Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Johanna

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Johanna und Rudi auf meiner Gartenschaukel im Mai 2017

Vor ganz genau zwei Jahren haben mich Rudi und Johanna im Garten sucht. Ende Mai 2017. Es war schön warm und ich hatte die beiden von der S-Bahn abgeholt. Johanna fand es ein wenig verrückt, dass ich diesen Garten hatte, aber sie pflegte auf ihren kleinen Balkon auch immer ein paar Pflanzen und erfreute sich an ihnen, wenn sie an ihrem Schreibtisch saß. Ihr Bett stand genau gegenüber der Balkontür an der Wand, sodass sie gleich beim Aufwachen darauf schauen konnte.

Johanna lebt nicht mehr. Sie starb letzte Woche mit 83 Jahren. Als ich es erfuhr, musste ich in den Himmel schauen, vermutete sie instinktiv dort, und sagte zu ihr: „Warum hast Du mir nicht Bescheid gesagt, wie schlecht es Dir ging? Warum haben wir uns nicht noch einmal getroffen?

Kurz vor Ostern hatte Johanna mir einen Artikel aus der Jungen Welt zugesendet, in dem über die Ärztin Kristina Hänel berichtet wurde berichtet und in dem auch ich erwähnt wurde. Eine kleine Karte lag dabei. Ich hatte vor, sie die Tage anzurufen, um mich wieder mit ihr zu verabreden. „Dann gehen wir ein Stück Kuchen essen.“, sagte sie bei unserem letzten Telefonat. Wahrscheinlich wäre das im Café Leonar gewesen, das ist bei ihr um die Ecke.

Johanna und ich habe spät Freundschaft geschlossen. Erst sei gut zehn Jahren treffen wir uns regelmäßig. An unseren Geburtstagen und immer wieder zwischendurch. Manchmal waren auch andere mit dabei. Die Frauenrunden in ihrer Küche mit Inka, Doris und Hedi waren immer sehr spezielle Treffen. Ich habe nie erlebt, dass verschiedenere Frauen zusammen sitzen und einen ganzen Abend miteinander verbringen können. Zu jeder hatte sie einen besonderen Draht, eine besondere Freundschaft.

Ich kenne keine belesenere Frau. Und sie war eine exzellente Kennerin der Werke von Pierre Bourdieu. Für die Sexismus-Broschüre, die ich vor einigen Jahren mit herausgegeben habe, lieferte sie einen Text über „Die Struktur männlicher Herrschaft„. Auch in ihrem Buch „Meinung, Macht. Gegenmacht“ setzt sie sich mit Bordieu auseinander und wendet ihn auf heute an.

Sie war Mitglied der DKP, war dort auch im Parteivorstand. Sie war auch in der DFI, der Demokratischen Fraueninitiative, sie war im Beirat des IMSF – dem Institut für Marxistische Studien und Forschungen. Und zuletzt in DIE LINKE. Manche Parteigruppenabenden und Mitgliederversammlungen haben wir zusammen erlebt und uns manches Mal geärgert, wenn mal wieder jemand allzu lange redete, ohne viel zu sagen. In den letzten Jahren wurde sie oft von Hedi begeleitet. Hedi hat sehr dazu beigetragen, dass Johanna weiterhin am politischen Leben jenseits ihrer wissenschaftlichen Arbeit aktiv bleiben konnte. Von ihrem letzten Engagement im Ältestenrat der Partei DIE LINKE hat Johanna mir oft erzählt, vor allem von dem, was hinter den Kulissen stattgefunden hatte. Wie so oft, waren das die wirklich interessanten Geschichten. Denn selbst die Fahrten nach Berlin und wieder zurück waren manchmal Abenteuer ansich.

Johanna war Marxistin, Feministin, Kommunistin. Sie hat ein umfassendes wissenschaftliches Werk hinterlassen und bis zuletzt Textarbeit geleistet. Als Supplement hat sie beispielsweise vor gut drei Jahren die Broschüre Marxismus-Feminismus“ herausgegeben. Auf sozialismus.de wird ihre Arbeit gewürdigt. Auch auf dem Gründungskongress des MSB Spartakus in Bonn hielt sie eine Rede, das war Mai 1971.

So einer Frau ein Buch zu schenken, war nicht einfach. So scheiterte mein letzter Versuch – sie hatte es schon. Eine Biografie über Astrid Lindgren. Und was heißt „sie hatte es schon“ – nein, Rudi und sie haben zusammen Bücher gelesen. Erst er, dann sie, oder umgekehrt, oder sie haben sich gegenseitig vorgelesen und dann über das jeweilige Werk gesprochen. Es seziert, analysiert. Ich habe die beiden dafür bewundert. Dieses Paar hat sich intellektuell gegenseitig auf unvergleichbare Weise inspiriert und ausgetauscht. Einen Fernseher brauchten die beiden nicht. Johanna hatte aber ihren Computer und sie kämpfte darum, dass er funktionierte und ihr die Welt des Internets zur Verfügung stand.

Ich kannte keine liebenswertere, lustigere Frau. Mit ihr zu ratschen, hat immer Spaß gemacht. Uns einte die Abneigung gegen Engstirnigkeit, Besserwisserei, Dogmatismus und Bigotterie. Wen wir unter diesen Kategorien parken konnten, konnte „Opfer“ unserer Gespräche werden. Diese sehr menschliche Seite von ihr habe ich geliebt, weil Johanna immer einen sensiblen Blick auf Menschen hatte und auch niemals bösartig war, auch wenn sie jemanden nicht leiden konnte. Sie war aber auch empfindsam. Monatelang hatte sie darunter gelitten, nachdem sie von von einem Genosse hart – und natürlich völlig unberechtigt – angefahren wurde. Aber sie hatte sein Dominanzverhalten als Gewalt empfunden und mir immer wieder davon erzählt.

Ich kannte keine bescheidenere Frau. Sie stellte gern Fragen, diskutierte, konnte hartnäckig sein. Aber nie war sie rechthaberisch oder belehrend. Sie gab gern Wissen weiter, aber nie zu dem Zweck, selbst zu glänzen, sondern um des Wissens Willen, und um es zu teilen.

Dass ich Trauerrednerin geworden bin, fand sie ziemlich skurril. Sich mit dem Tod zu beschäftigen, war für sie keine Option. Aber dann fragte sie mich doch vor einiger Zeit, ob ich ihr helfen könne, ihren Tod zu regeln. So habe ich sie ins trostwerk begleitet, sie hat sich beraten lassen. Alles was sie wollte, war, vorzusorgen. Keine Feier, kein Aufwand. Und sie wollte Rudi damit nicht allein lassen.

Sie war eine, der ich vertrauen konnte mit ihren Einschätzungen und Wertungen. Sie war für mich Geschichte, Gegenwart und Inspiration. Mein nächstes Buch wird die Biografie über Astrid Lindgren sein. Ich habe es noch, denn sie hatte es mir mit einem milden Lächeln zurückgegeben.

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