Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Mein Verleger, der Nazi.

| 2 Kommentare

Frontansicht des Bauer-Verlagsgebäudes im Hamburger Kontorhausviertel

@keartus

Hier auch mein Kommentar in M, dem Medienmagazin von ver.di

Ich habe über 30 Jahre für den Bauer Verlag gearbeitet. Als kaufmännische und journalistische Auszubildende, Presse-Dokumentarin, Redakteurin. Und war immer wieder in Bauer-Betriebsräten engagiert. Ich kenne das Haus nahezu wie meine Westentasche – auch wenn ich die Unternehmerfamilie nie kennengelerent habe. Aber über die Kolleginnen und Kollegen, Stilllegungen, Rationalisierungen, Kündigungen, Sozialpläne und die damit immer verbundenen geschäftlichen Aktivitäten des Konzerns weiß ich ganz gut Bescheid – zumindest bis 2016, der Zeitpunkt, zu dem ich ausstieg. Über die Geschäftsaktivitäten zwischen 1933 bis 1945 lag immer ein dichter Nebel.

Weder auf der Firmenwebsite noch bei Wikipedia oder auf der Website des Hauses der Pressefreiheit finden sich bislang Hinweise auf diese Zeit. Bei der Unternehmenshistorie hört die Geschichte 1926 auf und fängt irgendwann wieder an – als wenn das Unternehmen aus einer langen, langen Starre, oder vielleicht auch aus dem Naziwinterschlaf, wieder erweckt wurde.

Und niemand hatte sich bislang die Mühe gemacht, nachzuforschen, wie das war bei dem Verlag, der mit vermeintlich unpolitischen, unterhaltenden Publikationen reich geworden ist. Sehr reich: Bauers gehören zu den reichsten Menschen Deutschlands. Sind also reich geworden mit Frauenpresse, der Bravo, Fernsehzeitschriften, Tratsch- und Klatsch-Postillen. Und Schmuddel wie Praline, Schlüsseloch, Wochenend und dem Edelschmuddel Playboy. Und offenbar mit Nazi-Ideologie.

DER SPIEGEL berichtet in seiner Ausgabe vom 18. Januar 2020 ausführlich, wie Bauer die Nazistrukturen genutzt hat, um Vermögen anzusammeln, und wie versucht wurde, sich nach 1945 rauszureden.

Wie hat diese Familie in der Kriegszeit gewirkt? Und warum hat sich bei Bauers bislang nie jemand dran gemacht, diese Zeit zu beleuchten? Dabei lagern die Dokumente, die die Geschichte des Heinrich-Bauer-Verlages zwischen 1933 und 1945 erzählen, für die Öffentlichkeit frei zugänglich in Hamburgs Archiven. Sie erzählen die Geschichte. Sie erzählen von einem Mann, Alfred Bauer, der offenbar äußerst bestrebt war, sein Unternehmen hinüberzuretten über eine dunkle Zeit, irgendwie. Und sei es, sich opportunistisch dem Schreckensregime, das den schlimmsten Massenmörder aller Zeiten hervorgebracht hat, anzupassen.

Nun wird diese Lücke geschlossen. Und das wird allerhöchste Zeit. Denn ein Verlag, der die Privilegien der Demokratie genießt und große Freiheiten als Medienunternehmen – zum Beispiel in Bezug auf einen verminderten Mehrwertsteuersatz und Tendenzschutz, darf nicht und hat nicht zu schweigen, wie er vom Naziregime profitiert hat. Insofern ist es auch ein Skandal, dass erst Spiegel und NDR bei ihm anklopfen müssen, damit endlich eine Aufarbeitung stattfindet.

Wer war Alfred Bauer? Warum wurde er NSDAP-Mitglied? Was wussten seine Frau Gertrud und vor allem seine Kinder Marlis, Heike und insbesondere Heinz Bauer, letztes Jahr 80 Jahre alt geworden und langjähriger Verleger? Hat man mal in der Familie über das Nazierbe gesprochen? Alfred Bauer hat Menschen, die als Jüdinnen und Juden verfolgt und vertrieben, und später industriell organisiert ermordet wurden, ihr Eigentum abgekauft. Wie stehen seine Erben heute dazu? Haben sie für ihre geschäftlichen Aktivitäten Konsequenzen gezogen? Haben sie jemals Wiedergutmachung angestrebt? Wie und wo gedenken sie?

Als langjährige Betriebsrätin und Redakteurin des Hauses, die immer auch mit einem gewerkschaftspolitischen Blick auf das Haus und seine Inhaber*innen geschaut hat, bezweifle ich das. So gab es einen Chefredakteur bei Praline, Jürgen Köpcke, der mit rassistischen Aufrufen in den 1990er Jahren dazu mit beitrug, Stimmung gegen migrantische Familien zu machen. Der Landser wurde jahrelang herausgegeben, bis ein Gutachten die Kriegsverherrlichung und Geschichtsklitterung nachgewiesen hatte. Bauer reagierte damals mit einem Gegengutachten. Allein deswegen bin ich skeptisch, was ein von der Familie Bauer eingesetzter Historiker herausarbeiten soll. Dann aber gab es noch den Eklat um die Rechtspostille Zuerst, herausgegeben von einem Neonazi. Bauer vertrieb das Blatt und selbst nach umfassenden Protesten stand man zu dieser Geschäftsverbindung – bis Dietmar Munier selbst den Vertrieb von Bauer abzog.

Allein diese drei Vorfälle wären gute Gelegenheiten gewesen, sich der eigenen Geschichte zu stellen und der publizistischen Verantwortung. Stattdessen wurde abgebügelt, verteidigt, kleingeredet.

Und damit das klar ist: Die Nazi-Geschichte der Familie Bauer und ihres Verlages ist NICHT ihre Privatgeschichte. Sie ist öffentlich zugänglich zu machen. Sie ist von unkontrollierten Stellen – etwa einer Historikerkommission – zu prüfen und offenzulegen.

#niewieder

#keinvergessen

2 Kommentare

  1. Gut gebrüllt, Löwin!
    Wenn jemand die Steife Brise in Form von nüchternen Zahlenspielen und Rationalisierungen dieser Verlegerfamilie hautnah über Jahrzehnte erfahren durfte, dann sicherlich eine engagierte Betriebsrätin wie Du. Dafür fällt Deine Reaktion auf diese Steilvorlage für eine Abrechnung geradezu moderat aus…
    Dein Fazit sollte als Selbstverständlichkeit gelten. In der Schweiz gibt es seit den Skandalen um Verdinkinder und willkürliche Entmündigungen ein Gesetz, wie Firmen und Institutionen mit der historischen Aufarbeitung umzugehen haben. Und selbst dort ist es noch schwierig, ohne öffentlichen Druck ein Unternehmen zur freiwilligen Offenlegung zu bewegen…

    • Hallo Thomas, danke für Dein Statement. Mein Beitrag soll keine Abrechnung sein. Aber eine Genugtuung, das gebe ich gerne zu. Viele liebe Grüße, Kersten

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