Kersten Artus

Journalistin

Besuch in Belarus: Die Erinnerung wach halten

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img_4762Zu fünft sind wir über Pfingsten nach Minsk geflogen. Barbara Duden, Barbara Nitruch, beide SPD, Andreas C. Wankum, CDU, Marco Wiesner, Öffentlichkeitsabteilung der Bürgerschaftskanzlei, und ich. Wir sind die Delegation der Bürgerschaft die an der Grundsteinlegung für eine Gedenkstätte teilgenommen hat, die an zehntausende Jüdinnen und Juden erinnern wird, die von den Nazis dorthin deportiert und dann ermordet wurden. Es sind Hunderte Menschen aus ganz Europa angereist, darunter auch Überlebende.

dsc_7091Das erste, was an Minsk auffällt: Die Straßen und die Häuser sehen neu und sauber aus. Kein Dreck liegt rum. Keine Kippen, keine Flaschen, kein Papier, keine Graffitis sind zu sehen. Keine abgerissenen Plakate oder versiffte Hausecken. Die Gebäude scheinen allesamt frisch angestrichen zu sein. Selbst die Baustellen wirken trotz Gerüsten und Betonskeletten ordentlich. Nur wenigen Häusern sieht man an, dass sie doch schon länger stehen und einen bescheidenden Standard bergen. Die Straßen sind sehr breit und ohne Schlaglöcher, die Ein- und Ausgänge der U-Bahnstationen ragen im Einheitsformat gebaut ordentlich aus den Böden heraus wie sich öffnende Tiermäuler. Es gibt Werbung zu sehen, auch für westliche Produkte, aber dezent.

Minsk zählt 1,9 Millionen EinwohnerInnen, das sind 20 Prozent der belorussischen Bevölkerung. Die Nazis haben ab 1941 ein Drittel der EinwohnerInnen ausgerottet. Sie haben sie erschossen, verbrannt, vergast oder verhungern lassen. Belarus ist das meist geschundene Land des zweiten Weltkrieges. Dennoch kennt es kaum jemand. Weißrussland wird es in Deutschland wenn überhaupt genannt – ist es ein Teil von Russland? Gerade deswegen ist es wichtig, dass die Deutschen Belarus kennenlernen und sich verantwortlich fühlen, an die Millionen Opfer zu erinnern. Und dass sie Orte schaffen, die die Geschichte des Massenmords erzählen. Das ist der Sinn unserer Reise. Wir beginnen, Belarus kennenzulernen.

img_4830Wir sind 20 Frauen und Männer aus Hamburg, die über Pfingsten nach Minsk gereist sind, um an der Grundsteinlegung einer Gedenkstätte in Trostenez (sprich: Trosteniess) teilzunehmen. Es soll ein doppeltes Mahnmal werden: Im Minsker Wald „Blagowschtina“ soll ebenfalls eine Stätte des Gedenkens gebaut werden: Dorthin wurden Tausende Menschen von Trostenez hingeführt: Erst ein Stück mit dem Zug, dann einen Kilometer zu Fuß, dann wurden sie umgehend erschossen und in Massengräbern verscharrt. Um kurz vor der Befreiung des Landes durch die Rote Armee Beweise zu vernichten, wurden die Leichen wenig später wieder ausgegraben: Man nahm ihnen alle noch verbliebenen Wertgegenstände ab und die Zähne aus dem Mund. Die Männer, das tun mussten, wurden danach ebenfalls umgebracht.

dsc_7222Aus sieben weiteren Städten waren zu diesem Pfingsten Gäste angereist: Berlin, Köln, Frankfurt, Düsseldorf, Bremen, Theresienstadt/Tschechien und Wien. Alle hatten Listen und Bücher mit Namen mitgebracht – die der Toten von Trostenez und Blagowtschina. Sie wurden in einer Feierstunde dem Minsker Vizebürgermeister Karpenko übergeben. Aus Hamburg sind es über 1.300 Namen. Aus Österreich 13.000. Aus Bremen 600.

Dass die Hamburgische Bürgerschaft mit vier Abgeordneten und einem Protokollchef angereist ist, wird als Ausdruck der Wertschätzung empfunden.  Es ist ein Maß an Glaubwürdigkeit, dass wir es ernst meinen mit der Verantwortung für die Erinnerungskultur in einem Land, das auch als „letzte Diktatur Europas“ bezeichnet wird oder oft auch nur als Transitland wahrgenommen wird.

Wir suchen offene Hinweise auf die Diktatur, was oberflächlich betrachtet schwierig ist. Wir bekommen im Hotel Zugang zum Internet, in der ganzen Stadt gibt es ein Wifi. Facebook und Twitter sind frei zugänglich. Geldautomaten stehen herum, Jugendliche skaten, Mountain-Bikes fahren neben modernen Autos auf den Straßen, in einer Kirche wird eine Hochzeit mit Priester gefeiert. Die Regale des Supermarkts sind gut gefüllt, auch Nutella und Nivea-Produkte gibt es. Aber: Der 59-jährige Alexander Lukatschenka regiert seit 20 Jahren wie ein Autokrat.

img_4786Der Staatspräsident hält in Trostenez bei der Grundsteinlegung für die Gedenkstätte eine Rede. Auf russisch, wir haben keine Übersetzung. Seine Stimme klingt etwas heiser, etwas hoch. Für einen Diktator redet er erstaunlich kurz, er wirkt bescheiden. Wir hatten etwa zwei Stunden auf ihn in praller Sonne stehend gewartet. Zusammen mit Jugendgruppen, medaillengeschmückten Veteranen, gebrechlichen Überlebenden, Militärs und jede Menge Zaungästen – die Nachbarn, die in den umliegenden Hochhäusern wohnen. Wenige Fahnen wehen in den Landesfarben, insgesamt wirkt die Veranstaltung nicht protzig. Die drei von Soldaten abgefeuerten Salven im Anschluss an Lukatschenkas 
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Rede allerdings verstören.

Der Staatspräsident schob eine Kapsel in den Erinnerungsfels. Sein kleiner Sohn Kolja, den er zu vielen öffentlichen Auftritten bei sich haben soll und der einen elfenbeinfarbigen Anzug trägt, half ihm dabei. Wird er einmal der Nachfolger und jetzt bereits für sein Amt ausgebildet?, fragen wir uns. Später erfahren wir, dass das Volk ihn auch Erbprinz nennt und nicht begeistert ist davon, dass ein Kind diese Bürden bereits aushalten muss.

Eine Million Euro sollen aus Deutschland fließen, um die beiden Mahnmale in Minsk mitzufinanzieren. Das Geld ist zugesagt, allerdings noch nicht beisammen. Aus Hamburg kommen 25.000 Euro. Die Bürgerschaft hatte hierzu in 2013 einen interfraktionellen Antrag* beschlossen. Das meiste Geld – wenn ich das richtig gehört haben, elf Millionen Euro insgesamt – steuern die Belorussen selbst bei. Im nächsten Mai soll der erste Bauabschnitt eingeweiht werden.

IMG_4840Nach der Veranstaltung fahren wir nach Blagowtschina. Vor 70 Jahren standen dort noch keine Bäume. Jetzt ragen Kiefern in den Himmel und werfen Schatten auf den ehemaligen Exekutionsplatz. An ihren Stämmen hat die österreichische Delegation laminierte Schilder festgebunden. Auf ihnen stehen die Namen von verschleppten und getöteten Wienerinnen und Wienern. Es wird eine Predigt gehalten. Viele Anwesende weinen, auch ich. Wie muss es sich angehört haben, als die tödlichen Schüsse auf die Deportierten abgegeben wurden? Haben diejenigen, die nicht gleich gestorben sind, gestöhnt, gewimmert, geschrien? Haben die Soldaten still ihr Geschäft gemacht oder haben sie sich gegenseitig angefeuert?

DSC_7232Die Reise wurde organisiert von der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte, IBB. Sie hat ihren Sitz in Dortmund und versteht sich als NGO. Ihr Tagungshaus ist zu gleich ein Hotel und auch Sitz der Außenhandelskammer der Bundesrepublik Deutschland. Nach der Gedenkstunde in Blagowtschina werden dort weitere Reden gehalten, unter anderem von Henning Scherf, dem ehemaligen Bremer Bürgermeister. Omaknutscher nannte ihn die Süddeutsche einmal, weil er gern Bremerinnen umarmte. Ich stellte fest: Er umarmt immer noch gern, auch ich kann mich seinen langen Armen nicht entziehen, als er mit seiner Frau Luise in den Bus einsteigt und die Bürgerschaftsdelegation aus Hamburg entdeckt.

dsc_7253Henning Scherf redet ergreifend. Nazideutschland quälte Belarus, sagt er. Und dass Krieg keine Lösung sei, sondern immer das Ende. Und er lässt auch die zweite große Katastrophe, die Belarus überkam, nicht unerwähnt: Tschernobyl. Ein Großteil des Landes wurde kontaminiert. Noch heute erkranken die Menschen an Schildrüsenkrebs. Eine Million Kinder fahren regelmäßig zur Erholung ins Ausland, darunter auch nach Deutschland. Dennoch lässt Lukaschneka jetzt ein Atomkraftwerk bauen. Die Bevölkerung lässt er glauben, es sei sicher.

Alle an diesem Nachmittag gehaltenen Reden dauern insgesamt über zwei Stunden und wir sind am Schluss erschöpft. Es werden von dem Leiter des IBB und dem Vizebürgermeister noch Dokumente unterzeichnet, damit die Finanzierung der Gedenkstätten fest vereinbart gilt und das Geld aus Deutschland treuhänderisch an die Stadt übergeht.dsc_8497ku_novyy_razmer_0

Unser Programm beinhaltet am Pfingstmontag, der in Belarus kein Feiertag ist, noch den Besuch der 20 Jahre alten privaten Nachrichtenagentur Belapan. Die Journalistinnen und Journalisten berichten uns über die Gradwanderung ihrer Berichterstattung und über ihre Mühen, bei Behörden Informationen zu erhalten. Sie sind bei der belorussischen Regierung aber als objektiv berichtende Agentur anerkannt. Ihre Internetzeitung schafft manchmal 100.000 Zugriffe täglich. Ich frage nach der Onlinenutzung der Bevölkerung. Etwa 60 Prozent der BelarussInnen sollen online sein. Lukaschenka würde das Internet nämlich nicht ernst nehmen, er würde sich Berichte ausdrucken lassen.

DSC_7281Anschließend treffen wir den Historiker Kusnezow von der staatlichen Universität für internationale Beziehungen. Er fordert eine andere Gedenkkultur für die Opfer Stalins. In Trostenez, erzählt er, wurden bereits von 1937 bis 1941 Menschen erschossen und vergraben. Wir fahren mit ihm nach Kurapaty. In dem Waldstück stehen zwischen etwa 40 Meter hohen Tannen unzählige, etwa zwei Meter große, Holzkreuze. Das gesamte Gelände ist zudem mit Holzkreuzen eingekreist, können wir später erkennen, als wir mit dem Auto daran vorbeifahren. Herr Kusnezow fordert, dass den Opfern des Stalinismus auch in Trostenez gedacht werden müsse.

Belarus verdient mehr Gehör und mehr Beachtung. Es ist mehr als ein Transitland und wer es pauschal eine Diktatur nennt, verhindert die Auseinandersetzung und die Weiterentwicklung. Die Journalisten von Belapan sagen, Lukaschenka sei nicht so radikal wie Putin. Sie könnten schreiben und publizieren. Das Internet sei frei nutzbar. Die Idee, alle E-Mailadressen zu registrieren, sei wieder verworfen worden.

Aber: Der WELT war unser Besuch am 5. Juni 2014 gerade einmal elf Zeilen wert. Andere Blätter aus Hamburg berichteten gar nicht. Das hamburg Journal brachte einen kurz Beitrag.

Mit dem Beschluss der Bürgerschaft, den Bau der Gedenkstätte in Trostenez zu unterstützen, ist nicht nur bei mir das Interesse für Belarus geweckt worden. Die Erinnerung an die Opfer der Tötungsmaschinerie der Nazis wird vervollständigt. Es ist eine Geschichtslücke, die nun geschlossen wird. Dazu beigetragen haben Menschen, die sich als BrückenbauerInnen verstehen. Es sind 70 Jahre vergangen, seit die Morde geschahen und es ist gut, dass nun ein gemeinsames Projekt entsteht, dass die Opfer würdigt, den Lebenden eine Erinnerung bietet und die Lehre vermittelt, dass Kriege keine Gewinner kennen.

* = Den Antrag sende ich auf Anfrage gern zu.

2 Kommentare

  1. Verehrte Kersten,
    Danke für diesen Beitrag.
    Im Vergessen von alten Taten sind wir als Menschen ganz groß, doch es ist gut, das dies nicht immer der Fall sein wird.
    Dieser Beitrag ist für mich, als Jude und da ich mich für die Erhaltung des Gedenkens einsetzte, sehr informativ, deshalb wäre ich über den weiteren Werdegang über Informationen dankbar.
    Gruß, Dr.Schäfer

  2. Liebe Kersten, ich lese über Deine Aktivitäten immer gern, mit großem Gewinn und
    heftigem Zuspruch.
    Auch Belarus: sehr informativ und anrührend.
    Jedoch – hätte ich gern „der Opfer des Stalinismus gedacht“….

    Du verstehst?
    Grüße aus Kappeln
    Brigitte

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