Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Hinter den Kulissen des Todes

| 1 Kommentar

img_8556„Wie kommst Du auf die Idee, Trauerrednerin zu werden?“, werde ich oft gefragt, wenn ich erzähle, dass ich endlich eine Frau, Annette Rosenfeld, gefunden habe, die mich darin ausbildet. Danach folgt manchmal der Satz: „Das wäre nichts für mich.“ Kann sein, denke ich. Ich will das lernen, nicht Du! Reden kann ich ja, vor kleinem und großem Publikum, vor Freunden, vor Gegnern. Frei und abgelesen, draußen, drinnen, ohne und mit Mikro. Ich habe schon lange das Bedürfnis, die Kunst der Trauerrede zu erlernen. Das liegt vermutlich daran, dass ich viele schlechte Trauerreden gehört habe, vor allem in Kirchen – und jedesmal den Impuls spürte, es besser zu machen. Meine Ausbildung dauert ein Jahr. Wir sind zu acht und haben Sprechtraining, lernen Lyrik vortragen, erfahren viel über Ritual – und Trauerforschung. Was auch dazu gehört: Den Umgang mit Verstorbenen konkret erfahren. Eine Bestatterin erlaubte mir jetzt den Blick hinter die Kulissen des Todes: Annegret Rumöller von memento mori1. Ich habe ihr einige Tage lang über die Schultern geschaut.

IMG_9354Die Räume von memento mori sind freundlich eingerichtet. Viel Holz, die Grundfarben gelb, rot, orange. Kunstvolle Urnen aus Holz, Keramik und Pappmache stehen in einem quadratischen weißen Regal. Frische Blumen und dezente Lampen leuchten im Raum. Bücher übers Sterben, Bildbände von Abschiedsfeiern laden zum Anschauen ein. In der Tür zum Büro ist eine Bleiverglasung eingefasst. Gardinen ermöglichen unbeobachtete Beratungsgespräche. Auf einem großen Tisch liegen Papiertaschentücher bereit, eingefasst in einer kleinen Tasche aus Filz. Getränke stehen bereit. Wenn die Tür des Instituts geöffnet wird, klingelt es leise.

Genau weiß Annegret nie, wie ihr Tag verläuft. Menschen sterben nicht nach Plan. Heute muss eine Verstorbene abgeholt, eine Trauerfeier organisiert werden. Beim Standesamt will sie Sterbeurkunden abholen. Derzeit organisiert Annegret parallel zwei Abschiede und muss noch das Endlayout für eine Trauerkarte abstimmen. In der Nachbarschaft ist ein Mann gestorben und Annegret ist von der Tochter gebeten worden, in der Kneipe Bescheid zu geben, in der er Stammgast gewesen war.

Die Eheleute von Verstorbenen nennt man Witwe und Witwer, Kinder von Verstorbenen Waisen – solang sie minderjährig sind. Warum gibt es keine entsprechende Bezeichnung für enge Freunde? Nicht selten stehen sie den Toten näher als die Ursprungsfamilie. Wie oft habe ich Traueranzeigen in der Zeitung gesehen, in denen ich die Namen von Freundinnen und Freunden standen. Es sind verlassene Freunde, doch sie haben offenbar keinen besonderen gesellschaftlichen Status, der anerkennt, dass sie auch Hinterbliebene und Angehörige sein können. Das gilt auch für diejenigen, die man aus der  Stammkneipe her kannte. Meine Mutter führte zehn Jahre lang eine Kneipe. Die Stammgäste waren eng und vertraut miteinander, in vielen Stunden an der Theke wurde viel geredet – und sich gegenseitig geholfen. Es war so etwas wie eine dauerhafte Selbsthilfegruppe. Viele kamen jeden Tag. Es war ihr zweites Zuhause. Verwaiste Freunde trifft es vielleicht ganz gut.

Annegret arbeitet eng mit einer anderen Bestatterin zusammen. Sie helfen sich gegenseitig. Sie betten gemeinsam Verstorbene um, bereiten sie für Aufbahrungen vor. Ich darf zusehen. Behutsam hieven sie die sterblichen Überreste von zwei verstorbenen Frauen mit Hilfe von dünnen Tüchern in die Särge. Ich schaue mit ihre Gesichter an: Die Augen der einen sind geschlossen, ihr Mund ist halb offen. Die Augen der anderen sind halb geöffnet und glanzlos, der Mund ist zu. Beide Köpfe sind nach links geneigt. Ihre Fingerspitzen sind blau angelaufen, ihre Haut sieht matt und ledern aus. Die Bestatterin bürstet den Toten die Haare und legt Hände über der Decke. Einen weiteren betten sie mit Hilfe von vier breiten Trageriemen, die an einem kleinen Kran hängen und unter seinem Körper vorsichtig hindurchgezogen werden, um. Auch sein Körper ist in einem Tuch verhüllt. Ich sehe wieder das Gesicht an, es ist schlank, Augen und Mund sind geschlossen, die Hände nahezu weiß. Er könnte auch nur schlafen. Ihre Arbeitsschritte führen die beiden Bestatterinnen mit großer Vorsicht sehr routiniert aus. Ich nehme einen feinen, fast ätherisch-süßen Geruch wahr, den ich erst später als Leichengeruch ausmache. Er passt so gar nicht zu den Beschreibungen, die ich kenne.

Es wartet noch ein vierter verstorbener Mensch im Kühlraum: In einem kleinen, länglichen Korb mit Deckel liegt ein Säugling. Er wurde bereits tot geboren. Noch vor dem Geburtstermin hat der Fötus überraschend aufgehört zu leben. Ich spüre weder Entsetzen, noch Trauer, sondern eher ein Bedauern. Ich denke an die Eltern und ihr ganz persönliches Drama. Haben sie ihn noch angesehen, in den Armen gehalten und gestreichelt? Wie viel Zeit haben sie noch mit ihm verbracht? Wird jemand die Rede halten? Was sagt man auf der Trauerfeier für ein Baby?

Ich sehe nicht nur die Hüllen ehemals lebendiger Menschen vor mir. Da liegen Körper, die das Leben gezeichnet hat. Demenz, Krebs, ein zu Ende gelebtes Leben und eines, das noch gar nicht richtig begonnen hatte. Die körperlichen Überreste erzählen schweigend von ihrer Einzigartigkeit. Ihr letztes Kapitel. Nicht alle Hinterbliebenen wollen ihre Toten nochmal sehen. Bleibt das Buch des Lebens so unvollendet?

Was machen die Seelen in diesem Moment? Warten sie auf ihre Wiedergeburt? Steigen sie in den Himmel auf? Schreiten sie ins Paradies? Schweben sie um die Körper herum und schauen sich die Arbeit der Bestatterinnen an, ihre trauernden Angehörigen und deren Abschiedszeremonien? Oder sind sie einfach mitgestorben, für immer ausgelöscht und leben nur dadurch weiter, was sie haben weitergeben können, wie sie ihre Umwelt gestaltet haben? Haben sie Texte hinterlassen, Musikstücke, Fotografien? Haben sie wissenschaftlich geforscht oder Kinder gezeugt und großgezogen? Waren sie prominent und ein Vorbild für andere? Religionen haben diese Fragen unterschiedlich beantwortet, Totenkulte sich herausgebildet. Angst, Hilflosigkeit, Schuld- oder auch Schamgefühle von Trauernden beantworten diese Fragen immer wieder aufs Neue. Meine Aufgabe wird es künftig sein, die Sichtweisen zu respektieren.

Menschen sterben. Selten zuhause, meistens im Krankenhaus, immer öfter im Hospiz. Etwa 200 gibt es mittlerweile in Deutschland. Ich lerne den Keller eines Krankenhauses kennen. Wir laden auf dem Parkplatz des Krankenhauses einen Sarg aus dem Bestatterwagen aus und heben ihn auf einen Rollwagen. Wir gehen durch den Hintereingang und fahren mit dem Fahrstuhl nach unten. Für Gefühle scheint hier wenig Raum zu sein. Der Verstorbene, den wir mitnehmen, ist schwer, die Pflegerin und Annegret schaffen es nur gemeinsam, ihn in den Sarg zu heben. Annegret spricht mit dem Toten, redet ihm zu. Es würde den Angehörigen gewiss gut tun, jetzt zu erleben, wie sorgsam und liebevoll die Bestatterin mit ihrem Vater, Großvater, Onkel umgeht. Ich komme mit in ein Hospiz und sehe den Toten in seinem Bett liegen. Ich wollte eigentlich beim Umbetten helfen, schaffe es dann doch nicht. Angehörige sind gekommen und nehmen Abschied. Ich weine mit ihnen. Wie halte ich später eine Trauerrede, ohne das mich meine Gefühle überwältigen, wenn ich den Angehörigen in die Augen sehe? Wir haben das im Ausbildungskreis bereits besprochen. Natürlich kann ich mittrauern, nur überwältigen lassen darf ich mich davon nicht.

Aufgabe einer Bestatterin ist es auch, Trauerfeiern herzurichten. Dazu kann es auch gehören, Stühle und Tische aufzustellen, zu fegen, Getränke zuzubereiten. Ich helfe mit. Eine Floristin fährt vor und lädt aus ihrem Kombi aus: jede Menge Efeu, einen großen blühenden Apfelbaumzweig, eine Holzbank, mehrere Pfähle und verschiedene Blumenarten. Eine weißmatte Urne mit einen Rosenband bekommt den zentralen Platz. Durch die Fenster der Abschiedsräume Ausklang sieht man das Wasser des Alsterkanales fließen. Es sind ungefähr 15 Gäste eingeplant. Für eine andere Trauerfeier stellen wir weiße dicke Kerzen um den Sarg herum in der Cordeshalle auf dem Gelände des Friedhofes Ohlsdorf auf und große Glasschalen mit Sand davor: Darin können die Gäste brennende Kerzen stecken. Viele sind gekommen, der Mann war noch nicht alt. Ich höre der Rednerin Ute Arndt aufmerksam zu – sie spricht klar, laut, langsam, warmherzig. Bekannte des Verstorbenen reden. Einem versagt fast die Stimme. Es war einer der besten Freunde des Verstorbenen.

Mein Resümee könnte lauten: Der Tod ist natürlich und dennoch ein Tabu. Und da viele Menschen ihn halten so lange wie nur möglich von ihm fernhalten, appelliere ich: Kümmert Euch rechtzeitig darum. Überlasst es nicht anderen, wie ihr bestattet werden wollt. Legt fest, welche Lieder gespielt, welche Gedichte vorgetragen werden, welche Blumen den Sarg schmücken sollen. Bezieht Freunde mit ein, vor allem die besten Freunde. So ein Resümee wäre einfach. Zu einfach.

Ich habe viel mehr erfahren: Wehr- und schutzloser kann jemand nicht sein als im Tod, außer im Moment der Geburt. Auf nichts kann er oder sie nach dem Ableben noch Einfluss nehmen. Tote sind BestatterInnen, TestamentsvollstreckerInnen, Angehörigen und dem Friedhofspersonal ausgeliefert. Und den Worten der TrauerrednerIn. Was der Mensch zu Lebzeiten für diese Phase des Daseins nicht festgelegt hat, liegt in der Hand derjenigen, die ihm das letzte Geleit geben. Vieles von dem, was nach dem Tod stattfindet, ist nirgendwo aufgeschrieben oder ausgesprochen worden. Die Trauerrede ist der Text, der den Schluss bildet. In ihr stehen das Leben, das Ende, Sehnsüchte, Träume. Szenen der Liebe. Prägende Ereignisse – nicht nur gute. Warum es so gekommen ist, obwohl es eigentlich noch nicht soweit gewesen ist. Es sollte ein guter, würdiger Beitrag sein, das letzte Kapitel zu beenden, um das Lebensbuch zu schließen.

Niemand kennt vorher die Umstände des eigenen Todes. Oft kündigt er sich nicht an. Wenn eine Krankheit kommt, die mit dem Tod endet, dann will man die Zeit vielleicht besser dafür nutzen, ums Überleben zu kämpfen, statt die Abfolge des Leichenschmauses festzulegen. Was aber jede und jeder tun kann, ist, sich mit Trauer zu beschäftigen. Es ist eine Ressource, die uns helfen kann, das Menschsein zu versteht. Trauern bedeutet nicht nur traurig sein. Trauern bedeutet auch: Trau Dich.

1 „Denke daran, dass Du stirbst“

Ein Kommentar

  1. Du überraschst mich mal wieder sehr, Kersten.

    Trauerrednerin! ? Mir kommt Horst Boje in den Sinn. Vielleicht bin ich Freud verseucht, mir fällt auf, Euch beide verbindet auch eine tiefe enttäuschende Erfahrung. Und danach dann diese Trauerrederei. Diesen Gedanken will ich jetzt aber nicht vertiefen.

    Eigentlich ist eine Deiner Begründungen der Anlass, dass ich Dir schreibe. Deine schlechtesten Trauerreden hast Du in Kirchen gehört? Kann es sein, dort hast Du viel weniger gehört, als weltliche Trauerreden? Dann fände ich Deinen Vergleich recht unfair.

    Wenn man die theologischen Floskeln bei kirchlichen Rednern ausblendet und bei den weltlichen die politischen oder ähnliche Schubladen zu ordnende, bleibt bei den weltlichen Rednern immer ein makelloses Wesen übrig. Mindestens religiös verbrämt wird bei kirchlichen Sprechern zugegeben, dass der Mensch nie tadellos ist. Allein dies ist für mich schon ein wichtiger Schritt, zur wahrhaftigen/ehrlichen Darbietung des zu betrauernden Menschen, der mir vielfach außerhalb der Kirchen/Religionsgemeinschaften fehlt.

    Nicht immer will ich fehlende Empathie unterstellen, wenn ich bei der Trauerrede die verstorbene Person nicht erkenne. Da kommt es ja wesentlich auf die Informationen an, die von den Hinterbliebenen kommen. Dass ein Trauerredner den Verstorbenen persönlich kannte, ist heutzutage sogar auf dem Dorf die Ausnahme. Schlechte Trauerreden entspringen vielleicht mehr und mehr der fehlenden Empathie der Hinterbliebenen zum Toten. Hinterbliebene und auch Freunde wollen wohl oft eine, auch für sich selbst, günstige Darstellung der Person.

    Ganz schön viele Fallstricke bei der Tätigkeit…

    Insgesamt finde ich Deinen Artikel wunderbar tabubrechend, genauso wie Deinen Bildungswunsch. Der Tod gehört zum Leben und umgekehrt.

    Viel Erfolg wünscht Dir
    Renate Willhöft

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