Kersten Artus

Journalistin

„Es gibt nicht ein Shanghai, es gibt Dutzende!“

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img_3646Dritter Tag Shanghai und  wieder ein volles Programm: um 9 Uhr sind wir zum Tiefseewasserhafen gefahren, der nur über eine 30 Kilometer lange Brücke zu erreichen ist. Er wurde auf einer Insel errichtet, damit auch die großen Pötte die Metropole anlaufen können. Dafür wurden Tausende von Menschen umgesiedelt. Jetzt stehen hier Kräne dicht an dicht, die Container stapeln sich. Es ist der größte Tiefseewasserhafen der Welt.

Unsere zweite Etappe war ein Gespräch mit der Verwaltung der Freihandelszone. In Anbetracht, dass Hamburg seinen Freihafen vor einiger Zeit erst abgeschafft hat, waren wir schon neugierig, warum Shanghai so ein Projekt startet. Es läuft unter dem Ansatz der Öffnung des Landes. Noch findet in der Freihandelszone nicht viel statt, aber die ehrgeizigen Pläne sehen danach aus, dass China alles daran setzt, die Idee zu verwirklichen.

Die vierte Station war ein Gespräch mit den deutschen Stiftungen, die in Shanghai angesiedelt sind. Da wir im Stau stecken geblieben waren, verblieb leider nur eine halbe Stunde dafür. Wir wollten unter anderem wissen, warum es immer wieder vorkommt, dass das ärztliche Personal in Shanghai tätlich angegriffen wird. Die „Shanghai Daily“ hatte heute groß darüber berichtet.

Wir erfuhren: Da für bestimmte ärztliche Leistungen bezahlt werden muss, gibt es immer wieder Konflikte über die Erfolge ärztlicher Leistungen. Und wohl nicht selten auch den Verdacht, dass nicht richtig behandelt wurde. Manchmal ist wohl auch Korruption im Spiel, wenn Patientinnen dafür bezahlen, vorgezogen zu werden.

Wie sieht es überhaupt aus mit der sozialen Situation? Wie entwickelt sich eine Gesellschaft, in der einerseits sehr starke Traditionen herrschen, andererseits eine Dynamisierung der Produktionsbedingungen von Statten geht, die zwar manche, aber längst nicht alle mitnimmt? Warum gubt es Gebühren für Bildung? Warum keine Rentenregelung für Selbstständige?

Shanghai hat eine gespaltene Bevölkerung. 16 Millionen Menschen gelten als ständige BewohnerInnen, neun Millionen Menschen sind WanderarbeiterInnen – ohne Bürgerrechte. Das soll jetzt zwar gelockert werden, aber die soziale Kluft ist vorhanden. Für die Rechte der WanderarbeiterInnen setzen sich auch international viele Menschen ein. Ich denke, da muss etwas vordringlich passieren.

Für die Zukunft stellen sich zudem ähnliche Fragen wie bei uns: Die Menschen werden immer älter. Es gibt aber nur wenige Pflegeheime. Pflege ist nach wie vor ein Familienthema, sprich, private Frauenarbeit. Der Staat in China soll ambulante Unterstützung in der Pflege fördern, hörten wir. Genaueres erfurehn wir nicht, aber wir werden nachhalen. Vielleicht ist das auch ein Thema für die Fortschreibung des Memorandums, in dem die Projekte der Städtepartnerschaft beschrieben werden.

img_3634Die größten sozialen Unzufriedenheiten unter der Bevölkerung bestehen bei der Umweltzerstörung, durch den Landraub und durch Konflikten am Arbeitsplatz, erfurehn wir. Allerdings erfuhren wir nicht, welche Strategien entwickelt werden, um sie anzugehen. Vermutlich muss man viel intensivere Gespräche führen, um die innere Verfasstheit der shanghaier, bzw. der chinesischen Gesellschaft aufzunehmen. „Es gibt nicht ein Shanghai, es gibt Dutzende“, beschrieb einer unser Gesprächspartner die Situation.

Unsere letzten offizielle Etappe war ein Abendempfang im Generalkonsulat. Wir trafen auf Abgesandte des Goethe-Instituts, der Handelskammer, des Frauenverbandes, des Volkskongresses.

Danach machten wir auf privat und tauchten in die Altstadt ein. EinViertel mit sehr engen Gassen erwartete uns. Shop reihte sich an Shop. Touristenkitsch paarte sich neben hochwertigen Produkten. Wir bleiben in einer kleinen Kneipe hängen und konnten draußen sitzen. Um uns herum wuselten chinesische TouristInnen, neben uns rauchten etliche Sisha.

Mit einem Taxi fuhren wir zurück ins Hotel. Fürs Autofahren in Shanghai muss man rücksichtslos sein, denn Abbiegeregeln gelten nicht so richtig. Irgendwie wurschteln sich die Autos durch den Verkehr. Dauernd wird gehupt. Wir kamen trotzdem sicher im Hotel an und zahlten für die Tour weniger als die Hälfte von dem, was uns die Fahrt in Hamburg gekostet hätte. Morgen geht es unter anderem ins Shanghai-Museum und in den Yu Garten.

img_3639Achja, natürlich erreichte uns die Nachricht, dass der CDU-Nachwuchs Junge Union die Verschiebung der nächsten Delegation der Bürgerschaft nach St. Petersburg, die für Ende Juni geplant ist, fordert. Sie hat ihre Phrasendreschmaschine angeworfen und meint: Das wäre angeblich ein starkes Zeichen für Freiheit und Demokratie. Gemeint ist die Situation in der Ukraine.

Wessen Freiheit gestärkt würde, wenn wir die Reise verschieben würden, weiß ich nicht. Und ob die Verschiebung zudem mehr Demokratie bringt, bezweifle ich. Vielleicht sollte sich der CDU-Nachwuchs vergegenwärtigen, dass Landes- und Bundespolitik ein Unterschied sind und dass schon ganz andere Gründe in den vergangenen Jahren hätten herhalten können, um die Städtepartnerschaft mit St. Petersburg zu gefährden. Von Verantwortungsgefühl zeugt die Forderung nicht. Ich kann mir daher denken, dass auch die CDU-Fraktion in der Bürgerschaft ein Wörtchen mit ihrem Nachwuchs reden wird. Schließlich ist sie bei der Delegation nach St. Petersburg auch vertreten. Patsch, das war ein Fettnäpfchen …

 

 

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