Kersten Artus

Journalistin

Katrin Wollberg im Porträt: „Ich habe ein breites Kreuz“

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Katrin Wollberg

Katrin Wollberg vor der Unterkunft Münzstraße: Hier können Obdachlose im Rahmen des Winternotprogramms kostenlos übernachten.

Veröffentlicht auf hamburg.de

Erst kurz vorher hatte Katrin Wollberg erfahren, dass sie am 22. November 2016 in der Talkshow „Schalthoff live“ auf Hamburg1 Platz nehmen sollte. Das Thema: Obdachlos in Hamburg. Doch wer wäre dafür besser geeignet als sie?

 Hilfe und Verantwortung

Die Sozialarbeiterin Katrin Wollberg leitet den Bereich „Spezialangebote Übernachtungen“ beim städtischen Unternehmen „fördern & wohnen“. Das sind die Notunterkünfte für obdachlose Menschen. Es sind 990 Frauen und Männer, die derzeit in verschiedenen Einrichtungen des Unternehmens ein Bett für die Nacht und ein Obdach für den Tag bekommen. Sie können duschen, essen, sich beraten lassen.

Es sind Einrichtungen wie das „Pik As“, das „Frauenzimmer“ – und mit 760 Plätzen das Winternotprogramm. Es ist das größte Angebot Deutschlands, das Menschen nachts vor dem Erfrieren retten soll. In Berlin, wo doppelt so viele, geschätzte 6.000, Menschen auf der Straße leben, gibt es nur etwa 800 Plätze.

Heftig stand das Hamburger Winternotprogramm auch dieses Jahr wieder in der Kritik – und damit auch seine Leiterin, Katrin Wollberg: Es hätte zu spät – nämlich erst am 1. November – geöffnet, es habe zu wenige Plätze, es müsse rund um die Uhr geöffnet sein, es sei eine Massenunterkunft. Jede Menge Sprengstoff für eine dreiviertelstündige Talkshow.

Ein langer Weg

Katrin Wollberg, 45 Jahre alt, hat ein breites Kreuz. Früher war sie Leistungsschwimmerin, ihre Disziplin war der Freistil. Und nun sitzt sie entspannt im Fernsehstudio in dem roten Sessel, das Bein übergeschlagen, die Hände im Schoß. Souverän antwortet sie auf die Fragen des Talkmasters und entgegnet den Argumenten der anderen Gäste. Sie kennt sich aus. Sie ist eine gestandene Fachfrau mit reichlich Berufserfahrung.

Es ist oft belastend, mit Menschen zu arbeiten, die am Rande der Gesellschaft stehen. Was es konkret bedeutet, wird unter anderem an der Kiste deutlich, die die Beschäftigten des Winternotprogrammes in der Münzstraße unter dem Eingangstresen aufgestellt haben: In ihr stehen unterschiedliche Schnaps- und Weinflaschen.

„Alkohol ist im Winternotprogramm nicht erlaubt. Wer rein will, muss seine Flasche abgeben.“, erklärt Wollberg. „Aber jeder kann jederzeit zum Bürocontainer kommen und etwas trinken. Morgens beim Verlassen des Geländes bekommt jeder die eigene Flasche zurück.“ Ein pragmatischer Ansatz, der den niedrigschwelligen Zugang zum Winternotprogramm auszeichnet: „Wir können es uns nicht leisten und wir wollen auch nicht, dass Menschen bei uns kollabieren, weil sie vorm Betreten des Winternotprogrammes ihre Wodkaflasche noch schnell leeren. Genauso wenig können wir verantworten, dass Pegeltrinker nachts Entzugserscheinungen bekommen.“

Es war ein langer Weg, bis Katrin Wollberg bei fördern & wohnen angekommen ist. Sie wuchs in Mümmelmannsberg auf, eines „der Problemquartiere Hamburgs. Seit dem Bau in den 70ern leben hier rund 18.000 Menschen hinter grau-schwarzen Betonfassaden.“, charakterisierte die „taz“ einmal das Hochhausgebiet im Osten Hamburgs, „zwischen den Betonblocks sind selbst die Blumen grau.“

Seitdem hat Katrin Wollberg in vielen Stadtteilen Hamburgs gelebt, eine Zeit lang auch mal auf dem Land.

Vielfältige Berufserfahrung

Nach der Realschule lernte sie Arzthelferin. Das Arbeitsamt hatte ihr alternativ eine Ausbildung als Krankenschwester angeboten. Aber sie zog den Job, bei dem sie Hosen tragen konnte, vor. Die Arbeit gefiel ihr: Arbeiten mit Menschen, die Hilfe brauchten.

Aber ihr Arzt war ein Patriarch alter Schule, das war nichts für sie. Sie wechselte in den ambulanten Pflegedienst und begleitete Sterbende. Danach schulte sie zur Erzieherin um und arbeitete in der offenen Kinder- und Jugendhilfe. Auf diesen Job sattelte sie ein Studium der sozialen Arbeit auf – und schloss es mit 1,0 ab.

Weitere Stationen in der Sozialarbeit folgten: „ragazza“, „Herz As“, „StützPunkt“, wieder in der Pflege – immer arbeitete sie parallel in mehreren Jobs. Weil das Einkommen sonst nicht ausgereicht hätte und weil sie Abwechslung brauchte. Mit 40 Jahren bekam sie bei der Caritas ihre erste Vollzeitstelle. Endlich konnte sie von einer einzigen Stelle ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Angekommen

Seit 2014 ist sie nun bei „fördern & wohnen“. Sie ist da, wo sie immer hinwollte: Jetzt kann sie im Großen entscheiden, etwas verändern. Die Senatorin fragt sie um Rat. Sie sagt ihre Meinung, sie wird gehört. Katrin Wollberg will vieles verbessern. Sie spricht Probleme an und setzte schon vieles durch. Als sie das Winternotprogramm übernahm, gab es nur Feldbetten und Schlafsäcke. Jetzt gibt es Betten, Matratzen und Bettwäsche. Es gibt Essen und heiße Getränke. Als die Container bestellt wurden, legte sie Wert darauf, dass diese breite Flure haben. „Enge führt schnell zu Konflikten.“

Und jetzt eine Talkshow. Erst einen Tag vorher hatte sie von ihrem Fernsehauftritt erfahren. Noch nie hatte sie vorher einem Journalisten gegenüber gesessen, der sie live interviewte. Unvorbereitet war sie dennoch nicht: Das Medientraining, das sie vor einiger Zeit absolviert hatte, kam ihr zu Hilfe. Nicht provozieren lassen, nicht auf etwas eingehen, für das Du nicht verantwortlich bist, hatte sie sich vorher gesagt. Bleibe ruhig, es kann Dir nichts passieren… Innerlich sah es in ihr anders aus: „Ich hatte den totalen Sturm.“, gesteht sie. Gemerkt hat man davon nichts. Zu sehen war eine disziplinierte, kenntnisreiche Frau. Darüber hat sie sich ein bisschen gewundert, als sie sich die Sendung später angeschaut hat. Aber sie war ihrer Sache auch sicher.

Katrin Wollberg: Das Porträt auf Youtube

Katrin Wollberg ist regelmäßig in den Unterkünften. Sie spricht mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Arbeitsatmosphäre ist ruhig und freundlich. Bettenmarken werden sortiert, Statistiken geführt. Notizen und Nachrichten hängen an der Wand: Wäschewechsel dienstags und freitags, aktuelle Nachrichten vom Personalrat, Dienstpläne.

Sie geht durch oft die Flure, schaut in die Zimmer. Jeweils zwei Etagenbetten stehen darin. Die Betten sind fast alle bezogen, Handtücher und T-Shirts hängen über Metallstangen, Hausschuhe stehen auf dem Fußboden. Wer einmal ein Bett bekommen hat, erhält dasselbe jeden Abend wieder. Es sei denn, er kommt eine Nacht nicht und sagt auch nicht Bescheid. Jedes Bett ist nummeriert.

Jeden Tag gibt es neue Listen, nach denen abgehakt wird, wer welches Bett belegt. Es gibt im Erdgeschoss einen Flur nur für Frauen, die gut zehn Prozent aller Übernachtenden ausmachen. Eine Treppe höher können Paare schlafen. Zwei schwule Pärchen hatten sie auch schon hier.

Tagsüber, wenn die Menschen die Container verlassen haben, gehen Reinigungsteams durch die Zimmer, Flure, Duschen, Aufenthaltsräume. Ständig fallen kleine Reparaturen an – in einem Zimmer geht das Licht nicht, in einem anderen hängt eine Heizung schief.

Wenn um 17 Uhr die Tore wieder öffnen, stehen bereits heiße Getränke und ein Essen bereit. Zahnpasta und Duschgel werden ausgegeben wie auch Mittel gegen Kopfläuse.

Hinter dem Bürocontainer gibt es kleine Container, die als Lagerräume dienen. Da steht auch ein Karton mit kleinen Bechern, in die gebrauchtes Spritzbesteck geworfen werden kann. Manchmal kommen die Aktivisten von „Hanseatic Help“ vorbei und geben Kleidung aus.

Alltägliche Herausforderungen

Probleme hat Katrin Wollberg jeden Tag zu bewältigen. Damit es nicht allzu viele werden, versucht sie, die Ursachen dafür auszuschalten: „Es sind durchaus nicht die Klientinnen  und Klienten das Problem. Vielmehr nicht gut funktionierende Teams und eine schlechte Organisation. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchten Raum für eigene Entscheidungen. Mein Job ist es, Druck von ihnen fern zu halte – egal woher er kommt.“

Das Hauptproblem sieht allerdings ganz woanders: „Wir haben ein arbeitsmarktpolitisches Problem. Viele unserer Bewohnerinnen und Bewohner werden furchtbar ausgebeutet und kommen unter fragwürdigen Umständen und mit falschen Versprechungen nach Hamburg.“ Sie ärgert sich, dass es möglich ist, dass regelmäßig bis zu 30 Menschen in einem Sprinter auf der Ladefläche sitzend nach Deutschland gefahren werden – in einem Land also auf den Straßen unterwegs sind, in dem die Anschnallpflicht gilt. Und das nicht bemerkt wird.

Für die Zukunft wünscht sie sich weitere Verbesserungen der Unterkünfte, um Menschen, denen sie bereits ihr halbes Leben lang hilft, würdige Bedingungen zu ermöglichen. Sie überschätzt ihre Aufgabe nicht, unterschätzt ihre Kraft aber auch nicht. Und man traut ihr zu, dass sie noch einiges verändern wird.

Ein Kommentar

  1. Viele Probleme würde es nicht geben, hätten all jene Bedürftigen das bedingungslose Grundeinkommen. Viele wären in ihren Wohnungen geblieben. Jedoch mit HartzIV sind sie dem Jobcenter verpflichtet und genau das wollen sie nicht. Und weil der Staat die Kontrolle über seine Bürger behalten will, gibt es das bedingungslose Grundeinkommen nicht. Und die Obdachlosen leben lieber auf der Straße, als sich dem Jobcenter zu beugen und deren Auflagen nachzukommen.

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