Kersten Artus

Journalistin

Urlaub für alle!

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dsc_7902Strand oder Meer? All inklusive, Gruppenreise oder Zeltplatz? Ferien können sehr verschieden sein. Ich fahre mit meinem Mann gern ans Meer – entweder Nordsee, Ostsee oder Mittelmeer. Dieses Jahr sind wir nach Amrum gefahren – bestimmt nicht zum letzten Mal. Mitten in unseren Urlaub platzte die Nachricht, dass Katja Kipping, meine Parteivorsitzende, vorschlägt, 500-Euro-Gutscheine an Bedürftige auszugeben. Mein erster Gedanke: Das reicht doch vorn und hinten nicht.

Auf den zweiten Blick hat Katjas Vorschlag etwas Sympathisches. Denn immer weniger Menschen können sich Urlaub leisten und damit die vom Alltag verdiente und wichtige Erholung. Es ist egal, ob ich einen Job habe oder nicht, ob ich studiere oder zur Schule gehe: Eine Auszeit tut gut.

Ich finde sogar: Wer keine Arbeit hat und auf staatliche Leistungen angewiesen ist, muss davon dringend regelmäßig Abstand bekommen. Es ist kein Wunder, dass Erwerbslosigkeit extrem belastend ist und viele Betroffene krank werden. Die menschliche Fähigkeit, durch Arbeit Werte zu schaffen, die Gesellschaft damit voranzubringen und so Teil von ihr zu sein, ist extrem identitätsstiftend. Wer aus diesem System herausgeflogen ist, weil Unternehmer Arbeitsplätze vernichten oder junge Menschen als „nicht ausbildungsfähig bezeichnen“, ist ausgegrenzt.

Urlaub ist teuer geworden. In der Hauptsaison ist selbst ein kleines Apartment auf einer Insel wie Amrum kaum unter 100 Euro täglich zu haben. Daher finde ich, dass wir über eine neue Erholungskultur reden müssen. Wo sind die Einrichtungen, die Familien, aber auch Alleinstehende, Singles, Verwitwete, Ältere, einen günstigen Urlaub ermöglichen?

Die Entwicklung im Tourismus ist die eines üblichen Marktes: Wettbewerb, Überkapazitäten, überteuerte Angebote. Hamburg ist ein gutes Beispiel. Immer mehr Hotels werden gebaut, obwohl es wirklich genügend gibt. Low-Budget-Angebote sind eine Rarität.

Günstiger Urlaub muss auch im Einklang mit der Umwelt stehen. Daher ist es zum Beispiel schön, zu sehen, was eine Urlauber-Insel wie Amrum dafür tut. Aber hier ist die intakte Umwelt zugleich die Voraussetzung für den Tourismus. Wenn ich mir die Kreuzfahrtschiffe ansehe, wird mir schlecht, wenn ich daran denke, welche Umweltschleudern über die Meere schippern. Gleiches gilt für die Flieger, die nach Spanien, Italien oder in die Türkei gehen. All Inklusive Angebote sollen sich angeblich Menschen mit geringerem Entgelt leisten können. Aber was ist das für eine Verschwendung, wenn alles im Überfluss angeboten wird? Das ist Verschwendung, weil er sich nicht am Bedarf orientiert.

Wenn ich „Urlaub für alle“ fordere, denke ich zuerst an Nord- und Ostseeküste. Und die sind mit der Bahn zu erreichen, selbst von Bayern oder Sachsen aus. Vor Ort können Räder gemietet werden. Oder man nimmt die Eigenen mit. Wir haben das einmal gemacht – ins Wurster Land zwischen Cuxhaven und Bremerhaven. Es geht, sogar mit zwei kleinen Kindern, die im Fahrradsitz gesessen haben.

Ein 500-Euro-Gutschein allein macht noch keinen günstigen Urlaub. Wir brauchen auch entsprechende Angebote. Lasst uns über eine neue Erholungskultur reden. Dringend. Wir haben alle zusammen eine Verantwortung für jene, die sich keine Auszeit aus dem Alltag leisten können. Lasst uns solidarisch sein mit jenen, die Urlaub nur aus dem Fernsehen kennen. Wir haben einmal unsere Wohnung an eine fünfköpfige Familien mit sehr wenig Einkommen „ausgeliehen“. Ihnen hat allein der Tapetenwechsel gut getan.

Hartz-IV-Beziehende haben zwar 21 Tage im Jahr Anspruch auf Urlaub. Einen Zuschuss gibt es allerdings nicht. Das sollte sich meiner Meinung nach ändern. Wie wäre es mit einer speziellen Erholungssteuer, die von Unternehmen erhoben wird, die in den letzten fünf Jahren Arbeitsplätze abgebaut haben? Die wird dann umverteilt. Ich finde die Idee charmant. Wer noch?

 

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