Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Mal wieder ziemlich eingeBILDet

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bloedSie hat seit 1998 fast 40 Prozent ihrer Auflage verloren, das sind über 1.700.000 Exemplare. Und der Abwärtstrend verläuft laut Wikipedia stärker als bei anderen Boulevardzeitungen.

Dennoch glauben die Macher von BILD wohl weiterhin, es sei für die Auflage Erfolg versprechend, wenn sie bestimmen, was (k)ein Skandal ist – in dem sie entweder maßlos übertreiben oder indem sie weglassen oder totschweigen.

Letzte Woche ist es wieder passiert. Und ich frage: Wie eingebildet sind diese Zeitungsleute eigentlich?

Darum ging es: Fast alle Hamburger Zeitungen und der NDR hatten berichtet, dass der parteilose Abgeordnete Scheuerl, der der CDU-Fraktion angehört, in der Bürgerschaft am 11. Dezember die SPD-Abgeordnete Hildegard Jürgens schwer gedemütigt hatte. Und da er sich nur sehr halbherzig entschuldigte und dann auch noch seine Rede fortsetzte, verließen meine Fraktion, die der Grünen und die der SPD den Plenarsaal. Alle berichteten darüber, außer BILD.

Stattdessen schoss BILD in ihrer Freitagausgabe am 13. Dezember 2013 gegen die SPD: Als „scheinheilig“ bezeichnet das Blatt die Präsidentin der Bürgerschaft, Carola Veit, sowie den Schulsenator Ties Rabe, weil die Bürgerschaft am Donnerstag, den 12. Dezember, mehrheitlich entschieden hatte, die Anhörung einer Bürgerinitiative vom Schul- in den Verfassungsausschuss zu verlegen. „SPD trickst fürs Turbo-Abi“, steht zu lesen. Hintergrund: Besagte Initiative will per Volksabstimmung erreichen, dass – wie an unseren Stadtteilschulen – auch an den Hamburger Gymnasien ein Abitur nach neun, anstatt nur nach acht Jahren wieder möglich ist.

Zunächst sei mit drei inhaltlichen Fehlern aufgeräumt: (1) Ties Rabe hat nichts mit der Entscheidung zu tun, denn er ist nicht Mitglied der Bürgerschaft. (2) Die SPD hat nicht alleine entschieden, sondern Grüne und LINKE stimmten auch für die Verlegung. (3)  Es geht nicht darum, für das „Turbo-Abi“ an Gymnasien zu sein. Es wird auch von uns wie auch von der GEW kritisiert. Unsere Fraktionsvorsitzende Dora Heyenn vertritt eine klare Haltung: „Jetzt will die Initiative ‚G9-Jetzt-HH‘ das Abitur nach neun Jahren auch an Gymnasien wieder einführen. Wenn das geschehen sollte, gäbe es allerdings auch keinen Grund mehr, die künstliche Trennung zwischen Stadtteilschulen und Gymnasien mit all ihren negativen Folgen aufrechtzuerhalten.“

Warum haben wir für die Verlegung in Verfassungsausschuss gestimmt? Es ist bekannt, dass der parteilose Abgeordnete Scheuerl, der zugleich Vorsitzender des Schulausschusses ist, die Initiative juristisch berät. Deswegen wird seine Neutralität sowohl von SPD, Grünen und auch uns Linken bezweifelt.

Also, ich würde meine Kinder trotz Gymnasialempfehlung auf die Stadtteilschule schicken, damit sie dort nach neun Jahren das Abi machen können. Der parteilose Abgeordnete Scheuerl würde das nicht. Er lässt sich in BILD nämlich mit dem Satz zitieren: „Gute und schwächere Schüler müssen wieder voneinander getrennt unterrichtet werden.“ Heißt: Gute aufs Gymnasium, schlechte auf die Stadtteilschule. Es geht daher wohl eher darum, dass einige Eltern ihre Kinder partout nicht auf eine Stadtteilschule schicken wollen. Sollte es dann nicht ehrlichkeitshalber heißen: Arme und reiche Kinder sollten besser voneinander getrennt unterrichtet werden?

Und ich habe den Eindruck, BILD mischt beim Klassenkampf in der Bildung mächtig mit. An Aufklärung ist das Springerblatt zumindest offensichtlich nicht interessiert. Oder daran, dass sich die Leser und Leserinnen eine eigene Meinung bilden können. Auch nicht an Überparteilichkeit, obwohl das unter ihrem Logo steht.

Fazit: Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit) und 2 (Sorgfalt) des Pressekodexes wurden in meinen Augen arg strapaziert. Und der Auflage wird das auch nichts nutzen.

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