Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Frau N. geht spazieren

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Ein mit Blumen geschmücktes Fahrrad vor dem Altenheim.

Ich habe Frau N. im Altenheim besucht. Um mich zu erkundigen, wie es ihr geht. Letzte Nacht, als ich auf dem Weg von der S-Bahn nach Hause war, sah ich sie, ohne Jacke, mit Rock, nackten Beinen und dünnen Schuhen auf dem halbdunklen, nassgeregneten, Bürgersteig laufen. So, als sei sie ohne Ziel.

Ich war zunächst an ihr vorbei gegangen. War nicht sicher, ob und wie ich sie ansprechen sollte. Zog mein Gesicht noch tiefer in das Kunstfell meiner Kapuze, steckte meine handbeschuhten Hände in die Winterjackentaschen. Kalt war es und ich wollte schnell nach Hause, es war kurz vor Mitternacht. Außerdem befinden sich rund um Sternschanzen-Bahnhof oft Leute, die verwahrlost wirken. Und so signalisierte auch Frau N.  – von der ich zu diesem Zeitpunkt natürlich den Namen noch nicht wusste – keine Hilflosigkeit.

Ich überholte sie langsam und etwa zehn Meter weiter drehte ich mich um und beobachtete sie genauer. Außer mir und ihr war niemand auf dieser Seite der Straße, nur noch wenige Autos fuhren. Und nun fühlte es sich sehr falsch an, nicht auf sie zuzugehen, sie nicht anzusprechen. Ob sie noch einen weiten Weg habe, fragte ich. Sie blickte hoch, schaute mich an. Ihr Gesicht war sehr schmal, die Haare standen ungeordnet vom Kopf ab. Eine sehr alte Frau. Sehr zart.

Sie käme nicht rein, antwortete sie, auf ihr Klopfen hätte niemand reagiert. Ich fragte sie mit Blick auf das Altenheim, ob sie dort geklopft habe. Ja. Ich bot ihr an, mich darum zu kümmern, dass sie hinein käme. Sie stimmte zu.

Ich fragte, was sie um diese Uhrzeit draußen mache und sie erzählte, dass sie nicht wüsste, wo ihr kleines Kind sei. Es sei doch noch kein Jahr alt. Und dass sie rausgegangen sei, um etwas für Weihnachten zu besorgen.

Nach wenigen Minuten standen wir vor der verschlossenen Tür. Ich nahm ihre kalte Hand in meine Fäustlinge und suchte die Klingel. Fragte, wie sie eigentlich hieße, drückte auf den Knopf. Durch die Gegensprechanlage erklärte ich und eine schnelle Minute später öffnete eine Pflegerin, nahm Frau N. in Empfang. Ich sagte noch, ich würde sie besuchen kommen und sie sagte danke. Auf dem Weg nach Hause dachte ich, dass sie womöglich Glück gehabt hatte, dass ich zufällig vorbei gekommen war. Und dass es ein weiterer Zufall gewesen war, dass ich sie dann auch angesprochen hatte. Was, dachte ich weiter, wäre wohl passiert, wenn nicht …

Am Vormittag betrat ich das Altenheim. Frau N. sei in der Musikgruppe, erfuhr ich, und als ich eine Stunde später erneut vorbei schaute, war Mittagessenszeit. Also wartete ich vor der Tür des Esszimmers, setze mich auf einen der bequemen Stühle. Neben mir ein Heer von Rollatoren. Einem Bewohner wurde im Esszimmer mit Gesang und Akkordeon ein Geburtstagsständchen präsentiert. Applaus setzte ein. Eine andere Bewohnerin kam auf den neben mir stehenden, leeren Stuhl zu, setzte sich. Im gleichen Augenblick roch es scharf nach Ammoniak. Ob sie nicht auch essen wolle, wurde sie von einer Pflegerin angesprochen. – Nein. – Zigaretten?  – Nicken. Erhielt zwei Stängel, stand auf und ging den Weg zurück, den sie gekommen war – vielleicht in ihr Zimmer oder dorthin, wo sie rauchen konnte. Ich schaut ihr nach. Die Ammoniakfahne blieb.

Plötzlich stand Frau N. vor mir. Sie wollen mich besuchen?, fragte sie. Ja, ich habe sie gestern Nacht begleitet, weil sie draußen ohne Mantel unterwegs waren. Ihre Augen verrieten mir, dass sie sich nicht mehr erinnerte. Sie setzte sich neben mich. Ihre Haare waren immer noch ungeordnet, sie trug dieselben dünnen Schuhe, war aber mit einer dicken dunkelblauen Strickjacke eingehüllt. Ein paar Minuten sprachen wir. Früher habe sie in Wellingsbüttel gelebt, dort sei ihre Mutter oder ihr Vater begraben, genau erinnere sie das nicht mehr, erfahre ich. Und diese Schuhe, sagt sie dann, und zeigt auf sie, seien die einzigen, die sie gern anzöge, auch wenn der rechte schon etwas kaputt sei.

Mir fiel ein, dass ich ihr etwas mitgebracht hatte. Als ich Tasche öffnete, sagte sie, sie würde es lesen. Nichts zu lesen, sagte ich, sondern eine Spieluhr. Drückte sie ihr in die Hand, zog sie auf. ♫ ♪♫ Weißt Du, wie viel Sternlein stehen … ♪♫ ♫ Heute morgen hatte ich überlegt, dass sie ihr vielleicht ihr Kind näher bringen würde, weil sie es wahrscheinlich öfters und ja jedes Mal vergeblich suchte. Es ist eine alte Spieluhr meiner Kinder, ein kleiner Plüschdrache, die schon lange niemand mehr hört, deren Laufwerk bereits ziemlich langsam geworden ist. Frau N. lauschte der Melodie, hielt sich das Getier nah ans Ohr, bedankte sich und sagte, sie würde sie in ein paar Tagen zurückbringen. Verabschiedet sich.

Frau N. bewege ich sehr viel, erfahre ich noch und sie ginge auch oft raus. Es sei ja kein geschlossenes Heim. So hoffe ich, dass sie sich nächstes Mal wenigstens einen Mantel anzieht.

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