Kersten Artus

Journalistin

Der erste Blick

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foto-6Es ist ein ewiger Moment, den eigenen Enkel das erste Mal anzusehen. Auf diesem Bild schaue ich ihm sechs Stunden nach seiner Geburt in sein Gesicht. Nein, in sein Gesichtchen – denn es ist so klein und zart. Wache Augen schauen zurück. Dann kneifen sie sich mit einem Mal fest zusammen, denn das kalte Licht des Krankenhausflures fällt in die Trage hinein. Schnell drehe ich sie.

Wir haben lange auf ihn gewartet. Wie verdammt lang können die letzten vier Wochen der Schwangerschaft der eigenen Tochter sein? Auch wenn dir hundertmal klar ist, dass es nur einen Weg gibt, dass der Kleine irgendwann da ist. Es ist eine Phase der Ungeduld, die zugleich auch eine bedeutende, intensive Zeit für alle ist. Sie bietet viel Raum für Nähe, für Gespräche. Für Pläne, Wünsche, und Vorstellungen – wir haben über so vieles gesprochen und konnten im Grunde doch nur im Ansatz ahnen, wie es sein wird, wenn das Baby endlich auf der Welt ist.

Ich habe so gehofft, das alles gut geht. Ich habe Angst gehabt, vor allem um meine Tochter. Was macht man sich nur für abstruse Gedanken, was alles passieren könnte? Diese Bilder, die ich nicht zulassen wollte, die aber immer wieder durch irgendwelche blöden Zeitungsmeldungen Nahrung erhalten, paarten sich mit Vorstellungen, wie unser Nachwuchs wohl aussehen wird. Und wie es sein wird, wenn er in seinen Kinderwagen liegt; wie er auf einem Laufrad sitzt; wie er auf der Straße entlang läuft – und dann natürlich seiner Oma aufregende Geschichten berichtet. Über das Feuerwehrauto, das mit lautem Geheul gerade vorbeigefahren ist. Oder über den Hund, der an seinen Füßen geschnüffelt hat und den er sich getraut hat, zu streicheln. Dann gehen wir heimlich ein kleines Eis essen.

Jetzt aber liegt er still und wach und in seine erste Kleidung eingepackt vor mir. Und schaut zurück. Was sieht er? Wie findet er es, auf der Welt zu sein? Hat er Hunger, Durst? Findet er es kalt? Ist er glücklich? Was fühlt so ein sechs Stunden alter Mensch? Was fühle ich?

Die erschöpften, glücklichen und so überaus stolzen Eltern stehen hinter mir und freuen sich darauf, mit ihrem Sohn nach Hause zu kommen. Mein erster Blick auf ihn fällt daher nur kurz aus.

Es ist ein Mensch ins Leben getreten, der seine Rolle suchen und finden wird. Wir werden ihn dabei begleiten. Ihn unterstützen, ihn bestimmt oft beraten. Bestimmt auch mal mit ihm streiten. Wir werden manchmal stolz sein, manchmal vielleicht auch entäuscht. Meistens aber werden wir wohlwollend sein und werden uns an ihm erfreuen. Ein Kind aufwachsen zu sehen und teilhaben zu dürfen, ist ein großes Geschenk. Ein Geschenk, was es zu schützen gilt.

Auf ins Leben!

 

Ein Kommentar

  1. Herzlichen Glückwunsch zum 1.Enkelkind. Ja, es ist ein ganz besonderer Moment seinem Enkelkind zum 1.
    mal zu begegnen. Es gehen einem so viele Dinge durch den Kopf. Der Beschützerinstinkt erwacht.Es ist ein ganz anderes Gefühl als bei den eigenen Kindern. So war es jedenfalls bei mir.Ich war bei meiner ersten Enkeltochter dabei als sie auf die Welt kam. Dabei ist eine ganz besondere Beziehung entstanden, die sich nun bei den Urenkeln fortsetzt.Ich wünsche ihnen viel Spass mıt dem lütten Butje. Er wird ihr Leben noch bunter und ausgefüllter machen. Alles Gute.

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