Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Edward Snowden in Hamburg

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img_4502Wenn der Henri-Nannen-Preis verliehen wird, gibt es anschließend neben gutem Journalismus immer auch über einen Aufreger zu berichten.  2012 war dies die Ablehnung des Henri-Nannen-Preises durch Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nikolas Richter von der Süddeutschen Zeitung.

In diesem Jahr gab es keinen Skandal – aber es wurde viel über einen geredet: Nämlich darüber, dass Edward Snowden immer noch nicht die Möglichkeit bekommen hat, in Deutschland auszusagen. Als Laura Poitras den „Henri“ für ihre Berichterstattung über die US-Sicherheitsdienste überreicht bekam, gratulierte Snowden aus Moskau per Videoeinspielung und bekräftigte, dass er in Deutschland aussagen würde.

Erst nachmittags hatte Gregor Gysi auf einer Wahlkampfveranstaltung der LINKEN in Eimsbüttel zu den Europawahlen verdeutlicht, wie skandalös das Verhalten der Bundesregierung bezüglich Snowden ist. Er deckte auf, dass die Bundeskanzlerin von der NSA abgehört wird, dennoch zeigt sie fast schon devotes Verhalten gegen über der US-Regierung. Ein Volk wird ausgeschnüffelt und das Regierungshandeln geht weiter sie bisher. Die Polit-Elite hat kein Interesse, den Kronzeugen der weltgrößten Ausspionierei zu hören.

So habe ich die Botschaft, die von der Preisverleihung ausging, sehr begrüßt. Es ist gut, dass JournalistInnen keine Ruhe geben und das staatlich verordnete und geduldete Spionieren recherchieren und aufdecken.

2012 bekam keine einzige Frau einen „Henri“ verliehen. Diesmal waren zwei Frauen unter den Siegerinnen. Immerhin. Neben Laura Poitras bekam Özlem Gezer vom SPIEGEL einen Preis für ihr Porträt über den Kunstsammler Cornelius Gurlitt.

Journalismus hat ein Geschlecht. Und selbst wenn es jede Menge Chefredakteurinnen, Verlegerinnen oder Vorstandsvorsitzende gibt: Das Patriarchat reproduziert die herrschende Meinung durch das ihm dominierende Geschlecht. Daher war es für mich keine Überraschung, dass auch dieses Jahr die – fachlich ja kompetente – Jury den „Henri“ weit überwiegend an Männer vergeben hat. Dabei war es ja nicht so, dass keine Frauen nominiert gewesen sind. Zum Beispiel Kaija Kutter von der taz. Sie hatte den Skandal um die Haasenburg aufgedeckt.

Als das neunköpfige Team vom SPIEGEL für ihre Investigativ-Recherche zur NSA-Affäre geehrt wurde, kamen neun Männer in die Manege. Als der Laudator Giovanni di Lorenzo einen der SPIEGEL-Journalisten fragte, warum im Investigativjournalismus kaum oder keine Frauen arbeiten würden, und dieser Kollege mit einem freundlichen Lächeln sagte, das sei eine unangenehme, harte Arbeit, gellten Pfiffe und Buhrufe durch Kampnagel. Er beendete den Satz beschwichtigend mit „was auch Frauen natürlich gut könnten“.

Journalismus ist männlich. Trotz vieler Frauen in der Branche. Und vieler weiblicher Führungskräfte in den Medien. Aber die Leitmedien des Landes sind im Wesentlichen von Männern dominiert und sie denken nicht daran, uns einen angemessenen Platz einzuräumen. Nicht umsonst fordert Pro Quote eine Mindestbesetzung von Frauen auf allen Führungsebenen in den Medienunternehmen. Es ist wichtig, die Quote auch in Medienunternehmen einzuführen. Und zwar solange, bis es wirklich völlig egal ist, wessen Geschlecht jemand ist, wenn er oder sie einen Preis oder einen Job bekommt.

Gruner + Jahr könnte Zeichen setzen und die Jury des Henri-Nannen-Preises nächstes Mal fifty-fifty besetzen. Ich bin überzeugt: Auch künftig werden die besten Reportagen, Essays und Dokumentationen gewinnen. Auch künftig werden gute Journalisten für ihre Arbeit den „Henri“ kriegen. Journalistinnen aber auch.

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