Kersten Artus

Journalistin

Und noch einmal

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Schon als er geboren wurde, hatte ich mich auf den Moment gefreut, ihm ein Buch vorlesen zu können. Kindern etwas vorzulesen, bereitet mir großes Vergnügen, denn sie sind aktive Zuhörende. Und sie dulden deswegen auch keine Fehler. Ich lese ruhig, ohne zu viel Betonung. Manchmal wechsle ich die Tonlage, etwa bei direkter Rede. Ich bemühe mich um viele Pausen und vermeide luschiges Aussprechen.

Vor ein paar Jahren las ich in einer Kita „Pippi Langstrumpf“ vor. Ich hatte das Buch aus meinem Regal gezogen, es vom Staub befreit und in meine Tasche gesteckt. Pippis Freunde heißen Thommy und Annika. In dem alten Buch, aus dem ich vorlas, wurde der Junge aber noch als Thomas bezeichnet. Sofort erhob sich Protest: „Das heißt Thommy!“ Kinder, dachte ich, was seid ihr doch pingelig!

Mein Enkel hat jetzt sein erstes Buch. Es ist aus dem Jahr 1988, heißt „Der Hase mit der roten Nase“ und stammt von Helme Heine. Meine Kinder besaßen es auch. Ich kenne es auswendig. Es umfasst aber auch nur vier Seiten.

Es war einmal ein Hase
Mit einer roten Nase
Und einem blauen Ohr
Das kommt ganz selten vor.

Die Tiere wunderten sich sehr:
Wo kam denn dieser Hase her?

Er hat im Gras gesessen
und still den Klee gefressen.

Und als der Fuchs vorbeigerannt
Hat er den Hasen nicht erkannt.

Da freute sich der Hase
Wie schön ist meine Nase
Und auch mein blaues Ohr
Das kommt so selten vor.

Das Pappbuch wird ab dem 24. Lebensmonat empfohlen. Mein Enkel wird in Kürze elf Monate alt und das zeigt, wie blödsinnig Altersangaben sein können. Wenn mein Enkel das Buch sieht, nimmt er es sofort in die Hand und hält es einem entgegen. Er schaut sich die Seiten an und wenn man vorliest, lacht er. Dann schaut er den Hasen auf dem Bild an, wie er im Klee sitzt. Manchmal drückt mein Enkel sein Gesicht auf die Seiten und küsst die Bilder. Manchmal wird er ungeduldig und schlägt das Buch zu, um es gleich wieder aufzumachen oder es einem zu reichen. Manchmal blättert er schnell vor. Oft sitzt er aber ganz still und lauscht dem Vorgelesenen. Und noch einmal.

Es gibt den Hasen mit der roten Nase und dem blauen Ohr sogar als Stofftier. Das gab es damals noch nicht. Und auf YouTube gibt es sogar eine Vertonung der Reime. Dass gab es damals natürlich auch noch nicht.

Soll man nun das Stofftier dazu anschaffen und dem Lütten das Lied vorspielen? Ich werde es nicht tun. Der Zauber, den das Buch verbreitet, wäre vielleicht vorbei. Die sinnliche Erfahrung, dass ein Buch aufgeblättert wird und immer wieder dieselben Worte zu hören sind, die sich mit den Bildern zu einer Geschichte verbinden, würde aufhören. Und die Stimmen seiner Mutter, seines Vater, seiner Oma und seines Opas würden verblassen.

Vorlesen ist eine besondere Form, einem Kind Aufmerksamkeit zu schenken und Nähe aufzubauen. Dass die Lesefähigkeit damit gefördert wird, ist seit langem bewiesen. Und ich gehe auch davon aus, dass auf einfache Art das Zuhören geübt wird – eine Fähigkeit, die ich immer weniger bei Menschen erlebe.

Es ist ein Genuss, meinen Enkel bei seinem Spiel mit dem Buch zu erleben. Es ist ein zutiefst sozialer Akt, denn er hat flink verstanden, dass das Buch auf immer die gleiche Art und Weise benutzt wird: Kaum werden die Seiten aufgeschlagen, wird der Reim gesprochen. Die passenden Bilder dazu wirken befriedigend und stimulierend auf ihn. Kein Stofftier, kein Video kann diese Magie ersetzen.

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