Kersten Artus

Journalistin

Bewerbungsverweigerung

| 8 Kommentare

Ich suche einen Job. Einen, von dessen Gehalt ich meine Miete zahlen kann, meine Versicherungen, notwendige Einkäufe. Ich suche aber auch nicht irgendeinen Job. Am liebsten würde ich bei einer NGO arbeiten. Oder in einem Unternehmen, das Soziales als Geschäftsziel hat. Beworben habe ich mich bei knapp zwei Dutzend Betrieben. Drei Vorstellungsgespräche sind dabei bislang herausgekommen, also ziemlich mager. Bin ich zu alt, zu teuer, zu links? Keine Ahnung. Ein ehrliches Feedback bekommst Du nicht. Aber immer alle guten Wünsche für die berufliche Zukunft.

Nochmal so viele Gespräche habe ich geführt mit Leuten, um Aquise in eigener Sache zu betreiben und Zeitungen und Zeitschriften Themenvorschläge zu unterbreiten. Herausgekommen sind dabei zum Teil richtig gute Aufträge – und tolle Texte. Genauso stellte und stelle ich mir meine berufliche Zukunft vor: Nicht mehr eng binden, nicht mehr den ganzen Tag, eine lange Arbeitswoche nur für eine Sache arbeiten. Hier einen Text, da ein Projekt, mal eine Moderation, und außerdem halte ich jetzt ja auch Trauerreden. Das ist eine Herausforderung, aber ich hatte auch nicht vor, es mir bequem zu machen.

Ab und zu kommen von der Agentur für Arbeit Vermittlungsvorschläge. Der Begriff erinnert mich ein wenig ans Orwell’sche Neusprech, denn ein Vorschlag ist eigentlich etwas unverbindliches. Ein Vermittlungsvorschlag der Agentur für Arbeit ist verbindlich. Ich muss mich bewerben, will ich keine Kürzung meines ALG I riskieren. Immerhin, von vier Vorschlägen fand ich drei einigermaßen passend und habe mich umgehend beworben. Der eine Job war schon weg, bei den anderen beiden passte mein Profil irgendwie nicht so richtig. Das hat mir nicht weh getan. Eher finde ich es verwunderlich, dass nur so wenige „Vorschläge“ bislang gekommen sind.

Der vierte „Vorschlag“ der Arbeitsagentur war eine Redakteursstelle. Der Arbeitgeber: Die Bundeswehr. Neben klassischer Pressearbeit soll ich dort Themen sowie mittel- und langfristige Themenplanungen für die Dienststellen der Streitkräftebasis im Verantwortungsbereich des Landeskommandos entwickeln und erarbeiten. Ich soll in allen Aufgabenfeldern der Informationsarbeit planen, durchführen und leiten. Vertretungsweise soll ich Interviews wahrnehmen, insbesondere für Hörfunk und Fernsehen.

Ich habe 1983 an einer bundesweiten frauenpolitischen Initiative teilgenommen, bei der Frauen kollektiv und vorsorglich den Dienst bei der Bundeswehr verweigert haben. Dem damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner waren Frauen auf dem Tanzparkett nach Eigenaussage zwar lieber als an der Waffe, was den alten Chauvi aber nicht davon abhielt, die „Bundeswehr für weibliche Soldaten zu öffnen“. Selbst Schwarzers „Emma“ wollte den Zugang von Frauen zum Militär. Alice stand noch nie für meinen Feminismus.

Wir friedensbewegten Frauen verweigerten. Und ich finde es auch heute noch richtig. Für mich hat das nichts mit Emanzipation zu tun, auf Befehl eine Knarre in die Hand zu nehmen. Soldaten sind Mörder, fand auch Tucholsky.

Könnte ich als Redakteurin bei der Bundeswehr arbeiten? Mich hat es einige Tage beschäftigt. Sicherlich hätte ich mich herumwinden können. Die Anforderungen waren nicht deckungsgleich mit meinen Qualifikationen. Und genommen hätten die mich sowieso nicht, sagte mir jemand. Ich habe kein Hochschulstudium und auch keinen Führerschein. Mir gefiel so ein Opportunismus aber nicht. Also habe ich die Bewerbung verweigert.

Ich schrieb der Agentur für Arbeit Ende letzten Jahres einen Brief. Darin steht unter anderem: „Zum anderen möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich aus Gewissensgründen nicht bei der Bundeswehr arbeiten kann und berufe mich hierbei auf Artikel 4 Grundgesetz. Ich wäre als Redakteurin dazu verpflichtet, den Einsatz und Gebrauch von Waffen und damit das Töten von Menschen proaktiv zu rechtfertigen. Ich lehne Waffengewalt ab, soll aber in der Position einer Redakteurin eigenständig Pressegespräche und Pressekonferenzen durchführen und stellvertretend auch Interviews und Stellungnahmen für Hörfunk und Fernsehen wahrnehmen. Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, diese Position einzunehmen. Das Töten von Menschen ist keine Lösung für Konflikte. Ich bin friedfertig veranlagt. Mein Bestreben ist vielmehr, für die Allgemeinheit zu arbeiten. Daher habe ich mich auch in diesem Jahr bei vielen NGOs und Krankenkassen um eine Arbeitsstelle beworben.“

Ich habe außerdem darum gebeten, mir künftig keine Vermittlungsvorschläge von der Bundeswehr zu schicken. Ich habe auf den Brief keine Reaktion erhalten. Darüber bin ich natürlich froh. Es hätte auch anders kommen können.

Ich hoffe, ich habe nicht nur Glück bei der Arbeitssuche; ich hoffe, ich finde auch einen Job, der zu mir passt, und wohin ich passe. Ich bin zuversichtlich. Auch wenn ich fast nur Absagen erhalte und nie eine ehrliche Antwort, warum man mich nicht will.

8 Kommentare

  1. Stellt sich die Frage, wie das bei ALG II gehandhabt würde…du bist ja sehr geschult, wie man an deinem Brief merkt, da hätten Andere sicher mehr Probleme. Ich denke, bei ALGII wäre man gleich sanktioniert worden. Oder sehe ich das (hoffentlich) falsch?

    • Das kann ich Dir leider nicht beantworten.

      • Ohne verbindlich etwas sagen zu können: Sanktionen hängen ja auch bei ALGII sehr davon ab, wie man mit seinem Arbeitsvermittler klarkommt, welchen Kostendruck das jeweilige Jobcenter gerade hat und anderen Faktoren.

        Der Unterschied zwischen ALGI und ALGII ist, dass ALGI eine Versicherungsleistung ist, für die man Beiträge bezahlt und damit Ansprüche erworben hat, während ALGII eine Sozialleistung ist. Man darf sich also nicht gleich ins Bockshorn leisten lassen, sollte der Arbeitsvermittler Kürzungen von ALGI wg. Verweigerung einer Bewerbung androhen. Kerstens Verweigerung der Bundeswehr-Bewerbung inklusive dieser fundierten Begründung müsste meines Erachtens sogar bei ALGII durchkommen, wenn nicht beim Arbeitsvermittler, so doch vor dem Sozialgericht. Aber das ist natürlich nur eine laienhafte Einschätzung.

        Eins ist mir noch aufgefallen, liebe Kersten: Du schreibst, eine Ausbeute von drei Vorstellungsgesprächen bei zwei Dutzend Bewerbungen sei ziemlich mager. Das ist mitnichten mager, sondern eine nach meiner Erfahrung hervorragende Quote, zumindest im redaktionellen Bereich.

  2. Willkommen im Club.

    Mit Grausen denke ich an meine unzähligen vergeblichen Bewerbungen mit einem nur kleinen Job zu meiner Mini-Erwerbsunfähigkeitsrente, und Klappe halten. Ich hatte einige Vorstellungsgespräche und wußte, was ich kann. Vielleicht war ich zu selbstbewußt. Ein Chef fragte mich mal, ob ich selbständig wäre. Nein. antwortete ich. Das war es dann auch.

    Meine Mutter sagte immer: Was du haben sollst, das kriegst du.

    Sie hatte Recht.

    Und jetzt verstehst du, warum das bedingungslose Grundeinkommen sein muss. Und ohne Einmischung der Ämter! Damit ist der Existenzdruck genommen. Leider nur ein Wunschtraum.

    • Hallo Elke, ich halte das bedingungslose Grundeinkommen nach wie vor für einen falschen Weg. Um es mit Butterwegge zu sagen:

      Es gibt keinen Kommunismus im Kapitalismus

      . Viele Grüße Kersten

  3. Hut ab Kersten…für Deinen Mut

  4. Na gut Kersten, dann pflegen wir unsere Existenzängste, halten unseren Existenzdruck aus und geben unser Bestes, um über die Runden zu kommen und hüten uns vor dem Schuldenmachen. Dann wären wir echt im Eimer.

  5. Bin ich froh, dass Finnland und auch in Berlin das bedingungslose Grundeinkommen getestet wird. Man kann ja erst etwas beurteilen, wenn es ausprobiert wurde. Ich sehe hoffnungsvoll in die Zukunft, einige Obdachlose wieder in einer Wohnung. und weniger Existenzstreß bei vielen Menschen. Es kommen rosige Zeiten…………….und vielleicht neue Ideen, die umgesetzt werden können, da der Existensdruck genommen wurde. Für neue Ideen, muss der Kopf frei sein.

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