Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Rückwärts voran

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dsc_7981Wir sind zwei Wochen auf Amrum. Wir sind zwar zu zweit gefahren, aber Dank WhatsApp und Facebook wissen wir genau über die Vorkommnisse zu Hause Bescheid! Fotos und Videos erreichen uns in Echtzeit! Unser Enkel kann seit dem Wochenende ein Stück Toast in die Hand nehmen und es sich in den Mund schieben. Er trinkt jetzt alleine mit einer Greiflerntasse und sitzt im neuen Hochstuhl. Und seit heute robbt er durchs Wohnzimmer – wie bei allen Krabbelanfängern geht es zuerst nur rückwärts voran.

Uns begegnen auf Amrum viele Familien. Wir sehen auch Großeltern mit ihren Enkelinnen und Enkeln. Wir sehen Menschen, die freundlich mit ihren Kindern umgehen und solche, die mit schwachsinnige Bosheiten gegen ihre Kinder herumwerfen. Und wenn keiner zuschaut, gibts vermutlich ein paar hinter die Ohren.

Über uns wohnt eine Familie, deren Eltern sehr nett mit ihren Kindern umgehen. Das Mädchen heißt Antonia und der Junge David. Der Junge mochte mir seinen Namen erst nicht verraten, obwohl ich ihm meinen schon gesagt hatte. Ich finde das ganz vernünftig, warum sollte man einer fremden Frau, auch wenn sie sich freundlich hinkniet, so eine Auskunft geben? Antonia sagte ihn mir dann und ich fand es schade, dass sie über ihn hinweg bestimmt hatte. Aber als er später mit einem bunt geschminkten Gesicht vom Feuerwehr-Kinderfest kam, rief ich ihm zu: „Hier wohnt eigentlich ein anderer Junge!“ Worauf er rief: „Neiiiiin, ich bin es doch, der David! Ich bin doch nur angemalt!“ Ach, dachte ich, wie wäre es schön, wenn mein Enkel jetzt mit bunt geschminktem Gesicht hier herum liefe und ich ihn ins große Feuerwehrauto hätte setzen können! Dabei ist er für so etwas noch viel zu klein. Ich merke: Alles können Fotos und Videos über WhatsApp nicht befriedigen.

Ich bin nur einmal mit meiner Oma im Urlaub gewesen. Ich meine, richtig weggefahren. Urlaub habe ich ständig mit meinen Großeltern gemacht, bei ihnen zu Hause im Sauerland. Ich bekam morgens heißen Kakao, durfte mit einem echten Messer Holz schnitzen und abends bei meinem Opa auf dem Schoß sitzen und erst „hier und heute“ und dann die Tagesschau sehen. Von Oma bekam ich ein Gläschen Eierlikör. Nachts lag ich in der Besucherritze ihres Ehebetts und lauschte dem Schnarchen meines Opas. Am Aufregendsten war es, wenn er nach einem Schnapper mit dem Atmen aussetzte und dann leise wieder von vorn anfing.

In den besagten Urlaub fuhr ich mit meiner Oma, Mutter und Schwester nach Mamaja, Rumänien. Das war Anfang der 1970er Jahre groß angesagt, aber mir hat es dort nicht gefallen. Nachts hatte ich Angst vor den Geräuschen, die das Hotel von sich gab. Urlaub im Sauerland war schöner.

Was ist für Kinder ein guter Urlaub? Mit unseren Kindern waren wir in Bulgarien (nicht gut), auf Spiekeroog und Norderney (beide gut), in Dänemark (sehr gut), auf den Balearen (ganz gut). Einen ganzen Sommer lang Anfang der 1990er Jahre sind wir jeden Tag ins Kaifu, unserem Stadtfreibad gewesen (supersupergut). Amrum scheint eine ideale Kinderinsel zu sein. Ich werde anregen, den nächsten Urlaub hier gemeinsam zu verbringen.

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