel wird geraucht?

  • Der Marshall-Plan nach dem zweiten Weltkrieg bestand zu einem Großteil aus Tabak, jeder dritte Dollar der Lebensmittelhilfe wurde in Form von Tabak transferiert.
  • „Wir können nur weiter Zigaretten verkaufen, wenn wir unsere Käufer davon ablenken, dass Zigaretten töten“ (aus einer internen Analyse des Tabakriesen Brown & Williamson aus dem Jahr 1969).
  • Nikotin wirkt im Gehirn im so genannten Belohnungszentrum. Dort wirkt es wie körpereigene Glückshormone und löst innerhalb von Sekunden ein Zufriedenheitsgefühl aus. Körpereigenes Serotonin und Dopamin werden geringer ausgeschüttet, daher entsteht bei RaucherInnen das Bedürfnis, zu rauchen. Nikotin lässt die Nebennieren zudem Adrenalin ausschütten, daher glauben RaucherInnen, dass ihnen die Zigarette bei Stress hilft.
  • Weltweit werden jährlich etwa sechs Trillionen Zigaretten geraucht, das sind Tausend pro Mann, Frau und Kind. 20 Millionen Menschen in Deutschland rauchen.
  • Jeden Tag werden in Deutschland 251 Millionen Zigaretten konsumiert, 18 Millionen Zigarren und Zigarillos und vier Tonnen Feinschnitt und Pfeifentabak.
  • In Deutschland rauchen schätzungsweise 30 Prozent der Frauen zu Beginn der Schwangerschaft. Nur die Hälfte davon schafft es, im Laufe der Monate nicht zu rauchen.

Welche Folgen haben Nichtraucherschutzgesetze?

  • Seitdem es im öffentlichen Raum Nichtraucherschutz gibt, ist vor allem das Einstiegsalter gestiegen. Zahlen für Hamburg: „Tabak Mit Blick auf die Konsumintensität sind weiterhin abnehmende Raucherquoten festzustellen. Im Vergleich zur Erhebung von 2007 ist der Anteil der aktuellen Raucherinnen und Raucher signifikant von 38 auf jetzt 32 Prozent gesunken. Wie auch beim Alkohol ist beim Rauchen ebenfalls eine weitere Erhöhung des Einstiegsalters zu beobachten. 2009 ergab sich ein Wert von 13,2 Jahren (2005 12,6 Jahre; 2007 13,0 Jahre)“ Schulbus-Studie der HLS.
  • In Italien darf seit 2005 nicht mehr in der Öffentlichkeit geraucht werden. Von den 35-bis 64-jährigen Italienerinnen und Italienern erlitten elf Prozent weniger einen Herzinfarkt, bei den 65- bis 74-Jährigen gab es einen Rückgang von acht Prozent.
  • In Irland ging die Zahl der Herzinfarkte seit dem Rauchverbot in 2004 um elf Prozent zurück, in Schottland waren es binnen zehn Monate 17 Prozent, in Frankreich 15 Prozent. Die Luftverschmutzung in Kneipen, Hotels und Restaurant verringerte sich in Frankreich um 35 Prozent.
  • 70 Prozent aller Raucher nach einem Herzinfarkt wieder mit dem Rauchen an, mit Lungenkrebs rauchen 40 Prozent weiter.
  • Nach einer Studie von US-Epidemiologen sind 64 Prozent aller Todesfälle unter Rauchern und 28 Prozent aller Todesfälle bei ehemaligen Raucherinnen und Rauchern auf Nikotinkonsum zurückzuführen, ergab die Nurses´ Health Study, die nach 24 Jahren 2004 abgeschlossen wurde.
  • Die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen des Rauchen zu sterben, sinkt in den ersten fünf Jahren nach Beendigung des Rauchens um 13 Prozent. Besonders stark sinkt das Risiko für Herzkreislauferkrankungen – nach fünf Jahren Abstinenz um fast zweidrittel. So unbelastet wie das Nichtraucherherz ist das einer/s ehemaligen Rauchers/-in nach 20 Jahren.
  • Die Wahrscheinlichkeit, wieder anzufangen, sinkt um 34 Prozent, wenn Kolleginnen und Kollegen nicht rauchen; um 67 Prozent, wenn der/die Partner/-in nicht raucht, um 36 Prozent, wenn Freunde/-innen nicht rauchen und um 25 Prozent, wenn Geschwister Nichtraucher/-innen sind.
  • Zigarettenrauch ist ein chemischer Cocktail von ca. 3.500 bis 4.000 verschiedenen Substanzen. Mehr als 40 Inhaltsstoffe, wie z.B. Teer, Arsen, Benzol und Cadmium, können Krebserkrankungen verursachen; andere Stoffe, wie Blausäure, Blei und Kohlenmonoxid, sind für ihre Giftigkeit bekannt.
  • In der Schwangerschaft wird das heranwachsende Baby über die Nabelschnur mit den lebensnotwendigen Nährstoffen versorgt. Die schädigenden Bestandteile des Rauchens erreichen auf diesem Weg das ungeborene Kind. Durch das Rauchen wird z.B. der Sauerstoffanteil im Blut herabgesetzt und durch Kohlenmonoxid ersetzt. Als Folge kommt es zur Sauerstoffunterversorgung des Kindes.
  • Wenn Schwangere aufhören zu rauchen, vermindert sich das Risiko einer Fehlgeburt um die Hälfte, das Baby hat eine größere Chance hat, normal gewichtig auf die Welt zu kommen, das Risiko einer Totgeburt um ein Drittel sinkt

Was spricht gegen ein Rauchverbot?

  • Der vor einem Jahr bei einem Verkehrsunfall in Hamburg ums Leben gekommene Sozialwissenschaftler und Drogenxperte Günther Amendt nennt Nikotin eine Droge. Er führt in seinem Vortrag „Am Rande der Verbote“ aus dem Jahr 2007 aus: Zwei Denkschulen ständen sich beim Raucherverbot unversöhnlich gegenüber. Die diskriminierende Kampagne gegen Raucherinnen und Raucher habe weitreichende Folgen für die gesamte Drogenpolitik. Der Wechsel vom Abstinenz- zum Akzeptanzgedanken würde umgekehrt. Drogenpolitik sei immer auch ein Instrument sozialer Kontrolle und Disziplinierung. Amendt stellt die gesundheitsschädigende Wirkung von Nikotin allerdings nicht in Frage.
  • Gastronomie
    • Die „kleine Kneipe“ verliert seit Jahren Kundschaft, da sich das Freizeitverhalten der Menschen verändert.
    • Der Nachweis, das Nichtraucherschutzgesetze das Kneipensterben fördern, steht aus.
    • Der Gesamtumsatz der gesamten Gastronomie stieg in Dänemark trotz des Rauchverbots insgesamt an.

Gute Argumente, nicht wahr? Gebracht haben sie: Nichts. Schließlich konnte ich die Einigkeit der Fraktion nur dadurch retten, das wir uns bei der Abstimmung in der Bürgerschaft enthielten – die einen, weil ihnen das Gesetz zu lasch war, die anderen, weil es ihnen zu streng war.

aus: Tabakatlas 2015

Ich bin mit der jetzigen Gesetzgebung in Hamburg nicht zufrieden. Es gibt zu viele Ausnahmen. Das verhindert  wirklich gute Effekte bei der gesellschaftlichen Gesundheit. Auf der anderen Seite ist das Einstiegsalter fürs Rauchen erheblich angestiegen. Das ist ein großer Erfolg. Aber das reicht nicht aus. Mir wird immer regelrecht schlecht, wenn ich sehe, das in ärmeren und wirtschaftlich schwachen Familien sehr viel mehr geraucht wird als in Haushalten, in denen auch Kraft der ökonomischen Verhältnisse gesundheitsbewusster gelebt wird; dass in bestimmten Berufen und Branchen die „Raucherpause“ immer noch ein festes Ritual ist – vor allem in der Pflege, siehe Foto. Bereits Armut wirkt sich lebensverkürzend aus. Rauchen kommt dann noch einmal dazu.

Ich fände es gut, wenn eine Fraktion den Mut beweisen würde und das Thema erneut anpackt. Jede Zigarette weniger ist ein Erfolg. Daher ist es auch individuell richtig, es immer wieder zu versuchen, Und sich nicht weiter von der Tabakindustrie verarschen und zum Büttel machen zu lassen.

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