Kersten Artus

Journalistin

Meine feministischen Begleiterinnen

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fullsizerenderAuf der 25-Jahr-Feier des feministischen Mädchenprojekts „Allerleirauh“, das sich um Prävention und Beratung bei sexualisierter Gewalt engagiert, hielt eine der Gründerinnen während ihres Grußworts an ihre Nachfolgerinnen einen „Wir-Frauen“-Kalender von 1989 hoch. „Kennt Ihr den noch?“ rief sie in den Saal. Und viele riefen zurück: „Klar“ und „Achjaaaa!“

Der „Wir Frauen“-Kalender hat auch mich mehrere Jahre lang begleitet. 1982 hatte ich meinen ersten, 1990 meinen neunten und letzten. Dann ersetzte ich ihn durch einen anderen Buchkalender. Später ordnete ein Organiser von Filofax mein Leben für ein paar Jahre. Heute nutze ich die Cloud.

Erst neulich musste ich in einem der „Wir Frauen“-Kalender blättern. Für mein Visum nach Russland musste ich nämlich angeben, wann ich schon einmal in dem Land gewesen war. Das war 1985, da hieß es noch Sowjetunion. Ich hatte an den Weltfestspielen der Jugend in Moskau teilgenommen. Wann das genau gewesen ist, fand ich in meinem Kalender: 27. Juli bis 3. August!

Davor war es auch noch nicht so lange her gewesen, dass ich eines der verstaubten Exemplare aus dem Regal gezogen hatte: Es war die Ausgabe von 1988 – dem Geburtsjahr meiner Tochter. Kurz vor der Geburt meines Enkels im Januar diesen Jahres hatte ich auf diese Weise den Tagen vor der Geburt meiner Tochter nachgespürt.

Davor hatten die Kalender jahrelang verwaist im Regal gestanden. Jetzt hatten sie gleich ein drittes Mal in einem Jahr meine Aufmerksamkeit!

fullsizerender1Ich habe den „Wir Frauen“-Kalender geliebt. Er war ein Stück Zuhause. Man konnte so schön darin schmökern. Was für Erinnerungen darin stehen! Namen, Geburtstage, Versammlungstermine von Gewerkschaft, Jugendverband, Partei. Demos. Betriebsversammlungen, Betriebsratssitzungen. Fahrten nach Bremen. Arzttermine. Treffen mit Freundinnen. Telefonnummern und Namen, die mir unbekannt vorkommen. Zitate, Vermerke, Adressen. Ich war auch mit Mitte 20 schon ganz gut organisiert, finde ich.

Ich finde jede Menge Kleinigkeiten, an die ich mich gar nicht mehr erinnere. Andere Notizen rufen bei mir sofort Bilder und Szenen hervor. Ich sehe Menschen, Stimmen, Gefühle. Manche meiner damaligen WeggefährtInnen leben schon nicht mehr. Ich denke an Peter Kohlmann, mein Kollege, Genosse und Nachbar. Oder an Ulla Meyer, die vor mir Konzernbetriebsratsvorsitzende bei Bauer gewesen ist. Andere sind einfach aus meinem Leben verschwunden. Davon gibt es (leider) sehr viele.

Wann ich die Kalender das nächste Mal betrachte? Vielleicht, wenn ich meinem Enkel aus meinem Leben erzähle. Wenn er es denn hören will. Dann durchstöbert er die alten Büchlein und amüsiert sich, wenn er sieht, was ich da so hinein gekrakelt habe. Und dass es so etwas überhaupt einmal gegeben hat …

 

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