Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

„Ich war 5, als ich Zuhause Gewalt erlebte.“

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img_0747-e1440948764156Der Tag gegen Gewalt an Frauen, der immer am 25. November stattfindet, erinnert, begann dieses Jahr für mich in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofes. Zusammen mit Kolleginnen der Opferhilfe habe ich Brötchentüten (Aufschrift: Gewalt kommt nicht in die Tüte) und Flyer an PassantInnen verteilt. Obwohl die Menschen meist rastlos durch Wandelhalle gehen, blieben einige zum Gespräch stehen. Eine ältere Frau erzählte mir ihre Geschichte: „Ich war 5, als ich  Zuhause Gewalt erlebte.“

Tränen traten in ihre Augen, als ich ihr schweigend zuhörte und nur nickte, als sie erzählte, wie schlimm das für sie gewesen war. Dass niemand sie beachtet hatte. Dass sie Angst gehabt hatte. Dass sie nicht wusste, warum ihr Vater das mit ihrer Mutter macht. Dann bedankte sie sich, dass ich ihr zugehört hatte. Ich war dankbar für diese Geschichte, denn sie ist so typisch wie aktuell. Gewalt im sozialen Nahbereich ist alltäglich, allgegenwärtig. Und doch wird sie oft verschwiegen, verharmlost, verdrängt.

img_0749Nach dem Verteilen eilte ich zum Gewerkschaftshaus, wo wir mit ver.di-Kolleginnen und -Kollegen und Frauen aus der Städtegruppe von Terres des Femmes die „Frei-leben“-Flagge gehisst haben. Der Nebel, der über ganz Hamburg lag, stieg nur langsam hoch, so dass ich befürchtete, die Flagge würde oben am Mast gar nicht zu sehen sein. Doch dann war es nicht der Nebel, sondern der nicht vorhandene Wind, der sie leider schlaff herunterhängen ließ.

img_0761Dann wurde es Zeit, ins Rathaus zu gehen. Dort fand um 12 Uhr der Senatsempfang anlässlich des 25. November statt. Der Nebel hatte sich verzogen. Die Flagge war auch dort gehisst und war gut sichtbar – vielleicht ein bisschen klein für das gigantische Gebäude. Der Kaisersaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wir hörten einen Vortrag über die Rechtsauslegung des Vergewaltigungsparagraphen 177 StGb. Es ist einfach unfassbar, bei wie wenigen Anzeigen wegen Vergewaltigung es überhaupt zu Ermittlungen, geschweige denn zu Verurteilungen kommt. Ob es daran liegt, dass Vergewaltigungsmythen immer noch eine hohe Akzeptanz in dieser Gesellschaft haben? Zitate von Frauen, die sich beim Notruftelefon melden, wurden vorgetragen. Sie dokumentierten die Scham, die Angst und die Traumatisierung, die sexualisierte Gewalt hervorruft.

Meine Presseerklärung zum Tag gegen Gewalt an Frauen ist hier zu finden. Und ein Bericht über das Opferschutzkonzept in Hamburg hier.

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