Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Zickenkrieg: Warum streiten Schröder und Schwarzer?

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Da hat unsere junge, blonde, verheiratete Familienministerin vielleicht was angerichtet: Geht auf die Ikone der Frauenbewegung, die alte, blonde unverheiratete Alice Schwarzer, los und geißelt ihre Behauptung, Hetero-Sex unterdrücke Frauen. Die kachelt zurück und spricht der CDU-Politikerin jede Fähigkeit ab, ihr Amt auszuüben: Das einzige, was sie bislang von ihr mitbekommen habe, sei deren Namensänderung anlässlich ihrer Eheschließung gewesen.

Schwarzer und Schröder im Zickenkrieg – da lacht die männliche Journalistenwelt und lässt sich in Feuilleton-Texten über den Feminismus aus. Was ist an dem „bizarren Sex-Streit“ (BILD) zwischen den beiden Damen interessant, außer dass sie eine Woche lang den Boulevard bedient haben?

Die Gleichstellung von Frau und Mann wird im bürgerlichen Lager deswegen derzeit so intensiv ausgetragen, weil die Frauen, gut ausgebildet, selbstbewusst und ehrgeizig, den Männern die Throne endlich nicht mehr allein überlassen wollen. Norwegen machts vor: 40-Prozent-Quoten in Aufsichtsräten ruft auch hierzulande die aufsteigende weibliche Elite auf den Plan. Auch sie wollen endlich Macht und Einfluss – und zwar nicht mehr nur, wenn sie als weiblicher Nachwuchs oder angeheiratet erben.

Da staunt die Alleinerziehende mit Hartz IV – nutzt ihr dieser Streit? Da guckt die Gewerkschafterin mit ihrer Forderung nach dem gesetzlichen Mindestlohn – kann sie sich hinter die Quote für Aufsichtsräte stellen? Da fragt sich die Schwangere, ob mehr Managerinnen auch zu mehr Möglichkeiten einer Teilzeitausbildung, mehr Kita-Plätzen und einer Arbeit, von der sie unabhängig leben kann, führt? Bekommt die Migrantin nun endlich ihren Berufsabschluss anerkannt?

Der Feminismus ist keine einheitliche Bewegung. Er kumuliert und speist sich aus den spezifischen Interessen der weiblichen Mitglieder verschiedener Milieus, Schichten, Klassen. Eine Unternehmerin, die sich an betriebswirtschaftlichen Kennzahlen orientiert, wird Fixkosten genauso im Auge behalten, rationalisieren und kündigen, wie dies ihr männliches Gegenstück macht. Warum soll eine Frau, nur weil ihre primären Geschlechtsorgane im Innern ihres Körpers lagern, mehr Menschlichkeit, zivilisatorische und volkswirtschaftliche Vernunft zeigen?

Die Männer begreifen den Feminismus zudem nicht. Für sie bedeutet er nach wie vor ein Angriff auf ihre Herrschaftsstellung. Stimmt ja auch. Aber dass sie gewinnen können, wenn sie verzichten, dafür fehlt ihnen der dialektische Weitblick. Auch das liegt nicht daran, dass ihre primären Geschlechtsorgane außerhalb ihres Körpers lagern. Es erscheint ihm als ein Naturgesetz, dass er aufgrund seiner körperlichen Stärke mehr Rechte hat als die Frau. Warum er deshalb aber in geistigen oder naturwissenschaftlichen Berufen mehr verdient, kann er nicht erklären. Nur weil sein Gehirn größer ist? Das des Neandertalers war größer als das des Homo sapiens – und der ist aus den Höhlen nicht herausgekommen.

Wenn die Medien den Streit zwischen Schwarzer und Schröder konstruktiv aufgreifen würden, dann würden sie zunächst die Kommentarfunktion der männlichen Journalisten abstellen. In diesem Beruf macht sich ihre Dominanz im Übrigen besonders bemerkbar. Auch in den Medien hat der Feminismus nämlich noch ein Stück Arbeit zu leisten. Da hilfts wenig, dass Frau Schwarzer für BILD schreibt. Im Gegenteil. Daher auch ein großes Dankeschön an Stephanie Lamprecht, Redakteurin der Mopo, die Alice Schwarzer als Ex-Frauenrechtlerin bezeichnete. Treffer versenkt.

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