Kersten Artus

Journalistin

„Bebe“ frisst Brekkies und klaut Erdbeeren

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bebeKrähe wächst bei einer Familie in Oberneuland auf, veröffentlicht im „Weser Kurier“, 18. Juli 2002

Alles Zerren ist zwar erfolglos — der Schnürsenkel sitzt fest. Doch auch als der Mensch einen Schritt macht, gibt der schwarze Vogel nicht auf: Er flattert hinterher, wenige Zentimeter über dem Boden zieht mit seinem vier Zentimeter langen Schnabel am herunterhängenden Ende des Schuhbandes, kräht frech. Schließlich fliegt er hoch und lässt sich auf einer Schulter nieder knabbert an dem Brillenbügel herum, der in Reichweite ist. Einige Passanten schauen ungläubig, einige kichern. „Die ist ja süüüß…“ ruft ein Kind.

bebeSeit vier Wochen füllt eine Rabenkrähe das Sommerloch in der Oberneulander Mühlenfeldstraße. Sie ist folgsam wie ein Hund, hört auf den Namen „Bebe“ und fühlt sich unter Menschen einfach rabenwohl. Dabei wäre vor ein paar Wochen ihr junges Vogelleben fast zu Ende gewesen: „Als ich sie fand, saß sie wie ein kleiner schwarzer Flauschball auf unserem Schulhof Rockwinkel, rührte sich nicht“, erzählt Katharina Bornhöft. Die 17-Jährige nahm das erschöpfte Tier mit nach Hause.

Ein verwaister Kaninchenstall wurde das Asyl für „Bebe“. Schnell erholte sich der Jungvogel, krähte, hoppste und flatterte herum, begrüßte seine Pflegefamilie mit weit aufgesperrtem Schnabel. Doch großer Appetit, Getöse und Flügelschlagen reichen für ein echtes Rabendasein noch lange nicht aus. Und wieder halfen ihm die Menschen auf dem Weg zum richtigen Vogelsein: Die Arme der Bornhöfts wurden seine Start- und Landebahnen. „Bebe“ begriff schnell und hob ab mit lautem „Kraah“ und „Kirr“, dreht seitdem seine Runden, die Mühlenfeldstraße rauf und runter.

„Einmal war sie verschwunden“, erzählt Ziehmutter Angelika (39), „wir dachten schon, sie sei auf und davon.“ Doch dann berichtete eine Nachbarin, dass ein schwarzer Vogel beim Gemüsehändler im Laden sitze und die Erdbeeren aus den Kästen stibitze. Sattgefressen ließ sich der Vogel nach Hause tragen und bleibt seitdem in der Nähe seiner Menschen-Familie.

Jeden Morgen stapft die Krähe leicht wankend auf ihren schwarzen Füßen in die Küche der Bornhöfts, steuert den Katzennapf an, stopft sich den Kropf mit Brekkies voll. Der rotweiße Hauskater Luna hält respektvoll Abstand, seitdem er neue Hausgast mit seiner 60-Zentimeter Flügelspannweite einmal flach über ihn hinweg geflogen ist.

Nicht nur auf rote Früchte und Katzenfutter hat es der aufgeweckte Singvogel abgesehen: Bei den alten Herren des FC Oberneuland schaut er von der Torlatte aus beim Training zu – Krähenvater Engelbert (43) kickt dort mit. Während des WM-Endspiels klaute „Bebe“ einem Gast der Familie die glimmende Zigarette aus dem Mund. Als der ihm anschließend noch ein Zwei-Euro-Stück hinhielt, schnappte die Krähe erneut zu, verschwand mit der Münze in der Luft, ließ verdutzte flügellose Zweibeiner weit unter sich. „Er mag eben alles, was leuchtet, blinkt oder knistert“ , sagt Katharina. „Einmal flog er mit meinem Schlüsselbund hoch, ich habe ihm das gerade noch wegschnappen können.“

Die Krähe macht sich mit ihren Kapriolen denn auch nicht nur Freunde. Wenn sie zum Beispiel durch offene Balkontüren rauscht: „Von einer älteren Nachbarin wurde sie schon öfter laut schimpfend verscheucht, nachdem sie sich selbst in deren Wohnzimmer eingeladen hatte. Unvergessen dürfte einer anderen Oberneulanderin ihr Erlebnis mit „Bebe“ bleiben: Als sie aus dem Supermarkt kam, setzte sich das rabenschwarze Federvieh auf ihren Kopf, einfach so.

„Er greift niemanden an“, erklärt Angelika das Verhalten, sondern braucht bisweilen einen Landeplatz. Vergleiche mit Hitchcocks „Die Vögel“ halten deshalb nicht Stand: Mit Katharinas kleiner Schwester Laura nascht der Vogel Kekse. Die Zehnjährige kichert, die Krähe krächzt „Kjah“ und „Konk“ und sitzt dabei auf dem Unterarm der Kleinen, wartet auf einen Brocken, verdreht ungeduldig den Kopf um 180 Grad — eine eher putzige als gruselige Annäherung.

Liebevoll streichelt Angelika ihren Schützling, sorgt sich, neben all dem Spaß: Seine Artgenossen akzeptieren ihn nicht. „Bebe“ kümmert das (noch) nicht. Was braucht eine Krähe auch andere Krähen, wenn es so unterhaltsame Menschen gibt? So sitzt sie zufrieden nach einem Bad in der Vogeltränke aufgeplustert auf dem Bornhöft’schen Gartenschirm lässt sich von der Juli-Sonne trocknen. Sie? Keiner weiß, was „Bebe“ nun eigentlich genau ist. Dieses Geheimnis hat der Vogel seinen Oberneulandern noch nicht Verraten – bislang zumindest.

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