Kersten Artus

Journalistin

Enkel & Opa

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Ich hätte mir damals keinen besseren Vater für meine Kinder wünschen können. Er war bei den Geburten dabei, er hat die Hälfte des Erziehungsurlaubes genommen, er hat (vergeblich) versucht, für seine Kinder in Teilzeit zu gehen. Er hat schreiende Bündel durch endloses Tragen und nächtliche Spazierfahrten im Kinderwagen beruhigt. Beim Sommerfest in der Kita hat er einen ganzen Nachmittag lang Kindergesichter geschminkt und keinen Elternabend ausgelassen.

Jetzt ist er Opa und wirft, wenn er seinen Enkel anschaut, genau den gleichen Blick auf ihn, mit dem auch seine Kinder betrachtet hat.

Großväter spielen in der gesellschaftlichen Betrachtung leider eine Randrolle. Ältere Väter sind oft genug beschrieben worden. Ein Mann kann bis ins hohe Alter Vater werden und es gibt viele prominente und noch viel mehr weniger bekannte Beispiele. Die Für und Wider werden breit erörtert. Sie kommen selbst zu Wort, die Kinder sagen was dazu, Fachleute geben ihre Kommentare ab. Das Volk hat seine Meinung. Aber wer redet über Opas?

Wenn ein Mann in die Jahre kommt, dann setzt er sich genauso wie eine Frau mit der Endlichkeit seines Körpers, seinem sich verändernden Aussehen und der nachwachsenden Konkurrenz auseinander. Dennoch werden Krankheiten und nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit (leider) immer noch weitgehend erfolgreich vom Manne an sich verdrängt. Dabei (oder daher?) altern Männer weniger sexistisch als Frauen, da ausfallende Haare und wachsender Bauch nicht mit dem Verlust von Männlichkeit identifiziert werden. Der eigentliche Bruch mit der Identität kommt dann oft mit dem Ausstieg aus dem Beruf – sei es zwangsweise durch Arbeitslosigkeit oder durch die Rente.

Wo sind sie, die aktiven Opas? Wo sind die Großväter, die ihren Töchtern und Söhnen beistehen, wenn sie Eltern werden; die Babysitter spielen und Ratschläge vorhalten aus der eigenen Erinnerung als junger Vater? Mehrheitlich dürften Männer zwar gar keine Erinnerung an eine aktive Vaterschaft in der Anfangszeit ihrer Kinder haben. Ist das der Grund für das quasi gesellschaftliche Nichtvorhandensein des Großvaters?

Die Rolle des Großvaters wird in keiner mir bekannten ernstzunehmenden Veröffentlichung beschrieben. Zu Unrecht, wie ich finde und es ist Zeit, dass das geschieht: Seit vier Monaten werde ich Zeugin einer rührenden Liebesgeschichte und ich glaube nicht, dass sie einzigartig ist.

Mein Enkel und sein Opa verstehen sich gut. Besser gesagt: Der Opa versteht seinen Enkel – und seine Tochter. Er bietet sich selbstverständlich an, den Kleinen auf den Arm zu nehmen. Er geht mit ihm durch die Wohnung, bleibt mit ihm vor dem Regal stehen und erzählt ihm, was in den vielen Büchern steht. Er legt seine Hand flach an die Babyfüße, damit der sich abstemmen kann und so Zentimeterweise nach vor robbt. Er schnappt sich selbstverständlich den Kinderwagen und zottelt mit ihm durch Eimsbüttel. Er weiß auch noch, wie man den Kinderwagen auf die Rolltreppe schiebt, so dass die eigenen Bandscheiben geschont bleiben und der Wagen sicher ist.

Neulich hatte er ihn sogar ganz alleine bei sich. Weder meine Tochter noch ich hatten Bedenken. Warum auch – wir kennen ihn gut und wissen um seine Fürsorge.

Eigentlich ist es sogar so: Als meine Tochter mir kurz vor der Geburt erklärte, sie wolle mich mit in den Kreißsaal nehme, sollte der werdende Vater aus irgend einem Grund bei der Geburt nicht dabei sein können, war mein erster Gedanken: Hilfe, warum ich, frag Deinen Vater! Er war schließlich auch bei Deiner Geburt und der Deines Bruders dabei.

Wie war das mit meinem Opa? Ich habe nur einen bewusst erlebt und ihn sehr geliebt. Er hat mir erlaubt, mit einem Kartoffelschälmesser zu schnitzen. Ich durfte bei ihm auf dem Schoß sitzen, wenn er „hier und heute“ im WDR schaute und die Tagesschau. Ich bin ihm entgegengelaufen, wenn er von der Schicht kam und rannte in seine Arme. Wenn ich nachts zwischen meinen Großeltern in der Besuchsritze lag, lauschte ich seinem Schnarchen und fand es witzig, wenn er mit dem Atmen aussetzte, nach Luft schnappte und sich die Geräusche aus seinem Hals langsam wieder steigerten. Mit Interesse und Respekt schob ich immer wieder seine Nachtischschublade auf, in der seine Glasaugenprothesen lagen. Als Sechsjähriger hatte er beim Spiel ein Auge verloren. Er hat mir auch viele Geschichten aus seiner US-Kriegsgefangenschaft erzählt, deren Dimension ich damals noch nicht verstanden habe. Ich habe nur dem Opa zugehört, für den ich in diesen Momenten wichtig gewesen bin.

Der Opa meines Enkels wird keine verharmlosenden Kriegsgeschichten erzählen. Er wird ihm erzählen, dass er in den 1970ern Häuser besetzt hat, wie er sich vor der Bundeswehr gedrückt hat und dass er einst für die Friedensliste In Hamburg zu den Bürgerschaftswahlen kandidierte. Er wird ihm von seinen Auslandsreisen erzählen, die er als 17-Jähriger gemacht hat. Wenn ich das so bedenke, dann glaube ich schon, dass dieser Opa doch einzigartig ist.

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