Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Mein Weg

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„Die Nahrungsaufnahme aber lässt in Ansätzen zumindest oft erkennen, wie wir in der Lage sind, Welt und Welterfahrung in uns aufzunehmen, zu verdauen, zum Teil unserer Selbstwerden zu lassen, um uns all dessen, was im Zuge dieses Prozesses unnötig wird, auch wieder zu entledigen.“ Diese Worte wählte die Trauerrednerin für meine Schwester, um die Bulimie zu beschreiben, die uns Schwestern jahrelang begleitete. Petra starb vor einem Jahr in Folge eines Unfalls. Wir hatten zwar oft über unsere Essstörungen mit einander gesprochen, aber erst vor kurzem wurde mir klar, dass wir sie beide offenbar auch dafür benutzen, um uns von innerfamiliären Konflikten abzugrenzen. Und damit auch voneinander. Sie meinem Eindruck nach aber mehr als ich es tat. Nachdem ich den  Film „Ich hab’s geschafft“ angesehen hatte, in dem ich selbst mitgewirkt habe, wurden mir dieser Teil meiner Kindheit erneut bewusst.

Der Film ist eine Dokumentation über Essstörungen – acht Frauen und ein Mann erzählen von sich. Über den Weg, den die Essstörung jeweils genommen hat. Über die Auswirkungen. Über die Gefühle, Erfahrungen, die inneren und äußeren Kämpfe. Wortbeiträge voller Selbstoffenbarung und doch keine Zurschaustellung.

Für wen mag der Film anregend sein, habe ich mich gefragt: Vor allem für Menschen, die sich losgesagt haben oder lossagen wollen von der Geißel ständiger Auseinandersetzung mit dem Essen, diesem immer währenden, im Hintergrund des Alltags ablaufenden Drehbuch. Aber sicherlich auch für jene, die Verwandte oder Freund*innen mit einer Essstörung haben.

Die Mitarbeiterin eines der Geschäfte, in denen ich regelmäßig einkaufen gehe, sprach mich an: Sie hatte durch eine Bekannte von dem Film gehört und das Plakat gesehen. Darauf mich erkannt. Und ein Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts, für das ich oft rede, nahm mich neulich nach einer Trauerfeier noch in der Kapelle zur Seite und erzählte mir, dass die Tochter seiner Partnerin den Film gesehen hätte und begeistert gewesen wäre. So authentisch wären die Beiträge gewesen. So ehrlich. Auch er hatte mich auf dem Plakat erkannt.

Ehrlich – wirklich? Als ich den Film sah, hatte ich das Gefühl, nur ein kleiner Teil zum Thema Essstörung würde da behandelt. Das meiste wird verschwiegen – aus Platz- und Zeitgründen möglicherweise, aber vielleicht auch, weil Sucht eher Geschichten von Niederlagen erzählt als von Erfolgen. Und der Film ja Mut machen will. Sucht ist aber immer Flucht, ist Verdrängung. Der Weg zur Genesung bedeutet, ständige Rückfälle zu ertragen und auszuhalten. Dass Sucht auch heißen kann, „Ich habs geschafft“, war für mich lange keine Option. Ich hatte vor allem die Sorge, wieder dick zu werden und ertrug meine Gewichtszunahme nach der Therapie weniger spannungsfrei, als es nach außen hin den Anschein hatte. Daher komme ich in dem Film eher miesepetrig daher. Immerhin war ich aber wirklich ehrlich und habe nicht so getan, als wäre es mir nach meinen Therapien immer gut gegangen.

Einer der Filmemacher sagt im Epilog: Er war verwundert, wie reflektiert die Teilnehmenden waren, wie gut sie ihre Krankheit kannten. Es sei sonst nicht so einfach, Menschen über sich zum Sprechen zu bringen. Stimmt. Ich habe gelernt, über die Bulimie zu sprechen – und zu schreiben. Das war ein Teil des Genesungsprozesses. Und Malen. Meine damals entstandenen Bilder sehe ich mir bis heute an.

Außerdem sind alle Essgestörten Expert*innen in eigener Sache. Da ich oft erst über das Aussprechen Gedanken ordne, ist es mir noch nie schwer gefallen, über mich zu reden.

Die Regisseurin Shirley Hartlage von Waage e.V. sagte vor dem Premieren-Publikum: Wir haben uns für Menschen entschieden, die wir für stabil genug halten, an so einem Projekt mitzuwirken. Ich dachte: Woher nimmt sie diese Überzeugung? Wieso findet sie mich stabil? Ich zweifle doch ständig, vor allem an mir. Zweifle auch jetzt, habe den Film bislang kein zweites Mal angesehen.

Doch jetzt, Wochen nach der Uraufführung, und nach verschiedenen Fassungen dieses Textes, finde ich die nötigen Worte, kann ich meine Gedanken besser ordnen, verwerfe nicht jeden Satz gleich wieder. Ich weiß, was ich mit diesem Text will und was nicht. Aus der anfänglichen Idee, eine Art Kritik zu verfassen, ist nun das hier geworden. Wie immer man das auch nennen will. Manches benötigt eben Zeit. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich offenbar endlich ein inneres Gleichgewicht gefunden habe, das Überessen überflüssig macht. Manchmal fallen die Dinge vielleicht auch zufällig zusammen. Ich glaube an Zufälle.

Nach unserem Vietnam-Urlaub im Februar hatte ich mich bei Weight Watchers angemeldet. Eigentlich sind Diäten wie auch Fasten für mich seit den Therapien ein no-go, aber die WW-Methode ist weniger eine Diät als eine Ernährungsumstellung. Auch eine Umstellung der Ess-Methode. Ähnlich wie in meiner Therapie schreibe ich jeden Tag auf, was ich esse. Ich verbiete mir zudem kein Lebensmittel – auch Süßes oder Alkohol nicht. Und im Gegensatz zu früher habe ich auch kein Kamikaze-Abnehmen mehr angestrebt. Zum einen geht das auch gar nicht mehr in meinem Alter, zum anderen habe ich nicht vor, wieder in das Zwanghafte hineinzustolpern. Ich möchte 17 Kilogramm weniger wiegen und habe mir dafür ein Jahr Zeit genommen.

Dass Weight Watchers auch Essgestörte anzieht oder möglicherweise sogar produziert, könnte trotzdem sein: Ich habe in der Online-Community viele Leute angetroffen, von denen ich glaube, dass das Programm ihre Probleme nicht löst. Dass die ständigen „vorher-nachher“-Fotos nicht gesundheitsfördernd sind, weil diese Abnehm-Ziele zu unrealistisch für viele sind. Dass es keine Hilfe ist, wenn alle immer nur lieb und aufmunternd sind, anstatt auch mal Tacheles zu reden über essgestörtes Verhalten sowie die Fixierung aufs Äußere und aufs Essen.

Sechs Monate habe ich nun um. Dreizehn Kilogramm sind weg. Der Gewichtsverlust erfolgte in langsamen Abwärts- und Stagnationsphasen. Und wenn ich zwanghafte Gedanken verspürte oder Verhalten, bin ich dem entgegengetreten. Zum Beispiel hatte ich versucht, mit den Zeropoints zu tricksen. Viele Lebensmittel gehen nämlich nicht auf das tägliche Punktekonto, das Weight Watchers ausgerechnet hat. Nachdem ich das begriffen hatte, verteilte ich die Punkte besser über den Tag. Ich habe auch den Umgang mit der Personenwaage gut hinbekommen, wovor ich am meisten Angst hatte. Wiegen kann zwanghaft werden, die Waage wird zur Göttin, zur Herrscherin von Gedanken und Gefühlen. Die, die ich jetzt habe, wird nur einmal die Woche von mir betreten, Dienstag morgens nach dem Aufstehen, nach dem Pinkeln, vor dem ersten Kaffee.

Ich habe den Eindruck, ich komme (endlich) in meinem Körper an. Ich muss ihn nicht kontrollieren, ich muss ihn nicht (mehr) anderen präsentieren. Als 54-Jährige nehme ich aber wahr, dass es fast niemand mitbekommt, dass ich mittlerweile drei Konfektionsgrößen weniger trage, als noch im Frühjahr. Wer hingegen weiß, dass ich Weight Watchers mache, verliert lobende Worte. Aber ansonsten erfahre ich wirklich null Reaktionen. Diese Erfahrung ist die wohl größte Überraschung.

Ich habe meiner Tochter von diesem Phänomen berichtet. Sie hat mir (wie so oft) widersprochen. Jeder sieht das, sagte sie, aber wer weiß, dass Du Bulimikerin bist, will Dich deswegen vielleicht nicht ansprechen.

Es war eine Herausforderung, bei dem Film mitzumachen. Wie er nach Fertigstellung auf mich wirkte, hat mich dann aber doch erstaunt. Aber ich kann meine Lebenserfahrungen mittlerweile gut verdauen und muss mich ihrer nicht mehr entledigen.


Statt eines Buches über meine Essstörung habe ich diesen Blog eröffnet: Jede, wie sie mag

 

2 Kommentare

  1. Schade Kersten, dass Du meinen diesbezüglichen Kommentar gelöscht hast.

    Da Essen etwas mit Leben zu tun hat und mir in meiner langjährigen Ehe das Leben abhanden gekommen ist, ging einfach nichts mehr durch den Hals. Nur soviel, dass ich nicht gerade tot umfalle. Ich bin auf Babynahrung umgestiegen, das einzige was ich schlucken konnte – ohne würgen zu müssen.

    Somit haben Essstörungen immer mit der Lebenssituation und den umgebenden Menschen zu tun, in der man sich gerade befindet. Die Essstörungen verschwinden, wenn man diese Menschen verlassen hat.

    Die Frustesser quält dasgleiche Problem.

    Es ist immer der Schrei nach Liebe.

  2. Hi Kersten, ich habe eben Deinen Blog gelesen.

    Zum Thema „alte Frau und Gewicht“ möchte ich sagen, „alt und dick sieht gesünder aus als „alt und dünn.“ Bei „alt und dünn“ ist die Gesichtshaut oft faltig. Bei „alt und dick“ eben nicht. Die Gesichtshaut ist glatt. Das Alter kann nicht mehr erraten werden.

    Bei „alt und dünn“ kann man sicher sein, die isst nie einen wundervollen Eisbecher. Die alten Dünnen wissen nicht, dass Essen auch lustvoll sein kann.

    Wie weit das Essverhalten im Alter den Alltag prägt, kann ich nur als eine alte Frau mit glatten Gesicht beurteilen. Ob die Komplimente, die ich bekomme, ehrlich gemeint sind, weiß ich nicht. ,

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