Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Ein Buch voller Weisheiten

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bastardAls ich vor einigen Jahren auf einer Frauentags-Veranstaltung des Bundes der Migrantinnen sprechen durfte, fragte mich ein älterer Mann etwas in seiner Sprache. Ein jüngerer Mann übersetzte: Wie ich über das türkisch-armenische Verhältnis denken würde. Ich wusste dazu nichts zu sagen, ich wusste nichts darüber. Weder dass es überhaupt ein problematisches Verhältnis gab, noch worum es überhaupt ging. Hätte ich das Buch „Der Bastard von Istanbul“ von Elif Shafak zu diesem Zeitpunkt schon gelesen, hätte ich nicht so unwissend da gestanden. Ich muss auch gestehen: Ich hatte es zu diesem Zeitpunkt schon einmal angefangen. Was mich abhielt, es zu Ende zu lesen, weiß ich heute nicht mehr.

Asya ist in Istanbul aufgewachsen, Armanoush in Arizona. Asya ist Türkin, Armanoush Armenierin. Die Lebensgeschichten der beiden jungen Intellektuellen sind mit einander verwoben, doch es dauert, bis sich ihre Lebenswege kreuzen. Der Zufall will es, dass Asyas Onkel Mustafa Armanoushs Mutter geheiratet hat. Überhaupt, die Zufälle. In dem Roman gibt es so viele davon, doch keiner wirkt konstruiert. Alles passiert, weil es passieren muss. Auch die hellseherischen Fähigkeiten von Tante Bantu sind schlicht naheliegend, weil sie mit Herrn Bitter und Frau Süß zwei Djinnis auf ihren Schultern sitzen hat, die ihr bei ihren Voraussagungen helfen. Tante Bantu ist nur eine der vielzähligen und schrägen Tanten, Onkel, Großmüttern sowie den ziemlich seltsamen Freundeskreis von Asya und Armanoush, die Shafak in einer Weise charakterisiert, die mich auf jede einzelne Person unglaublich neugierig macht.

Es ist zudem ein Buch voller Weisheiten, lebensnah, manchmal ein wenig depressiv. Vier Kostproben:

„Als Jüngste genoss sie es, deren kindisches Gehabe (der Tanten) zu beobachten. Es war ziemlich tröstlich, zu sehen, dass nichts im Leben über die Jahre wirklich besser wurde: Wenn man ein verdrossener Teenager war, würde man am Ende auch ein verdrossener Erwachsener werden.“

„Es gibt ein Leben nach dem Tod, und es wird schlimmer als das hier. Genießt also die Zeit, die Euch bleibt.“

„Wie konnte sie die Verwandten davon überzeugen, dass sie sich nicht zu große Sorgen zu machen brauchten, wi sie doch schon genug Sorgen hatten? Wie konnte sie sich von ihrem Erbgut freimachen, zumal ein Teil von ihr so stolz darauf war? Wie konnte sie gegen Liebe und Freundlichkeit ihrer Lieben angehen? Durfte man Güte bekämpfen?“

„Ihrer Meinung nach darf jemand, der nicht aufstehen und sich nicht wehren kann, dem die Fähigkeit abgeht, zu widersprechen, nicht wirklich als lebendig bezeichnet werden. Im Widerstand liegt der Schlüssel zum Leben. Die übrigen Menschen teilen sich in zwei Lager: Das Gemüse, das mit allem einverstanden ist, und die Teegläser, die zwar mit vielem nicht einverstanden, aber zu schwach sind, um dem etwas entgegenzusetzen. Letztere sind die Schlimmeren.“

Elif Shafak ist eine wunderbare Erzählerin. Mit Herz und Verstand hat sie eine unterhaltsame, lustige, rührende und liebevolle Frauengeschichte kreiert, in der die Männer allesamt früh ums Leben kommen. Sie schenkt uns einen Einblick in die türkisch-armenische Geschichte, den Völkermord am armenischen Volk zur Zeit des osmanischen Reiches, währenddessen bis zu 1.500.000 Menschen ihr Leben verloren haben, in einer Weise, der die Erinnerung wachhält und das tiefe Leid der Nachkommen verdeutlicht. Warum fällt es der türkische Regierung so schwer, Entschuldigung zu sagen und damit den Genozid endlich anzuerkennen?

„Der Bastard von Istanbul“ von Elif Shafak, 460 Seiten

 

Ein Kommentar

  1. Ich war „eigentlich“ (!) der Meinung der Paragraph 218 wäre nach der Großdemo damals auch irgendwann abgeschafft worden, dem ist doch nicht so. Abtreibungsverbote waren und sind immer ein Mittel zur Unterdrückung von Frauen gewesen, sie entsprachen (und entsprangen) immer dem Patriarchats, sei es dem der Kirchen, dem der Politik, oder dem der Männer, also dem der herrschenden Klasse. In den 70er/80rr Jahren des letzten Jahrhunderts prägten Frauen den Satz „mein Bauch gehört mir“. Ich habe damals (eben als Mann) an der Demo in Bonn teilgenommen. In den vergangen Jahrzehnten hatte ich den Eindruck, es hat sich ein bisschen etwas geändert. Es gibt aber noch vieles tun. Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht, das trifft aber nicht nur für Frauen so.

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