Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Arbeitstitel: Ein Teil von mir

| Keine Kommentare

Dieser Text ist noch in Entstehung.

„Die Nahrungsaufnahme aber lässt in Ansätzen zumindest oft erkennen, wie wir in der Lage sind, Welt und Welterfahrung in uns aufzunehmen, zu verdauen, zum Teil unserer Selbstwerden zu lassen, um uns all dessen, was im Zuge dieses Prozesses unnötigwird, auch wieder zu entledigen.“ Es sind Worte, die die Rednerin bei der Beerdigung meiner Schwester wählte, um die Bulimie zu beschreiben, die uns Schwestern jahrelang begleitete. Die wir therapierten. Meine Schwester bereits mit Anfang 20, ich mit 40. Um so intensiver war es, jetzt an diesem Film „Ich hab’s geschafft“ mitzuwirken.

Er ist eine Dokumentation über Essstörungen – acht Frauen und ein Mann erzählen von sich. Erzählen über den Weg, den die Essstörung bei ihnen genommen hat. Über die Auswirkungen. Über die Gefühle, Erfahrungen, die inneren und äußeren Kämpfe. Wortbeiträge voller Selbstoffenbarung und doch keine Zurschaustellung. Voyeur*innen werden daher kein Vergnügen an dem Film haben. Eher jene, die erst am Anfang einer Aufarbeitung stehen, ob bulimisch oder magersüchtig. Für sie mag der Film anregend und interessant sein: Menschen, die sich losgesagt haben von der Geißel ständiger Auseinandersetzung mit dem Essen, diesem immerwährende laufenden Film, der im Hinterkopf abspult, dessen Anfang sich gleich nach dem Ende wieder anreiht, während vordergründig das Leben stattfindet.

Ist es mutig, bei so einem Film mitzumachen? Einer der Filmemacher sagt im Epilog: Er war verwundert, wie reflektiert die Teilnehmenden waren, wie gut sie ihre Krankheit kannten. Das sei sonst nicht so einfach, Mesnchen über sich zum Sprechen zu bringen.

Ich musste lächelt, als ich das hörte. Habe ich doch nicht nur gelernt, über die Bulimie zu sprechen. Das Sprechen war Teil des Genesungsprozesses. Außerdem sind wir alle, die wir essgestört sind, Expert*innen in eigener Sache – und die der Ernährung. Und einer wie mir, die sowieso über das Aussprechen von Gedanken ordnet und findet, ist es außerdem noch nie schwer gefallen, über sich zu reden. Bis auf meine Tabus, die tief schlummern. Selten wach werden bei aufkommenden Gefühlen von Vernachlässigung, Nichternstnehmen, Nichtbeachtung. Und dann heftig Reaktionen auslösen können. Früher in Form von Essbrechanfällen. Heute noch in Form von Bauchdruck. Dicke Steine im Bauch, so habe ich dieses Gefühl einmal gemalt, als ich stationär aufgenommen war und im Kunstatelier der Klinik anfing, zu malen.

Als ich den Film Anfang Juni im Metropolis sah, ging es mir dabei nicht gut. Was ich vorher geahnt hatte. So zählte ich, wer wie oft zu Wort kam, natürlich auch, wie ich wirkte, welche Aussagen von mir ausgewählt wurden. Einerseits spannend und wertschätzend, andererseits fühlte ich mich schutzlos und benutzt. Nach dem Film verließ ich das Kino schnell, eilte nach Hause. Und wusste, ich brauchte Zeit, um das Erlebnis zu begreifen. Auch das eine Erkenntnis: Manches braucht eben Zeit.

Die Regisseurin sagte vor dem Premieren-Publikum: Wir haben uns für Menschen entscheiden, die wir für stabil genug halten, an so einem Projekt mitzuwirken. Woher nahm sie diese Sicherheit? Wie mochte es den anderen gehen?

Wir alle musste auf die Bühne. Klatschen, Jubeln, Anerkennung. Kein gutes Gefühl. Bekam den Film in die Hand gedrückt, strahlende Gesichter. Eine junge Frau sagte: Toll, dass Sie das gemacht haben. In mir aber eher Verlorenheit.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.