Kersten Artus

Journalistin

Ein ganz normaler Shitstorm?

| 1 Kommentar

cchMan sollte Sie angesichts dieses Schwachsinns in eine geschlossene Anstalt einliefern.“ – „Sie … stecken bis zu den Schultern in den Ärschen der Migranten …“ – „Meinen Sie nicht, dass Sie es mit Ihrem Heiligenscheingutmenschentum etwas übertreiben?“ – „Laufen Sie mal mit dem Kopf gegen die Wand, vielleicht hilft es!!!“ – „Gott würde ich gerne mal einer solch unfassbar dämlichen Frau begegnen, ausholen und ihr voll eins auf die 12 geben …“ – „Du dämliche Schnalle … wie behindert seid ihr Doofköppe denn?“ – „Die kriegens persönlich. Mir egal wie, und wenn ich ne Woche vor deren Haus campe!“

Diese Kommentare beziehen sich auf einen Beitrag, den Spiegel-TV vor vier Jahren ausgestrahlt hat und in dem meine
fotodamalige Abgeordnetenkollegin Nebahat Güclü (Grüne) und ich interviewt werden 1 . Er steht seitdem im Internet. Viele Foren, darunter deutschland.net 2 , pi-news 3 , medrum.de 4 aber auch unterlinken.de  5 , haben das Video mit Begleittexten gepostet.

Wie kommts, dass Nebahat und ich deswegen so beschimpft wurden – und neuerdings wieder werden?

Wir wurden für diesen TV-Beitrag interviewt. Es geht darin um eine Broschüre 6 , welche die Hamburgische Bürgerschaft in 2009 herausgegeben hat. Ein Politikheft für Grundschülerinnen und Grundschüler, im Pixi-Format.get_picture-1

Alle Fraktionen fanden es damals gut, dass ein Kinderbuch über Politik von uns gemacht wird. Das heißt, im Auftrag der Bürgerschaft. Angefertigt haben es professionelle Kinderbuch-Macherinnen. Die vier Fraktionen CDU, SPD, GAL und LINKE erhielten vorab das Manuskript.

Wir waren uns ohne nennenswerten zeitlichen Aufwand einig, dass an den Texten und an den Bildern kleine Korrekturen vorgenommen werden müssten. Das Buch bildete die Lebensrealität unserer Schulkinder nicht ab: So waren deutsche Kinder, ziemlich viele Jungen und kein einziges behindertes Kind zu sehen. Außerdem eine ausschließlich traditionelle Familie – Vater, Mutter, Kinder.

Es wurde danach ein türkischer Mädchenname, einige dunkelhäutige Kinder und ein Rolli-Kind eingearbeitet. Aus einem Jungen wurde ein Mädchen.

Springers BILD und das Hamburger Abendblatt berichteten darüber. Tenor: Haben die nichts Besseres zu tun? 7, 13 . Dann wurde Spiegel TV auf das Projekt aufmerksam – und bat Nebahat und mich um ein Interview.

Warum sollte ich dem Sender kein Interview geben? Unser Pressesprecher und ich waren skeptisch, aber ich hatte ja die Macht des eigenen Wortes. Dachten wir. Das Kamera-Team rückte an, die Journalistin legte mit scheinbar harmlosen Fragen los.

Ob ich glauben würde, dass das Lesen eines traditionelleren Textes Kindern sehr schaden könnte?, wollte sie von mir wissen. Was für eine komische Frage, dachte ich und gab ihr auch keine bestätigende Antwort. Schaden – nö, wieso? Aber viele Kinder würden sich von dem Buch nicht angeprochen fühlen. Jedes zweite Kind, das in Hamburg eingeschult wird, hat einen Migrationshintergrund. Tausende Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf. Und die Jungen-Dominanz in Bilderbüchern ist einfach überholt. Diese Antworten sendete Spiegel TV nachher nicht. Das wäre wohl auch zuviel Information für die geplante Polemik gewesen.

Als der Beitrag ausgestrahlt wurde, fand ich ihn schlecht gemacht. Überzogen, der Sachverhalt falsch dargestellt. Denn natürlich hatten weder Nebahat Güclü noch ich uns tagelang mit dem Thema beschäftigt. Auch waren wir nicht die Einzigen, die das Manuskript kritisiert hatten. Aber daran war Spiegel TV nicht interessiert. Dessen Stoßrichtung stand von vornherein fest: Linke und grüne Emanzen haben nichts Besseres zu tun, als sich an einem harmlosen Kinderbuch zu vergreifen. Während die HSH Nordbank den Bach runterrauscht.

Ich erhielt Tonnen von E-Mails. Auf die ersten antwortete ich noch individuell. Als dann eine Frage auf abgeordnetenwatch.de 8 kam, fertigte ich eine umfassende Stellungnahme dazu an, auf die ich später aus Zeitgründen verwies. Denn eines hatte Spiegel TV jetzt wirklich geschafft: Mich mit dem Thema von meiner eigentlichen Arbeit als Abgeordneter abzuhalten.

Ich beschwerte mich beim Chefredakteur des Senders. Der antwortete lakonisch, es handele sich um eine Satire. Bitte? Alle Kriterien, die ein Beitrag erfüllen muss, um in dieses Genre zu fallen, wurden nicht erfüllt. Niemand der aufgebrachten Männer, die mich und Nebahat zum Teil wirklich strafbewehrt beschimpften, hatten den Beitrag satirisch empfunden.

Einzig die Hamburger Morgenpost hatte Anfang Oktober 2009 über den Shitstorm berichtet 10 . Aber weder korrigierten sich Bild, noch Abendblatt, noch gar Spiegel TV oder schrieben wenigstens darüber, was uns widerfahren war.

Immer noch kreist das Video im Netz. Seit kurzem ist es nun auf einigen Facebook-Seiten 9 zu finden. Dass der Beitrag vier Jahre alt ist  – wen juckt’s?

get_picture-1Dass Nebahat gar nicht mehr in der Bürgerschaft ist***, und dass es jetzt mittlerweile ein weiteres Pixibuch der Hamburgischen Bürgerschaft mit dem schönen Titel „Ich habe eine Freundin, die ist Abgeordnete“ gibt 11 , interessiert weder die frauenfeindliche, rassistische und religiösfanatische Männer-Meute, noch Spiegel TV.

Spiegel TV verdient übrigens sogar noch Geld mit dem Beitrag, denn ein zehn-Sekunden-Werbeblock ist ihm vorgeschaltet.
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1 Video auf Spiegel TV
2 Video auf deutschland.net
3 Video auf pi-news
4 Video auf medrum.net
5 Video auf unterlinken.de
6 Pressemeldung der Hamburgischen Bürgerschaft zum Pixi-Buch
7 BILD-Bericht
8 Statement auf abgeordnetenwatch.de
9 Auf Facebook gepostet bislang in: „Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land – gegen den Genderwahn (wgvdl.com)“; „Ich bin Patriot aber kein Nazi“
10 Mopo-Bericht
11 Bericht über das neue Pixi-Buch „Ich habe eine Freundin, die ist Abgeordnete“
12 Publikationen der Hamburgischen Bürgerschaft für Kinder
13 Abendblatt-Bericht

*** Seit März 2015 gehört Nebahat Güclü wieder der Bürgerschaft an. Ich gehöre der Bürgerschaft seit 2015 nicht mehr an.

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen Beitrag. Sehr unaufgeregt markierst du Niederungen des leider immer wieder kommerzorientierten Journalismus und dem unterschwelligen Nazismus in unserer Gesellschaft. Du wehrst dich dagegen und das ist gut so!

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