Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Keine ungeborenen Kinder

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Ich habe mir nie die Frage gestellt, was es wohl für Kinder geworden wären. Ob Mädchen oder Jungen. Ob dunkelhaarig oder blond. Ob schlau, pragmatisch veranlagt, hochbegabt. Nie. Wirklich nicht. Die vier Schwangerschaften, die ich in meinem Leben bewusst beendet habe, hatten für mich keine Sekunde mit einem neuen Menschenleben zu tun. Waren also auch nicht von einem schlechtem Gewissen oder Schuldgefühlen gegenüber „ungeborenen Kindern“ begleitet. Ich wurde in meinem Leben fünfmal ungewollt schwanger und viermal davon habe ich entschieden, abzutreiben. Fertig aus. Ich hatte zudem höchstwahrscheinlich eine Fehlgeburt ganz am Anfang einer Schwangerschaft. Auch die war kein Problem für mich. Ich hatte zu dieser Zeit keinen Kinderwunsch.

Mich trieben jahrelang allerdings andere Fragen um: Warum war ich so blöd, nicht richtig zu verhüten? Warum hatte ich mit Männern Sex, ohne vorzusorgen, damit daraus nichts folgt? Wie konnte ich so verantwortungslos sein, nach meiner ersten Abtreibung drei Monate später gleich noch einmal ungewollt schwanger zu werden? Wie konnte ich das meinem Körper nur antun?

Ich habe mir lange selbst die Verantwortung dafür gegeben, nicht aufgepasst zu haben. Mit den unangenehmen Folgen, Abtreibungen vornehmen zu lassen. Dreimal ambulant, einmal stationär. Letztere war wirklich ätzend, bzw. die Umstände. Der Arzt in Bremen ging ziemlich schroff mit mir um. Später erfuhr ich, dass er auch Kinderwunschbehandlungen durchführte. Ich muss für ihn vermutlich so etwas wie eine Antichristin gewesen sein. Und die Vollnarkose hatte ich zudem schlecht vertragen.

Belastend fand ich zudem, dass ich mit niemandem über die Abtreibungen sprechen konnte. Mich niemand ein wenig umsorgte, nachdem ich aus den Praxen wieder heraus war. Die Pflichtberatungen ließ ich eher über mich ergehen. Ich wusste ja, was ich wollte. Aber weder meine Mutter, noch meine Freundin, noch die jeweiligen Erzeuger hatten ein Ohr für mich oder ein Interesse, mich zu begleiten.

Ich muss aber zugeben: Da es es sich zweimal um Männer handelte, mit denen ich auch nicht näher etwas zu tun haben wollte, legte ich auf deren Begleitung auch keinen großen Wert. Einer von ihnen erdreistete sich sogar zu dem Ausspruch: „Schade.“, nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich die Schwangerschaft beenden wollte. So ein Depp, dachte ich, denn er war „glücklich“ verheiratet und über 20 Jahre älter als ich. Ähnlich reagierte der Verursacher der letzten ungewollten Schwangerschaft. Er meinte, sich vorstellen zu können, das Kind mit zu erziehen. Dazu muss man sagen, dass ich ihn auf einem Seminar kennengelernt hatte und es ein One-Night-Stand gewesen war. Was stellen sich manche Männer eigentlich vor, wie man unter solchen Voraussetzungen ein Kind gemeinsam groß bekommt? Immerhin hat er den Abbruch bezahlt, das war anständig. Und sich künftig aus meinem Leben rausgehalten. Bei den ersten beiden Abbrüchen war ich 18 Jahre alt. Da ich noch in der Ausbildung war, wurden die Kosten übernommen.

Ich frage mich heute: Wusste meine Mutter eigentlich von den frühen beiden Schwangerschaften? Ich kann mich nicht mehr erinnern, sie informiert zu haben. Unser Verhältnis war damals eher gebrochen. Ich wusste, dass sie auch eine Abtreibung gehabt hatte, sieben Monate nach meiner Geburt, mit Zwillingen. Sie hat sie selbst herbeigeführt, ein Nachbar hatte ihr eine Substanz besorgt, die sie sich eingeführt hatte – mit irgendeinem komischen Instrument. Es war eine Geschichte, von der ich nicht weiß, von wem ich sie einmal gehört hatte. Schon immer war das Thema Abtreibung eben ein Tabu. Ich habe meinen Vater neulich danach gefragt, und er bestätigte sie. Wie gern würde ich mit meiner Mutter heute noch einmal darüber reden. Mich mit ihr austauschen. Ihre Gedanken und Gefühle erfahren, die sie damals hatte. Warum es für sie unzumutbar erschienen war, weitere Kinder in die Welt zu setzen. Wofür ich allergrößtes Verständnis habe, aber ich hätte es gern mit ihr besprochen. Und ihr auch von meinen Abbrüchen erzählt. Wir Frauen reden zu wenig über unsere Abtreibungen. Dabei sind sie normal in unserem Leben. Wenn sie zur Unzeit oder mit den falschen Männern passieren, dann haben wir uns schon immer das Recht herausgenommen, sie machen zu lassen. Sie entstehen immer aus einer Not heraus. Immer. Keine Frau darf lebenslänglich bekommen dafür. Denn genau das bedeutet es, eine ungewollte Schwangerschaft austragen zu müssen.

Ich bin gerne Mutter. Mutter von zwei Kindern sein, war und ist großartig. Sie machen mich stolz. Ich hatte tolle Geburten. Es waren einzigartige Erlebnisse, die mich stark gemacht haben. Auch dass die beiden nur 16 Monate auseinander sind, war ein großes Glück – bei allem Stress für meinen Körper und während der Kleinkindphase. Wir waren jahrelang ein festes Quartett, untrennbar, mit viel Zeit füreinander. Haben selten Babysitter engagiert, selten die Großeltern zu Hilfe geholt. Da wir voll berufstätig waren, gehörte unser Freizeit neben Politik und Gewerkschaft unseren Kindern. Wir haben Familie neu erfunden und unser Pioniergeist hat uns berauscht – inklusive erzieherischer Vorbilder wie die Nikitins. Unsere Wohnung war ein einziger Spielplatz mit vielen Kletter- und Spielgeräten, und großen Matratzen. Ich bin auch eine Missionarin in Sachen Stillen und ambulanter Entbindung gewesen.

Es bleibt, dass ich lange einen verantwortungslosen Umgang mit Verhütung hatte. Aber ich weiß heute, dass es keine Frage von Schuld ist. Sondern von schlechter Aufklärung. Und von Männern, denen es scheiß egal war, ihren Penis ungeschützt zu benutzen. Und davon, dass mich niemand nach den Abbrüchen begleitet und mir geholfen hat, meine Sexualität sicherer zu leben. Niemand, wirklich niemand, hat mit mir darüber gesprochen. Ich war immer alleine damit. Und überfordert. Das ist keine Ausrede. Und macht es auch nicht unbedingt besser. Aber heute kämpfe ich dafür, dass es Mädchen und Frauen anders ergeht. Dass sie die für sich richtige Verhütungsmethode finden können. Dass sie dafür kein Geld ausgeben müssen. Das sie gut beraten werden und dass es schon in der Schule Alltag sein muss, darüber zu reden. Nicht nur im Biologieunterricht. Und dafür, dass sie sich keine Schuldgefühle einreden lassen müssen, wenn es doch passiert.

Ich habe lange gezögert, über meine Abtreibungen offen zu sprechen. Auch weil ich mir nicht anhören wollte, ich hätte mal besser verhüten sollen. Die Berichte, die in den letzten Jahren unter der Dachzeile  „So war meine Abtreibung“ veröffentlicht wurden, haben mich eher noch weiter ausgebremst. Da redeten die Frauen über ihre „eine Abtreibung“. Ohje, dachte ich, und ich hatte vier. Ich denke daher seit Jahren darüber nach. Mein Vorbild war und ist der Roman von Charlotte Worgitzky, „Meine ungeborenen Kinder“ gewesen, den ich mit Anfang 20 das erste Mal gelesen hatte. So hätte ich es auch gern erzählt. Dieser Text hier hat nun rein gar nichts mehr mit ihrem Buch zu tun. Manchmal muss man sich von Vorbildern nämlich zunächst lösen können, um die eigene Geschichte zu erzählen. Aber es ist immerhin eine Analogie in der Überschrift geblieben. Hier habe ich übrigens einmal einmal eine Rezension geschrieben.

Ich wünsche mir, dass nur noch Wunschkinder auf die Welt kommen. So viele wie möglich.

3 Kommentare

  1. Dank dir für deinen Mut und deine Offenheit. Geschichten wie deine sollten Gegenstand von Schulunterricht sein und Mädchen* und Jungen* früh erreichen – und in die größere Öffentlichkeit, um die Tabuisierung und Stigmatisierung endlich zu durchbrechen.
    Ich werde schauen, wann und wie ich von meiner eigenen Abtreibung erzähle.

  2. Mein Sexualkunterricht ging in den späten Siebzigern (Gymnasium, Unterstufe) mit dem ganzen Thema Empfängnisverhütung eher nebelhaft um. Wir lernten brav, was es so gibt und wie es wirkt, aber auf einer so dröge-theoretischen Ebene, dass man fast hätte auf die Idee kommen können, dass das mit unserem Leben als gerade in die Pubertät kommende nichts zu tun hat. Abtreibungen kamen gar nicht vor. Sex gehörte mehr oder weniger in die Ehe (es war ein konservatives humanistisches Gymnasium in einer mittelgroßen Stadt), und ich verhütete 12 Jahre lang mit der Pille, um bloß keine Schwangerschaft zu riskieren (also auch aus einem Mangel an Bildung hinaus. Nein, meine Mutter war da so gar keine Hilfe). Das führte zwar zum gewünschten Ergebnis, nämlich keiner Schwangerschaft, aber ich hätte sie gern früher abgesetzt. Das tat ich dann mit kompetenter Hilfe einer modernen Gynäkologin. Als ich sie absetzen und durch eine schonendere Verhütungsmethode ersetzen konnte, war ich froh, denn ich fühte mich mit den Hormonbomben auch nicht so recht wohl.
    Obwohl ich selbst von dem Thema nie betroffen war, da ich mich nie in dieser Situation befand, finde ich, dass das Thema enttabuisiert gehört und dass man dem Geschwafel vom ungeborenen Leben entschieden entgegentreten sollte. Mich schockieren nicht die vier Abtreibungen, die du hattest, sondern die Tatsache, dass das alles so ein elender Krampf war mit Zwangsberatungen, ohne Ansprechpartner*in, mit einem Schweigegebot.
    Ich denke, dass es ein Problem mangelnder Bildung ist. Dass über Sexualität an Schulen zwar viel gesprochen wird, aber nicht auf eine Weise, die Betroffenen eine echte praktische Hilfe an die Hand gibt. Dass Verhütung immer noch an Frauen delegiert wird – ebenso wie der Umgang mit einer Schwangerschaft, ob man sie austrägt oder nicht. Und natürlich auch die Versorgung der Kinder, wie man jetzt besonders deutlich sieht.

    Schädlich finde ich in diesem Zusammenhang auch den deutschen Weg, Abtreibungen zwar zu kriminalisieren, aber unter bestimmten, sehr eng gefassten Bedingungen zu erlauben. Dies ist einfach absurd. Genauso absurd wie die Tatsache, dass vor allem Männer darüber entscheiden, wie mit diesem Thema umgegangen wird – in einer Gesellschaft, deren Umgang mit alleinerziehenden Müttern und ihrem Nachwuchs doch sehr zu wünschen lässt.

    Vielen Dank für diesen Text, der für mich sehr erhellend war. Ich weiß aus meinen früheren Umfeldern von genau zwei Abtreibungen, bei denen ich die Frauen persönlich kannte. Die Betroffenen sprachen erst darüber, als alles vorbei war und verpflichteten mich zu absolutem Stillschweigen. Sie waren mit ihrer Entscheidung an sich im Reinen, wussten aber, dass die Umwelt inklusive Familie das nicht war.

  3. Liebe Kersten,
    vielen Dank für Deine Geschichte. Sie ist beeindruckend, klar und beleuchtet die ganze Problematik mit ihren Höhen und Tiefen. Mögen das viele Menschen lesen, dann wird unsere Welt ein kleines bisschen besser. Kinder wünschen, haben und sie eine Zeit auf ihrem Lebensweg begleiten und ungewollte Schwangerschaften nicht austragen zu müssen sind zwei Seiten derselben Medaille. Dein Beitrag hier und Deine Arbeit für die Frauen sind unersetzlich.
    Danke Dir,
    Christiane

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