Kersten Artus

Journalistin

Ab jetzt wird entdeckt!

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rotepuppeAn meiner Leselampe hängt eine rote Puppe. Ich habe sie mit einem dünnen Bindfaden aufgehängt in der Hoffnung, dass sie meinen Enkel interessieren möge. Nun ist es soweit: Neugierig schaut er sie an.

Er greift nach ihr – leider ins Leere. Denn die Puppe wackelt und schwingt, und die kleinen Finger sind noch nicht so schnell, dass sie das Objekt rechtzeitig umfassen.

Und als wenn sie das Vorhaben unterstützen könnten, bewegen sich jetzt auch Beinchen und Füßchen. Sein ganzer Babykörper arbeitet konzentriert an dem Plan, die Puppe an sich zu ziehen. Dann greifen die Hände erneut zu – und fassen endlich ein Puppenbein. Was für ein Erfolg! Was für eine Leistung!

Sehen und Zupacken, das sind zwei wichtige Fähigkeiten, um in einem Alter von dreieinhalb Monaten die Welt verstehen zu lernen. Es scheint so, als wenn Hunger, Durst und Verdauung ein klein wenig in den Hintergrund getreten sind. Ab jetzt wird entdeckt!

Und was es alles zu schauen und zu hören gibt: So viele Gesichter, so viele Geräusche. Und immer wieder Licht! Wer in das kleine Gesicht schaut, wird meistens angelächelt. Dann weiten sich die kleinen Nasenflügel, die Mundwinkel gehen nach oben, die Augen blinzeln. Es ist ein offenes, aufmerksames Lächeln.  Man muss einfach mitlächeln.

Aber fällt ein Strahl der Sonne in den Kinderwagen, ist das blöd. Und raschelt etwas, ist das irritierend. Gerät dann aber ein Smartphone in sein Visier, das ihn fotografiert oder filmt, hat es seine ganze Aufmerksamkeit, zum Betrübnis seiner Eltern, die so gerne unbefangene Aufnahmen machen möchten.

Ich erinnere mich: Meine Kinder haben jede Aktivität eingestellt, wenn der Fotoapparat oder die Videokamera auf sie zielten. Wir überlegten uns viele Verstecke für die Kamera, damit sie sie nicht entdecken, damit sie weiterspielen, quasseln und schimpfen und mit dem Essen herumschmieren  – und wir das alles für die Nachwelt aufnehmen konnten. Etliche Aufnahme enden damit, dass insbesondere unser Sohn die Kamera bemerkte und auf sie zulief. Was uns damals ärgerte und uns raffinierte Aufnahmemethoden erfinden lies, ist heute ein großer Spaß, wenn wir die alten Filme anschauen.

Wie lange die Puppe noch an ihrem Bindfaden hängen wird, ist fraglich. Ich gebe ihr noch ein paar Wochen. Dann wird sie gepflückt. Und gelutscht. Und gedrückt. Aber dafür ist sie ja auch da.

 

 

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