Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Weiße Ritter

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Gestern hat mein Enkel hohes Fieber bekommen. Heute hüte ich deswegen ein. Es geht es ihm wieder besser, aber man weiß ja nie, ob das Fieber im Laufe des Tages nochmal zurückkehrt. Mein Mann erzählt oft, dass er als Kind glaubte, Fieber seien weiße Ritter, die in die Schlacht ziehen, um die Krankheit zu bekämpfen. Er war stolz auf die weißen Ritter, wenn sie gewonnen hatten.

Meinem Enkel kann ich das noch nicht erzählen. Er ist noch zu klein, um das zu verstehen. Er versteht aber anderes sehr gut, und er spricht immer besser. Jeden Tag kommen neue Wörter hinzu. Heute Morgen sagte er „ar-bei-ten“, als sich seine Mutter von uns verabschiedete. „Weg“ heißt „geh weg“. „Hab“ heißt „haben“. „Arm“ heißt „auf den Arm“. „Runter“ heißt „Ich will wieder runter“. „Pauli“ heißt „St. Pauli“, und  „Uhme“ heißt „Blume“. „Ball“ kann er perfekt aussprechen und „Bälle“ jetzt auch schon. Auch Tiernamen kann er richtig gut sagen. Igel, Fuchs und Ziege sind jetzt zu Katze, Frosch, Affe, Hund, Pferd hinzugekommen. Bei einer Schlange zischt er neuerdings. Gefährte wie Auto, Flugzeug, Boot kann er zuordnen und aussprechen. Ich finde das für 20 Lebensmonate echt gut. Alltagsgegenstände wie Windel, Löffel, Handy sagt er, seine engsten Menschen kennt er beim Namen. Ich bin Keke, was mit sehr gefällt. Oma möchte ich nämlich nicht genannt werden. Nicht weil ich keine Oma sein möchte, sondern weil ich zu ihm auch nicht Enkel sage. Bereits meine Kinder nannten mich beim Vornamen.

Wir haben den Vormittag über gespielt. Eine Kissenschlacht gemacht, die Puppen in ihre kleinen Etagenbetten gelegt, Duplos gestapelt, Tier-Lotto gelegt, im Waschbecken ein Boot fahren lassen, ein Buch gelesen, zusammen abgewaschen und gekocht. Dann wurde er müde, hat aber noch einen Teller Tomatenreis aufgegessen. „Mate“ heißt „Tomate“. Ich habe ihn ins Bett gelegt und ihm ein Liedchen gesungen, der Schnuller steckte fest im Mund. Was träumt so ein kleines Kind? Verarbeitet es den Vormittag? Laufen Duplo-Tiere durch sein Bett? Fährt es auf dem Boot durch das Waschbecken? Sagt die Katze aus dem Tier-Lotto „miau“ und der Hund „wauwau“? Oder meckert die Ziege es laut an, so dass es lachen muss? Wirft es mit einem Kissen nach mir oder nach seinen Eltern? Mein Enkel wird es mir nicht erzählen und wird es auch nicht mehr wissen.

Ich glaube, ich kann mich an einen Traum aus meiner frühesten Zeit erinnern. Wie alt ich gewesen bin, als ich das geträumt habe, weiß ich nicht. Erinnern kann ich mich an meine vielen Alpträume und an Szenen, die in meinen Träumen oft wiederkehrten. Träume haben auf mich immer großen Einfluss gehabt. Ich habe viel an sie gedacht und über sie nachgedacht, habe sie aber nie gedeutet. Sie waren Teil meiner Gedankenwelt und somit auch real.

Wenn ich krank war, hatte ich nie die Vorstellung, dass weiße Ritter in mir kämpfen. Kranksein war schön, weil ich dann mit Süßigkeiten verwöhnt wurde und Aufmerksamkeit erlebte, die ich sonst nicht hatte. Ich war viel zu selten krank, fand ich als Kind.

Meinem Enkel geht es glaube ich schon wieder gut. Er hat zwar einen Rotz in der Nase, aber das Fieber ist bislang nicht zurückgekommen. Kann sein, dass die Temperatur nochmal wieder steigt. Das geht ja schnell bei Kindern. Aber es ist dann immer eine oder einer da, die/der ihm Aufmerksamkeit schenkt. Und das nicht nur, wenn er krank ist.

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