Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Rede am Holocaustgedenktag vor dem Meßberghof (Ballinhaus)

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Weitere Redebeiträge sowie Fotos sind hier zu sehen.

Rede im Wortlaut:

Der Bauer Verlag, dem unter anderen der Meßberghof heute gehört, hat sich jetzt bereit erklärt, seinen Teil zur Aufarbeitung der Geschichte zu leisten.

Denn der frühere Verleger, Großvater der heutigen Verlegerin, war NSDAP-Mitglied und hat sich an jüdischem Eigentum bereichert wie er auch eine wichtige Rolle in der Strategie der Nazi-Propaganda gewesen war.

Ganz freiwillig hat er sich nicht zur Aufarbeitung bereit erklärt, erst die Medien mussten ihn an die Vergangenheit erinnern. Man hätte es dort gern vergessen, behauptet gar, keine Unterlagen mehr aus dieser Zeit zu besitzen. Aber das ist vorbei!

Ich war über 30 Jahre lang in der Bauer Media Group beschäftigt und niemand hat sich in dieser Zeit die Mühe gemacht, die geschäftlichen Aktivitäten der Inhaberfamilie aufzuarbeiten.

Was wir als Betriebsräte und Gewerkschafter*innen und als engagierte Beschäftigte aber immer gemacht haben, ist, uns gegen kriegsverherrlichende und geschichtsklitternde Publikationen des Verlages zu wehren.

Sei es der Kriegsgroschenroman Landser oder die rechtsradikale Zeitschrift Zuerst, die als Auftragsarbeit vertrieben wurde. Oder gegen die rassistischen Hetzkommentare eines früheren Chefredakteurs des Polit-Softporno-Heftes Praline.

In diesen Tagen jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee vor 75 Jahren. Über eine Million Menschen wurden innerhalb von fünf Jahren dort vergast, erschossen oder anderweitig ermordet. Viele wurden auch durch Zwangsarbeit im KZ vernichtet.

Und es ist darüber hinaus wichtig, ebenso daran zu erinnern, dass damit die Gräuel durch die Nazis noch nicht beendet waren.

Denn auf den Todesmärschen kamen weitere tausende Menschen ums Leben. Und erst im Mai 1945 endete dann der Krieg, so lange starben weitere Menschen. Die Millionen Toten mahnen bis heute. Sie dürfen nicht vergessen werden.

Hier, an diesem Ort, in diesem Haus, befanden sich die Räumlichkeiten der Firma Tesch & Stabenow, die das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B herstellte und es in die KZs brachte. Tesch verkauft das Gift an die Nazis und schulte persönlich vor Ort die Anwendung zur industriellen Menschenvernichtung.

Und so, wie es über 50 Jahre dauerte, konkret seit 1997, bis eine Tafel am Meßberghof, der bis 1938 Ballinhaus hieß, an die Verbrechen von Tesch erinnert, gibt es auch nach 75 Jahren immer noch Lücken in der Erinnerungskultur. Wir sind heute hier, anzumahnen, dass diese Lücken endlich geschlossen werden.

Geschlossen werden müssen, weil sonst die Wunden, die die faschistischen Massenmörder in die Gesellschaft gerissen haben, nicht heilen können. Und weil es heute wieder Nazis gibt, die diese Zeit als Vogelschiss bezeichnen; und solche, die den Holocaust leugnen, relativieren, verharmlosen.

Hier im Kontorhausviertel arbeiten heute viele Menschen. Sie kommen freiwillig zur Arbeit. Sie bekommen ein Gehalt und haben eine Sozialversicherung. Auch im Meßberghof sind heute viele Betrieben und Büros untergebracht. Die Zwangsarbeiter, die hier vor Jahrzehnten untergebracht waren, konnten das nicht, Viele starben unter der Zwangsarbeit und litten lebenslang an den Folgen.

Ich bin der Auffassung, dass jede und jeder, der und die hier arbeitet, dies in dem Bewusstsein tun sollte, was für ein Mörder hier einst sein Büro hatte und was in unmittelbarer Nachbarschaft geschehen ist. Ein aktives Gedenken ist dafür erforderlich!

Es ist darüber hinaus heute auch unsere Aufgabe und unsere Verantwortung, an die Zwangsarbeit zu erinnern. Bislang gibt es dazu im Kontorhausviertel aber keine Erinnerung daran. Aber nur, wenn Generation um Generation diese Erinnerungen und das Wissen darüber weitergeben und in Zärtlichkeit und Solidarität um die Menschen getrauert und an sie gedacht wird, denen so viel Gewalt angetan wurde, deren Leben auf brutale Art beendet wurde, können wir einen angemessenen Beitrag leisten, dass sich diese Geschichte nicht wiederholen kann.

Und dass jene, die diese Zeit relativieren, verharmlosen oder vergessen machen möchten, keine Oberhand gewinnen, sondern bedeutungslos werden. Sie gehören auch in kein Parlament.

Und kein Mahnmal für die Opfer jüdischer Herkunft, politisch Verfolgter, aufgrund der sexuellen Neigung Verfolgter, aufgrund der Herkunft Verfolgter oder aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen Verfolgter ist eine Schande. Im Gegenteil: Wir benötigen noch weit mehr davon.

Lügen, Verharmlosungen und Vergessen dürfen keinen Platz mehr haben. Freie Presse hat eine Verantwortung und wir werden aufmerksam verfolgen, wie auch die Bauer Media Group diese Verantwortung nun endlich wahrnimmt.

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