Kersten Artus

Journalistin

Familienfeiern

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Wenn sehr alte Menschen Geburtstag feiern, kommen meist andere alte Menschen zum Gratulieren vorbei. Es wird Kaffee mit 20-prozentiger Sahne getrunken, Kuchen und Torte gegessen und vielleicht ein Glas Likör oder Korn getrunken. Die erwachsenen Kinder sind da und sorgen dafür, dass die Gäste stets ein volles Glas haben und die mitgebrachten Blumensträuße einen Platz in einer Vase erhalten. Das Geburtstagskind trägt eine schicke Bluse oder hat ein frisch gebügeltes Hemd angezogenMan hört Musik von früher. Und es wird geklönt und gekichert, über andere geredet, auch über die, die nicht mehr dabei sind, weil man sie im letzten Jahr beerdigt hat. Ab und zu klingelt das Telefon. Es gratulieren fernmündlich jene, die entweder zu weit weg wohnen, um vorbeizukommen oder die nicht mehr laufen können. Geburtstage alter Menschen sind in der Regel eine Ansammlung weißhaariger Menschen, die sich für einen Nachmittag fein gemacht haben und ein paar Stunden lang gemeinsam in die Vergangenheit schauen.

Der Bruder meiner Schwiegermutter, also der Onkel meines Mannes, ist jetzt 97 Jahre alt geworden. Das ist ein Alter, wo man nicht mehr so viele gleichaltrige Freunde oder Bekannte hat und nicht mehr so viele Anrufe kommen. Vielleicht auch gar keine mehr. Aber wenn man Glück hat, hat man Familie und Nachbarschaft und wenn man noch mehr Glück hat, haben sie am Geburtstag auch Zeit und kommen zu Besuch. Der Jubilar hat dieses Glück. Verwandte und Angeheiratete aus vier Generationen und Nachbarn waren zu seinem 97. Geburtstag zu Besuch in die Eimsbütteler Etagenwohnung gekommen, um mit ihm den Nachmittag bei Torte, Keksen, Schnittchen, Sekt und Kaffee zu verbringen.

Fünf Kinder zwischen neun Monate und sieben Jahre waren dabei und sorgten dafür, dass die Erwachsenen nicht zu behäbig da saßen und sich nur alte Geschichten erzählten. Und so war das älteste, was herum gereicht wurde, ein selbst gemaltes Bilderbuch des schon vor langem verstorbenen Vaters Wilhelm. 14-mal hat an diesem Tag das Telefon geklingelt.

Mein Mann erinnert sich, dass schon er als kleiner Junge zusammen mit seinen Geschwistern und Cousins in dieser Wohnung gewesen war. Heute läuft unser 20 Monate alter Enkel in den Räumen herum, stibizt Kekse aus einer Schale, die auf dem vom niedrigen Sofatisch steht, räumt Holzfiguren vom Fenstersims und Familienbilder aus dem Regal.

Das Geburtstagskind schmiedet Pläne für die Zukunft: Sein 100. Geburtstag soll dort gefeiert werden, wo sich die Familienmitglieder früher an Ostern und zu Weihnachten versammelten, in Appelbeck am See. Das ist eine verlockende Aussicht, denn das Essen ist dort sehr lecker und wir sind schon lange nicht mehr da gewesen.

Doch eins nach dem anderen: Nächstes Jahr feiern wir im Frühjahr zunächst den 90. Geburtstag meiner Schwiegermutter. Nicht nur Nachbarn und Verwandte, sondern auch einige Kegelschwestern und Klassenkameradinnen werden wohl dabei sein. Enkel und Urenkel sowieso.

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