Kersten Artus

Journalistin

Vier Stunden

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pablo-picasso-mutterschaftSeit einer Woche kennt mein Enkel das Fläschchen. Darin bekommt er abgepumpte Muttermilch. Das klappt sehr gut und hat den Vorteil, dass seine Mutter entlastet wird.

Abpumpen geht schneller als Stillen und das bedeutet für sie mehr Schlaf und eine bessere Aufteilung der Dienstleistung am Baby. Nun begab es sich, dass die jungen Eltern ein paar Stunden für sich sein wollten – und die Großeltern hatten ihren ersten Baby-Einsatz.

Wir sollen vier Stunden auf ihn aufpassen.

Eltern und Kind reisen mit Windeltasche an. Die Muttermilch wird uns als 120 Milliliter-Portion tiefgefroren in einem kleinen Plastikbeutel überreicht. Ein kleines Fläschchen dazu, das vorher noch einmal in der Mikrowelle sterilisiert wird. Das Kind wird uns überreicht, es gibt ein Tschüs, einen Kuss und von mir die Zusage, dass ich keinen WhatsApp in dieser Zeit sende. Nur wenn was „passiert“.

Mir machte die Vorstellung vom frühen Einhüten keine Sorge. Vom ersten Tag an habe ich bei dem Kleinen ein gutes Gefühl gehabt. Ein Gefühl, das Baby zu verstehen. Mit seinen knapp sieben Wochen verfügt es bereits über ein großes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Seine Bewegungen sind vielfältig. Arme und Beine strampeln nicht nur einfach, sie bewegen sich unterschiedlich und erzählen. Es ist eine umfassende Gestik, die auszudrücken scheint: Ich spüre Dich, ich sehe Dich, mir geht es gut, mir geht es nicht gut, ich will essen, ich will Unterhaltung, und überhaupt: Mach mir mal eine neue Windel!

Die erste dreiviertel Stunde liegt der Lütte auf unserem Sofa, schaut sich um, strampelt, macht diverse Töne, lacht ein paar Mal. Wir essen dabei Abendbrot. Dann wird ihm offenbar langweilig. Der Opa nimmt sich das Baby und zeigt ihm die Wohnung. Das ist interessant! Der Schnuller befriedigt das Saugbedürfnis. Die Hände sind ganz kalt – was uns nicht schreckt. Wir sind Nikitin-Anhänger und wissen um die Temperaturregelungsfähigkeiten von Säuglingen.

Manchmal stemmen die Beine den gesamten kleinen Körper ab, dann drückt sich auch das Rückgrat durch. Manchmal versuchen die Händchen schon etwas zu greifen, der Erwachsenenfinger wird gepackt. Das Baby zieht dazu Grimassen. Es schließt entspannt die Augen, schaut ab und zu, reagiert auf Lichtquellen und versucht zu fixieren. Dann grinst es und gibt verschiedenste Geräusche von sich: Glucksen, Juchzen, Grunzen und auch Schreien.

Wie habe ich diesen Ton vermisst, der allerhöchsten Alarm bedeutet. Es ist ein meckerndes, virbrierendes  Schreien. Der kleine Körper ist angespannt, der Kopf ist hochrot, der zahnlose Mund aufgerissen, die Augen zugekniffen. Richtig laut ist es noch nicht, da geht noch was. Säuglingsschreien ist herzergreifend und rührend – wenn man ausgeschlafen ist. Ich bin ausgeschlafen.

Auf dem Arm schuckel ich ihn in den Schlaf. Das geht eine Zeitlang gut, dann muss das, was oben durch den Mund hineinkam, unten raus. Einen großen Teil des Wachseins ist er mit seiner Verdauung beschäftigt. Es beginnt  mit einem angespannten Gucken, der kleine Kopf wird rot. Dann kommt ein erlösendes Geräusch genau da, wo ich meine Hand hinhalte – aus dem Po. Das ist richtige Arbeit, aber die Verdauung klappt gut.

Windelwechsel. Schreialarm. Das An- und Ausziehen der Kleidung hat schon unseren Kindern nicht gefallen. Aber kein Baby ist nachtragend, Sekunden später ist der Ärger vorbei.

Es wird weitergeschlafen. Die Augenlider bewegen sich, die jetzt ganz warmen Hände greifen zuckend ins Leere. Wird geträumt?

Bei der nächsten Runde Wachsein wird uns signalisiert: Ich könnte was Essen. Wir tauen die Milch auf. Das geht ratzfatz. Jetzt soll das Fläschchen noch für eine Minuten in die Mikrowelle. Danach aber ist die Milch  so heiß, dass kein Baby sie trinken kann. Während sie abkühlt, schuckeln, tragen und beschnullern wir das hungrige Kind. Es schläft doch wieder ein, diesmal ganz tief. Der Mund öffnet sich, kleine Blasen liegen auf den Lippen. Der kleine Körper ist so entspannt, dass ich ihn aufs Sofa ablege und mit der Wolldecke ein Nest baue.

Die Katze tut desinteressiert. Sie hat von Anfang an so getan, als sei dieser neue Mensch kein Wesen, mit dem man sich befassen müsste. Das Rascheln jeden Bonbonpapieres ist interssanter als dieser Wurm. Manchmal schnuppert sie von der Ferne – riecht sie die Milch? So überlässt sie ihm selbst ihre Lieblingssofaecke und zieht sich auf ihren Kratzbaum zurück. Mit dem Kopf zu Wand und einem demonstrativ herunterhängendem Schwanz döst sie ein.

Die Milch hat endlich die richtige Temperatur, als der Kleine wieder wach wird. Und er süffelt die Portion gemütlich weg. Dann grunzt er im Arm seines Opas vor sich hin. Grunzend empfängt er auch seine Eltern. Unser Einsatz ist vorbei. Ich atme noch den süßen Geruch.

Ein Kommentar

  1. Auch ich habe Kontakt zu einer jungen Mutter und einem Baby. Es wird den ganzen Tag am Körper getragen von ihr oder vom Mann und bekommt die Brust, wann immer es danach verlangt. Baby und Mutter ist eine Einheit.Als sie es mir in den Arm gab, staunte ich wie schwer es mit seinen 5 Monaten ist. Hellwach und interessiert, was um ihn ist.

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