Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Mein Onkel, der mir Bücher schenkte

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51cxgh2-vtl-_sl500_sy344_bo1204203200_Mein Onkel hat fast nie mit mir gesprochen. Er war der Einzige, der mir Bücher geschenkt hat.

Er ist ein Einzelgänger, dachte ich als Kind. „Er ist ein kluger Mann.“, sagte mein Vater. Er spielte Schach und war Kassenwart im Oberneulander Turnverein. Und war von Beruf Prokurist. Er war unverheiratet und hatte keine Kinder. Zeitlebens wohnte er bei meiner Oma.

Onkel Elard schenkte mir Bücher zu meinen Geburtstagen. „Ganz Wildwest sucht Florian“ von Horst Burger zum Beispiel. Ein Buch aus den 1970ern, in dem ein Junge ein Abenteuer erlebt. Ich erzählte davon in der Grundschule, als wir gefragt wurden, welche Bücher wir zuhause haben. Meine Lehrerin kannte das Buch nicht. Ich schlussfolgerte, dass ich das einzige Kind war, das dieses Buch besitzt und redete nicht mehr darüber. Es steht noch heute in meinem Regal.

„Am Montag fängt die Woche an“ war ein weiteres Buchgeschenk meines Onkels. Ein „Jahrbuch der Kinderliteratur“. Darin habe ich viel gelesen. Seine Kapitel bestehen aus den sieben Wochentagen. Ich habe es bei einem meiner Umzüge verloren. Vor einigen Jahren habe ich es im Internethandel nachbestellt. Viele Geschichten habe ich wiedererkannt und mich neu gefreut über die Rätsel, die Kinderreime, die Geschichten – auch wenn sie fast nur von Jungen handeln und fast nur männliche Autoren sie geschrieben haben.

Ich hatte noch ein paar mehr Bücher, als ich Kind gewesen bin. Die meisten stammten aus der Spielwarenabteilung des Geschäftes meiner Eltern. „Hanni und Nanni“ und „Dolly“ gehörten dazu. Und alle Comics von Donald Duck und Micky Maus. Außerdem hatte ich „Die Kinder aus Bullerbü“ und alle Pippi-Bände. Die Bücher meines Onkels waren etwas besonderes. Heute weiß ich: Sie waren nicht trivial.

Mit 17 wohnte ich ein Jahr lang unter einem Dach mit meinem Onkel und meiner Oma . Es war das Jahr, bevor ich nach Hamburg ging. Ich lernte ihn auch in dieser Zeit nicht viel besser kennen. Abends, wenn er von der Arbeit mit dem Zug aus Bremen nach Oberneuland zurückgefahren war, saß er im „Esszimemr“ und aß, sah fern. Ging irgendwann ins Bett. Einmal rief jemand für mich an. Da kam er hoch in die erste Etage, schaute in mein Zimemr, shaute erstaunt, sagte aber nur: „Telefon für Dich.“

Mein Onkel ist 1987 gestorben. Monatelang hatte er gefiebert, hatte unfassbar viel abgenommen. Es kamen viele Menschen in die Kirche, um sich zu verabschieden. Sein Engagement über die Schachabteilung und den Turnverein wurden gewürdigt. Heute würde heute 80 Jahre alt. Es ist schade, dass ich so wenig über ihn weiß. Er fast nie mit mir gesprochen.

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