Kersten Artus

Journalistin

„Der Baron, die Juden und die Nazis“ – selten war Geschichte so wenig langweilig

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unknownDer Adel hat es bis heute immer wieder verstanden, nur die Facetten von sich zu zeigen, die es ihm möglich machten, in der jeweiligen Gesellschaft zur herrschenden „Elite“ zu gehören. Er will verbergen, was sein Wesen ist: das einer Kaste, die glaubt, sie sei durch Geburt und Tradition anderen Menschen überlegen. Anstatt über den Judenhass, die Demokratiefeindlichkeit und die Kriegsverbrechen dieser deutschen Elite aufzuklären, legen die Massenmedien und allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen heute über solche elitekritischen Themen den Mantel des Schweigens. (Jutta Ditfurth)

Jutta Ditfurth untertitelt ihr neues Buch „Der Baron, die Juden und die Nazis“ zwar mit einer „Reise in eine Familiengeschichte“, doch sie nimmt uns mit in den elitären und rassistischen Teil der Geschichte aller Deutschen.

Jutta Ditfurth, geborene von Ditfurth, hat das Leben des Literaten Börries von Münchhausen (1874-1945), ihrem Urgroßonkel, porträtiert. Ohne Längen schildert sie über 318 Seiten den Opportunismus ihres völkisch gesinnten, wohlhabenden, Verwandten, der als junger Mann mit Juden freundschaftlich verkehrte, sich dann aber der NSDAP andiente und der faschistischen Ideologie in der Kulturszene das Rückgrat gab – zugunsten der eigenen Karriere. Mit 850 Verweisen belegt Ditfurth ihre Aussagen. Sie zitiert vor allem aus Briefen, die sich die Adligen geschrieben haben. Aus dieser Fleißarbeit ist eine spannende, flüssig geschriebene, Erzählung geworden.

Jutta Ditfurth bohrt systematisch auf, wie tief der Antisemitismus dem Deutschen seit Jahrhunderten verwurzelt ist, welche unglaublichen, geradezu absurden, Ausmaße der Judenhass hatte. Sie spart dabei die Entstehung und Verfestigung des Zionismus nicht aus.

Welche Bedeutung der Adel für die Nazis hatte und wie weit es mit der Aufarbeitung des faschistisches Erbes wirklich gediehen ist, entblättert Ditfurth, die „nur einen einzigen Verwandten unter Hunderten fand (ich), der Juden und Sozialdemokraten nicht verabscheut hatte“. Und sie gibt schonungslose Antworten, kommt dabei fast ohne Kommentierung aus.

Das Buch geht auch der Frage nach, welche Rolle Börries von Münchhausen heute noch spielt. Auf den Internetseiten der NPD finden sich die Gedichte des Antisemiten wieder, Jutta Ditfurth widmet dem 15. Kapitel ihres Buches dem „Heute: Börries von Münchhausen und die Neonazis“.

So fand meine sächsische Abgeordnetenkollegin Kerstin Köditz 2010 heraus, dass der verurteilte Rechtsterrorist Karl-Heinz Hoffmann (Gründer der gleichnamigen und verbotenen Wehrsportgruppe) vom Bundesland Sachsen 130.000 Euro an Steuergeldern zugeschanzt bekommen hatte. Er hatte Schloss Sahlis gekauft, welches einst Münchhausen gehörte. Er bekam das Geld „für Pflege und Erhaltung“ des Ritterguts. 17.000 Euro musste die Landesregierung schließlich zurückfordern, weil Hoffmann die Verwendung dafür nicht nachweisen konnte. Der Verdacht bestand, dass Hoffmann davon Sprengstoff beschafft haben soll. Durchgeführte Razzien waren nicht erfolgreich.

Man fragt sich: Warum verklären wir heute immer noch Könige und Prinzessinnen, Barone und Gräfinnen, anstatt die Adelskaste in die Mottenkiste zu packen? „Der Baron, die Juden und die Nazis“ ist daher auch eine berechtigte Medienkritik, denkt man an die stundenlangen Live-Übertragungen von ARD und ZDF von Prinzenhochzeiten.4ca2a48b09

Die Schriftstellerin hat ein dringend notwendiges Buch geschrieben. Was mich verwundert: Es sind nur wenige Rezensionen erschienen. Anja Röhl beispielsweise hat es ausführlich beschrieben und bewertet. Dennoch frage ich mich, warum das Buch eine geringe Rolle in der öffentlichen Debatte einnimmt. Aus meiner Sicht erklärt es auch den heutigen Fremdenhass. Die unaufgearbeitete Geschichte entfacht den rassistischen Geist immer wieder neu.

coverbarona7Mit der „Der Baron, die Juden und die Nazis“ hat Jutta Ditfurth eine Lücke in der Aufarbeitung unserer Geschichte geschlossen. Dafür gebührt ihr Dank.

5 Kommentare

  1. Dankeschön für diesen Lesetipp!
    nachdem was Du geschrieben hast, fehlt mir aber der selbstkritische Hinweis, dass auch alle sogenannten nichtadeligen Deutschen mal in den Spiegel (nicht Magazin) gucken sollten. Die Lösung kann nicht sein, eine ‚Gegen’kaste aufzubauen, die all das für sich übernimmt (vielfach sehr unkritisch) was sie gerne auch hätte – täte. Und dies nicht nur beim Rassismus. Juttas Vater hat dazu viel geschrieben und dabei öfter linken Denkmustern auf die Füße getreten. Deshalb wird er m. E. unterbewertet. Aber natürlich muss auch er kritisch gelesen werden.

    • Liebe Renate, danke für Dein Feedback und Deinen Hinweis. Da sich Jutta in ihrem Buch mit dem Adel befasst, habe ich mich darauf konzentriert. Es war nicht meine Intention, dafür zu plädieren, eine „Gegenkaste“ aufzubauen. Liebe Grüße, Kersten

  2. Liebe Kersten, nein die ‚Gegen’kaste habe ich nicht bei Dir gesehen. Es ist mein persönlicher Begriff für die Teile bei unseren Freunden und Orientierungshilfen Marx, Engels, Rosa und Co. die ganz offensichtlich Herrscher/Adelsgehabe zum Vorbild haben und entweder direkt oder indirekt in die Arbeiterklasse über’wünschen‘.

    sich davon zu befreien kann uns kein System helfen und auch keine Theorie. Das muss jeder mit sich selbst und im gegenseitigen korrigieren lernen.

    habe ich mich verständlich ausgedrückt?

    u. A. deshalb bin ich kein Freund von Blogs usw., man diskutiert nicht mehr richtig miteinander.

    Übrigens auch Dein Stern Interview‘

  3. Danke für diesen Buchtipp.

    Gibt es auch Lesenswertes über andere Adelslinien, die eher international seit Jahrhunderten agieren, wenig bis keinen Antisemitismus zeigen und mit international erfolgreichen jüdischen Familien gut zusammenarbeiten?

    Kann man hier zwischen Adelslinien unterscheiden, denn auch (teilweise) deutschstämmige Adelsfamilien sind international noch heute erfolgreich in Wirtschaft und Politik? Auch diese haben ein „Stammesbewusstsein“, das sich durchaus in ihrem täglichen Handeln ausdrückt.

  4. Auch die „Adelsfamilien“ bestehen aus einzelnen Menschen und können nicht insgesamt beurteilt werden. Leider neigen Personen mit adeligem Namen und „linker“ Haltung dazu, den adeligen Namensteil nicht zu führen. Aber obwohl Juttas buch sehr wichtig ist, sollte man jetzt nicht verallgemeinern..

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