Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Petra

| 1 Kommentar

Vor sechs Wochen hatten wir auf der Terrasse unseres Vaters gesessen. Ich erzählte aus meinen Erinnerungen, wie wir Schwestern immer zusammen in die Wanne mussten. Es gab nur ein Handtuch. Petra fand immer wieder einen Dreh, dass sie zuerst aussteigen durfte und damit das Handtuch im trockenen Zustand bekam. Sie schaute mich an: Daran konnte sie sich partout nicht mehr erinnern. Kein Wunder, dachte ich. Sie, die ewige Siegerin unserer kindlichen Wettspiele, hatte damals viele zu viele Triumphe eingefahren, als dass ihr dieser in Erinnerung hätte bleiben können.

Mir fallen jetzt so viele Geschichten wieder ein. Da war die Sache mit den Tampons: So fragte ich sie einmal, da war ich neun oder zehn Jahre alt, ob die 10er-Packung „o.b.“, die sie hinter der Toilette liegen hatte, für zehn Monate reichen würde. Sie lachte mich natürlich aus. Unvergessen auch, wie sie mich das erste Mal einen Joint mitrauchen ließ. Da saßen wir auf ihrem großen Bett, eine Gitarre und mehrere Kerzenhalter hingen an der Wand, die Vorhänge waren zugezogen. Als ich anfing herumzukichern, beömmelten ihre Freundin Assi und sie sich aufs Feinste. Und als sie ein Mofa bekam, durfte ich mich auch mal drauf setzen, gab Gas  – und landete in der Hecke.

Warum haben wir uns nicht öfter über unsere Kinderzeit ausgetauscht? Wir hatten Jahrzehnte dafür Zeit und haben sie uns viel zu selten genommen. Jetzt habe ich keine Möglichkeit mehr. Meine große Schwester ist tot.

Am 31. August geriet sie mit dem Fahrrad in eine Straßenbahnschiene im Bremer Steintorviertel, stürzte, schlug mit dem Kopf auf. Der Straßenbahn nahm ihr Fahrrad noch einige Meter weit mit. Petra wurde im Krankenhaus stabilisiert, doch rapide verschlechterten sich ihre Werte.

Es gibt Momente, da steht die Welt einen Augenblick still.
Und wenn sie sich dann weiter dreht, ist nichts mehr wie vorher.

Mein Vater hatte am frühen Abend angerufen. Als ich seine Nummer auf dem Display sah, dachte ich, ihm sei was passiert, denn das war nicht die Uhrzeit, zu der er normalerweise anrief. Dann hörte ich seine Stimme, spürte Erleichterung. Dann seine Worte, die in mir einschlugen wie – ja – wie was eigentlich? In Filmen sind die Leute immer irgendwie gesichtsgelähmt, wenn sie schlimme Nachrichten überbracht bekommen. Oder werden ohnmächtig. Aus mir ergoss sich ein Schwall Tränen. Den Hörer noch zwischen Kinn und Schulter geklemmt, schlüpfte ich in meine Schuhe, griff nach meiner Tasche. Mit dem nächsten Zug fuhren wir nach Bremen. In das Krankenhaus, in dem Petra und ich auch geboren wurden, in dem meine Mutter wenige Monate nach meiner Geburt ihre Gelbsucht auskuriert hatte. Das damals noch St.-Jürgen-Krankenhaus hieß. Intensivstation. Desinfizierten die Hände, zogen Mundschutz und Kittel über. Mein Vater, meine jüngere Schwester, mein Mann und mein Sohn betraten ihr Zimmer.

Ich erkannte sie nicht. Eine Verwechslung, dachte ich. Soll doch vorkommen. Was taten die uns an, das würde sich gleich aufklären. Das sollte meine Schwester sein? Warum hatte eine Unbekannte Ausweispapiere und Haustürschlüssel von Petra in der Tasche? Ich fremdelte an ihrem Bett. Hatte Angst, sie beim Streicheln mit meinen Keimen zu infizieren. Rechnete damit, dass sie gleich die Augen aufschlug und sich ärgerte, dass sie so blöde gestürzt war und warum wir unsere Gesichter verhängt hätten.

Mein Vater war bereits am Nachmittag bei ihr gewesen, zwei Polizeibeamtinnen hatten ihn abgeholt. So nett seien sie gewesen, erzählte er. Hatten ihn auch wieder nach Hause gefahren. Ob sie sonst noch was für ihn tun könnten, hatten sie ihn gefragt. Wie ist das, wenn das eigene Kind sterbend vor einem liegt? Keine Nacht schläft er mehr seit dem Unfall durch. Er ist sowieso Frühaufsteher, konditioniert aus der Zeit, wo er noch jeden Morgen zum Großmarkt gefahren war und Lebensmittel für unser Geschäft eingekauft hatte. Jetzt sind seine Morgengedanken sofort bei seiner Erstgeborenen.

Petra war drei Jahre vor mir geboren, im März. Das bedeutete, dass sie einen knappen Monat lang immer vier Jahre älter war, da ich am 1. April auf die Welt gekommen war. Ich fand das immer ungerecht. Schaute ich doch eh zu ihr auf, weil sie klüger, stärker, irgendwie cooler war. Immer heimlich hörte ich ihre LPs, Pink Floyd, zupfte auf ihrer Gitarre die Saiten. In der Schule beachtete sie mich nicht. Hatte ihre Clique, ihre beste Freundin, knutschte mit ihrem Freund in der Raucherecke. Ich die stets ferne Zuschauerin. Doch als sie ihr Abi machte, half ich ihr beim Üben. Es ging um Trivialliteratur. Sie musste sie erklären, ich hörte sie ab, ob es stimmte. Und als sie ihren Führerschein bekommen hatte, durfte ich eine der ersten mit ihr Auto fahren.

Da lag sie, an viele Geräten angeschlossen. Bunte Kurven auf den Monitoren. Der Brustkorb bewegte sich regelmäßig auf und ab. Ein friedliches Bild, trotz der schweren Verletzungen. Sie schlief doch nur, dachte ich. Bekam Schmerzmittel. Sie habe wohl auch gar nichts mehr mitbekommen, wäre sofort bewusstlos gewesen, meinte der Arzt. Der Schädel war durch den Aufschlag mehrfach gebrochen. Ich schöpfte Hoffnung, als der Pfleger sagte, wenn das Gehirn noch anschwellen würde, hätte es so wenigstens Platz. Und hatte gleichzeitig Sorge, ob sie ein Pflegefall bleiben würde. Wie viel Petra war noch da? Und ich hasste schon jetzt jeden, der anmerken würde, hätte sie doch einen Helm getragen. Wie es am nächsten Tag dann auch in einer Zeitungsmeldung gestanden hatte. Jedem würde ich dafür an die Gurgel gehen, der das erwähnen würde. Und dachte an den Straßenbahnfahrer. Musste ihn erreichen. Hatte das Bedürfnis, ihn zu trösten. Er war ja nicht Schuld gewesen, musste aber alles mit ansehen.

Es gibt einen See in der Anderwelt,
drin sind alle Tränen vereint,
die irgend jemand hätt‘ weinen sollen
und hat sie nicht geweint.

Wo kamen all die Tränen her? Und wer ließ sie laufen – wie auf ein unberechenbares, ferngesteuertes, Kommando? Auf der Rückfahrt nach Hamburg war tiefe Leere in mir. Meine Welt war in wenigen Stunden eine andere geworden. Obwohl wir vor vielen Jahren einen Streit gehabt hatten, der bis vor kurzem unversöhnlich gewesen war. Nun war ich in ein Paralleluniversum abgedriftet, in dem es keine Petra gab und nie gegeben hatte. Jetzt gab es etwas nicht mehr, was ich in- und auswendig kannte und Teil von mir gewesen war. Warum hatte sich die andere Welt aufgelöst? Das kann doch nicht so einfach gehen?

Am nächsten Tag standen wir wieder an ihrem Bett. Papa erzählte von der Gelbsucht meiner Mutter und die dazugehörige, schon oft erzählte, Geschichte mit den 20 Schafsläusen. Er hatte sie bei einem Bauern eingesammelt, in zwei Kapseln gesteckt und in die Klinik zu unserer Mutter geschmuggelt, die die dann schluckte – und damit die Gelbssucht besiegte. Wir sind im Früher. Als die Welt noch richtig war. Als es uns noch alle gab. Als noch niemand an das eigene Sterben oder das des anderen dachte. Warum hatte ich die Nacht zuvor eigentlich schlafen können? Warum liefen Pläne in mir ab, was als nächstes zu tun wäre? Dann immer wieder diese Leere, und das Gefühl, jetzt sehr erwachsen sein zu müssen.

Als wir klein waren, schliefen wir in einem Etagenbett. Sie oben, natürlich. Dann bekamen wir jede ein eigenes Zimmer, die aber nicht durch eine Wand getrennt waren, sondern einen offenen Durchgang hatten. So machten wir vor dem Einschlafen oft Wettspiele, die ich natürlich auch immer verlor. Irgendwann drehte ich mich dann immer verärgert zur Seite und spielte nicht mehr mit. Und während Petra einen relativ geschützten Raum hatte, war mein Zimmer ein Durchgang, auch zum Schlafzimmer meiner Eltern und zur Toilette. Es altes Haus eben, mit komischer Raumaufteilung.

Als ich mit meiner Mutter auszog, war ich 14, Petra 17 Jahre alt. Von da ab hatten wir nur noch wenig miteinander zu tun. Aber sie hat Briefe von mir aufgehoben, in denen ich ihr über mein Leben in Hamburg berichtete. Schwesterliche Briefe. Vor kurzem hatte ich ihr meine autobiografische Geschichte Marlene zu lesen gegeben. Eine Annäherung nach dem großen Streit. Über Marlene wollte sie unbedingt noch mit mir reden.

Am nachsten Tag bat uns der Arzt in ein Besprechungszimmer. Ein sinnvolles Leben würde meine Schwester nicht mehr führen können, sagte er. Ich griff eine Hand meines Vaters. Meine jüngere Schwester griff die andere. Aufwachen würde sie nie wieder. Sondern sterben. Wann, wisse er nicht. Bald. Wir nahmen Abschied an ihrem Bett. Die Kurve, die den Hirndruck anzeigte, war auf eine irrsinnige Höhe geschnellt. Eine Ärztin erklärt uns die Bilder des CT. Sie war nicht mehr bei uns. Ich sprach mit ihr und streichelte sie. Da sie an das Übersinnliche glaubte, war ihre Seele bestimmt in der Nähe, beobachtete die Szene, war hoffentlich schmerzfrei und glücklich. War vielleicht schon auf dem Weg, wo keine Lebende hingelangt. Konnte uns aber nichts mehr sagen, allenfalls spüren lassen. Wir versuchten, die neue Realität zu begreifen. Ihr Tod würde kommen, wir konnten nichts dagegen tun. Wir haben uns. Mein Vater, meine jüngere Schwester, hochschwanger, und ich. Unsere Lieben zuhause. Das Beisammensein hilft uns.

Wir gingen in ihre Wohnung. Da war sie ganz präsent. Ihr Geruch, ihre Möbel, ihr Bett mit dieser Tagesdecke, die sie schon in so vielen Wohnungen begleitet hatte. Eine Terrasse, auf der viele Pflanzen standen. Sie muss es geliebt haben, dort zu entspannen und die Vögel mit dem Vogelhaus anzulocken. Eine Taube gurrte neben mir. Fragte sie nach Petra? Aus den Wunderbaum-Stecklingen, die ich im Frühling mit nach Bremen mitgebracht hatte, waren große Bäumchen gewachsen. Die knallroten Früchte leuchteten in der Sonne. Alles war so ordentlich, dabei war sie doch nur kurz einkaufen gewesen. Auf dem Einkaufszettel, den wir in ihrem Portmonee gefunden hatten, standen Obst, Gemüse, Tee, Oliven. Der Zettel war irgendwo abgerissen worden, es war noch ein Gedicht darauf geschrieben: „Gedanken sind wie Schmetterlinge: Sie kommen, verweilen und fliegen davon“. Ich mag diese flache Lyrik eigentlich nicht. Aber nun wirkte sie auf mich, als wenn Petra gemeint gewesen sein könnte: Sie kam, verweilte und flog davon.

War sie eigentlich immer schon so pingelig gewesen? Ein Händchen für gutes Einrichten hatte sie immer, Stil und Ästhetik, um die sich sie nicht nur beneidet, sondern vor allem bewundert und immer versucht hatte, nachzuahmen. Solange mir ihre Klamotten noch passten, also ganz früher, war ich immer froh, etwas von ihr abstauben zu können. Im Badezimmer lag nun ihr Schmuck. Ich setzte einen ihrer Ringe auf, er passte. Trage ihn seitdem.

Fünf Tage nach dem Unfall starb sie. Nachdem die Rechtsmedizin Petra freigegeben hatte, nahmen wir am geschlossenen Sarg Abschied. Er stand mitten in einem hellen Raum beim Bestatter. Die Vorhänge waren zugezogen, ließen aber Blicke von außen und nach draußen zu. Kerzenständer spendeten warmes Licht. Meine Kinder und Enkel, mein Schwiegersohn, mein Schwager und meine kleine Nichte waren auch da. Der Kleine, sechs Monate alt, krabbelte durch den Raum.

Wir waren ihr nochmal nah. Freundinnen und Freunden hatten wir eingeladen, viele kamen, sie erzählten aus Petras Gegenwart, von ihrer Freundschaft und ihrer Arbeit als Heilpraktikerin. Eine mir fremde Welt. Und je länger wir in dem Raum waren, umso normaler fühlte es sich an, meine tote Schwester bei uns zu haben. Der Dreieinhalbjährige griff sich bereit gelegte Stempel, drückte sie auf den Sarg. Meine zweieinhalbjährige Nichte stempelte mit. Wir malten Blumen, Katzen, Herzen, Bäume dazu. Schrieben unsere Namen. Noch eine Sonne. Abstrakte Muster. Sterne auf den Deckel. Für uns alle eine neue Erfahrung. Half uns zurück in unsere Welt, die jetzt ohne Petra ist.

Ich tauche nun tief in ihre letzte Gegenwart ein. Nehme Kontakt mit ihren derzeitigen Freundinnen und Freunden auf, rufe ehemalige MitschülerInnen an, schreibe dem Jobcenter, der Krankenkasse, dem Provider. Erlebe Anteilnahme und denke, es geht doch gar nicht um mich. Doch dann spreche ich mit einer Freundin, die sagt: Doch, es geht auch um Dich. Das macht was mit Dir. Nimm Dir Zeit. Achte auf Dich. Mein innerer Brunnen der Tränen schwappt wieder und wieder über.

So bin ich auch nach Verden gefahren. Begleitete den Körper meiner Schwester auf seinem letzten Weg – zur Einäscherung. Konnte mehr nicht für sie tun, sie, die sich oft einsam gefühlt hatte auf der Welt. Las noch auf dem Sarg die Sätze „Bis gleich…“ und „Tschüß, Petra“. Nun verschwand sie aus unserer Welt. Kommen und gehen. Wann, legt niemand fest.

Noch einmal werden wir  zusammenkommen, um ihre Urne gemeinschaftlich in unsere Mitte zu nehmen. Und wenn wir sie dann später beisetzen, lassen wir sie endgültig los, damit sie – wie und wohin auch immer – ihren weiteren Weg gehen kann.

 

Ein Kommentar

  1. Danke Kersten, dass du uns teilhaben lässt an deinen ERinnerungen. Es war eine sehr stimmige und tröstliche Feier gestern.
    Alles Gute für dich – das Leben fließt nun weiter dahin.
    Nico (eine von Petras Homöopathiekolleginnen)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.